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Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" - Biographie im Spannungsfeld von Wirklichkeit und Vorstellung

Title: Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" - Biographie im Spannungsfeld von Wirklichkeit und Vorstellung

Seminar Paper , 2001 , 23 Pages , Grade: 1

Autor:in: Martin Endres (Author)

German Studies - Modern German Literature
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1. Einleitung
Thematisiert Max Frisch in seinem 1957 erschienenen Roman Homo Faber die nach und nach fortschreitende "Bekehrung" eines rational vereinseitigten Technikers zu einem "Leben", das letztlich Lücken der Unerklärlichkeit zulassen kann, so erfährt das Sujet des Romans Mein Name sei Gantenbein (1964) eine andere Gewichtung und übersteigt somit schließlich auch die im Stiller (1957) enthaltene Geschichte eines an den inneren Dispositionen scheiternden Ausbruchs aus der alten Identität des Protagonisten.
Frisch setzt sich in Mein Name sei Gantenbein vermutlich stärker und deutlicher als zuvor mit dem Problem der Identitätsfindung auseinander. Indem das lyrische Ich verschiedene Situationen als einer der drei im Roman enthaltenen Protagonisten in seiner Vorstellung "durchlebt", sucht es nach seiner eigenen Identität. Sowohl im Stiller, als auch im Homo Faber wendet sich Frisch im Gantenbein-Roman gegen die Verwendung einer auktorialen Erzählperspektive zugunsten einer Perspektive, die die von Frisch in seinen Werken implizierte Skepsis gegenüber dem Anspruch, "wahre" Geschichten zu erzählen, unterstreicht. Sowohl die Tagebuchaufzeichnungen des Anatol Ludwig Stiller als auch der vorgeblich sachliche "Bericht" des Walter Faber transportieren lediglich eine subjektive "Wahrheit" und sind zum Teil von bewußten oder unbewußten Täuschungsabsichten diktiert. Dieses Mißtrauen in die Möglichkeit wahrhaftigen Erzählens führt in Mein Name sei Gantenbein dazu, dass auf ein in den beiden früheren Romanen zumindest im Hintergrund sichtbar bleibendes Daten- und Faktengerüst vollständig verzichtet wird. Zum einen erlangt die Erzählung durch die vom lyrischen Ich entworfene Fiktion eine neue Dimension, zum anderen existiert keine feste Erzählfigur mehr wie in Frischs früheren Romanen, sondern das lyrische Ich spaltet sich auf in die Rollen Gantenbein, Endelin, Svoboda. Den Ausgangspunkt für die entworfenen Geschichten im Verlauf des Romans bildet die Erfahrung einer gescheiterten Liebesbeziehung. Die am stärksten in den Vordergrund gestellte Aufspaltung des lyrischen Ichs in eine erfundene Person scheint in der Figur des Theo Gantenbein verkörpert zu sein, der im Schutz seiner vorgetäuschten Blindheit die Ehe mit der Schauspielerin Lila aufrechterhalten kann.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wahrheit zwischen Wirklichkeit und Vorstellung

2.1 Die Grundthematik des Romans

2.2 Geschichten als Ausdrucksmittel der Erfahrung

2.3 Die Wahrheit der Sprache

2.4 Die Fiktion als "Spiel"

3. Erleben und Vorstellung in der Psychologie

3.1. Die Zeitlichkeit des Erlebens

3.2. Wesen und Bedeutung der Vorstellungen

3.2.1 Ewigkeit und Zeit bei Plotin

4. Vergangenheit und Augenblick

4.1. Die objektive Vergangenheit in der Phänomenologie

4.2. Vergangenheit als Konstrukt

4.3. Der Augenblick als Wahrheit

Zielsetzung und Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Verschränkung von Identitätsfindung, Zeitwahrnehmung und dem Wahrheitsanspruch literarischen Erzählens in Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein". Zentral ist dabei die Frage, wie durch das Mittel der Fiktion eine Annäherung an das eigentlich Unaussprechliche der menschlichen Existenz gelingen kann, ohne in eine falsche Eindeutigkeit zu verfallen.

  • Die literarische Verarbeitung von Identitätsentwürfen als "Spiel".
  • Philosophische und psychologische Perspektiven auf das Zeiterleben.
  • Die Problematik der Rekonstruktion von Vergangenheit als Konstrukt.
  • Die Bedeutung des "Augenblicks" als Berührungspunkt von Ewigkeit und Zeit.
  • Das Verhältnis von Fiktion, Sprache und Wahrheit bei Max Frisch.

Auszug aus dem Buch

2.2. Geschichten als Ausdrucksmittel der Erfahrung

Indem das Individuum einerseits dem gegenwärtig gelebten Augenblick gegenüber steht, andererseits jedoch akzeptieren muss, dass nur eine nachträgliche Deutung des Erlebten, entweder durch uns selbst oder die anderen, die unser Dasein betrachten, möglich ist, entsteht für Frisch eine Gefahr hinsichtlich des Erzählens von Vergangenheit. Bereits im Tagebuch 1946-1949 bringt Frisch diese Gefahr zur Sprache: "Jeder Gedanke ist in dem Augenblick, wo wir ihn zum erstenmal haben, vollkommen wahr, gültig, den Bedingungen entsprechend, unter denen er entsteht; dann aber, indem wir nur das Ergebnis aussprechen, ohne die Summe seiner Bedingungen aussprechen zu können, hängt er plötzlich im Leeren, nichtssagend, und jetzt erst beginnt das Falsche, indem wir uns umsehen und Entsprechungen suchen ... [...] so stehen wir denn da und haben nichts als ein Ergebnis, erinnern uns, daß das Ergebnis vollkommen stimmte, beziehen es auf Erscheinungen, die diesen Gedanken selber nie ergeben hätten, überschreiten den Bereich seiner Gültigkeit, da wir die Summe seiner Bedingungen nicht mehr wissen, oder zumindest verschieben wir ihn – und schon ist der Irrtum da, die Vergewaltigung, die Überzeugung."

Dadurch, dass wir nach Frisch also dem Trugschluß unterliegen, eine objektive Haltung gegenüber unserer Vergangenheit einzunehmen, kommt es für ihn zu einer Konstruktion der eigenen Biographie, einer eigenen Schilderung von Vergangenheit, die die Erlebnisse des Einzelnen impliziert – es kommt zu einem Erzählen einer Geschichte, die die nachweisbaren Tatsachen der Vergangenheit zwar mehr oder minder beinhaltet, diese aber frei in einen kausalen Zusammenhang stellt. So schreibt Frisch schließlich in seinem Essay Unsere Gier nach Geschichten: "Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er dann, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält, oder eine ganze Reihe von Geschichten, ..."

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Identitäts- und Erzählproblematik von Frischs Spätwerk ein und skizziert den Übergang von der Faktizität früherer Romane zur fiktiven Identitätssuche in "Mein Name sei Gantenbein".

2. Wahrheit zwischen Wirklichkeit und Vorstellung: Hier werden die Grundthematiken des Romans erläutert, wobei die Spannung zwischen erlebter Wirklichkeit und erzählter Fiktion als zentraler Prozess der Identitätsbildung analysiert wird.

3. Erleben und Vorstellung in der Psychologie: Dieses Kapitel betrachtet die philosophischen und psychologischen Grundlagen der Zeitlichkeit und des Vorstellungsvermögens, insbesondere im Dialog mit Denkern wie Lersch und Plotin.

4. Vergangenheit und Augenblick: Abschließend wird untersucht, wie Erinnerung und der gegenwärtige Augenblick in einem Spannungsfeld zwischen objektiver Rekonstruktion und existenziellem Erleben stehen, wobei der Fokus auf Kierkegaards Begriff des Augenblicks liegt.

Schlüsselwörter

Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, Identitätsfindung, Fiktion, Wahrheit, Zeiterleben, Vergangenheit, Augenblick, Erinnerung, Erzählperspektive, Phänomenologie, Sören Kierkegaard, Edmund Husserl, Identität, Existenz.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die philosophische und literarische Auseinandersetzung Max Frischs mit dem Problem der Identität und der Wahrheit des Erzählens in seinem Roman "Mein Name sei Gantenbein".

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Im Zentrum stehen die Konzepte von Zeit und Vergänglichkeit, die Konstruktion von Identität durch Fiktion sowie die kritische Reflexion des Erzählens von Vergangenheit.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Frisch durch den Verzicht auf eine objektive Faktizität und die Hinwendung zur bewussten Fiktion die Unmöglichkeit einer abschließenden Identitätsbeschreibung thematisiert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Kontext philosophischer und psychologischer Theorien zu Zeit, Erinnerung und Wirklichkeitswahrnehmung interpretiert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Fiktion als "Spiel", die Einbettung in psychologische Theorien zur Zeitlichkeit sowie eine kritische Betrachtung des Verhältnisses von Vergangenheit und Augenblick anhand philosophischer Positionen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Identitätsfindung, Fiktion, Wahrheit, Zeiterleben, Vergänglichkeit und die kritische Distanz zur objektiven Vergangenheit.

Welche Rolle spielt die Zeit bei Plotin für die Argumentation?

Die Zeitkonzeption Plotins dient dazu, die Unterscheidung zwischen dem zeitlosen, wahren Kern des Menschen und der zerstückelnden Ordnung der Zeit im Nacheinander theoretisch zu untermauern.

Wie begründet die Arbeit den "Augenblick" als Wahrheit?

Ausgehend von Kierkegaard wird der Augenblick als "Berührungspunkt von Ewigkeit und Zeit" definiert, in dem das Individuum der nachträglichen, verzerrenden Deutung des Erlebten entkommen kann.

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Details

Title
Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" - Biographie im Spannungsfeld von Wirklichkeit und Vorstellung
College
University of Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Course
Proseminar: Max Fisch - Prosatexte
Grade
1
Author
Martin Endres (Author)
Publication Year
2001
Pages
23
Catalog Number
V669
ISBN (eBook)
9783638104425
ISBN (Book)
9783638636957
Language
German
Tags
Frischs Mein Name Gantenbein Biographie Spannungsfeld Wirklichkeit Vorstellung Proseminar Fisch Prosatexte
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Martin Endres (Author), 2001, Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" - Biographie im Spannungsfeld von Wirklichkeit und Vorstellung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/669
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