Einleitung:
"Kinder heute kommen aus Familien unterschiedlicher kultureller Herkunft. Der Anteil ausländischer Kinder und der Aussiedlerfamilien ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Auch deshalb haben Grundschulklassen heute eine sehr heterogene Zusammensetzung".
Dieser Auszug aus dem Punkt drei des "Frankfurter Manifests zum
Bundesgrundschulkongreß 1989" spiegelt die aktuelle Wahrnehmung des
strukturellen Wandels der Schülerpopulation deutscher Grundschulen bzw. der deutschen Gesellschaftsstruktur wider. Ethnische, sprachliche und kulturelle Vielfalt ist kein marginales Phänomen mehr in deutschen Grundschulklassen, vielmehr gehört sie zum alltäglichen Bild. Diese Veränderung der Schülerpopulation nimmt Einfluß auf die Heterogenität der Lernvoraussetzungen.
Diese ist in der Grundschule, als gemeinsamer Grundstufe für alle Kinder, besonders ausgeprägt, da in einem Jahrgang Schüler des gesamten Begabungsund Interessenspektrums sitzen:
"Jeder einzelne besitzt unverwechselbare persönliche Voraussetzungen, Bedürfnisse Erfahrungen, die ihn von den anderen in Nuancen oder meilenweit, unterscheiden, Faktoren, die er in den Unterricht einbringt. Sprache oder kulturelle Herkunft sind
dabei wichtige Elemente" (KUPFER-SCHREINER 1994, S. 12).
Die Grundschule, "als Schule mit dem größten Integrationsanspruch", muß diese Entwicklungen berücksichtigen, wenn sie ihrem Anspruch, "allen Schulpflichtigen eine gemeinsame grundlegende Bildung [zu] vermitteln" (BOSCH 1994, S. 47), gerecht werden will. Ein Versuch der ethnischen, sprachlichen und kulturellen Pluralisierung auf pädagogischer Ebene Rechnung zu tragen ist "interkulturelles
Lernen". Nach KIPER (1992) ist "interkulturelles Lernen"
"das gemeinsame Lernen von Menschen unterschiedlicher nationaler bzw. ethnischer Herkunft [..]; es nimmt Bezug auf die jeweiligen, auch kulturell geformten Erfahrungen, es orientiert auf Gemeinsamkeiten auf der Basis der Akzeptanz von Unterschieden,
orientiert auf gleichberechtigte Beziehungsformen und sucht zur Gestaltung neuer Lern- und Lebensmöglichkeiten beizutragen" (a.a.O., S. 161).
Interkulturelles Lernen vollzieht sich im Kontext von interkultureller Erziehung, somit ist interkulturelle Erziehung auch immer wieder Gegenstand dieser Arbeit.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG:
2. DIE ZEITSCHRIFT "SACHUNTERRICHT UND MATHEMATIK IN DER PRIMARSTUFE":
3. EINE NEUE RUBRIK: "AUSLÄNDERKINDER IM UNTERRICHT":
3.1. Ausländerkinder im Sachunterricht - ein Sprachproblem:
3.2. Sachunterricht als Zweitsprachenunterricht:
3.3. Sprachlich vorbereiteter Sachunterricht:
4. AUSLÄNDERPÄDAGOGIK - EINE SONDERPÄDAGOGIK FÜR AUSLÄNDER:
4.1 Migrationsbedingte Veränderungen des Grundschulalltags und Reaktionen der Bildungspolitik:
4.2. Kritik an der Ausländerpädagogik:
5. AUSLÄNDERKINDER UND IHRE BERÜCKSICHTIGUNG IM SACHUNTERRICHT:
5.1. Interkulturelle Erziehung:
5.1.1. Terminologie:
5.1.2. Der Kulturbegriff:
5.1.3. Entstehung und Ansätze interkultureller Erziehung:
5.1.4. Interkulturelle Erziehung und Zweisprachigkeit:
5.1.5. Interkulturelles Lernen auch für Lehrer:
5.2. Von der Heimatkunde zum Sachunterricht: Konzeptionen im Wandel der Zeit:
5.2.1. Von der Heimatkunde zum Sachunterricht:
5.2.2. Sachunterricht als elementarer Fachunterricht und die Orientierung an kindlichen Lebenswelten:
5.3. Thema "Ausländer" - ein Thema für den Sachunterricht:
5.3.1. Untersuchungen von Lehrplänen und Richtlinien:
5.3.2. Lehrbuchanalysen:
5.3.3. Die Bedeutung der Reformpädagogik für den Unterricht in Klassen mit deutschen und ausländischen Kindern:
5.3.3.1. Anregungen der MONTESSORI-Pädagogik:
5.3.3.2. Anregungen aus den Konzeptionen von PETERSEN und FREINET:
6. "KULTURENVIELFALT UND MEHRSPRACHIGKEIT" - PERSPEKTIVEN DER 90ER JAHRE:
6.1. Aussiedler:
6.2. Die Rubrik in den 90er Jahren:
6.2.1. Der "Europagedanke im Sachunterricht":
6.2.1.1. Entwicklungen in Europa und Aufgaben einer Europaerziehung:
6.2.1.2. Europaerziehung und interkulturelles Lernen:
6.2.1.3. Europa - ein neues Thema im Sachunterricht:
6.2.2. Überlegungen zu einer Konzeption interkulturellen Sachunterrichts:
7. ZUSAMMENFASSUNG:
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit analysiert die zeitliche und inhaltliche Entwicklung des interkulturellen Lernens im Sachunterricht der Grundschule, basierend auf Beiträgen der fachdidaktischen Zeitschrift "Sachunterricht und Mathematik in der Primarstufe" (SMP) im Zeitraum von 1982 bis 1995.
- Wandel der Ausländerpädagogik hin zur interkulturellen Erziehung.
- Die Rolle der Fachsprache und Zweitsprachförderung im Sachunterricht.
- Analyse von Lehrplänen und Schulbüchern hinsichtlich kultureller Diversität.
- Bedeutung reformpädagogischer Ansätze für den Unterricht in multinationalen Klassen.
- Europäisierung und Mehrsprachigkeit als zentrale Herausforderungen der 90er Jahre.
Auszug aus dem Buch
3.1. Ausländerkinder im Sachunterricht - ein Sprachproblem:
Durch das Konzept der Wissenschaftsorientierung (vgl. auch Kap. 5.2.) hatten fachsprachliche Aspekte des Sachunterrichts erheblich an Bedeutung gewonnen. Die Bedeutung der Fachsprache im allgemeinen und ihre Bedeutung für ausländische Kinder im Besonderen seien im folgenden dargestellt.
Die Relevanz der Fachsprache im Sachunterricht tritt auf mehreren Ebenen zu Tage: Die Lerninhalte betreffend genügt ein Blick auf die Themenauswahl eines Schulbuchs, z.B. "Sachunterricht. 3 Schuljahr" (ENGELHARD/BORRIES/ITTERMANN u.a. 1985): "Eine Amsel nistet im Garten", "Der Kirschbaum blüht", "Der Kreislauf des Wassers", "So arbeitet ein Wasserwerk" (a.a.O., S. 80) usw.
Darüber hinaus haben fachsprachliche Besonderheiten auch "auf der Ebene [...] der Anweisungssprache" (GLUMPLER 1994b, S. 372) Relevanz, z.B. "Vergleiche die Tulpenzwiebel mit und ohne Trieb" (a.a.O., S. 47) oder "Schreibe eine Gebrauchsanleitung, wie man richtig mit dem Thermometer umgeht" (a.a.O., S. 69). Noch ein anderer Bereich, in dem Fachsprache eine Bedeutung zukommt, wäre z.B. die korrekte Benennung von verwendeten Arbeitsmaterialien (z.B. Filzstift, Tabelle, Pinzette).
Es wird klar, daß die Fachsprache der einzelnen Bereiche bestimmte Fachtermini beinhaltet. Die Kinder werden mit Begriffen konfrontiert, die in ihrem Alltag eine untergeordnete Rolle spielen bzw. dort keine "Benennungsgenauigkeit" verlangen. (vgl. LUCHTENBERG 1986, S. 257f)
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung thematisiert den strukturellen Wandel der Schülerpopulation in Grundschulen und führt in die Fragestellung der Analyse interkulturellen Lernens in der Fachzeitschrift SMP ein.
2. DIE ZEITSCHRIFT "SACHUNTERRICHT UND MATHEMATIK IN DER PRIMARSTUFE": Dieses Kapitel porträtiert die Fachzeitschrift SMP, ihren Entstehungskontext in der Grundschulreform und ihre ursprüngliche fachwissenschaftliche Orientierung.
3. EINE NEUE RUBRIK: "AUSLÄNDERKINDER IM UNTERRICHT": Hier wird die Einführung der neuen Rubrik 1982 beschrieben, die erstmals gezielt die sprachlichen Probleme und Integrationsanforderungen für ausländische Kinder im Sachunterricht adressierte.
4. AUSLÄNDERPÄDAGOGIK - EINE SONDERPÄDAGOGIK FÜR AUSLÄNDER: Das Kapitel analysiert das Paradigma der Ausländerpädagogik, ihre kompensatorische Intention und die einsetzende Kritik, die schließlich zum Umdenken in Richtung interkultureller Erziehung führte.
5. AUSLÄNDERKINDER UND IHRE BERÜCKSICHTIGUNG IM SACHUNTERRICHT: Dieses zentrale Kapitel beleuchtet den Paradigmenwechsel ab 1985 hin zu Lebenswelt- und Kindorientierung sowie die kritische Auseinandersetzung mit Lehrplänen und Schulbüchern.
6. "KULTURENVIELFALT UND MEHRSPRACHIGKEIT" - PERSPEKTIVEN DER 90ER JAHRE: Das Kapitel untersucht die Neuorientierung der Rubrik ab 1990, die Integration der Europathematik sowie neue Aspekte wie die Aussiedlerproblematik und interkulturelle Konzeptionen.
7. ZUSAMMENFASSUNG: Die Zusammenfassung reflektiert den gesamten Wandel der Rubrik und der fachdidaktischen Konzepte für den Sachunterricht in multinationalen Klassen.
Schlüsselwörter
Interkulturelles Lernen, Sachunterricht, Grundschule, Ausländerpädagogik, interkulturelle Erziehung, Fachsprache, Mehrsprachigkeit, Lebensweltorientierung, Reformpädagogik, Curriculum, Europaerziehung, Integration, Schulpraxis, Sprachförderung, Differenzierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die inhaltliche und methodische Entwicklung des interkulturellen Lernens im Grundschul-Sachunterricht, basierend auf der Auswertung der Zeitschrift "Sachunterricht und Mathematik in der Primarstufe".
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Entwicklung von der kompensatorischen Ausländerpädagogik hin zu interkulturellen Ansätzen, die Relevanz der Fachsprache, Lehrplan- und Schulbuchanalysen sowie die Anwendung reformpädagogischer Konzepte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den zeitlichen Wandel didaktischer Konzepte für den Sachunterricht in multinationalen Lerngruppen nachzuvollziehen und zu hinterfragen, wie diesen Herausforderungen in der schulpraktischen Arbeit begegnet wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Der Verfasser nutzt eine Literaturanalyse, indem er die fachdidaktischen Beiträge der Zeitschrift SMP chronologisch auswertet und mit der zeitgenössischen Fachdiskussion um interkulturelle Erziehung und Sachunterrichtsdidaktik in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Entwicklung der Rubrik von 1982 bis in die 90er Jahre, die fachliche Auseinandersetzung mit der Ausländerpädagogik sowie die Analyse didaktischer Materialien (Lehrpläne, Schulbücher, reformpädagogische Modelle).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind interkulturelles Lernen, Fachsprache, Mehrsprachigkeit, Lebensweltorientierung und interkulturelle Erziehung.
Welche Rolle spielt die Fachsprache für das Sachlernen ausländischer Kinder?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die Fachsprache im Sachunterricht eine erhebliche Hürde darstellt, da sie komplexe grammatikalische Strukturen und einen spezifischen Wortschatz erfordert, was für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache eine zusätzliche Lernbelastung bedeutet.
Wie bewerten die analysierten Autoren die "offenen" Unterrichtsformen wie die Montessori-Freiarbeit?
Die Autoren bewerten diese Konzepte positiv, da sie durch starke Individualisierung und handlungsorientiertes Lernen (Entverbalisierung) eine bessere Anpassung an unterschiedliche Lernvoraussetzungen ausländischer Kinder ermöglichen.
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- Thomas Müller (Author), 1997, Interkulturelles Lernen im Sachunterricht - Eine Literaturanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66