Scheidungskinder. Die Trennung der Eltern aus Sicht der Kinder


Hausarbeit, 2006
47 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erläuterung des Begriffes „Familie“

3. Die Bedeutung der Familie für die Entwicklung des Kindes

4. Ursachen und Hintergründe von Trennung und Scheidung

5. Scheidungen in Zahlen und Fakten

6. Die Zeit vor der Scheidung
6.1 Merkmale der Vorscheidungsphase
6.2 Die Bedeutung und das Erleben der Vorscheidungsphase für das Kind
6.3 Vorbereiten der Kinder auf die Scheidungsphase

7. Die Scheidung – Das Erleben der Kinder und ihre Reaktionen während der Zeit der Scheidung
7.1 Scheidung aus juristischer Sicht
7.2 Merkmale der Scheidungsphase
7.2.1 Bittere Scheidung
7.2.2 Freundschaftliche Scheidung
7.3 Wie Kinder auf die Trennung der Eltern reagieren
7.3.1 Scheidungsbewältigung im Hinblick auf das Alter des Kindes
7.4 Sichtbare und unsichtbare Scheidungsreaktionen

8. Die Zeit nach der Scheidung
8.1 Merkmale der Nachscheidungsphase
8.2 Die Nachscheidungsphase aus Sicht des Kindes

9. Langzeitfolgen- Das Scheidungskind als Erwachsener
9.1 Langzeitfolgen der Scheidung
9.1.1 Auswirkungen auf Partnerschaften, Ehe und Familie
9.1.2 Selbstwertprobleme
9.2 Positive Langzeitfolgen

10. Hilfen für das „geschiedene“ Kind

11. Fazit

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Hauptstudiums ist eine Prüfungsleistung in einen Schwerpunkt, in unserem Fall Kinder, Jugend und Familie, zu erbringen. Wir haben uns auf Grund Ihres Angebots, eine Prüfungsleistung zum Thema Scheidungskinder auszuarbeiten, für diese Arbeit entschieden. Vor unserer Hausarbeit haben wir uns keineswegs mit diesem Thema auseinander gesetzt, daher empfanden wir es als sehr spannend uns in die Scheidungsproblematik im Bezug auf das Erleben des Kindes hinein zu arbeiten.

In unserer Hausarbeit möchten wir einen Überblick, über den allgemeinen Begriff der Familie geben, die Bedeutung der Familie für die Entwicklung des Kindes beleuchten und die Scheidungszahlen und -fakten erläutern. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt darin, die verschiedenen Merkmale und Situationen während einer Scheidung dar zu stellen und ganz besonders die Situation und das Erleben von Scheidung aus Sicht des Kindes darzustellen. Dazu unterteilen wir den Prozess der Scheidung in drei Phasen, die Zeit vor der Scheidung, die Zeit während der Scheidung und die Zeit nach der Scheidung. Da eine Scheidung ihre Gültigkeit nur durch ein richterliches Urteil erlangen kann, werden wir zu Beginn des 7. Kapitels die Scheidung aus juristischer Sicht kurz aufzeigen. Da aber jedes Kind ganz individuelle alters- und entwicklungsspezifische Kompetenzen aufweist um eine Scheidung zu verarbeiten, untersuchen wir zusätzlich zu den Erlebensweisen der Kinder die verschiedenen Erlebensweisen, -formen entsprechend ihres Alters. Am Ende einer jeden Phase suchen wir nach Möglichkeiten, die dem Kind helfen können die Situation der Scheidung zu verarbeiten.

Abschließend möchten wir die aus einer Scheidung möglicherweise hergehenden Langzeitfolgen für das Scheidungskind darstellen. Anschließend werden wir eine einfache Darstellung über mögliche Hilfen für das „geschiedene“ Kind aufzeigen und unsere Untersuchung mit einem Fazit beenden.

2. Erläuterung des Begriffes „Familie“

Unter einer Familie versteht die Soziologie eine engere Verwandtschaftsgruppe, im weiteren Sinn umfasst sie auch Schwiegerfamilien.

Ihren Ursprung hat der lateinische Begriff familia, nicht aus der heutige Familie (Ehepaar und dessen Kinder), sondern aus dem Besitz eines Mannes (des pater familias), seinen gesamten Hausstand: Ehefrau, Kinder, Sklaven und Freigelassene sowie das Vieh. Familia und Pater waren keine Verwandtschafts-, sondern Herrschaftsbezeichnungen

Kennzeichnend für eine Familie ist heute jedoch das Zusammenleben von mindestens zwei Generationen und deren soziale Funktionen. Es lassen sich drei soziale Funktionen der Familie hervor heben:

- Die „Sozialisations“-Funktion (auch: erzieherische Funktion) wird durch ihre Fähigkeit zur sozialen Kontrolle, zur Erleichterung der Sozialisation und der Formierung von Motivationen und Fähigkeiten von Heranwachsenden erleichtert; sie bildet ein erstes dichtes Soziales Netzwerk bereits für den Säugling und bildet Kinder und Jugendliche auch primär aus.

- Die wirtschaftliche Funktion ist für viele Familien eine wichtige Funktion. So erbringt sie Schutz und Fürsorge (auch materielle) für Säuglinge, aber auch für kranke und alte Familienangehörige, ernährt, kleidet und behaust sie.

- Die politische Funktion ist zunächst eine verortende: Für in ihr geborene Kinder erbringt sie eine legitime Platzierung in der jeweiligen Gesellschaft. Sonst ist die politische Funktion in neuzeitlichen staatlich verfassten Gesellschaften fast erloschen, findet sich dort aber oft noch informell in der Oberschicht. In nichtstaatlichen Gesellschaften tritt sie jedoch als einziger politischer Rückhalt durch Verwandtschaft (Sippe, Clan) deutlich hervor.[1] Allgemein gesagt bezeichnen wir mit dem Begriff „Familie“ eine Lebensform, die als Grundpfeiler unserer Gesellschaft gilt.[2]

Eine einheitliche allgemeingültige Definition des Familienbegriffs gibt es jedoch nicht. Nach dem heutigem Verständnis ist eine Familie immer dann vorhanden, wenn Erwachsene auf Dauer mit Kindern zusammenleben. Dieser Familienbegriff trägt einer gesellschaftli­chen Realität Rechnung, in der Kinder in den vielfältigsten Konstellationen des privaten Zusammenlebens aufwachsen. Er vernachlässigt jedoch die Familienkonstellatione­n, die ohne Kinder leben. Daher wird Familie immer häufiger als der Ort definiert, an dem Menschen füreinander Verantwortung übernehmen.

Das Wunschbild einer heilen Familiengemeinschaft ist tief in uns verwurzelt. Es wird mitgeprägt durch das gesellschaftlich hochgehaltene Ideal der" intakten Familie" und das gleichzeitige Verleugnen der Scheidung. Von der Scheidung Betroffene sehen sich oftmals als Versager, die dem Mythos "Normalfamilie" nicht zu genügen ver­mochten.[3]

3. Die Bedeutung der Familie auf die Entwicklung des Kinde

„Die Familie hat für den einzelnen Menschen eine sehr große Bedeutung: keine andere soziale Einrichtung kann auf ihn sowohl im Positiven als auch im Negativen einen vergleichbaren Einfluss ausüben“[4]

Die Aussage von HOBMAIR macht deutlich, wie groß die Bedeutung der Familie für die Entwicklung eines Kindes ist, wie stark das Kind also gewissermaßen von der Beeinflussung der Eltern abhängig ist und davon positiv wie auch negativ gelenkt wird.

Die Eltern, die die Struktur der Familie durch ihre eigene Persönlichkeit vorgeben und ausbilden und somit die Verantwortung für diese tragen, geben nicht nur physiologisch ihre Gene, sondern ihren Entwurf für das Leben an ihre Kinder bewusst und unbewusst weiter[5]. Dieser Entwurf und das psychische Klima der Ursprungsfamilie bestimmen die psychische Grundkonstitution des Kindes und damit des späteren Erwachsenen, ob es eher aktiv oder passiv ist, eine optimistische oder pessimistische Lebenseinstellung hat, aber auch ganz konkrete Eigenschaften der Persönlichkeit.

Unsere Ursprungsfamilie bestimmt also die Voraussetzungen, die wir für das Leben mitbringen, unsere Lebenseinstellung und unser emotionales Erleben. Die Struktur der Familie ist entscheidend dafür, ob Kinder förderliche oder nachteilige Voraussetzungen für das Leben erhalten.

Die Familie bietet den Kindern den psychologischen, materiellen und emotionalen Rückhalt für ihre Entwicklung zu erwachsenen Menschen. Bricht diese Struktur im Fall einer Scheidung zusammen, haben diese Kinder keinen Halt.[6]

Für eine gesunde Entwicklung des Kindes sind auch emotionale und kommunikative Beziehungssysteme zwischen Eltern und Kind von großer Bedeutung. Im täglichen familiären Zusammenleben werden körperliche uns psychische Bedürfnisse, wie zum Beispiel nach Zuwendung, Wärme oder Anerkennung befriedigt. Zudem verbringen die Familienmitglieder überwiegend ihre Freizeit zusammen. Im Gegensatz zu Schule, Beruf und Öffentlichkeit bietet die Familie die Möglichkeit, Gefühle zu zeigen und auszuleben, sowie sich selbst zu entfalten. Insofern kann sie ein Gegengewicht zum Leben außerhalb der Wohnung sein, insbesondere für Kinder.[7] Anfangs ist gerade die Beziehung zur Mutter sehr groß, weil sie das Kind geboren hat und durch vorgeburtliche Interaktion mit dem Kind eine intensive Beziehung zu ihm aufgebaut hat.

Säuglinge und Kleinkinder äußern ihr Bedürfnis nach intensivem Schutz und Pflege durch Signale, auf die die Mutter reagiert. So entsteht ein gemeinsames Interaktionssystem.[8]

Die Mutter ist also am Lebensanfang fraglos die wichtigste Person, sie ist Teil des Kindes selbst, beide sind eng aufeinander bezogen und miteinander verbunden. Sie lernt die Signale des Kindes und seine Bedürfnisse zu erkennen, darauf zu reagieren und sie zu befriedigen. Es entsteht eine enge Mutter-Kind-Bindung, die für die gesamte Entwicklung eines Kindes enorm von Bedeutung ist. Sehr bald bröckelt jedoch die vollkommene Mutter-Kind-Harmonie, denn das Kind wird nach und nach selbständig und fängt an, sich von der engen Beziehung zu der Mutter zu lösen. Nach dieser engen Phase zur Mutter beginnt im 4.-5. Monat der „Lösungs- und Individuationsprozess“, der am Ende des dritten Lebensjahres seinen Abschluss findet.

Etwa in der Mitte des ersten Lebensjahres reagiert das Kind auf Mutter und Vater mit einer spezifischen Lächelreaktion, es erkennt sie beide als unterschiedliche Personen, zu denen es eine unterschiedliche Beziehung aufbaut. Nun wird auch der Vater zu einem Bindungsobjekt. Die Mutter erleben Jungen und Mädchen als sich selbst ähnlich. Der Vater ist anders, riecht anders, er kratzt beim Schmusen, er fasst das Baby anders an, er spielt Körperbetonter, aktiver und ruppiger. Diese Körperspiele helfen dem Kind bei seiner spielerischen Endeckung zu sich selbst und seiner Umwelt, es nimmt Dinge, Teile von Dingen und Personen wahr, setzt sie zu Bildern zusammen und verinnerlicht diese Bilder. So gelangt es zu „einem inneren Bild“ seiner selbst und seiner primären Bindungsobjekte Mutter und Vater.[9]

Mit der Sicherheit der Eltern im Rücken kann das Kind sich optimal entwickeln und seine Umwelt ungestört und neugierig erforschen. Es zieht nun immer weitere Kreise und die Ablösung von den Eltern vollzieht sich immer mehr.

Bis zum Ende des dritten Lebensjahres geht es in erster Linie um gegensätzliche Bestrebungen, nämlich zwischen Angst vor dem Getrennt sein von der Mutter und dem Wunsch nach Selbständigkeit. Der Vater ist in diese Kämpfe des Kindes weniger involviert[10] als die Mutter. Er lebt in Nähe zur Mutter ebenso vor, wie die Trennung von ihr. Er ist mit ihr verbunden und gleichzeitig von ihr unabhängig. Dadurch wird er ein wichtiges Modell nicht abhängige Liebesbeziehungen, nämlich ein Autonomie- und Identifikationsmodell[11]. Das Kind hat jetzt zwei feste Bindungen an zwei Menschen, die selbst auch eine Beziehung zueinander haben. Durch diese Dreierbeziehung kann sich das Kind ohne unerträgliche Verlustängste einmal mehr auf die Seite des Vaters und einmal mehr auf die Seite der Mutter schlagen.

Die Beziehung zur Mutter erfährt dadurch eine nicht zu unterschätzende Konfliktentlastung. Aggressionen, Ängste und Unlustspannungen des Kindes können vom Vater neutralisiert und entspannt werden. Die Zuneigung der Eltern zueinander und die Zuneigung beider Eltern zu ihrem Kind, sind die Basis für sein Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit, Geborgenheit und Schutz. Eine fehlende oder aggressive Beziehung der Eltern erschwert dem Kind die Loslösung von der Mutter. Seine Angst vor Beziehungsverlust wird übermächtig, sie kann seine Entwicklung erheblich verzögern und langfristig nachhaltig stören. Die Auflösung der Mutter – Kind - Dyade[12] gelingt durch die Erweiterung zur Mutter – Vater – Kind - Trade[13].

Wenn das Kind bindungssicher ist, kann es nun mutig an deren Erkundung gehen und an zwei Erfahrungswelten teilnehmen – an der Weiblichen und an der Männlichen. Selbstsicherheit, Sicherheit, im Umgang mit anderen, intellektuelle Entwicklung und Selbständigkeit werden gefördert, desgleichen die Geschlechtsrollenidentität und eine positive Einstellung zur eigenen Männlichkeit bzw. Weiblichkeit. Seine primären Bindungen sind das Fundament für die Aufnahme weiterer tragfähiger Beziehungen zu Geschwistern, Großeltern, Verwandten und später zu Freunden und Liebespartnern.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ein Kind Eltern braucht, die als positive Vorbilder wirken, die sich nicht anders verhalten, als sie es von ihm erwarten[14].

Es benötigt Eltern, die in der Familie offen kommunizieren, partnerschaftlich miteinander und den Kindern umgehen, ein positives Problem- und Konfliktlösungsverhalten praktizieren und die Führung in der Familie übernehmen. Das Kind braucht Eltern, die es bedingungslos Lieben, ihm Zuwendung und Fürsorge zukommen lassen und Interesse an seiner Person haben.

Eltern eines Kindes stehen daher einer großen Problematik gegenüber, wenn sie sich trennen wollen. Die Forderungen, die sie an sich selbst stellen müssen, sind hoch.

Jedes Elternteil muss die Ängste, Trauer, Enttäuschungen, Wut und den Hass aus der gescheiterten Liebesbeziehung für sich verarbeiten und diese Gefühle aus der Elternerziehung soweit herauslassen, dass gemeinsame Elternschaft möglich ist.

4. Ursachen und Hintergründe von Trennung und Scheidung

Es gibt viele Gründe, warum Menschen eine Scheidung in Erwägung ziehen. Manche möchten einer Beziehung entfliehen, die belastend, erniedrigend oder unerträglich geworden ist. Ein Partner oder vielleicht auch beide glauben, dass jeder andere Zustand besser ist als das Gefängnis ihrer Ehe.

Die Rechtslage, finanzielle Abhängigkeit, Liebe, Schuldgefühle, Mitleid, Hass,

Sorgen um die Kinder und viele andere Gründe können Menschen dazu bewegen, an einer Beziehung festzuhalten. Die Scheidung erscheint dann oft als einzige Möglichkeit, dem Unglück einer gescheiterten Ehe zu entfliehen.

Was immer den Ausschlag für diesen Schritt gegeben hat: Wenn ein Ehepartner die Scheidung einreicht, glaubt er, das sei für ihn und für die Kinder die beste Lösung. Er hofft, eine neue Liebe, eine erfüllende Beziehung, einen einfühlsamen Partner oder einen besseren Ernährer zu finden. Sollte all das nicht gelingen, dann verspricht das Leben als Single zumindest mehr Selbstachtung, Zufriedenheit und Ruhe und weni­ger Aufregungen, Kränkungen und Leid.

In der heutigen Zeit ist der Grund für das Scheitern der Ehe zumeist eine viel zu hohe Erwartungshaltung dem Partner und der Familie gegenüber.

Waren es früher vor allem negative Verhaltensweisen des Partners, die als Motive für die Scheidung angegeben wurden, geht es in der heutigen Zeit eher um Störungen in der Partnerbeziehung und um Enttäuschungen eigener Ansprüche.

"Die Ehe soll alle Wunden heilen, sie soll alle Ungerechtigkeiten, die einem je wider­fahren sind, ausgleichen oder zumindest darüber hinwegtrösten.“[15]

(Matthias Wais)

Die Worte von Wais machen deutlich, dass viel zu hohe Erwartungen an die Ehe gestellt werden und sich nach einer Weile herausstellt, dass der Partner oder die Partnerin nicht den Ansprüchen gerecht werden kann. Stattdessen hatte man eine gewisse naive Traumvorstellung oder eine Illusion von der Institution Ehe, näm­lich die, dass mit dem Bund fürs Leben alles schön wird und man sich auf seiner klei­nen Insel "Familie" zurückziehen kann. Ein kleines Stückchen "heile Welt", was in unserer hektischen Gesellschaft immer weniger vorhanden ist.

Die meist genannten Gründe für eine Trennung sind:

- Enttäuschte, unerfüllte Erwartungen
- Entfremdung
- Auseinanderleben und unterschiedliche Entwicklungen
- Kommunikationsprobleme
- Häufige Auseinandersetzungen
- Fehlende gemeinsame Zukunftsperspektive
- Unterschiedlicher Lebensstil
- Unterschiedliche Einstellungen
- Fehlendes Vertrauen
- Untreue
- Finanzielle Probleme
- Probleme bei der Verbindung Beruf/ Familie
- Kinderwunsch oder Kindererziehung

Der Zerfall einer Ehe kommt in den meisten Fällen schleichend. Ein nicht unwesentli­cher Faktor ist dabei der Alltagsstress. Vor allem die mit dem Alltag verbundenen Widrigkeiten erschweren das Miteinander in einer Partnerschaft mehr als der Stress im Beruf oder in der Freizeit.

Die unterschiedliche Entwicklung der Partner ist eigentlich ein normaler Prozess. Verlieren sich beide wegen zu viel Stress aus den Augen und lassen den ande­ren nicht an der Entwicklung teilnehmen, so kann eine Ehe in die Brüche gehen. Zuviel Stress im Alltag schränkt das Interesse am anderen ein, erschwert die Kommuni­kation und mindert die nötige Toleranz. Daraus folgen eine emotionale Entfremdung, innerliche Distanzierung und Unverständnis und der schleichende Zerfall der

Part­nerschaft, bzw. der Familie ist vorprogrammiert. Viele Ehepaare stellen zu hohe und letztlich unerfüllbare Erwartungen an die Ehe und an den Partner. Der Liebhaber soll der beste Freund, Gesprächspartner, Be­schützer und Ähnliches sein, alle Bedürfnisse befriedigen und unendlich glücklich und zufrieden machen.

Manchmal soll der Partner auch für eine unglückliche Kindheit entschädigen. Viele dieser unbewussten Erwartungen sind neurotischer Natur und können von frühkindli­chen Erfahrungen her rühren - wenn sich zum Beispiel der Ehepartner ähnlich wie ein Elternteil verhalten soll. Kann ein Ehepartner diese hohen Ansprüche nicht erfüllen, so wird oft nach einem "Besseren" gesucht. In vielen Ehen werden aber auch realistischere Rollenerwartun­gen nicht erfüllt. So berichten beispielsweise viele Frauen, dass sich ihre Ehemänner zu wenig an der Hausarbeit beteiligen. Andere Personen meinen, dass ihre Partner die Elternrolle nicht zufrieden stellend ausfüllen.47 Festhalten kann man also, dass die Enttäuschung über den Partner und über die Realität der Ehe das häufigste Motiv für Scheidungen ist. Die scheidungswilligen El­tern haben sich allerdings meist auch darüber getäuscht, was es wirklich heißt, Mut­ter und Vater zu sein. Paradoxerweise beginnen die meisten Ehen zu kränkeln, wenn das ersehnte erste oder zweite Kind eingetroffen ist, manchmal nach nur wenigen Monaten, oft auch nach zwei bis drei Jahren. Viele junge Eltern lebten in dem Glau­ben, Kinder zu haben sei - neben allem Glück - lediglich eine Ergänzung zu dem bisherigen Leben, sie bräuchten lediglich ein bisschen mehr Zeit, ein bisschen mehr Raum und auch Geld, um ansonsten ihre persönlichen und beruflichen Dinge relativ unverändert weiterzuverfolgen[16]. Diesen Perspektivwechsel, weg von der Konzentrierung auf das eigene Selbst hin zum Wohl des Kindes, gelingt vielen Paaren nicht. Sie versuchen, gradlinig ihren bis­herigen Lebensstil weiterzuverfolgen und dabei das Kind irgendwie unterzubringen. Bei anderen Paaren kann es vorkommen, dass zum Beispiel die jungen Frauen zwar den Weg hinein in die Mütterlichkeit finden, aber dabei gleichzeitig den Kontakt zum Vater des Kindes verlieren[17]. Hier liegt eines der größten Krisenpotentiale in jungen Ehen. Die Ehepartner, die bisher ganz aufeinander bezogenen Zwei müssen es lernen, sich gemeinsam und jeder für sich auf ein Drittes zu beziehen und dennoch sich nicht gegenseitig zu verlieren.

Eine Scheidung bedeutet aber viel mehr, als nur das Ende einer Ehe, die zur Belas­tung geworden ist. Der zentrale Aspekt ist: Eine Scheidung ist ein neuer Anfang, eine zweite Chance im Leben. Sie bietet die Möglichkeit, die Weichen ganz neu zu stel­len.

5. Scheidungen in Zahlen und Fakten

Statistische Daten zur Scheidungssituation in Deutschland

Die Zahl der Ehescheidungen hat sich im Jahr 2004 gegenüber 2003 kaum verändert. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wurden 213691 Ehen geschie­den, das waren 284 (0,1%) weniger als 2003 mit 213 975 Scheidungen[18].

Seit 1993 ist die Zahl der Ehescheidungen mit Ausnahme des Jahres 1999 beständig angestiegen und hat im Jahr 2003 mit 214 000 einen neuen Höchststand erreicht. Anfang der 90er Jahre waren vorübergehend deutlich weniger Ehen geschieden worden.

Diese zeitweilige Abnahme war auf einen starken Rückgang der Ehescheidungen in den neuen Ländern zurückzuführen, was auf der Einführung des bundesdeutschen Scheidungsrechts und der Umgewöhnungszeit an die neuen rechtlichen Verhältnisse, Fristen und Vorgaben resultierten. Somit endet inzwischen knapp jede dritte Ehe in Deutschland vor dem Scheidungsrichter.[19]

[...]


[1] www.wikipedia.de Stand: 01.09.2006

[2] Vgl. www.wikipedia.de Stand 01.09.2006

[3] Vgl. Hoffmann, 2003, S. 3

[4] Hobmair, 2003, S. 321

[5] Vgl. Hoffmann, 2003, S. 4

[6] Vgl. Wallerstein/Blakeslee, 1996, S. 35

[7] Vgl. Hoffmann, 2003, S. 5

[8] Vgl. www.stud.uni-wuppertal.de/~ya2003/sozialpsy/he_1.html Stand 18.08.06

[9] Vgl. Hoffman, 2003, S. 5

[10] involviert = verwickelt, einbezogen

[11] Selbständigkeitsmodell

[12] Mutter – Kind – Dyade = Zweierbeziehung

[13] Mutter – Vater – Kind – Triade = Dreierbeziehung

[14] Vgl. Hoffmann, 2003, S. 6

[15] Hyams, Helge-Ulrike, 2002, S. 35

[16] Vgl. Hyams, Helge-Ulrike, 2002, S. 38ff

[17] Vgl. Hyams, Helge-Ulrike, 2002, S. 42

[18] http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2005/p2980023.htm Stand: 23.08.06

[19] vgl.http://www.pbc.de/874.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=790&tx_ttnews%5BbackPid%5D=1016&cHash=bdd8d0f13c Stand: 23.08.06

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Scheidungskinder. Die Trennung der Eltern aus Sicht der Kinder
Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Veranstaltung
Kind und Kriminalogie
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
47
Katalognummer
V67199
ISBN (eBook)
9783638601849
ISBN (Buch)
9783638731997
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scheidungskinder, Trennung, Eltern, Sicht, Kinder, Kind, Kriminalogie
Arbeit zitieren
Markus Kaufhold (Autor), 2006, Scheidungskinder. Die Trennung der Eltern aus Sicht der Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67199

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