Anschlussrationalität in der pädagogischen Kommunikation - Eine systemische Betrachtung


Hausarbeit, 2006

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Rationalität nach Luhmann

2. Voraussetzung für Rationalität - Reflexionsfähigkeit

3. Die Anschlussrationalität

4. Anschlusskommunikation und Anschlussselektion

5. Die Relevanz der Anschlussrationalität für die Pädagogik

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Einleitung

Seit dem Bekannt werden der Ergebnisse aus den international durchgeführten PISA – Studien stellt man sich in Deutschland die Frage, wie man den Bildungsstand der Kinder und Jugendlichen verbessern kann. Glaubt man den Resultaten so hat Deutschland den Anschluss an die Bildungseliten verloren. Dies führt dazu das über neue Konzepte in der Pädagogik nachgedacht wird, Lehrpläne geändert und Reformen durchgeführt werden. Unsummen von Geld werden dafür ausgegeben um das deutsche Schulsystem wieder auf Niveau zu bringen welches dem der „PISA – Siegerländer“ entsprechen. Ob dies alles wirklich nötig ist und ob diese Maßnahmen erfolgreich sein werden soll hier nicht diskutiert werden. Vielmehr soll es darum gehen zu zeigen, dass es nicht unbedingt die kostspieligen Maßnahmen zur totalen Neustrukturierung sind, welche hier von Nöten sind. Vielleicht ist es auch das Besinnen auf die einfacheren Dinge, die hier Abhilfe schaffen können. Wie zum Beispiel auf die Kommunikation die verständlicherweise für die Pädagogik essentiell wichtig ist. Dies gilt auch für Systeme nach Niklas Luhmann, deren Operationen maßgeblich auf Kommunikation beruhen.

Da also offensichtliche Gemeinsamkeiten zwischen den sozialen Systemen Luhmanns und dem von ihm auch so bezeichneten Erziehungssystem bestehen, kann man auch auf Begriffe aus seiner Theorie zurückgreifen um diese zu nutzen.Ein Begriff der hier von Bedeutung sein könnte ist die so genannte Anschlussrationalität.

Liest man dieses Wort zum ersten Mal, könnte man meinen es handele sich um das, was man sich von einer modernen Stereoanlage erhofft wenn man diese anschließen möchte. Leider ist dies nicht der Fall Vielmehr verbirgt sich hinter dieser Wortschöpfung ein komplexer Vorgang innerhalb sozialer Systeme im Zusammenhang mit Kommunikation. Was dies nun genauer bedeutet und inwiefern die Anschlussrationalität im Bezug auf die Probleme im Erziehungssystem von nutzen sein kann soll in dieser Arbeit geklärt werden.

Zu diesem Zweck wird im ersten Kapitel der Begriff der Rationalität zunächst ausgehend von einer sehr allgemeinen Definition in seiner historischen Entwicklung nach Luhmann dargestellt um dann eine der modernen Gesellschaft angepasste Definition von Rationalität zu erläutern. Somit soll deutlich werden, was Rationalität bzw. rationales Handeln für ein System bedeutet. Das zweite Kapitel widmet sich dann den Fähigkeiten die in einem System vorhanden sein müssen um diesem ein rationales Handeln zu ermöglichen.

Bei dieser Erläuterung des Begriffes der Reflexivität soll dann auch schon die Notwendigkeit der Interaktion zweier System hervorkommen. Danach wird im dritten Kapitel die Anschlussrationalität selber näher erläutert. Zudem soll ein möglicher Zusammenhang zwischen Anschlussrationalität und Rationalität näher betrachtet werden. Daran anschließend widmet sich das vierte Kapitel einem kurzen Vergleich der Begriffe Anschlusskommu­nikation und Anschlussselektion mit dem der Anschlussrationalität wobei hier näher untersucht werden soll inwiefern diese sich wirklich ähneln, da es hier in der Literatur anscheinend Unklarheiten gibt. Darauf folgt im fünften Kapitel eine Darstellung der Relevanz der Anschlussrationalität für die pädagogische Kommunikation im schulischen Alltag. Den Schluss bildet dann ein Fazit, mit Blick auf die Möglichkeit der Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse.

1. Rationalität nach Luhmann

Rationalität wird heute von den meisten wie folgt verstanden:

„Rationalität (von lat. rationalitas = Denkvermögen) bezeichnet im Allgemeinen die Vernunft bzw. den Verstand oder vernunftbegabtes Handeln. Im erweiterten Sinne wird der Begriff auch im Sinne von Verhältnismäßigkeit verwendet, zum Beispiel für die Verhältnismäßigkeit von Mittel und Zweck. Rationales Handeln liegt demnach vor, wenn angestrebter Zweck und verwendetes Mittel in einem vernünftigen Maß zueinander stehen.“[1]

Hierbei handelt es sich um eine sehr allgemeine Definition des Begriffes Rationalität, welche nicht nur den Einstieg in die Erklärung der Rationalität bildet sondern ebenso die unterschiedlichen Auffassungen des Begriff „Rationalität“ verdeutlichen soll, vor allem im Vergleich zu Luhmann der, wie folgend dann klar wird, eine eigene Auffassung von Rationalität entwickelt hat.

Luhmann erklärt den Begriff der Rationalität beginnend mit der humanistischen Geschichte Europas, welche dafür gesorgt hat, dass dem Begriff der Rationalität eine spezifische Form zugeschrieben wurde, wobei diese Form gleichzeitig durch eine selbstverständliche Tradition verdeckt wurde. Dies hat dazu geführt das auf Grund dieser Selbstverständlichkeit andere Denkmöglichkeiten ausgeschlossen wurden und sich somit zunächst ein normatives Verständnis vom Begriff der Rationalität durchsetzte. Dies stützte sich auf den Gedanken das ratio zur Natur des Menschen gehöre was eine Unterscheidung des Menschen als Naturwesen vom Tier bedingte. Dieses normative Verständnis von Natur und Rationalität erklärt somit das Verhalten des Adels jener Zeit. Dem aristotelischem Verständnis von Natur folgend, welche als eine auf ein Ende oder Ziel gerichtete Bewegung galt, „die aber nicht ohne weiteres sicherstellte, daß dies Ende auch erreicht werde“[2], entsprachen die Adelstheorien und Erziehungstheorien dem Konzept der Rationalität jener Zeit. So galt man von Geburt an als adelig aber man musste es vermeiden Schande über die Familie zu bringen, ebenso wie obligatorisch das telos des Adels, nämlich die Perfektion, durch besondere Verdienste zu erlangen. Die Perfektion war zwar durch die adelige Geburt ermöglicht aber nicht garantierte. Die Erziehung und moralische Anleitung sollte den Adel davor bewahren dem Gegenteil der Perfektion, nämlich der Korruption zu verfallen. Somit war es erforderlich, das rational gehandelt wurde um das Ziel, die Perfektion zu erreichen, was nach Krause auch als natürlicher Zustand angesehen werden kann[3]. Wenn dies erreicht wurde konnte man sich auf seine Vorfahren berufen. Hieraus resultierte dann ein Rationalitätskontinuum, den es musste ja immer wieder dafür gesorgt werden, dass die Perfektion erreicht wird, man könnte auch sagen „Adel verpflichtet(e)“.

Würde man also dem Verständnis des Adels jener Zeit folgen, wäre Rationalität nichts anderes als ein Folgen dem von der Natur vorgezeichnetem Weg mit einem bestimmten Ziel, im Falle des Adels aus dem 16. Jahrhundert die Perfektion. Allerdings nicht mit der Garantie dort auch anzukommen. Im 17 Jahrhundert beginnt jedoch die Welt des Adels zu verfallen und mit dieser auch die bis dahin geltende Vorstellung vom Begriff der Rationalität, welcher im Laufe der Zeit immer weiter an übergreifenden Anspruch verliert. Auch das Rationalitätskontinuum der Natur wird aufgespaltet. So werden „Rationalitätsansprüche […] auf mentale Zustände, also auf Subjekte reduziert“.[4] Somit kommt auch die Frage nach der Wahl des Zweckes, welcher nicht mehr als naturgegeben gilt sondern als „Korrektur des Weltlaufs gesehen wird“[5], auf. Im weiteren Verlauf der Geschichte kommt dann der Begriff des Motivs hinzu, wobei dieses als undurchschaubar gilt. Die nun folgende Unterscheidung in Zwecke und Motive hat eine Spaltung des Rationalitätskontinuums des Subjektes zur Folge gehabt. Dies führte zu einer Auflösung der Zweckrationalität und ließ andere Konzepte der Rationalität entstehen welche nach und nach immer wieder aufgelöst und aufgeteilt wurden und die Rationalität schließlich auf Teilsysteme der Gesellschaft zurückführte. All diesen Reduktionen ist ebenso wie der später folgenden Rationalitätskritik gemein, dass sie den Begriff der Rationalität spalten, also eine Unterscheidung einführen. Nach Luhmann unterbleibt dann auch im 19. Jahrhundert eine Frage danach was mit Rationalität überhaupt gemeint ist.[6] Luhmann kritisiert an diesen Unterscheidungen dass es sich hierbei nur um Brechungen des alten europäischen Rationalitätsbegriffes handelt. Denn auch anschließende Rationalitätskonzepte wie formale- und materielle Rationalität sind noch einer Vorstellung einer einheitlichen Rationalität entsprechend.[7]

Man kann also davon ausgehen, dass Luhmann das bisherige Verständnis von Rationalität als unzureichend empfindet, zumal der alteuropäische Rationalitätsbegriff mit dem Beginn der Neuzeit zerbrach. Als ein Hauptproblem kann wohl die Unfähigkeit zur Beobachtung der gemachten Unterscheidung dieser Rationalitätskonzepte gesehen werden.

Es stellt sich nun die Frage nach einem alternativen Rationalitätskonzept, welches nicht mehr nur an der Lebensform eines Zentrums orientiert ist bzw. Bezug zu einem normativen Gebot hat.[8] Wenn also keine konkret vorgegebenen Ziele mehr vorhanden sind, die ein System dazu veranlassen rational zu handeln muss dieses sich die Anhaltspunkte für sein Handelns selber schaffen. Hierzu kann eine Differenz zwischen System und Umwelt genutzt werden, wobei in diesem Fall die Differenz selber, also die Unterscheidung im Mittelpunkt der Beobachtung steht.

„Das System selbst erzeugt und beobachtet die Differenz von System und Umwelt. Es erzeugt sie indem es operiert. Es beobachtet sie, indem dies Operieren im Kontext der eigenen Autopoiesis eine Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz erfordert, die dann zur Unterscheidung von System und Umwelt >>objektiviert<< werden kann. Das System kann die eigenen Operationen nach wie vor immer nur an die eigenen Operationen anschließen, aber es kann die dafür richtungweisenden Informationen entweder sich selbst oder der Umwelt entnehmen.[9]

Ein System kann demzufolge dank der eigenen Operationen Informationen für zukünftige Operationen aus der Umwelt gewinnen. Nach Krause gilt ein autopoietisches System dann als rational wenn sich die Operationen an der eigenen Unterscheidung von System und Umwelt orientiert.[10] Nach Luhmann heißt Systemrationalität (welche lt. Krause mit Rationalität gleichzusetzen ist) aber auch die Unterscheidung von System und Umwelt der Realität auszusetzen und an ihr zu testen.

Nach Baraldi/Corsi/Esposito verhält sich ein System dann rational, „wenn es seine Einwirkungen auf die Umwelt aufgrund der Rückwirkungen dieser Einwirkung auf sich selbst kontrollieren könnte.“[11] Allerdings wird hier auch deutlich angesprochen, dass eine vollständige Rationalität nicht möglich ist, da zum einen die Folgen mancher Operationen einfach nicht absehbar sind, wie zum Beispiel die Auswirkung des Erziehungssystems auf die Gesellschaft selber und zum anderen weil die Beobachtung der eigenen Operation, eine Paradoxie hervorruft. Das System beobachtet die eigens erstellte Differenz zur Umwelt wobei diese nach Luhmann auch die Form des Systems selber darstellt, was zur Folge hat das hier die Form in die Form selber gebracht wird. Es findet also ein re-entry statt.

Dies bedeutet aber zugleich, dass die Beobachtung sich selbst beobachtet, was zwangsläufig einen blinden Fleck hervorruft.[12]

Allerdings führt dies nicht dazu, dass Rationalität gänzlich unmöglich oder auch nur unsinnig ist. Ein soziales System muss aber eine bestimmte Fähigkeit besitzen um zumindest die Möglichkeit zu haben rational Handeln zu können. Die rede ist hier von Reflexionsfähigkeit, welche im Anschluss ein wenig genauer dargestellt werden soll, um zu zeigen wann ein System dazu in der Lage ist rational zu handeln wobei dadurch ein weiterer Schritt in Richtung Anschlussrationalität gewagt wird.

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Rationalität

[2] Luhmann, 1997, S.172

[3] vgl. Krause, 2001, S.176

[4] Luhmann, 1997, S. 173

[5] a.a.O

[6] a.a.O., S. 175

[7] vgl. Krause, 2001, S. 188

[8] vgl. Luhmann, 1997, S. 178

[9] Luhmann, 1997, S. 182, Hervorhebung durch M. Reinschmidt

[10] Krause, 2001, S. 188

[11] Baraldi/Corsi/Esposito, 1997, S. 145

[12] vgl. Luhmann, 1997, S.187

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Anschlussrationalität in der pädagogischen Kommunikation - Eine systemische Betrachtung
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Erziehung und der heimliche Lehrplan lebender sozialer Systeme
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V67295
ISBN (eBook)
9783638602488
ISBN (Buch)
9783638688796
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anschlussrationalität, Kommunikation, Eine, Betrachtung, Erziehung, Lehrplan, Systeme
Arbeit zitieren
Dipl.-Päd. Markus Reinschmidt (Autor), 2006, Anschlussrationalität in der pädagogischen Kommunikation - Eine systemische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67295

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