Maria Stuart: Geschichtsdrama zwischen Metaphysik und Politik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung,

2.) Friedrich Schiller im Kontext seiner Zeit,

3.) Schillers Humanitätsideal - seine Philosophie der Freiheit
A) Schillers Auffassung von der Natur des Menschen, B) Schillers Lehre vom Schönen,
C) Schillers Lehre vom Erhabenen, D) Darstellung des Übersinnlichen als Aufgabe der Kunst,

4.) Anwendung von Schillers Philosophie auf „Maria Stuart“
A) Marias Entwicklung zum erhabenen Charakter, B) Elisabeth als Beispiel ex negativo des modernen Menschen,

5.) A) Schillers Geschichtsbild: poetische Wahrheit und historische Wahrheit, B) Poetische Wahrheit in „Maria Stuart“,

6. ) Konklusion,

7.) Inhaltsangabe,

1.) Einleitung

Die folgende Hausarbeit mit dem Titel „Geschichtsdrama zwischen Metaphysik und Politik“ ist in vier Hauptteile gegliedert, um so dem Thema gerecht zu werden.

Da Schillers Werk als Antwort auf die Herausforderung seiner Zeit gelesen werden muss und sich Schiller selbst, als „moderner“ Autor und Zeitbürger versteht, richtet sich im ersten Teil der Blick zunächst auf den zeitgenössischen Kontext. Was prägte das Bewusstsein Schillers zu der Zeit der Verfassung des Dramas? Wie beurteilte er die Geschehnisse seiner Zeit? Welche politische Ansicht vertrat er selbst? Dies sind Fragen, die in diesem Teil im Mittelpunkt stehen.

Des Weiteren sind die philosophischen Abhandlungen Schillers, besonders in Anbetracht des Aspekts der Metaphysik, für die Interpretation des Werkes unablässig, denn in diesem Werk setzt Schiller systematisch das in der Praxis um, was er zuvor theoretisch verfasst hat. So bildet die Philosophie Schillers, -sein Humanitätsbild, sein Freiheitsgedanke- den Schwerpunkt des zweiten Hauptteils, denn wie so richtig schon Goethe erkannte geht „durch Schillers alle (r ) Werke die Idee von Freiheit, und diese Idee nahm eine andere Gestalt an, so wie Schiller in seiner Kultur weiterging und selbst ein anderer wurde. In seiner Jugend war es die physische Freiheit, die ihm zu schaffen machte, und die in seine Dichtungen überging, in seinem späteren Leben die ideelle.“[1] Seine Idee der ideellen Freiheit steht hier im Mittelpunkt. Wie gelangt man zur Freiheit? Welche Rolle misst dabei die Kunst, bzw. das Theater?

Im dritten Hauptteil soll nun praktisch gezeigt werden, auf welche Weise Schiller seine Philosophie im Stück „Maria Stuart“ verarbeitet und wie er seine Kritik am eigenen Zeitalter im Drama zum Ausdruck bringt.

Der vierte und letzte Hauptteil setzt den Akzent auf den Aspekt der Geschichte. Warum wählte Schiller gerade ein „Geschichts“- Drama? Welches ist die „poetische Wahrheit“, die er hier vermitteln wollte? Welches Geschichtsbild besaß er dementsprechend? Was wollte er durch die Wahl des historischen Stoffes bezwecken? Auf all dies soll im letzen Teil näher eingegangen werden.

In der Konklusion werden die wichtigsten Thesen abschließend noch mal in knapper Weise zusammengefasst dargestellt.

2.) Friedrich Schiller im Kontext seiner Zeit

„Maria Stuart“ ist 1800 im engen Zusammenhang mit Schillers ästhetischen Abhandlungen erschienen. In dieser späten Schaffensphase seines Lebens war Kant sein intellektueller Mentor.

Es gibt zwei Gründe für die Hinwendung zu philosophischen und ästhetischen Theorien[2]: Zum einem litt Schiller ab 1791 bis zu seinem Tod an einer schweren Erkrankung der Lunge, die ihn arbeits- und gesellschaftsunfähig machte. Herzog Friedrich Christian von Augustenburg gewährte ihm ein Stipendium, die seine, sowie die Existenz seiner Familie sicherte. Die Krankheit hatte die Abwendung der akademischen Lehre zur Folge, war er noch zuvor dank der Förderung Goethes Geschichtsdozent in Jena. In der Tat war seine Antrittsvorlesung am 26. Mai 1789 unter dem Titel „Was heißt und zu welchem Zweck studiert man Universalgeschichte?“ ein riesiger Erfolg. Die begeisterten Studenten brachten dem bewunderten Professor nach der Vorlesung ein Ständchen und waren begeistert von dem aufklärerischen Optimismus, mit dem Schiller zu der Zeit noch die Geschichte als zielgerichteten Prozess begriff, der in den Bahnen des Fortschritts verläuft.

Als zweiten essentiellen Grund für Schillers Hinwendung zu philosophischen Schriften, ist die französische Revolution anzuführen. Diese hat geradezu zu einer Neubesinnung Schillers geführt, wobei anzumerken ist, dass Schiller zwar die Ziele der französischen Revolution immer akzeptiert hat, ihm jedoch die Mittel als inhuman und indiskutabel erschienen. Er deutete die Wendung zum Terreur als Sieg der niederen Instinkte des Menschen und als Beweis, dass das französischen Volk noch nicht fähig sei, politische Freiheit in einer Weise zu gebrauchen, die sie zu einer wirklichen Freiheit der Individuen führen könne. So kam es, dass Schiller die Ehrenbürgerschaft der französischen Revolution wegen der rebellischen Tendenzen in „die Räuber“ zu einem Zeitpunkt erhielt, an dem er die Hoffnung auf eine politische Verbesserung schon aufgegeben hatte.

Zu erwähnen ist hierbei jedoch die spezifische Ungleichzeitigkeit in Schillers Entwicklung: häufig verteidigt er Grundpositionen der Aufklärung in bestimmten Gebieten, während in anderen Bereichen bei ihm bereits schon früh eine grundlegende Infragestellung zu beobachten ist. Zum Beispiel ist die moralische Wirkung bei „die Räuber“ zweifelhaft, aber die Schaubühnenrede von 1784 steht voll im Sinn der aufklärerischen Wirkungsästhetik. So zeigen insgesamt die frühen Dramen Schillers die Krise des moralischen Bewusstseins im Kontext der Aufklärung, anstatt eine moralische Wirkung zu entfalten. Dies zeigt, dass Schiller schon früh die Verselbstständigung von Rationalität und Moral problematisierte, welche an den Grundlagen des bürgerlichen Selbstveständnis rüttelt.

Diese Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Ideal kann als Schillers Lebensthema betrachtet werden, die sich in seiner Persönlichkeit als eine Antinomie zwischen Skepsis und Idealismus, zwischen Desillusionierung und Enthusiasmus widerspiegelt.

Selbst in seinen Frühwerken unterzieht er etablierte Begriffe einer kritischen Reflexion. So beruhen zum Beispiel die aufgeklärten Raisonnements von Franz Moor in „die Räuber“ auf einem Minderwertigkeitskomplex, in „Don Carlos“ ist Marquis von Posa ein Freiheitskämpfer, der im Namen von Emanzipation und Freiheit manipuliert und integriert und damit das Ziel verfehlt. Diese Manipulation des Menschen im Dienste der Aufklärung einer universalen Idee ist das Symptom der Dialektik der Aufklärung.

Dies führt zur Kritik an seinem Zeitalter, was an folgenden Aussprüchen Schillers deutlich wird[3]:

“ Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte frohnen und alle Talente huldigen sollen. ”

“ Mitten im Schoße der raffinierten Geselligkeit hat der Egoismus sein System begründet (…) ”

Im Grunde geht Schillers Kritik auf Rousseaus Kulturkritik zurück, die davon ausgeht, dass die moderne Gesellschaft die Menschen nicht miteinander verbindet, sondern die einzelnen Individuen voneinander trennt, da Eigentum gebundene, konkurrierende Interessen materieller Natur herrschen[4]. Als Gegenbild setzt Schiller das antike Griechenland und greift in diesem Aspekt einen Gedanken Herders auf: die Neuzeit sei durch kulturelle und soziale Vielfalt und Ausdifferenzierung gegenüber der Geschlossenheit und Einheit der griechischen Welt bestimmt. Der zentrale Unterschied zwischen Neuzeit und Antike ist folgender: die Neuzeit ist durch fortgeschrittene Arbeitsteilung bestimmt, wohingegen in der Antike jedes Handwerk noch substantiell mit dem Ganzen verbunden ist. Doch die Trennung und berufliche Ausdifferenzierung, wie sie in der Neuzeit vorzufinden ist, führt zu Zerrissenheit, Abspaltung des Einzelnen vom Ganzen. Dennoch leugnet Schiller nicht den Fortschritt und Errungenschaften der Aufklärung- so konnten zum Beispiel die Unterwerfung unter die Natur und unter religiöse Dogmen konnten abgelegt werden- aber dennoch ist nicht zu vergessen, dass diese größere Freiheit und Entfaltung der Gattung und des Staates zu Lasten der Individuen geht.

Als Beispiel im Stücke der Maria Stuart lässt sich hier die englische Königin Elisabeth anbringen. Selbst für Elisabeth, als höchste Repräsentantin Englands, ist das höfische Leben eine Form menschlicher Denaturierung, denn der Ort der höfischen- gesellschaftlichen Macht erweist sich als Ort individueller und gesellschaftlicher Deformation. Somit wird die Welt des Hofes als Gegenbild einer humanen Gesellschaft porträtiert.

Schiller geht vom Menschen selbst aus, Mensch als die bewegende und lebendige Kraft alles geschichtlichen Seins; nicht der Prozess der Gesellschaft und des Staates als solcher ist Garant für den Fortschritt, sondern der Mensch selbst.

In einem Brief an Caroline von Beulwitz vom 27. November 1788 schreibt Friedrich Schiller diesbezüglich:

“ Der Staat ist nur eine Wirkung der Menschenkraft, nur ein Gedankenwerk, aber der Mensch ist die Quelle der Kraft selbst und der Schöpfer des Gedankens. ”[5]

So lehnt Schiller jede noch so vollkommene Staatsform ab, die an der Stelle der Menschheit den Staat als Selbstzweck setzt, denn der Mensch, der seine eigene Natur zugunsten einer abstrakten Vernunft auflöst, opfert seine konkrete wirkliche Existenz.

Deswegen muss Elisabeth scheitern, weil sie ihre private Natur unterdrückt und dadurch die humane Ganzheit verliert.

Somit ist nicht die Gesellschaft für Schiller Träger des Geschichtsprozesses, sondern der Einzelne. Ist der Mensch mit sich selbst und aus sich selbst einig, so wird der Staat “ bloß der Ausleger seines schönen Instinkts, die deutlichere Formel seiner inneren Gesetzgebung sein. ”

Schiller hält also an der unlösbaren Bindung von Mensch und Staat, Individuum und Gattung fest.

Betrachten wir diesbezüglich “Maria Stuart”, so lässt sich feststellen, dass sich das dramatische Geschehen überwiegend im politisch- öffentlichen Raum abspielt. Die Gegenläufigkeit des Politisch-Menschlichen wird somit vermieden.

Die beiden Bereiche werden als prinzipiell integrierbar dargestellt. Auf diese Weise übt Schiller Kritik an der als natürlich vorausgesetzten Trennung von privater und öffentlicher Sphäre, denn er lässt Individuum und Gesellschaft als prinzipiell versöhnbar erscheinen; dort wo sie auseinander treten, tritt menschliche Entfremdung auf.

3.) Schillers Humanitätsideal - seine Philosophie der Freiheit

3. a) Schillers Auffassung von der Natur des Menschen

Schillers Auffassung von der Natur des Menschen und seiner Humanität ist kritischer Bezugspunkt aller Schillerschen Vorstellungen von Kunst und Gesellschaft. Er geht davon aus, dass zwei Grundkräfte das menschliche Handeln und Verhalten bestimmen[6]. Der Mensch, so Schiller, sei gekennzeichnet durch sinnliches und sittliches Wesen, durch einen Bereich der stofflichen Natur und durch das Reich des Geistes. In der vergänglichen Sinnenwelt ist des Menschen Schicksals das Leid, sein sittlich-geistiger Trieb hingegen zeichnet das Dauernde in ihm aus. Da diese beiden gegensätzlichen Kräfte den Menschen konstituieren, befindet sich der Mensch Zeit seines Lebens im Zwiespalt derselben. Weder Vereinigung noch Aufhebung der einen durch die andere Kraft kann im Leben stattfinden. Dennoch versucht der menschliche Wille sich zu entscheiden, aber was er der einen der beiden Wesensmächte gewährt, raubt er der anderen. Doch erst wenn eine Verbindung von Instinkt und Verstand, von Stoff und Geist gelänge, fände der Mensch „Glückseeligkeit“, dann erst wäre das Wesen des Menschen, die „Idee seiner Menschheit“ vollkommen.

3. B) Schillers Lehre vom Schönen

Hier nun setzt seine Lehre vom Schönen und seine Lehre vom Erhabenen ein. In der Lehre des Schönen findet sich eine Möglichkeit für den Menschen, sein sowohl triebhaftes, als auch sein geistiges Wesen gleichermaßen zu entfalten. Dieser Weg führt in das Reich der Ästhetik. Im Anblick des Schönen, der Kunst, ist die Ganzheit des Menschen wiederhergestellt, denn der niedere Trieb und der geistige Trieb widersprechen sich nicht[7]. Im Kunstwerk besetzt der Mensch eine autonome Sphäre, die von der Entfremdung der empirischen Welt, wie von gesellschaftlichen und sozialen Zwängen der Gegenwart nicht betroffen ist. Auf diese Weise wird eine zeitweilige Erfahrung der Freiheit möglich: die Entfremdung der wirklichen Welt kann distanziert angeschaut werden, gleichzeitig besitzt sie durch Nachahmung wirklicher Konflikte genügend Nähe zu ihr. Es findet ein Spielen ohne Zweck statt, ohne Zwang und des Natur- und Sittengesetztes. So wird Abstraktes, Geistiges zu einem Bild im vergänglichen Stoff, Sinnliches verwandelt sich zugleich in Geistiges. Seine beiden Wesenszüge befinden sich schmelzend vereint, befinden sich für einen Augenblick in Harmonie. Schiller bezeichnet diese „Vermittlung“ zwischen Vernunfts- und Sinnentrieb als „Spieltrieb“[8]. In diesem Augenblick des Spielens in der Kunst nähert sich der Mensch an die Gottheit, denn in jenem Augenblick wo Tat und Zustand im spielenden Menschen versöhnt gegenwärtig sind, wird punktuell das realisiert, was in der Gottheit ein für allemal als Einheit vollendet ist. Was also in Gott einig ist, kann vom Menschen nur in Annäherung und zeitweise begrenzt erreicht werden. Daher kann nur eine relative Nähe zum Ideal erreicht werden.

[...]


[1] Goethe am 18.1.1827 zu Eckermann, zitiert nach: Köhnke, Klaus: Schillers «Maria Stuart» - philosophische Theorie und dramatische Praxis. In: Knobloch, Hans-Jörg/ Koopmann, Helmut (Hrsg.): Schiller Heute, Tübingen, S.105.

[2] Für Folgendes stütze ich mich auf: Hofmann, Michael: Schiller. Epoche- Werk- Wirkung, München 2003, S.20-24.

[3] Folgende Aussprüche sind zitiert nach: Harrmann, Hans-Peter: Friedrich Schiller, Maria Stuart., S.16.

[4] Für Folgendes stütze ich mich auf: Harrmann, Hans Peter: Friedrich Schiller. Maria Stuart, S.16- 18.

[5] zitiert nach: von Wiese, Benno: Schiller, S.456.

[6] Für Folgendes stütze ich mich auf die Einführung von Netolitzky, Reinhold in: Friedrich Schiller: Gesammelte Werke in fünf Bänden., Hrsg. von Reinhold Netolitzky, erster Band- Dramatische Dichtungen I, Eschwege 1958, S. 8.

[7] Für Folgendes stütze ich mich auf: Hofmann, Michael: Schiller. Epoche- Werk- Wirkung, München 2003, S.126- 128.

[8] Für Folgendes stütze ich mich auf: von Wiese, Benno: Friedrich Schiller, Stuttgart 1978, S.494.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Maria Stuart: Geschichtsdrama zwischen Metaphysik und Politik
Hochschule
Université Paris-Sorbonne (Paris IV)
Veranstaltung
Friedrich Schiller: Maria Stuart
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V67331
ISBN (eBook)
9783638603294
ISBN (Buch)
9783638810456
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
18 Punkte = sehr gut, nach franz. Notensystem, Arbeit ohne Seitenzahlen
Schlagworte
Maria, Stuart, Geschichtsdrama, Metaphysik, Politik, Friedrich, Schiller, Maria, Stuart
Arbeit zitieren
Anna-Katharina Seemann (Autor:in), 2006, Maria Stuart: Geschichtsdrama zwischen Metaphysik und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67331

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