Formen der Mehrdeutigkeit im deutschen Wortschatz: Das Phänomen der Homophonie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Unterscheidung von Homonymie und Polysemie

3. Die Homophonie als ein spezieller Fall von Mehrdeutigkeit
3.1. Versuch einer Definition
3.2. Ursachen für Entstehung unterschiedlicher Schreibweisen
3.3. Erläuterung ausgewählter Beispiele

4. Weitere Formen von Mehrdeutigkeit
4.1. Homographie
4.2. Orthographische Varianten
4.3. Formvarianten
4.4. Aussprachevarianten

5. Schlussfolgerungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ob man bestimmte Witze lustig findet und darüber lachen kann, ist subjektiv und sei hier dahingestellt, aber eines haben viele Witze gemeinsam: sie basieren auf dem Spiel mit der Sprache und der verschiedenen Bedeutung einzelner Wörter.

(1) Was ist die Steigerung von leer? Antwort: Lehrer!

In Beispiel (1) regt der Witz, der in diesem Fall mündlich vorgetragen werden sollte, deshalb zum Schmunzeln an, weil mit der identischen Lautung von leerer und Lehrer gespielt wird und eine gewisse Übertragung der Bedeutung des Adjektivs leer auf den Beruf des Lehrers initiiert werden soll.

In der Sprache entspricht eine Sprachform nicht immer auch genau einer Bedeutung. Hätte jeder Begriff, jede Vorstellung und jede Bedeutungsnuance eine lautliche Entsprechung, wäre das Erlernen einer Sprache praktisch nicht zu bewältigen.[1] Nicht selten kommt es durch diese Unschärfe der Wortbedeutung in mündlicher oder schriftlicher Kommunikation zu Missverständnissen. Abhängig vom sprachlichen und nicht-sprachlichen Kontext müssen die Kommunikationspartner sich die Bedeutungen häufig selbst erschließen. Die Ursache dafür liegt vor allem in der Unbestimmtheit, die im Wortschatz einer Sprache auftritt. Eine von drei Formen der Unbestimmtheit ist neben Vagheit und Kontextabhängigkeit die Mehrdeutigkeit.[2] Dieses interessante Phänomen im deutschen Wortschatz in seinen Formen soll in dieser Hausarbeit diskutiert werden. Zunächst wird versucht eine Unterscheidung der zwei bekanntesten Arten von Mehrdeutigkeit in der traditionellen Lexikologie vorzunehmen: Welche Merkmale können dazu dienen Homonymie und Polysemie voneinander abzugrenzen? Wie werden beide Formen in Wörterbüchern dargestellt? Zentraler Gegenstand dieser Hausarbeit soll jedoch das spezielle Phänomen der Homophonie sein, welches Wörter mit identischer Lautung, aber unterschiedlicher Schreibweise umfasst (siehe Beispiel (1)). Welche Definitionen des Begriffs „Homophonie“ lassen sich in der einschlägigen Literatur finden und welche Ursachen für die Entstehung der verschiedenen Schreibweise werden angegeben? Abschließend dazu möchte ich einige ausgewählte Beispiele dieser Erscheinung ausführlicher erläutern.

Im folgenden Gliederungspunkt sollen darin anschließend einige weitere Arten von Mehrdeutigkeit angesprochen werden: Homographie, Orthographische Varianten, Formvarianten und Aussprachevarianten. Abschließend werde ich meine Ergebnisse zusammenfassen und eine Einordnung des Phänomens „Homophonie“ in die Formen von Mehrdeutigkeit unternehmen.

2. Zur Unterscheidung von Homonymie und Polysemie

In der verhältnismäßig wenigen wissenschaftlichen Literatur finden sich zum Thema Mehrdeutigkeit in ihren Formen zur Unterscheidung von Homonymie und Polysemie vielfach verschiedene Ansätze. Das größte Problem in der Forschungsliteratur ist daher eine genaue, vorangestellte Begriffsdefinition von bestimmten Termini der Sprachwissenschaft. Unter Polysemie wird im Allgemeinen die „reguläre Mehrdeutigkeit“[3] verstanden, bei der ein Formativ mit mehreren Bedeutungsvarianten verbunden ist.

(2) Flügel

a. zum Fliegen benötigtes Körperteil bei einem Vogel
b. Teil der Lunge Lungenflügel
c. Größeres Klavier
d. Teil einer Tür Türflügel

Wie in Beispiel (2) aufgeführt, werden dem Formativ Flügel unterschiedliche Bedeutungen beigeordnet, die jedoch in einem semantischen Zusammenhang stehen. Diese Gemeinsamkeit der verschiedenen Bedeutungen besteht hier zum Großteil aus der äußeren Form eines Vogelflügels, der Funktion des „Aufstellens/ Aufklappens“ (siehe Türflügel oder beim größeren Klavier) bzw. der Zusammengehörigkeit meist zweier Flügel zu einem Ganzen (zwei Türflügel bilden eine Tür, zwei Lungenflügel eine Lunge etc.).

Von Homonymie wird vor allem im Sinn der „Gleichnamigkeit von Wörtern“[4] gesprochen, d.h. unterschiedliche Wörter besitzen zufällig die gleiche Lautgestalt. Wichtiges Kriterium für homonyme Begriffe sind grammatische Unterschiede, die zu den Bedeutungsvarianten hinzukommen, wie z.B. Artikel-, Numerus- und Wortartunterschiede.

(3) Leiter

a. die Leiter ® Gerät mit einzelnen Sprossen, das zum Erreichen einer gewissen Höhe zu Hilfe genommen wird

b. der Leiter ® Vorgesetzter für Angestellte eine Filiale

Beispiel (3) zeigt, wie die gleiche Ausdruckform Leiter bei grammatischen Unterschieden hinsichtlich des Artikels verschiedene Bedeutungen haben kann. Zum Teil wird in der Literatur auch von dem Erfüllen des Kriteriums der unterschiedlichen Herkunft – d.h. keine etymologische Verwandtschaft – der Wörter gesprochen, um als homonyme Wörter zu gelten.[5] Dazu die Formulierung von Thea Schippan:

„Es gibt Auffassungen, nach denen Homonyme nur die Wörter sind, deren Lautkörper im Laufe der Sprachentwicklung durch Sprachwandel zusammenfielen. Für Wörter, die etymologisch verwandt sind, wird Polysemie angenommen."[6]

Dieses Merkmal befinde ich jedoch als problematisch, da den meisten Sprechern bei der Verwendung von Wörtern die Herkunft oft nicht bekannt ist. Darüber hinaus könnte es zu einer Vermischung der synchronen und diachronen Sprachbetrachtung kommen. Wichtig für die Einordnung der Wörter zu Homonymie und Polysemie ist im Einzelnen auch immer das Sprachbewusstsein des Sprechers. Dazu bemerkt Stephen Ullmann:

„Die Entscheidung [zwischen Homonymie und Polysemie] ist immer subjektiv und in gewissem Maße willkürlich.“[7]

Jedoch ist dieses subjektive Kriterium in wissenschaftlicher Hinsicht unbrauchbar und es muss versucht werden, einige objektive Kriterien zu sammeln anhand derer eine Zuordnung besser möglich wird.

Homonymie und Polysemie bilden aber nur dann eine Alternative, wenn gefragt wird, ob eine bestimmte Ausdrucksform, die in mehreren Bedeutungen verwendet wird, einem oder zwei Lexemen zuzuordnen ist.[8] So ordnen sich bei der Homonymie die Mehrfachbedeutungen verschiedenen Lexemen zu, welche auch separat im Wörterbuch dargestellt werden, wohingegen bei der Polysemie die Mehrfachbedeutungen einem einzigen Lexem zugeordnet werden. Das oben genannte Beispiel (2) für Polysemie wird im Wörterbuch nur einmal unter dem Eintag Flügel aufgeführt, bei welchem die Bedeutungsvarianten aufgelistet sind. Im Gegensatz dazu wird das unter Beispiel (3) aufgezeigte homonyme Wort Leiter in zwei Einträgen in das Wörterbuch aufgenommen.

Die Unterscheidung in inhaltliche Verschiedenheit/ Homonymie vs. inhaltliche Variation/ Polysemie bildet hier das zentrale Moment und kann bei der Betrachtung von Mehrdeutigkeit nicht umgangen werden.[9] Es bleibt jedoch immer schwierig eine wirklich eindeutige unumstrittene Zuordnung zu treffen. Das „wirkungsvollste“ Kriterium für eine Unterscheidung bietet daher die Untersuchung von eventuell vorliegenden grammatischen Unterschieden zwischen den betreffenden Wörtern.

[...]


[1] Vgl. Schneider, Edgar W.: Variabilität, Polysemie und Unschärfe der Wortbedeutung. Band 1 Theoretische und methodische Grundlagen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1988, S. 103.

[2] Vgl. Römer, Christine/ Matzke, Brigitte: Lexikologie des Deutschen. Eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2003, S. 135.

[3] Römer, C./ Matzke, B.: Lexikologie des Deutschen, S. 137.

[4] Römer, C./ Matzke, B.: Lexikologie des Deutschen, S. 139.

[5] Vgl. Löbner, Sebastian: Semantik. Eine Einführung. Berlin: Walter de Gruyter 2003, S. 59.

[6] Vgl. Schippan, Thea: Einführung in die Semasiologie. 2., überarb. Aufl. Leipzig: Bibliographisches Institut 1975, S. 99.

[7] Ullmann, Stephen: Semantik. Eine Einführung in die Bedeutungslehre. Deutsche Fassung von S. Koppann. Frankfurt/M. 1973, S. 225.

[8] Löbner, S.: Semantik, S. 61.

[9] Vgl. Weber, Heinz Josef: Mehrdeutige Wortformen im heutigen Deutsch. Studien zu ihrer grammatischen Beschreibung und lexikographischen Erfassung. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1974, S. 21.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Formen der Mehrdeutigkeit im deutschen Wortschatz: Das Phänomen der Homophonie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Sprachwissens)
Veranstaltung
Mehrdeutigkeiten im Wortschatz und in der Grammatik
Note
1,3
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V67140
ISBN (eBook)
9783638593731
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formen, Mehrdeutigkeit, Wortschatz, Phänomen, Homophonie, Mehrdeutigkeiten, Grammatik
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Formen der Mehrdeutigkeit im deutschen Wortschatz: Das Phänomen der Homophonie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67140

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