Die Noodynamik als Wirkungsprinzip geistiger Existenz innerhalb der Lehre Viktor Frankls


Bachelorarbeit, 2006

47 Seiten, Note: Ausgezeichnet


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINFÜHRUNG / PROBLEMSTELLUNG
1.1 Herleitung des Begriffs Noodynamik
1.2 Zur Person Viktor Emil Frankl

2 LOGOTHERAPIE UND EXISTENZANALYSE
2.1 Logotherapie
2.2 Existenzanalyse
2.3 Philosophische Wurzeln
2.4 Die Gefahr des Reduktionismus

3 ANTHROPOLOGIE
3.1 Aufbau des Menschen
3.1.1 Einheit trotz Vielfalt
3.1.1.1 Das drei-dimensionale Bild vom Menschen
3.1.1.2 Die Dimensionalontologie
3.1.1.3 Rückschluss der Dimensionalgesetze auf die
Geistige Person und das Menschsein
3.1.1.3.1 Eine direkte Auswirkung: Die intentionalen Gefühle
3.2 Personenverständnis: Das <Freie> im Menschen
3.2.1 Die Dimensionen des Menschseins
3.2.2 Die Existentialen
3.2.2.1 Freiheit
3.2.2.2 Geistigkeit
3.2.2.2.1 Das Geistig Unbewusste
3.2.2.2.2 Das Gewissen
3.2.2.3 Verantwortung

4 EXPLIKATION PERSONALER EXISTENZ
Die Sinnstrebigkeit des Menschen
4.1 Der Sinn
4.2 Die Werte – Sinnuniversalien
4.3 Das Wofür im Leben
4.3.1 Wofür Verantwortung
4.3.2 Wovor Verantwortung
4.4 Tragische Trias

5 NOODNYAMIK
Dynamik der phil. Anthropologie im Realen Menschen
5.1 Elemente und Wirkungsmechanismen der Noodynamik
5.1.1 Die Dialektische Natur
5.1.2 Die existentiellen Kompetenzen
5.1.3 Trotzmacht des Geistes
5.1.3.1 Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung
5.5 Der Noopsychische Antagonismus
5.6 Die Noodynamik
5.7 Der Aufbau der Noodynamik
5.8 Auswirkungen der Noodynamik
5.5.1 Die intentionalen Gefühle
5.5.2 Eine direkte Auswirkung: Die Einstellung / Haltung
5.5.3 Noodynamik als Faktor des Motivationskonzeptes
5.6 Weiterentwicklungen des noodyn. Wirkungsprinzips

6 DISKUSSION ZUSAMMENFASSUNG AUSBLICK
6.1 Diskussion
6.2 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Curiculum vitae

1 EINFÜHRUNG

1.1 Herleitung des Begriffs Noodynamik

Mensch-Sein heißt: In-der-Spannung-Stehen
zwischen Sein und Sollen,
unaufhebbar und unabdingbar!
Viktor Frankl

Dieser Ausspruch zeigt, wie ursächlich Viktor Frankl die Verknüpfung Mensch und In-der-Spannung-Stehen verstanden hat.

Für diese Tatsache hat er den Begriff der <Noodynamik> (erstmals publiziert in: Der leidende Mensch, 1946) geprägt. Dieser Ausdruck findet sich nur innerhalb der Lehre der Logotherapie und Existenzanalyse, er ist auch nur aus der Sichtweise eines Menschenbildes verständlich, wie es der Franklschen Lehre zugrunde liegt.

Nun hatte Frankl einen Begriff, den er dem allgemein gebräuchlichen Begriff der Psychodynamik gegenüber zur Diskussion und zur Abgrenzung stellen konnte.

Das Spannungsfeld des noo-psychischen Antagonismus, das sich in der Theorie als Gegensätzlichkeit von „Homöostaseprinzip“ und „Noodynamik“ ausdrückt, soll Gegenstand dieser Arbeit sein.

Allgemein kann gesagt werden, dass der Begriff <Noodynamik> den Spannungs-Bogen meint, der sich zwischen den zwei Polen des menschlichen Seins, nämlich dem Pol des <Daseins> und dem Pol des < Seinsollens> aufbaut.

Diese bipolare Spannung, diese Dynamik, die im Logotherapeutischen und Existenzanalytischen Verständnis unmittelbar mit dem Menschenleben verbunden ist, beschreibt die Noodynamik und wird vom gesunden Menschen als solche wahrgenommen und erlebt.

Frankl stellt klar, dass der Mensch nicht ein Lebewesen ist, welches So-sein-muss (ein unfreies Lebewesen), sondern in seiner Existenz (ein freies Wesen) der Auftrag (Ausrichtung), das Moment, des „Auch-immer-ein-anderer-werden-können“ beinhaltet ist.

Viktor Frankl hat seine Auffassung über das menschliche Wesen und dessen Daseinszweck nicht nur theoretisch durchdacht, selbst als Psychiater und Neurologe angewendet und in der Lehre der Logotherapie und Existenzanalyse hinterlegt, sondern er hat sein Menschenbild vor allem selbst gelebt und damit auch selbst validiert. Aus diesem Grunde erscheint es mir unumgänglich, vorerst einen Blick auf die Person Viktor Frankls und seine Biographie zu werfen, allenfalls biographische Einflüsse hervorzuheben.

Frankls erklärtes Ziel war es, den Menschen arbeits-, genuss-, und leidensfähig zu machen. (Frankl, 1998). Dafür entwickelte er seine Lehre von der Logotherapie und, eine am Geistigen orientierte Psychotherapie, welche des Menschen ursprüngliche Sinnorientiertheit und Wertstrebigkeit sieht als Ausdruck seiner „Geistigkeit“. (Frankl, 1998).

Die vorliegende Arbeit hat sich mit folgender Fragestellung auseinandergesetzt:

Welche Bedeutung hat das noodynamische Wirkungsprinzip als Ausdruck geistiger Existenz innerhalb der Lehre von der Logotherapie und Existenzanalyse und welche Wirkungen und Auswirkungen ergeben sich in Folge für den Menschen?

Zentrales Thema dieser Arbeit ist es, die Grundspannung des Menschen, die ihn begleitet von Anbeginn seines Daseins, aus der Gesamtlehre Frankls herauszuarbeiten, darzustellen und zu betrachten. Welche Stellung diese Grundspannung, die Noodynamik, innerhalb der Logotherapie und Existenzanalyse hat, sie abzugrenzen von anderen Schulen, der Psychodynamik gegen über zu stellen, Neues zum Thema aus der Literatur zu recherchieren und zu dokumentieren.

1.2 Zur Person Viktor Emil Frankl

Der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Dr. med., Dr. Phil. Dr.h.c.mult. Viktor Emil Frankl wuchs als Sohn (ein älterer Bruder, eine jüngere Schwester) eines jüdischen Staatsbeamten im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts auf.

Schon die Schulzeit war geprägt von seinem Interesse für die Psychologie und die Psychoanalyse. Bereits mit 15 Jahren korrespondiert Viktor Frankl mit Sigmund Freud. Auf dessen ausdrückliche Empfehlung hin, veröffentlicht 1924 der damals 19-Jährige seinen ersten Artikel in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse. Inzwischen ist Frankl, Student der Medizin, bereits im Kreise Alfred Adlers und publiziert auch dort 1925 in der Internationalen Zeitschrift für Individual-Psychologie. Allerdings wird er schon 1927 wegen Unorthodoxie aus dem Verein für Individualpsychologie ausgeschlossen, was ihn persönlich sehr trifft.

Bereits zu dieser Zeit hält Frankl zahlreiche Vorträge zum Thema:

Der Nous – die geistige Dimension des menschlichen Daseins; und zur großen Frage des Menschen nach dem Sinn – der immer ein anderer ist für jeden Menschen, gemäß dessen Einzigartigkeit und Einmaligkeit.

Auf Grund steigender Schülerselbstmordraten gründet er die erste Jugend-Beratungsstelle Wiens, was bald Nachahmung in weiten Teilen Europas fand.

Dabei lernt er Prof. Otto Pötzl kennen, Leiter der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie, welcher zu Frankls Förderer und schließlich väterlichem Freund wurde. In den Jahren 1933 – 1942 arbeitet Frankl in verschiedenen Wiener Spitälern. Bereits 1938 publiziert er den Artikel „Zur geistigen Problematik der Psychotherapie“, in der die anthropologische Grundlage der Logotherapie und die Existenzanalyse beschrieben werden. 1940, nach dem Einmarsch der Nazis, ist er Primarius der Neurologie am jüdischen Rothschildspital. Dadurch genießen er und seine Eltern zunächst Deportationsschutz bis 1942. Um seinen Eltern zu helfen lässt er sogar ein bereits ausgestelltes Visum für die USA verfallen.

Schließlich wird doch er selbst, seine erste Frau, seine Eltern und sein Bruder deportiert (Seine Schwester wandert rechtzeitig nach Australien aus.), in mehreren Konzentrationslagern festgehalten. Er erlebt und durchlebt den Horror des Holocaust und überlebt ihn als einziger seiner Familie.

Nach Kriegsende, 1954, kehrt er nach Wien zurück und versucht sich mit Arbeit über den erlittenen Schmerz hinüberzuretten. In nur 9 Tagen schreibt er die Erlebnisse aus den Konzentrationslagern aus der Sicht des Psychologen nieder.

Dieses Buch, bekannt unter dem späteren Titel „Und trotzdem Ja zum Leben sagen“ (1946), wird zu einem weltweiten Bestseller. Auch das Manuskript zum Buch „Ärztliche Seelsorge“ (1946), welches im Konzentrationslager verloren ging, verfasst er neu.

Er habilitiert sich 1949 an der Universität Wien. Von 1946 – 1970 ist er Primarius der Neurologie an der Wiener Poliklinik. Dort lernt er auch seine 2. Frau kennen. Aus der Ehe stammt eine Tochter.

Frankl wird in Wien schließlich zum außerordentlichen Professor ernannt. Darüber hinaus erhält er weltweit zahlreiche Professuren und insgesamt 29 Ehrendoktorate.

Sein wissenschaftliches Werk stellt sich in über 400 Artikeln und 32 Büchern dar, die in über 25 Sprachen übersetzt wurden. Bis 1995 sind 150 Dissertationen und Diplomarbeiten und über 1300 Arbeiten anderer Autoren zur Logotherapie geschrieben worden und es wurden bereits 11 Weltkongresse abgehalten.

„Frankls Logotherapie wird häufig als die „dritte Wiener Schule“ der Psychotherapie (neben Freuds Psychoanalyse und Adlers Individual-psychologie) bezeichnet.“ (Kriz, 2001, S 202). „Sein Werk wird weiterhin vom „Viktor Frankl Institut“ in Wien bewahrt und fortgeführt und seine Lehre in Österreich vom „Abile“ (Ausbildungsinstitut für Logotherapie und Existenzanalyse) im Sinne von Frankl weitergegeben.“ (Kasper,1999). Hier wirkt auch Elisabeth Lukas, die bekannteste Schülerin Frankls.

Heute wird die Logotherapie und Existenzanalyse allgemein als “Sinnzentrierte Psychotherapie” zu den humanistischen Therapieformen gereiht.

Dies findet bei den zwei bekanntesten österreichischen Vertretern innerhalb der Lehre jedoch keine Zustimmung, Lukas grenzt sich von der humanistischen Psychotherapie ab und plädiert für die Anerkennung der Logotherapie als „humane Psychotherapie“, während Längle die Zu-ordnung zur existentiellen Psychotherapie fordert. (Längle, 2001, S 37 f) „Mit den logotherapeutischen Interventionsformen, insbesondere mit der „paradoxen Intention“ und der „Dereflexion“ hat Frankl eher verhaltenstherapeutische und systemische Konzepte, die heute zu den aktuellsten Interventionsansätzen gehören, bereits um viele Jahrzehnte vorweggenommen.“ (Kriz, 2001, S 201)

2 LOGOTHERAPIE UND EXISTENZANALYSE

Die beiden Termini „Logotherapie“ und „Existenzanalyse“ definiert Frankl wie folgt:

“...Sofern beide – sowohl die Logotherapie als auch die Existenzanalyse- eine am Geistigen orientierte Psychotherapie darstellen, gliedert sich diese Psychotherapie auf einerseits in die Logotherapie als Therapie vom Geistigen her und andererseits in die Existenzanalyse als Analyse auf Geistiges hin“. (Frankl, 1990, S 271)

„Die Logotherapie und die Existenzanalyse sind je eine Seite ein- und derselben Theorie. Und zwar ist die Logotherapie eine psychothera-peutische Behandlungs-Methode, während die Existenz-Analyse eine anthropologische Forschungsrichtung darstellt. Als Forschungsrichtung ist sie offen, und zwar in zwei Dimensionen: Sie ist bereit zur Kooperation mit anderen Richtungen und zur Evolution ihrer selbst“. (Frankl, 2002, S 57 f)

Frankl weist daraufhin, dass jeder Psychotherapie eine Existenzanalyse vorangestellt werden sollte damit beiden, dem Therapeuten und seinem Klienten dessen Menschenbild bewusst werde, als Basis für den therapeutischen Prozess.

2.1 Die Logotherapie

(zu griech. logos ”Wort“ und Therapie)

Die Logotherapie stellt die Selbstbestimmung des freien Menschen aufgrund seiner Verantwortlichkeit und vor dem Hintergrund seiner Sinn- und Wertewelt ins Zentrum der Betrachtung. Der Frankl Originaltext lautet hierzu: „ In <Logotherapie> meint <Logos> vielmehr zweierlei: einmal den Sinn und zum anderen Mal das Geistige, und zwar in zumindest heuristischem Gegensatz zum bloß Seelischen.“ (Frankl, 2002, S 58) (richtunggebend, Erkenntnis fördernd, Quelle: www. Brockhaus.de,) Nach Frankl gibt es das geistig Unbewusste: „... und der Logos, den die therapeutische Ausgestaltung der Existenzanalyse, die Logotherapie, so sehr zum Woraufhin und Woher ihres Bemühens macht, wurzelt im Unbewussten. Daran lässt sich ermessen, wie wenig der Logos in unserem Sinne zu tun hat erstens mit der Ratio und zweitens mit dem Intellectus. Mit anderen Worten: wie wenig das Geistige in unserem Sinne identifiziert werden darf einerseits mit dem bloß Verstandesmäßigen und andererseits mit dem bloß Vernunftmäßigen.“ Dies führt zu folgender Aussage: Es wird die Logotherapie missverstanden, wird sie als <moralistisch> bezeichnet, denn „Sie ist es aus dem einfachen Grunde nicht, weil Sinn nicht rezeptiert werden kann Sinn kann letzten Endes überhaupt nicht gegeben, sondern muss gefunden werden. Und zwar muss der Patient ihn selbst und selbstständig finden. Die Logotherapie befindet nicht über Sinn und Unsinn oder Wert und Unwert.“ (Frankl, 1982, S 82) Er betont, dass die Logotherapie nicht deutet, sondern phänomenologisch betrachtet, also wahrnimmt.

2.2 Die Existenzanalyse

Die Existenzanalyse dehnt ihre Analyse auf die Ganzheit des Menschen aus, die nicht nur eine psychophysisch-organismische, sondern auch eine geistig-personale ist. (Frankl, 2002, S 86) Frankl betrachtet die Existenzanalyse als Anthropologie (Menschenbild) innerhalb seiner Lehre.

Weiteres versteht er unter dem Begriff Existenzanalyse eine besondere Art des Menschseins, nämlich im Sinne der „Explikation der Existenz“. Die Person in ihrem Leben „expliziert sich, sie entfaltet sich, sie rollt sich auf, und zwar im ablaufenden Leben. Wie ein aufgerollter Teppich sein unverwechselbares Muster enthüllt, so lesen wir am Lebenslauf, am Werden, das Wesen der Person ab.“ (Frankl, 2002, S 59)

2.3 Die philosophischen Wurzeln

Besonders in jungen Jahren liest Frankl phänomenologische und anthropologische Fachliteratur. 1927 lernt er Rudolf Aller kennen, der ihn zur philosophischen Anthropologie Max Schelers führt. Dessen Werk, Journalismus und Ethik, trägt er zeitweilig wie „eine Bibel“ mit sich. Das Menschenbild, welches sich hinter der Lehre der Logotherapie und Existenzanalyse verbirgt, ist wesentlich geprägt von Frankls Wissen aus Phänomenologie und Anthropologie. Neben Scheler prägen Frankl auch: K.Jaspers, N.Hartmann, S.Kierkegaard, M.Heidegger, M.Buber, F.Ebner, G.Marcel, J.P.Sartre. Frankl meint Explikation nicht nur im ontischen, sondern im auch ontologischen Sinne und sieht daher in der Existenzanalyse den „...Versuch einer psychotherapeutischen Anthropologie, einer Anthropologie, die aller Psychotherapie vorrangig ist, nicht nur der Logotherapie.“ (ebd.) Diese Theorie versteht Frankl aber phänomenologisch, heißt für Frankl Schau, die „Schau“ eines Bildes vom Menschen.

2.4 Gefahr des Reduktionismus

Der Mensch kann nicht „nicht werten“, somit ist für Frankl eine Psychotherapie, (die psychologistisch, also die geistige Dimension des Menschen ausschließt) die sich für wertfrei hält, in Wirklichkeit bloß wertblind, „ und sie ist dann wertblind, wenn sie geist-los ist“. (ebd.) Wer aber dem Menschen seine Geistigkeit abspricht, macht ihn zu einer Karikatur, zu einem Humunkulus (künstlich erzeugter Mensch, Duden, 1990) zu einem Triebbündel, zu einem Spielball von Trieben, Erbe und Umwelt und arbeitet einem Nihilismus in die Hände. Frankl sieht darin eine Entwertung des Menschen, ein nicht Anerkennen der geistigen Dimension, eine Reduktion. Den Menschen aber zu reduzieren auf ein „Nichts als“ spricht ihm seine Freiheit und Verantwortlichkeit ab, die er nach Frankl aber nun einmal hat. Verliert der Mensch den Bezug zu seinem Wertesystem, verliert dieser in der Folge seine innere Ordnung, sein „Bild von der Welt“ und rutscht unausweichlich in die existentielle Krise, in das „existentielle Vakuum“, die „noogene Neurose.“ Frankl argumentiert diese Entwicklung folgendermaßen: „ Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muss; und dem Menschen von heute sagen keine Traditionen mehr, was er soll; und oft scheint er nicht mehr zu wissen, was er eigentlich will. Nur umso mehr ist er darauf aus, entweder nur das zu wollen, was die anderen tun, oder nur das zu tun, was die anderen wollen.“ (Frankl, 1982a, S 12)

Frankl, der zur selben Zeit wie Freud und Adler lebte und lehrte, sah besonders in der Psychoanalyse den Versuch, den Menschen zu reduzieren auf ein “Nichts als”, und bezeichnete den Reduktionismus als den Nihilismus von heute. (Frankl, 1982a, S 12 f) Kritik an seiner Lehre konterte Frankl etwa wie folgt: “Eine nicht weniger reduktionistische Definition der Werte besagt, dass es sich um nichts als Reaktionsbildungen und Abwehrmechanismen handelt. Auf diese Interpretation habe ich selbst einmal <reagiert>, indem ich sagte, ich wäre nie und nimmer bereit, für meine Reaktionsbildungen zu leben oder gar für meine Abwehrmechanismen zu sterben.“ (Frankl, 1982a, S 14) Allerdings hält Frankl Freud zu Gute: „Sigmund Freud verdanken wir die Kenntnis der Gefahr, die seelischen Inhalten, aber auch, wie wir sagen, geistigen Inhalten anhaftet. So ist denn das Anliegen der Existenzanalyse als anthropologischer Explikation personaler Existenz, das unbewusste, implizite Menschenbild der Psychotherapie bewusst zu machen, zu explizieren, zu entfalten, zu entwickeln, nicht anders, als wie ein Lichtbild entwickelt und so erst aus der Latenz geholt wird.“ Frankl, 2002, S 61)

„Das Homöostaseprinzip aus der zweidimensionalen Seinsebene von Menschen und Tieren besagt, dass anschwellende Triebverlangen (wie Hunger, Durst, Frieren, sexuelle Wünsche, Sicherheitsbedürfnis,...) auf Abreaktion und Stillung drängen, damit ein Lebewesen sein inneres Gleichgewicht zurückgewinnt. Das Lebewesen ruht dann solange in sich, bis ein neuerlicher Triebdruck es wieder in Bewegung setzt. Die Erhaltung des inneren Gleichgewichtes – der Homöostase – ist somit die Urmotivationskraft. Ohne ´Stachel´ des Unwohlseins kommt es zu keiner Handlung.

Dieses selbstregulative Prinzip hat im Tierreich seine Gültigkeit, ist aber nicht so einfach auf ein ´geistiges Wesen´ wie den Menschen übertragbar. Für uns Menschen bedeutet ein ausgewogenes triebdynamisches Gleichgewicht alles andere als innere Ruhe und Zufriedenheit. Es erzeugt alsbald ein Leere- und Überflüssigkeitsgefühl, eine Ziellosigkeit (was soll angestrebt werden, wenn die meisten Bedürfnisse gestillt sind?“ (Wiesmeyr, 2002)

3 ANTHROPOLOGIE

Das Menschenbild in der Logotherapie u. Existenzanalyse

3.1 Aufbau des Menschen

3.1.1 Einheit trotz Vielfalt

Einführung eines humanistischen Menschenbildes

Für Frankl gibt es keine Psychotherapie ohne Menschenbild und Weltanschauung, womit mit Menschenbild ein Wertbild, also ein Wertesystem und mit Weltanschauung eine Wertung gemeint ist. (Frankl, 2002, S 60)

Durch seine Studien über die Lehren von Freud und Adler gelangte Frankl zu der Ansicht, dass zwischen der Gestaltung des äußeren Lebens und der inneren Erfüllung eines Menschen ein wesentlicher Unterschied besteht. Schon im ersten Kapitel seines ersten Lehrbuches, der Ärztlichen Seelsorge, findet man die Kernaussage seiner Sicht vom Menschenleben. Zum Verständnis vergleicht er das Leben eines Arztes, der es zu großem äußerlichen Reichtum und Erfolg gebracht hat, dem die innere Erfüllung jedoch versagt geblieben ist, da er sein Leben nicht nach seiner wahren Begabung ausgerichtet hat, mit einem Arzt, der auf äußere Reize wie glänzende Karrierechancen verzichtet hat, um sein Leben seiner wahren Spezialbegabung zu widmen, und am Ende seiner Tage sein Dasein als sinnvoll und erfüllt empfindet.. (Frankl, 1982, S 16 f) Den Sinn einer Situation zu finden und ihm nachzugehen, heißt, Leben als sinnvoll, als erfüllt zu erleben, durch die Leistung dessen, was man am besten kann. Seine Botschaft erläutert Frankl mit Hebbels Worten: „ Der der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte“. So soll die Rückschau eines Menschenlebens nicht sein. Das wollte und will er mit seiner Lehre verhindern. Im Leben geht es darum, seinen Platz zu finden, denn, hat der Mensch seinen Platz gefunden und ausgefüllt, hat er sich damit selbst erfüllt. Frankl erweitert das psychologistische Menschenbild der Psycho-analyse um das spezifisch Humane, die Noetische Dimension. „Die Geburtsstunde der Psychotherapie hatte geschlagen, als man daran ging, hinter körperlichen Symptomen die seelischen Ursachen zu sehen, also ihre Psychogenese zu entdecken; jetzt aber gilt es, noch einen letzten Schritt zu tun, und hinter dem psychogenen, über die Affektdynamik der Neurose hinaus, den Menschen in seiner geistigen Not zu erschauen – um von hier aus zu helfen.“ (Frankl, 1982, S 17) Menschsein wird als anthropologische Einheit von drei unterschiedlichen Seinsweisen verstanden <unitas multiplex>. (Frankl, 1990, S. 198 f)

[...]

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Details

Titel
Die Noodynamik als Wirkungsprinzip geistiger Existenz innerhalb der Lehre Viktor Frankls
Hochschule
Sigmund Freud Privatuniversität Wien  (Psychotherapiewissenschaft)
Note
Ausgezeichnet
Autor
Jahr
2006
Seiten
47
Katalognummer
V67218
ISBN (eBook)
9783638585422
ISBN (Buch)
9783638727228
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Noodynamik, Wirkungsprinzip, Existenz, Lehre, Viktor, Frankls
Arbeit zitieren
Magistra Beate Pottmann-Knapp (Autor:in), 2006, Die Noodynamik als Wirkungsprinzip geistiger Existenz innerhalb der Lehre Viktor Frankls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67218

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