Das Frauenbild in der Jugendliteratur der DDR


Seminararbeit, 1998
19 Seiten, Note: sehr gut (1,3)

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Jugendbücher in der DDR
2.1 Eine Auswahl
2.2 Frauen- und Mädchenfiguren
2.2.1 Weibliche Nebenrollen
2.2.2 Weibliche Hauptrollen
2.2.3 Weibliche “Ko-Helden”

3 Das Frauenbild in der DDR
3.1 “Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft”
3.2 Das sozialistische Frauenbild in den Jugendbüchern
3.3 Entwicklung mädchenorientierter Jugendliteratur

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis
5.1 Jugendbücher
5.2 Sonstige Primärliteratur
5.3 Sekundärliteratur

1 Einleitung

“Die Persönlickeitsentwicklung der Mädchen wie der Jungen, der Frauen wie der Männer ist kein Resultat der xy-Chromosomen oder der Geschlechtshormone; sie ist durch gesellschaftliche Faktoren determiniert.” (aus Junge Frauen heute, Wie sie sind - was sie wollen Leipzig, 1981.)

Im Seminar “War die DDR eine Frau?” stellte sich als eine der ersten Frage die nach dem “typisch Weiblichen” und dem “typisch Männlichen”. In der Diskussion bemerkten wir, daß weibliches und männliches Verhalten im westlichen etwas anderes bedeutet als im DDR-Kontext. Mich interessiert in diesem Zusammenhang das Frauenbild, das in der DDR-Kinder- und Jugendliteratur gezeigt wird.

Ich beschäftigte mich für diese Arbeit mit Jugendbüchern, die mit der Empfehlung “ab 12 Jahren” zwischen 1958 und 1984 herausgegeben wurden. Bei der Untersuchung habe ich die Erscheinungszeit nicht berücksichtigt, da dies den Rahmen der Arbeit gesprengt hätte. Sie handeln von 14- bis 18-jährigen Mädchen und Jungen.

Die Bücher fand ich durch Zufall, damit erhebt meine Auswahl keinen endgültigen Anspruch auf Repräsentativität. Allerdings waren Karl Neumanns Frank bzw. Frank und Irene und Gunter Preuß’ Julia sowie Günter Görlichs Den Wolken ein Stück näher in meiner Schule Unterrichtsstoff. Aufgrund des allgemeingültigen Lehrplans in der DDR kann mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden, daß dies auch an anderen Schulen der Fall war.

Um ein detailliertes Bild zu erhalten, bezog ich das Jugendmagazin neues leben, den Ratgeber Die Frau aus der Reihe Kleine Enzyklopädie sowie eine weitere Veröffentlichung des Leipziger Verlags für die Frau mit ein.

Als erstes stelle ich die Jugendbücher inhaltlich vor, dann untersuche ich sie auf ein allgemeineres Frauenbild unter Berücksichtigung der jeweiligen Position der weiblichen Figuren. Im folgenden Kapitel beschäftige ich mich mit dem offiziellen Bild der Frau in der DDR und wie dieses sich in den Jugendbüchern wiederfindet. Anschließend gebe ich einen kurzen Überblick über die Entwicklung und Bedeutung mädchenorientierter Jugendliteratur.

2 Jugendbücher in der DDR

2.1 Eine Auswahl

Wie bereits erwähnt ist meine Auswahl der untersuchten Bücher zufällig geschehen. Ich stelle ihren Inhalt jetzt in der Reihenfolge des Erscheinens vor.

Karl Neumanns Frank (1958) wird von den anderen Kindern ausgeschlossen. Seine Mutter ist gestorben, sein Vater “auf Montage” im Rostocker Hafen. Frank und seine zwei kleinen Geschwister sind in der Obhut einer “schlampigen Tante”[1]. In dieser Situation entwickelt Frank eine Aktivität, die ihn letztendlich mit anderen Kindern und auch Erwachsenen zusammenführt. Sein Plan, ein Kanu zu bauen, verschafft ihm die Anerkennung seiner “Mitbauer” und der Erwachsenen. In Frank und Irene (1964) steigert sich die Situation, Frank will vorzeitig die Schule verlassen und eine Ausbildung beginnen, um seine Geschwister versorgen zu können. Der Vater kehrt nach Hause zurück und findet einen Sohn vor, der eigene Entscheidungen trifft und sie auch gegen den Vater durchzusetzen weiß. Frank ist durch Extremsituationen erwachsen geworden, hat Selbstbestätigung auch in und durch die Gruppe, seine Freunde gefunden.

Jurij Brezans Das Mädchen Trix und der Ochse Esau (1959) handelt in der Anfangszeit der DDR von der Bauerntochter Trix. Einen besonderen Reiz zusätzlich zu ihrer eigenen Schönheit macht die französische Mutter aus. Trix unterstützt mit allen Mitteln den Beitritt ihres Vaters zur LPG, um selbst möglichst schnell dem anstrengenden, ermüdenden Alltag des väterlichen Hofs zu entfliehen und das ihrer Vorstellung nach lustige, erholsame Stadtleben zu genießen.. Nach negativen Erfahrungen als Model einer HO-Modenschau kehrt sie nach Hause und zu ihrem Jugendfreund zurück und beginnt das LPG-Programm uneigennützig zu unterstützen.

Anfang der 70er erschien Günter Görlichs Den Wolken ein Stück näher. Görlich behandelt hier ein Problem, vor dem im realen Leben viele Jugendliche standen und das auch Thema in vielen anderen Kinder- und Jugendbüchern war: Der Umzug in eine fremde Umgebung durch einen Arbeitswechsel der Eltern. Meist geschah dies in eine größere anonyme Stadt, wohin die Kinder in den seltensten Fällen selbst wollten. Damit verbunden war (und ist) nicht nur der Verlust von Freunden und vertrautem Umfeld, sondern oft auch die Frage nach dem “Sinn des Lebens”. Auch der 14jährige Klaus Herper stellt sich bei Görlich dieser Frage. In seiner neuen Klasse in Berlin stirbt der von allen verehrte Klassenlehrer nach nur wenigen Wochen. Die neue Lehrerin beginnt ihre Arbeit ganz im Schatten des alten Lehrers. Im Ringen um die Klasse finden auch die Schüler zu selbständigen, kritischen Persönlichkeiten.

Julia (1976) von Gunter Preuß ist ein 14jähriges Mädchen, das durch den Weggang des Klassenlehrers anfängt, die bis dahin festgefügten Verhältnisse in der Klasse, in der Familie und in ihrem Freundeskreis anzuzweifeln. Die neue Klassenlehrerin hat ähnliche Schwierigkeiten mit Julias Klasse wie Frau Morgenstern in Den Wolken ein Stück näher. Durch den “Kampf” zwischen Klasse und Lehrerin und innerhalb der Klasse offenbaren sich Charaktere der Schüler, die vorher so nicht sichtbar waren. Julias Zweifel setzen einen Erkenntnisprozeß in Gang, der eine kritische, kluge und eigenwillige Persönlichkeit entläßt, die gelernt hat, andere Menschen zu verstehen.

Etwas anderer Natur sind die Probleme des Mädchens in Günter Görlichs Das Mädchen und der Junge von 1981. Das 14jährige Mädchen lernt ihren ersten Freund kennen. Für sie ist es ganz normal, jede Minute mit ihm zu verbringen, sich in allem nach ihm zu richten, seinem Geschmack, seinen Wünschen und ihn jederzeit zu erwarten. Die Klassenlehrerin macht das Mädchen als Erste aufmerksam: “In der Liebe aber darf man sich doch nicht selbst aufgeben!”[2] Am Ende muß das Mädchen lernen, zu sich selbst zu finden.

Wasseramsel von Wolf Spillner von 1984 ist ebenfalls eine Liebesgeschichte. Hier stehen Ulla, das Mädchen, und der Junge Winfried scheinbar auf verschiedenen Seiten eines Interessenkonfliktes. Winfrieds Vater hat seinen Einfluß als Generaldirektor eines Kombinats ausgenutzt, um in einem Naturschutzgebiet eine “Datsche” zu bauen und einen Wildbach zu einem Forellenteich anzustauen. Ulla hingegen bewundert ihren Lehrer Hansen, Naturschutzbeauftragter des Kreises, und unterstützt seine Versuche, dem Problem auf den Grund zu gehen. Beide, Ulla und Winfried, lernen, auch durch diesen Konflikt, sich selbst und anderen zu vertrauen.

2.2 Frauen- und Mädchenfiguren

Im Folgenden werde ich die wichtigsten Mädchen- und Frauenfiguren in den vorgestellten Büchern dahingehend untersuchen, welches Bild vom Weiblichen sie darstellen. Dabei ist es mir wichtig, zwischen Haupt- und Nebenfiguren zu unterscheiden.

2.2.1 Weibliche Nebenrollen

Oft erschöpft sich die Bedeutung der Mädchen und Frauen in Nebenrollen in Hilfsbereitschaft und als Belohnung oder Ansporn für die männlichen Helden. Eindeutig ist dies z.B. bei Irene in Frank und Irene. Irene sorgt sich um Frank, als dieser die Schule abbrechen will, und versucht, den Vater nach Hause zu holen, damit dieser Frank von seinem Entschluß abbringt. Sie sorgt zusammen mit ihrer Mutter für Franks Geschwister, sie kümmert sich um Frank, als er betrunken ist, sie versucht vergeblich, zwischen Franks “Partisanen” und Ede, einem Aufschneider, zu vermitteln, sie versucht, ihre Mutter und Franks Vater zu verkuppeln, sie besorgt einen “Verteidiger” für Frank und seine Freunde, als diese wegen einer Schwindelei für ihre Fahrerlaubnis auffliegen usw. Nicht zuletzt beeinflußt sie auch unbewußt Frank, der viel darüber nachdenkt, was sie tun würde, wie sein Verhalten auf sie wirkt und auch in der ganz “klassischen Version”: “Sie schaffte nicht viel, obwohl sie sich keuchend mühte. Doch keiner lachte. Ihr Wille zum Helfen brachte neuen Schwung in die Kolonne. Vor dem Mädchen wollte jeder stark sein.”[3] Birgit Dankert faßt zusammen: “Frank erfährt Liebe als Belohnung für gesellschaftlich nützliches Verhalten.”[4]

Ähnlich ist die Rolle der Karin in Den Wolken ein Stück näher. Die Handlung, von Klaus’ Standpunkt aus erzählt, dreht sich eigentlich um die Beziehung zwischen Klaus und dessen Klassenkameraden Heinz Mateja, die durch den Tod des Lehrers Magnus ebenfalls auf die Probe gestellt wird. Karin ist eine der ersten, die Klaus helfen, sich in die neue Klasse einzugewöhnen. Sie gehört auch zu denen, die der neuen Lehrerin Frau Morgenstern überhaupt eine Chance geben. Karin wird zur Vermittlerin zwischen Frau Morgenstern und der Klasse. In den Vorurteilen gegenüber der Lehrerin wird ein gesellschaftliches Vorurteil klar: Sie hat ein Kind, ohne verheiratet zu sein. Auch wenn es nicht ungewöhnlich ist (in der Klasse leben einige ohne ihre Väter), scheint es doch anstößig zu sein. Positiv bewertet Klaus nur Frauen und Mädchen wie Karin, Frau Morgenstern oder die eigene Mutter. Diese sind aktiv, kritisch und stellen sich Problemen, oft aber merkt Klaus, daß er sie und ihre Lebenskraft unterschätzt hat. Matejas Freundin Ulrike dagegen dient als Beiwerk zu einem Wettbewerb zwischen Mateja und Ulrikes Bruder, auch wenn Klaus sie indirekt mit als Ursache für diesen Wettstreit ansieht: “Am seltsamsten blieb Heinz für mich. Was war mit ihm passiert? Konnte es sein, daß man so durcheinanderkommt, wenn ein Mädchen im Spiel ist? Konnte schon, doch gleich so?”[5]

[...]


[1] Heinz Kuhnert, Kinderliteratur der DDR: Was bleibt?, in: Hermann Havekost, Sandra Langenhahn, Anne Wicklein (Hg.), Helden nach Plan?, Kinder- und Jugendliteratur zwischen Wagnis und Zensur, Oldenburg, 1993, S. 112.

[2] Günter Görlich, Das Mädchen und der Junge, Berlin, 1985, S. 95.

[3] Karl Neumann, Frank und Irene, Berlin, 1964, S. 220f.

[4] Birgit Dankert, Mädchenorientierte Kinder- und Jugendbücher der DDR, in: Hermann Havekost, Sandra Langenhahn, Anne Wicklein (Hg.), 1993, S. 284.

[5] Günter Görlich, Den Wolken ein Stück näher, Berlin, S. 230.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Frauenbild in der Jugendliteratur der DDR
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Seminar: War die DDR eine Frau?
Note
sehr gut (1,3)
Autor
Jahr
1998
Seiten
19
Katalognummer
V6731
ISBN (eBook)
9783638142366
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenbild, Jugendliteratur, Seminar, Frau, DDR
Arbeit zitieren
Ilka Borchardt (Autor), 1998, Das Frauenbild in der Jugendliteratur der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6731

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