„Die Innovationsdynamik der Technologieentwicklung und Reorganisation von Unternehmensstrukturen und -abläufen führt zu permanenten Veränderungen beruflicher Qualifikationsanforderungen und damit zu Schwierigkeiten bei der Prognostizierbarkeit von Arbeitskräfte- und Qualifikationsbedarfen.“ Deshalb kommt den fachübergreifenden Kompetenzen eine enorme Bedeutung zu. Engagement, Flexibilität und Kreativität sind die in Stellenanzeigen geforderten Eigenschaften. Es reicht heute nicht mehr aus für eine eng umgrenzte Klasse von Spezialaufgaben qualifiziert zu sein, Mitarbeiter müssen in der Lage sein, den Wandel von Anforderungen infolge neuer oder geänderter Aufgaben erfolgreich zu bewältigen. Die Wirtschaft fordert die Fähigkeit, sich schnell auf veränderte Bedingungen einzustellen und neuen Anforderungen offen und selbstsicher entgegenzutreten.
In diesem Zusammenhang ist der Begriff der Schlüsselqualifikationen entstanden. Durch die Ausstattung mit einem universalen Schlüssel sollen im Arbeitsmarkt der Gegenwart und Zukunft möglichst viele Türen geöffnet werden und der Einzelne befähigt werden, berufliche, gesellschaftliche wie auch individuelle Probleme selbständig zu lösen. Die Vorstellung eines Universalschlüssels, der wie ein Dietrich in jedes Schloss passt, also die Vorstellung davon, dass sich allgemeine Fähigkeiten erlernen lassen, die sich unabhängig von der Spezifität der konkreten Anforderungssituation anwenden lassen, wird wohl jedem zusagen. Die Frage ist jedoch nicht, ob es wünschenswert sein könnte, allgemeine Fähigkeiten zu fördern, sondern in welchem Ausmaß das möglich ist. Es stellt sich das Problem der Lernübertragung und die Frage ob es eine allgemeine Transferfähigkeit, die in spezifischen Kontexten flexibel eingesetzt werden kann, überhaupt gibt. Um dieser Frage nachzugehen werden die Erkenntnisse der Transferforschung unseres Jahrhunderts herangezogen.
Es soll in dieser Arbeit herausgefunden werden, welche Bedingungen an einen erfolgreichen Transfer gestellt werden und inwiefern die Erkenntnisse der Transferforschung dazu beitragen können, den Lernenden jene Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, die in unserer heutigen Zeit einen beruflichen und persönlichen Erfolg ermöglichen.
Inhaltsverzeichnis
Problemstellung
1 Das Konzept der Schlüsselqualifikationen
1.1 1 Entstehung und Definition
1.2 2 Kritik an den Schlüsselqualifikationen
2 Lerntransfer
2.1 Der Transferbegriff
2.2 1.2 Die Formen des Transfers
3 Klassische Theorien zum Lerntransfer
3.1 Die formale Bildungstheorie und deren Widerlegung
3.2 Thorndikes Theorie der identischen Elemente
3.3 Die Generalisierungstheorie nach Judd
3.4 Bewertung des Konzeptes der Schlüsselqualifikationen unter Bezugnahme auf die klassischen Transfertheorien
4 Konstruktivistisches Transferkonzept
4.1 Konstruktivismus und situiertes Lernen
4.2 Das Problem des trägen Wissens
5 Ansätze zur Gestaltung konstruktivistischer Lernumgebungen
5.1 Cognitive-Apprenticeship-Ansatz
5.2 Anchored-Instruction-Ansatz
6 Handlungskompetenz als Ziel der Berufsausbildung
7 Grundsätze zur Gestaltung von Lernumgebungen unter Berücksichtigung konstruktivistischer Grundsätze und Kriterien
8 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Problem der Lernübertragung im Kontext des Konzepts der "Schlüsselqualifikationen". Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, ob es eine allgemeine Transferfähigkeit gibt, die unabhängig von spezifischen Kontexten angewendet werden kann, und wie konstruktivistische Lernumgebungen zur Förderung eines flexiblen Wissenserwerbs beitragen können.
- Kritische Analyse des Konzepts der Schlüsselqualifikationen
- Grundlagen und klassische Theorien der Transferforschung
- Konstruktivistisches Verständnis von Lernen, Wissen und Transfer
- Ursachen für das Problem des "trägen Wissens" in der Berufsbildung
- Gestaltungsansätze für konstruktivistische Lernumgebungen (Cognitive-Apprenticeship, Anchored-Instruction)
Auszug aus dem Buch
4.1 Konstruktivismus und situiertes Lernen
Beim Konstruktivismus wird der Mensch nicht mehr als „bloßer Reflexautomat“ gesehen, wie es beim Behaviorismus der Fall war, sondern die Eigenaktivität der Lernenden, also deren mentale Konstruktionsprozesse, werden als zentral angesehen. Die konstruktivistischen Lernprozesse sind dabei vom individuellen Vorwissen, von persönlichen Überzeugungssystemen und Einstellungen abhängig. Das Wissen wird durch die Lernenden selbst konstruiert, was bedeutet, dass sie im Rahmen sozialer Transaktionen gemeinsam neues Wissen erarbeiten, indem sie von Problemstellungen ausgehend mit Hilfe der Lehrkraft (gemäßigter Konstruktivismus) oder nur anhand von Hilfsmitteln selbstgesteuert in Gruppen (radikaler Konstruktivismus) ihre Wissenslücke schließen. Nach dem „neuen Konstruktivismus“ ist die situierte Kognition von besonderer Bedeutung. Demnach ist Denken und Lernen in physikalischen und sozialen Kontexten situiert. Der Erwerb und die Nutzung des Wissens im Sinne von vollständigem Wissen sind daher von einem spezifischen Kontext nicht zu trennen. Deshalb ist der Verknüpfung von realen Lebens- und Berufssituationen und Lerninhalten mehr Beachtung zu schenken.
Das Transferproblem wird zunehmend nicht mehr nur als ein Anwendungsproblem gesehen, sondern als ein Problem des lernenden Umgangs mit Wissen sowohl in der Phase des Wissenserwerbs als auch in der Phase der Anwendung. Lernen wird als Konstruktion einer kognitiven Struktur und Anwenden als Rekonstruktion einer Struktur definiert. Dabei kommt die Besonderheit des Transfers in der Rekonstruktion unter neuen Bedingungen zum Ausdruck. Das Lernen bezieht sich nicht allein auf das pure Wissen, sondern zugleich auf den Kontext, nämlich die situative Bedeutung und Verwendung des Wissens, wie oben bereits geschildert.
Zusammenfassung der Kapitel
Problemstellung: Einführung in die Innovationsdynamik moderner Arbeitswelten und die Notwendigkeit fachübergreifender Kompetenzen sowie die daraus resultierende Problematik der Lernübertragung.
1 Das Konzept der Schlüsselqualifikationen: Darstellung der historischen Entstehung, Definition durch Dieter Mertens und die darauffolgende wissenschaftliche Kritik am Konzept.
2 Lerntransfer: Definition des Transferbegriffs sowie Einordnung verschiedener Transferformen nach Wirkung und Komplexitätsniveau.
3 Klassische Theorien zum Lerntransfer: Analyse der formalen Bildungstheorie, Thorndikes Theorie der identischen Elemente, der Generalisierungstheorie nach Judd und deren Bewertung in Bezug auf Schlüsselqualifikationen.
4 Konstruktivistisches Transferkonzept: Erläuterung des konstruktivistischen Lernverständnisses und detaillierte Betrachtung des Problems des "trägen Wissens".
5 Ansätze zur Gestaltung konstruktivistischer Lernumgebungen: Vorstellung des Cognitive-Apprenticeship-Ansatzes sowie des Anchored-Instruction-Ansatzes als praxisorientierte Lernmodelle.
6 Handlungskompetenz als Ziel der Berufsausbildung: Diskussion der Handlungskompetenz als Erweiterung der Schlüsselqualifikationen und der Bedeutung handlungsorientierter Lernfelder.
7 Grundsätze zur Gestaltung von Lernumgebungen unter Berücksichtigung konstruktivistischer Grundsätze und Kriterien: Ableitung zentraler Bedingungen für gelingenden Lerntransfer aus konstruktivistischer Sicht.
8 Schlussbetrachtung: Synthese der Forschungsergebnisse und Fazit zur Übertragbarkeit von allgemeinem Wissen versus kontextgebundener Kompetenzentwicklung.
Schlüsselwörter
Schlüsselqualifikationen, Lerntransfer, Konstruktivismus, situiertes Lernen, träges Wissen, Handlungskompetenz, Berufsbildung, kognitive Struktur, Transferforschung, Metawissen, Handlungsorientierung, Cognitive-Apprenticeship, Anchored-Instruction, Wissenserwerb, Lernumgebung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Frage, inwieweit das Konzept der „Schlüsselqualifikationen“ theoretisch fundiert ist und ob eine allgemeine, kontextunabhängige Transferfähigkeit von Wissen existiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Transferforschung, klassische und konstruktivistische Lerntheorien, das Problem des trägen Wissens sowie moderne Konzepte zur Gestaltung von Lernumgebungen in der beruflichen Bildung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Bedingungen für einen erfolgreichen Transfer zu identifizieren und zu untersuchen, wie Lernumgebungen gestaltet werden müssen, damit erworbenes Wissen flexibel in beruflichen Situationen angewendet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die Erkenntnisse der Transferforschung sowie verschiedene bildungstheoretische und konstruktivistische Ansätze kritisch aufarbeitet und in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Analyse klassischer Transfertheorien (wie die von Thorndike und Judd), die Darstellung des konstruktivistischen Transferkonzepts und die Präsentation konkreter Gestaltungsansätze für Lernumgebungen, wie den Expertenkulturansatz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Schlüsselqualifikationen, Lerntransfer, Konstruktivismus, träges Wissen und Handlungskompetenz charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der konstruktivistische Ansatz von der „formalen Bildung“?
Während die formale Bildung annimmt, dass allgemeine psychische Funktionen durch beliebige Inhalte geschult werden können, betont der Konstruktivismus, dass Wissen untrennbar mit dem situativen Kontext verknüpft ist, in dem es erworben wurde.
Warum schneiden Experten in ihrer eigenen Domäne oft besser ab als Lernende mit allgemein erworbenen Strategien?
Da Wissen laut der Arbeit kontextgebunden ist, erfordert die Problemlösung in der Praxis die Verknüpfung von spezifischem Inhaltswissen und metakognitiven Strategien, was durch rein allgemeine Trainingsprogramme selten erreicht wird.
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- Dipl.-Hdl. Kristina Schneider (Author), 2005, Zum Problem der 'Lernübertragung': Erkenntnisse der Transferforschung unseres Jahrhunderts und ihr theoretischer Nutzen, aufgezeigt am Beispiel der sog. 'Schlüsselqualifikationen', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66938