Die vernetzte Stadt. Die Zukunft der Zentralität im Zeitalter des Internet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
23 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II.1 Geschichte
Internet
Stadtentwicklung
II.2 Zentralität
Architektur
Gemeinschaft
Öffentlichkeit
Geschäfte
Persönlichkeit
Verkehr
Arbeit
Thesen

III. Schlussbetrachtung

IV. Literatur:

„Click, click through cyberspace; this is the new architectural promenade“William J. Mitchell

I. Einleitung

In den letzten Jahren hat die Informationstechnologie große Fortschritte gemacht. Seit Mitte der 90er Jahre des 20.Jahrhunderts ist das Internet in aller Munde, das mit seiner Funktion als Individualmedium das bisherige Zeitalter der Massenmedien revolutioniert. Informationen sind überall und zu jeder Zeit per Modem und Mausklick verfügbar. Gleichzeitig bildet sich parallel zur realen Lebenswelt eine virtuelle Welt heraus, die jener mehr und mehr Konkurrenz macht.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen des neuen Mediums Internet, das oftmals mit städtischen Metaphern wie Cyber City, Global Village oder Virtuelle Stadt versehen wird, auf die reale Welt der Städte. Dabei soll vor allem untersucht werden, inwieweit sich ein dezentral organisiertes Medium auf die Entwicklung eines zentral strukturierten Systems wie die Stadt auswirkt. Dazu möchte ich zunächst eine Einführung in die Geschichte des Internet und in die Entstehung der Städte geben, bevor ich anhand der vorhandenen Literatur, die aufgrund mangelnder empirischer Untersuchungen sehr spekulativ bleibt, die konkreten Wirkungen des Cyberspace auf die Innenstädte der Zukunft beleuchten will: Wird die Stadt überflüssig, weil alle ihre Funktionen auch im Internet vorhanden sind? Wird sie sich deshalb auflösen oder eher umstrukturieren? Werden die Kernstädte neue Funktionen innehaben oder wird das Internet in seiner Wirkung überschätzt und geht mit seiner Virtualität an der realen Welt der Städte vorüber, ohne große Spuren zu hinterlassen? Im Mittelpunkt der Überlegungen soll dabei die Frage nach der zukünftigen Bedeutung der städtischen Zentralität stehen, die anhand von verschiedenen Schlagwörtern reflektiert werden soll.

II.1 Geschichte

Internet

Das heutige Internet ist militärischen Ursprungs und entstand unter den Voraussetzungen des kalten Krieges in den USA. Grundgedanke war, dass im Fall eines nuklearen Angriffs die Kommunikation innerhalb der Armee sicher gestellt werden sollte, und so wurde die Advanced Research Project Agency (ARPA) beauftragt ein Netzwerk zu entwickeln, das mehrere Computer miteinander verbinden könnte. Durch die dezentrale Struktur eines Netzes sollte die Funktionsfähigkeit auch beim Ausfall eines oder mehrerer Teile garantiert werden. Ende 1969 wurden die ersten vier Rechner zum ARPANET verbunden: Das erste funktionierende Computernetzwerk, Grundlage für das heutige Internet, war entstanden. In den 70er Jahren nahm die Zahl der vernetzten Computer stetig zu. 1972 waren 50 und 1977 schon 111 Rechner miteinander verbunden, teilweise im ARPANET, teilweise im neuen CSNET (Computer Science Research Network), das ab 1973 von amerikanischen Universitäten aufgebaut wurde[1]. Zwischen beiden Netzen gab es allerdings viele Verbindungen. Die ersten Dienste des jungen Internet waren Telnet (ermöglichte, sich von seinem Rechner in einen anderen einzuloggen, sofern man eine Zugangsberechtigung hatte) und FTP (File Transfer Protocol; ein Dienst, mit dem man Dateien zwischen Rechnern austauschen kann). Hauptsächlich aber wurde das Netz als neues Kommunikationsmedium entdeckt, und so machten e-Mails den größten Teil der verschickten Daten aus.

Ebenfalls in den siebziger Jahren wurde mit der schnellen Ausweitung des Netzes ein einheitliches Protokoll (ein zwischen Sender und Empfänger vereinbarter Modus zur Datenübertragung) notwendig. Die Einführung von TCP/IP (Transfer Control Protocol / Internet Protocol) als verbindliches Protokoll und die Entwicklung einer einheitlich geregelten Namensgebung und Adressierung der Rechner in diesem Jahr wird oft als die eigentliche Geburtsstunde des Internet angesehen.

1986 entstand mit NSFnet (National Science Foundation Network) ein riesiges Wissenschaftsnetz auf Basis des ARPANET (aus dem sich das Militär mittlerweile zurückgezogen hatte), das Universitäten, Colleges und Schulen miteinander verband. Gleichzeitig entstanden andere Netze auf Basis des TCP/IP-Protokolls, WIN in Deutschland zum Beispiel. Mit dem Verbinden dieser einzelnen Netze nahm das Internet seine heutige Gestalt an. Um das Netz auch für Laien besser zugänglich zu machen, wurde 1990 in Genf ein Projekt ins Leben gerufen, das das World Wide Web entwickelte. Seitdem verbreitet sich das Internet in rasender Geschwindigkeit um den Globus. 1997 ging man von 40 Millionen Usern weltweit aus[2], wobei genaue Zahlen Spekulation bleiben.

Stadtentwicklung

Im Vergleich zum Alter der Menschheit ist auch die Stadt eine recht junge Erfindung. Der Mensch lebte schon seit vielen hunderttausend Jahren auf der Erde, bevor er vor etwa 10.000 Jahren sesshaft wurde. In den alten Hochkulturen entstanden gegen 3000 v. Chr. die ersten Städte, so z.B. Jericho, Babylon oder Theben[3]. Nach dem griechischen Stadtstaat (polis) und den frühen römischen Städten in Italien dauerte es allerdings bis ins frühe Mittelalter, bevor sich in Europa richtige Städte bildeten. Diese entstanden meist um Handelszentren, an Furten großer Flüsse oder an Straßen und dienten zum Schutz vor Gefahren wie Überfällen. Die Einwohner dieser Städte lebten vom Überschuss des Landes, und mit der neuen Siedlungsform entstanden auch neue Lebens- und Arbeitsformen. Adel, Geistlichkeit und die politisch herrschende Klasse versammelten sich in der Stadt, und so wurde sie zum Zentrum des kulturellen Lebens und des Handels. Im Laufe der Zeit schwankte die Einwohnerzahl der europäischen Städte stark, eine kontinuierliche Vergrößerung erfolgte erst mit dem Übergang vom Agrar- zum Industriestaat und der damit verbundenen Landflucht seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute lebt etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, in den westlichen Industrienationen sogar noch mehr (Deutschland 84%)[4]. Während die Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern in der Hoffnung auf Arbeit weiterhin in die großen Städte strömen, scheint sich in den westlichen Nationen seit dem Beginn des Informationszeitalters jedoch ein neuer Trend abzuzeichnen: Die Suburbanisierung und die damit verbundene Dezentralisierung.

II.2 Zentralität

„The story of virtual communities, so far, is that of urban history replayed in fast forward – but with computer resource use playing the part of land use, and network navigation systems standing in for streets and transportation systems. [...] And the parallels don´t stop there.“[5] Oft wird das Internet als virtuelle Stadt bezeichnet, und tatsächlich weisen beide, Internet wie Stadt, mehrere Parallelen auf. „Die Stadt hat, wie der Cyberspace, eine militärische Vorgeschichte. Sie besitzt Festungsbauten und Stadttore, durch die sich kontrollieren lässt, wer hereinkommt und hinausgeht. Gleichzeitig sind die realen Städte aber auch sichtbarer Ausdruck des Willens ihrer Bewohner, sich eine Existenz aufzubauen. Virtuelle Städte bringen die Dialektik von Verdichtung und Zerstreuung, die reale Städte auszeichnet, auf den Begriff. Städtebauliche Planung und der halluzinatorische Traum von Modernität, den Walter Benjamin beschreibt, laufen hier kreuz und quer durcheinander. Dass ‚Surfen’ und ‚Häusle bauen’ keine unüberwindbaren Gegensätze darstellen, sondern sehr wohl zusammengehen, beweist kein anderes Medium besser als das World Wide Web.“[6] Sowohl das Internet als auch die Stadt dienten der Sicherstellung der Kommunikation und bewirkten gleichzeitig ihre Zunahme, was im Fall der Stadt den Boden für wissenschaftlichen Fortschritt und Aufklärung bereitete. Dennoch unterscheiden sich die Strukturen der beiden Untersuchungsgegenstände stark voneinander. Während die Stadt ihren Aufgaben nur durch räumliche Nähe und Zentralität gerecht werden konnte, ist das grundlegende Element des Internet seine Dezentralität. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wie wird sich das neue Medium auf die Stadt und das städtische Leben auswirken? „Wenn schon die Gestalter des virtuellen Raums auf Rückgriffe in eine Vorstellungswelt angewiesen sind, die angeblich der Vergangenheit angehört, können auch die ‚alten’ Fragen nicht falsch sein, die sich Stadt- und Raumforschung angesichts neuer Kommunikationsmedien auch bisher schon gestellt haben. Es sind die Zentrums-, die Gleichheits-, die Kultur- und die Sinn-Frage.“[7] Im folgenden soll die Thematik hauptsächlich in Bezug auf die Zentrums-Frage untersucht werden. Sie „bezieht sich auf die immer wieder beschworene ‚Vernichtung’ des Raums, insbesondere der regional begrenzten Kommunikationsprozesse, die mit der Entmaterialisierung der Kommunikation verbunden sein soll.“[8] Die Frage lautet also ganz allgemein: Wie beeinflusst ein dezentrales Medium ein zentrales System wie die Stadt? Zu dieser Debatte gibt es verschiedene Positionen, die von der Auflösung der Stadt bis hin zu ihrer positiven Ergänzung reichen. Im folgenden sollen einige davon im Bezug auf verschiedene thematische Schwerpunkte dargestellt werden.

Architektur

Löst das Internet die Stadt auf? Ersetzt es sie oder ist das neue Medium als bloße Ergänzung zu sehen? „[...] was wird mit den Städten geschehen, wenn sie nicht mehr Orte des unfreiwilligen Aufeinanderprallens sind? [...] Entweder glaubt man, dass das Leben in den Städten unverzichtbar für die menschliche Kultur sei, egal wieviele Funktionen und Bedürfnisse sich im Cyberspace erfüllen werden, oder man ist der Meinung, dass die Urbanität im Cyberspace den Verlust des Lebens in den verdichteten Räumen der Städte zumindest aufwiegt, wenn sie nicht schlichtweg die einzige Alternative dazu ist, wobei sich die Faszination an den technischen Möglichkeiten und die Kritik an den bestehenden Städten die Waage halten.“[9] Ein viel diskutiertes Problem in diesem Zusammenhang ist die befürchtete Verödung der Innenstädte. Wozu sollte der multimediale Einwohner von Telepolis, der virtuellen Stadt des Internet, überhaupt noch downtown gehen? „Auch der Bewohner von Telepolis ist ein ‚neuer Mensch’. Er lebt, arbeitet und erholt sich in einer virtuellen Welt, die irgendwo und nirgends sein kann. Er ist ungebunden und findet seine Freunde über die Knoten im elektronischen Netz. Er teleshopt und telebankt, er studiert an der Tele-Uni, er wandert virtuell durch die Tempel von Angkor oder zur ‚Nachtwache’ von Rembrandt. Er kommuniziert über Video und Email, veranstaltet Videokonferenzen, liest den FOCUS online und ernährt sich von Pillen und Astronautenfood. Nur richtiges Wasser muss er noch trinken.“[10] Ist bei diesen Visionen also zu Recht anzunehmen, dass die „reale“ Welt der Städte überflüssig wird?

[...]


[1] Vgl. http://www.psychologie.uni-bonn.de/sozial/staff/musch/history.htm und http://home.t-online.de/home/horibo/history.htm

[2] Quelle: http://home.t-online.de/home/horibo/history.htm

[3] Quelle: Rötzer 1995a, S.53 und www.robert-bosch-gesamtschule.de/referate/idealst/idealst

[4] Quelle: Rötzer 1995a, S.53

[5] Mitchell 1995, S. 131

[6] Lovink 1997, S.55-56

[7] Häußermann 1997, S.96

[8] ebd., S.96

[9] Rötzer 1995a, S.155-156

[10] Speer 1997, S.146

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die vernetzte Stadt. Die Zukunft der Zentralität im Zeitalter des Internet
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Theater-, Film- und Medienwiss.)
Veranstaltung
Seminar: Internet als Medium
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V6714
ISBN (eBook)
9783638142212
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit den (möglichen) Wechselwirkungen von Internet und Stadtentwicklung. 150 KB
Schlagworte
Stadt, Zukunft, Zentralität, Zeitalter, Internet, Seminar, Medium
Arbeit zitieren
M. A. Nikola Weiß (Autor), 2001, Die vernetzte Stadt. Die Zukunft der Zentralität im Zeitalter des Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6714

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