Die ethnologischen Konzepte von Clifford Geertz, Fredrik Barth und Unni Wikan


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1) Vorstellung des Ansatzes von Clifford Geertz
1.1. Einordnung der Geertz’schen Konzeption
1.2. Grundzüge der Geertz’ schen „Kulturtheorie“
1.2.1. Das Bedeutungsreservoir einer Kultur
1.2.2. Das Konzept der weltbildenden Perspektiven
1.2.3. Modelle von Wirklichkeit – Modelle für Wirklichkeit
1.3. Zur Methodischen Umsetzung des Ansatzes

2. Vorstellung der Konzepte von Barth und Wikan
2.1. Einordnung der Konzepte von Barth und Wikan
2.2. Barth’s Paradigemwechsel zur Dimension der Prozesse
2.2.1. Das Modell zur Konstruktion von Realiät nach Fredrik Barth
2.2.2. Konsequenzen des neuen Ansatzes
2.3. Zur methodischen Umsetzung des Ansatzes
2.3.1. Konkrete Vorgehensweise nach Wikan:

3. Darstellung der unterschiedlichen Aussagen der Autoren zu Bali

4. Kritik der unterschiedlichen Konzeptionen
4.1. Kritik des Ansatzes von Clifford Geertz
4.2. Kritik des Ansatzes von Barth und Wikan

5. Fazit

Literatur

Einleitung

Clifford Geertz zählt zweifellos zu den Klassikern der ethnologischen Autoren zu balinesischen Kultur. Seine Interpretationen zu Bali, vor allem aber seine, weit über Bali hinaus, anwendbaren, theoretischen Konzeptionen fanden einen enormen Widerhall in der Geisteswissenschaft, nicht nur innerhalb der Ethnologie. So gilt Geertz’ Ansatz etwa als theoretische Inspiration des new historism um Stephen Greenblatt

Unni Wikan und Fredrik Barth erscheint dieser Ansatz demgegenüber irreführend. Folgerichtig setzen sie in ihren Büchern „Managing turbulant hearts“ bzw. „Balinese Worlds“ das Geertzsche Modell starker Kritik aus und formulieren einen neuen, ihres Erachtens gewinnbringenderen Ansatz.

In 1. Kapitel der Arbeit werde ich deshalb zunächst die grundlegenden Komponenten des Geertzschen Kulturbegriffs sowie das Konzept der „Dichten Beschreibung“ vorstellen, und anschließend den, meines Erachtens, eigentlichen Kern der Geertzschen „Kulturtheorie“ erläutern, den Geertz in den Aufsätzen des ethnologischen Klassiker „Dichte Beschreibung“ entwirft: So die Konzeptionen des Bedeutungsreservoirs, der Weltbildenden Sichtweisen, der „ Modelle von bzw. für Wirklichkeit “ und des Kultur als Text – Ansatzes. Mit einem kurzen Einblick in die Geertzschen Annahmen für die methodische Umsetzung seiner Konzeption werde ich Kapitel 1 beschließen.

In 2. Kapitel der Arbeit werde ich die wichtigsten theoretischen Annahmen von Unni Wikan bzw. Fredrik Barth präsentieren. Da die Ansätze enorme Gemeinsamkeiten innerhalb ihrer Konzeptionalisierung aufweisen, beide Autoren innerhalb des gleichen Zeitraums Forschungen auf Nordbali durchgeführt haben, (im Gegensatz zu den meisten bisherigen Bali – Forschern, Geertz eingeschlossen, die in Südbali ihren Beobachtungen nachgingen), und auch zu ähnlichen Forschungsergebnissen und Interpretationen zur balinesischen Kultur gelangen, und die beiden zu guter Letzt ein Ehepaar sind, erscheint es mir angemessen, sie in einem gemeinsamen Kapitel vorzustellen.

Dabei werde ich zunächst ihre wichtigsten Kritikpunkte an der Geertz’schen Konzeption vortragen und ihre daraus resultierenden Schlussfolgerungen zu einer Neuausrichtung der bisherigen ethnologischen Forschung auf Bali nachzeichnen..

Im Anschluss, werde ich die theoretische Konzeption von Fredrik Barth, seine Argumentation für einen Paradigmenwechsel, weg von einer Betrachung der Gesellschaft als System und hin zu einer Fokussierung auf die Untersuchung von Prozessen vorstellen, und das von ihm kreierte Modell zur Konstruktion von Realität erläutern.

Mit einer Beschreibung der, nach Wikan und Barth, sinnvollsten methodischen Vorgehensweise zur Umsetzung ihres Ansatzes werde ich das 2. Kapitel der Arbeit beenden.

Im 3. Kapitel werde ich schließlich die wichtigsten Interpretationen der verschiedenen Autoren zur balinesischen Kultur vorstellen und sie in Hinblick auf ihre Plausibilität bewerten, ehe ich abschließend im 4. Kapitel zu einer kritischen Bewertung der beiden theoretischen Konzeptionen übergehen werde, nicht zuletzt unter Berücksichtigung der Herausforderung des Prozesses der Globalisierung. Im Fazit werde ich schließlich die wichtigsten Erkenntnisse meiner Hausarbeit noch einmal zusammenfassen.

1) Vorstellung des Ansatzes von Clifford Geertz

1.1. Einordnung der Geertz’schen Konzeption

Der theoretische Ansatz von Clifford Geertz, der als symbolische oder interpretative Ethnologie bekannt geworden ist, „ [...] gehört zu den prominentesten Versuchen, menschliches Handeln als eingebunden in kollektive Sinnstrukturen zu konzeptualisieren.“[1]

Im Gegensatz zur klassischen social anthropology „ [ ..]. fragt die interpretative Ethnologie nicht in erster Linie nach den Funktionen kultureller Institutionen oder analysiert soziale Strukturen. Vielmehr untersucht die interpretative Ethnologie, die einer Kultur zu Grunde liegenden indigenen Symbolsysteme, mit denen die Angehörigen einer Kultur ihre Erfahrungen deuten, miteinander kommunizieren und in denen sich ihre Vorstellungsstrukturen artikulieren.“[2]

Bei diesen Symbolsystemen, so Geertz, handele es sich um „ [...] historisch entstandene, gesellschaftlich bewahrte und individuell angewandte Systeme.“[3] So vertritt Geertz in Anlehnung an Max Weber die Auffassung, wonach „ [...]der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist [...]“[4] Folgerichtig versteht Geertz unter einer Bedeutung nicht etwas, was den Gegenständen, Handlungen oder Vorgängen inne wohnt, sondern im Sinne Durkheims und Webers, etwas was ihnen von den Individuen zugeschrieben wird[5].

Kultur ist für Geertz eben dieses vom Menschen „selbstgesponnene Bedeutungsgewebe“, Kultur sei „ [...] keine Instanz, der gesellschaftliche Ereignisse, Verhaltensweisen, Institutionen oder Prozesse kausal zugeordnet werden können“[6], vielmehr handele es sich dabei um „ineinandergreifende Systeme auslegbarer Zeichen.“[7]

Geertz spricht sich insofern dafür aus, „ [...] Kultur rein als symbolisches System zu behandeln [...], indem man ihre Elemente isoliert, die innere Beziehung zwischen diesen Elementen näher bestimmt und dann das gesamte System auf allgemeine Weise charakterisiert – etwa nach den zentralen Symbolen, um die es organisiert ist, nach seinen inneren Strukturen, deren äußerer Ausdruck es ist, oder nach den ideologischen Prinzipien, auf denen es gründet.“[8] Zudem betont er, „ [...] dass die Bedeutung eines Symbols allein aus dem kulturellen Kontext seiner Verwendung ableitbar ist.“[9]

Denn die Symbolsysteme (Kulturmuster oder Symbolkomplexe) erhielten ihre Bedeutung erst durch die Rolle [...], „die sie in einer fortgesetzten Lebensform spielen.“[10] Die konkreten Symbole, argumentiert Geertz, , „drücken das jeweilige Leben aus und prägen es zugleich“[11], indem sie bestimmte charakteristische Dispositionen wecken.[12] (Vgl. S.55)

Kultur stellt sich für Geertz insofern eher als ein Kontext, als ein Rahmen dar, in dem diese Ereignisse, Handlungsweisen, Prozesse usw. verständlich beschreibbar sind[13], als „ [...] die Summe an Interpretationen, mit denen die Angehörigen einer sozialen Gruppe ihre Erfahrungen deuten und in eine für sie sinnvolle Ordnung bringen.“[14]

Deshalb sei die Untersuchung von Kultur, so Geertz, auch keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht.“[15] Aufgabe der Ethnologie sei deshalb „ ... nicht das Beschreiben sozialer Strukturen, sondern die Analyse von Bedeutungen.“[16]

Um der Analyse von Bedeutungen gerecht zu werden, greift Geertz auf ein Konzept von Gilbert Ryle zurück, die sogenannte Dichte Beschreibung:

Also eine Beschreibungsform, welche „die Bedeutung einer kulturspezifischen Gestik und Mimik aufdeckt.“[17] Zur Illustration zieht Geertz hierfür das Augenzwinkern heran, das je nach Kontext, und das sei das Entscheidende, unterschiedliche Bedeutungen haben kann, „ [...] genauer: dass ihm nur eine endliche Zahl an Bedeutungen zugeschrieben werden.“[18] Demgegenüber wäre eine „dünne Beschreibung“, eine Beschreibung, welche „ [...] eine solche Geste lediglich als physische Bewegung deutet, ohne dem Akteur eine spezifische Intention zuzuschreiben.“[19]

1.2. Grundzüge der Geertz’ schen „Kulturtheorie“

1.2.1. Das Bedeutungsreservoir einer Kultur

Geertz stellt also die These auf, „ [...] dass in einer Kultur ein bestimmtes ( und begrenztes, aber potentiell dynamisches) Bedeutungsreservoir[20] für eine kulturspezifische Gestik oder Mimik wie im Beispiel das Augenzwinkern vorhanden sei.

Im Focus von Geertz’ Interesse ist dabei vorrangig dieses Bedeutungsreservoir, „ [...] weniger aber für individuelle Bedeutungszuschreibungen in einer bestimmten Situation.“[21]

Geertz postuliert zudem, unter Berufung auf Wittgenstein, dass diese Bedeutungsmöglichkeiten intersubjektiv seien. Geertz konzeptualisiert Kultur insofern als „

einen für alle gleichen Vorrat an Bedeutungszuschreibungsmöglichkeiten,“[22] Aus dieser Perspektive, also „ im Sinn einer intersubjektiv geteilten Hierarchie an Bedeutungsmöglichkeiten sozialer Praxis ist Kultur homogen.“[23] Natürlich aber nicht im „Sinne, dass eine Handlung für alle Menschen die gleiche Bedeutung haben muss.“[24] Geertz betrachtet insofern Sinnmuster „nicht als Eigenschaften einzelner Bewusstseine, sondern als ein Kollektivphänomen, das sich in öffentlich wahrnehmbaren Symbolen im Rahmen gemeinsamer Handlungspraxis manifestiert.“[25]

1.2.2. Das Konzept der weltbildenden Perspektiven

Auf dem Konzept des Bedeutungsreservoirs aufbauend erweitert Geertz sein Modell durch das Konzept weltbildender Perspektiven. Geertz postuliert, dass das Bedeutungsreservoir einer Kultur in verschiedene Sichtweisen zerfällt, „in verschiedene Perspektiven des Verstehens, die quer zu den geschichteten Hierarchien an Bedeutungen stehen.“[26] Unter Perspektive versteht Geertz dabei „...eine Weise des Sehens – „sehen“ in jener weiten Bedeutung von „erkennen“, „begreifen“ , „verstehen“ oder „erfassen“ Sie ist eine bestimmte Weise, das Leben zu sehen, eine bestimmte Art, die Welt zu deuten [...]“[27] Dabei unterscheidet Geertz „ zwischen common sense, religiösem, ästhetischem und wissenschaft­lichem Verstehen“[28], verschiedene Ebenen, die sich anhand ihres unterschiedlichen Abstra­ktions­niveaus anordnen ließen.

[...]


[1] Kumoll, Karsten, „From the native’s point of view“?: kulturelle Globalisierung nach Clifford Geertz und Pierre Bourdieu/ Karsten Kumoll – Bielefeld: Transcript – Verl., 2005, S.14

[2] Ebd, S.21

[3] Geertz, Clifford, Dichte Beschreibung : Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme / Clifford Geertz. - [6. Aufl.]. – Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999: S. 137

[4] Ebd, S.9

[5] Vgl. Ebd, S.192

[6] Ebd, S.21

[7] Ebd, S.21

[8] Ebd, S.25

[9] Kumoll, Karsten, „From the native’s point of view“?: kulturelle Globalisierung nach Clifford Geertz und Pierre Bourdieu/ Karsten Kumoll – Bielefeld: Transcript – Verl., 2005, S.24

[10] Geertz, Clifford, Dichte Beschreibung : Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme / Clifford Geertz. - [6. Aufl.]. – Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999: S. 25

[11] Ebd, S.55

[12] Vgl. Ebd

[13] Vgl. Ebd, S.21

[14] Kumoll, Karsten, „From the native’s point of view“?: kulturelle Globalisierung nach Clifford Geertz und Pierre Bourdieu/ Karsten Kumoll – Bielefeld: Transcript – Verl., 2005, S.21/22

[15] Geertz, Clifford, Dichte Beschreibung : Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme / Clifford Geertz. - [6. Aufl.]. – Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999: S. 9

[16] Kumoll, Karsten, „From the native’s point of view“?: kulturelle Globalisierung nach Clifford Geertz und Pierre Bourdieu/ Karsten Kumoll – Bielefeld: Transcript – Verl., 2005, S.22

[17] Ebd

[18] Ebd

[19] Ebd

[20] Ebd. S.23

[21] Ebd

[22] Ebd. S.31

[23] Ebd. S.23

[24] Ebd

[25] Ebd, S.24

[26] Ebd, S.23

[27] Geertz, Clifford, Dichte Beschreibung : Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme / Clifford Geertz. - [6. Aufl.]. – Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999: S.75

[28] Kumoll, Karsten, „From the native’s point of view“?: kulturelle Globalisierung nach Clifford Geertz und Pierre Bourdieu/ Karsten Kumoll – Bielefeld: Transcript – Verl., 2005, S.23

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die ethnologischen Konzepte von Clifford Geertz, Fredrik Barth und Unni Wikan
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Ethnologische Globalisierungsforschung am Beispiel Balis
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V67021
ISBN (eBook)
9783638599672
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit werden die unterschiedliche theoretischen Konzepte der renommierten Ethnologen Clifford Geertz, Fredrik Barth und Unni Wikan vorgestellt und die methologischen Implikationen erörtert.
Schlagworte
Konzepte, Clifford, Geertz, Fredrik, Barth, Unni, Wikan, Ethnologische, Globalisierungsforschung, Beispiel, Balis
Arbeit zitieren
Magister Artium Roland Sonntag (Autor), 2005, Die ethnologischen Konzepte von Clifford Geertz, Fredrik Barth und Unni Wikan , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67021

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