Das "Andere" in Robert Musils Novelle "Grigia"


Seminararbeit, 2004

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der „andere Zustand“
1.a) Musils´ Erläuterungen über den normalen und den „anderen Zustand“,
über das ratioide und nicht-ratioide Gebiet
1.b) Die Dichtung als Vermittlungsebene
1.c) „Anderer Zustand“ und Weiblichkeit

2. „Grigia“
2.a) Entstehung, Erzählform und Zeitgestaltung des Textes
2.b) Thematik des Textes
2.c) Homos´ innere Verfassung zur Ankunft im Fersental
2.d) Die mystisch-ekstatische Offenbarung der Wiedervereinigung
2.e) Grigia- die Verkörperung des „Anderen“
2.f) Der Höhepunkt zur Zeit der Heuernte
2.g) Homos´ Tod

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Der „andere Zustand“

Ein zentrales Problem von Musils´ Schaffen war das des „anderen Zustands“, der nur in bestimmten Ausnahmezuständen, wie zum Beispiel in Traum, Trance, Rausch und Ekstase, erfahrbar ist.. In seinen Lektüren sucht Musil eine Bestätigung dieser Grunderfahrung. Das Suchen nach diesem Zustand kommt in zahlreichen Variationen im Werk zum Ausdruck, denn es ist ein Hauptanliegen Musils das in diesem Zustand auftretende Verhalten herauszufinden. Dies ist auch in seinem Triptychon der „Drei Frauen“ der Fall, weshalb wir uns zu Beginn mit dem Thema des anderen Zustands an sich beschäftigen und die Frage klären, was der andere Zustand überhaupt bedeutet. Weiterführend wird dann der Zusammenhang zur Dichtung und zur Weiblichkeit herausgearbeitet.

1. a) Musils´ Erläuterung über den normalen und den `anderen Zustand`, über das ratioide und nicht- ratioide Gebiet

Musil unterscheidet zwei Geisteszustände, die sich dualistisch zueinander verhalten.

In seinem Essay „Ansätze zu einer neuen Ästhetik, Bemerkungen über die Dramaturgie des Films“ beschreibt er wie folgt:

„Es scheint (...), dass sich durch die ganze Geschichte der Menschheit eine Zweiteilung zieht, in zwei Geisteszustände, die einander zwar mannigfach beeinflusst haben und Kompromisse eingegangen sind, sich jedoch nie recht gemischt haben. Den einen der beiden kennt man als den Normalzustand unserer Beziehungen zu Welt, Mensch und eigenem Ich.“

Dieser eine Geisteszustand, den Musil als den „Normalzustand“ bezeichnet, gehört der Welt der kausalen Zusammenhänge und rationalen Beziehungen an. Er kennzeichnet die rationale Logosphäre. Aus seinem eigenen Wortschatz entstammend bezeichnet er dies auch als das „ratioide Gebiet“, welches er als „alles wissenschaftlich Systematisierte, in Gesetz und Regeln Zusammenfassbare, vor allem als die physische Natur“ definiert. Das ratioide Gebiet, so Musil, sei beherrscht vom Festen und der nicht in Betracht kommenden Abweichung. Sie ist gekennzeichnet durch eine „gewisse Monotonie der Tatsachen.“ D.h., dass das ratioide Gebiet sich durch Regeln und systematisierte Sprache eindeutig beschreiben und vermitteln lässt. Dies beinhaltet sowohl positive als auch negative Aspekte. Positiv insofern, als das eine Notwendigkeit besteht, unserer Welt praktische Orientierung zu verleihen, welche durch Systeme gewährleistet wird, wofür das Metrische unabdingbar ist..

Der negative Aspekt ist durch die Gefahr gekennzeichnet, dem begrenzten praktischen Nutzen allein Bedeutung zuzuschreiben. Es darf nicht zum Dogmatismus und Positivismus zusammenschrumpfen und zum bloßen Nutzdenken und starren Ideengerüst abmagern.

Dem ratioiden Gebiet setzt Musil das nicht-ratioide Gebiet entgegen.

Wenn das ratioide Gebiet „das der Herrschaft der „Regel mit Ausnahmen“ ist, „so ist das nicht-ratioide Gebiet das der Herrschaft der Ausnahmen über die Regel.(...) Die Tatsachen unterwerfen sich nicht auf diesem Gebiet(..), die Geschehnisse wiederholen sich nicht, sondern sind unbeschränkt variabel und individuell.“ Es ist „das Gebiet der Reaktivität des Individuums gegen die Welt und die anderen Individuen (...), das Gebiet der Werte und Bewertungen, das der ethischen und ästhetischen Beziehungen.“

Dem nicht-ratioiden Gebiet gehört der andere Zustand an, den Musil auch „als den Zustand der Liebe, der Güte, der Weltabgekehrtheit, der Kontemplation, des Schauens, der Annäherung an Gott, der Entrückung der Willenlosigkeit“ und „ der Einkehr“ beschreibt.

Die Motivation, der Impuls, der hinter diesem Zustand steht, ist nicht dem kausalen und mechanisch notwendigem Zusammenhang unterlegen, sondern es resultiert vielmehr aus einer lebendigen Notwendigkeit, die den Menschen erweckt und aus dem Ganzen heraus sein Verhalten bestimmt. Die daraus resultierenden wesentlichen Erschütterungen rühren bis an den Grund des Seins und bestimmen von dort aus das Handeln des Einzelnen, das durch schöpferisches Verhalten bestimmt ist. Diese einmalige, absolute, nicht wiederholbare Erregtheit bezeichnet Musil als Erlebnis, nicht als Erfahrung. Dieser andere Zustand ist die höchste Stufe des Seins.

„Seine Einmaligkeit und Augenblicklichkeit nimmt er von allen bisher Gesagten aus, er hat überhaupt keine Tendenz zur Erfahrung zu werden, er erstreckt sich in einer anderen Dimension.“

Die Grenzen von Äußeren und Inneren heben sich auf, dieser Augenblick des anderen Zustands ist existentiell entscheidend: Das heißt, es muss als ursprüngliche Existenzebene verstanden werden, die heutzutage nur noch bruchstückhaft erfahrbar und fast unkommunizierbar ist.

„Gleichzeitig kennzeichnet ihn eine einzigartige Erregtheit durch das Leben. Der gewöhnliche Affekt oder die gewöhnliche Aktualität erlebter Zustände erscheinen im Vergleich mit ihr als etwas Peripheres, was nicht ans Innere reicht“

Dieses Grunderlebnis, was nicht vom Willen beherrscht und geschaffen ist, sondern wobei es sich um reine Zuständlichkeit handelt, kehrt in Religion, Liebe, Mystik, Ästhetik und Ethik immer wieder. Besonders in der frühen Kindheit und in Ausnahmeerlebnissen, wie in der Liebe, in Akten der Gewalt, im Kunsterleben, im Traum, in der Natur, im Erlebnis echter Mystik und im Schmerz wird dieses andere Erleben dem Menschen zugänglich.

Bei Musil erlangt dies nicht-ratioide „Bedeutungserlebnis“ erkenntnistheoretische Bedeutung.

Bemerkenswert dabei ist, dass Musil immer wieder die Wechselbeziehung zwischen Rationalität und Nicht-Rationalität betont. Die Gesetze des Seins sind sowohl rational als auch irrational erfahrbar, weshalb keines von beiden vernachlässigt oder als minder bedeutend angesehen werden sollte. Musils` Philosophie lehnt sich an der Platons an, indem er den Kosmos als Einheit , als Ganzes betrachtet, in der rationale und irrationale Erkenntnis dazu bestimmt sind sich zusammenzufügen um eine Einheit zu bilden. Die Erkenntnis des sinnvollen Zusammenhanges aller Dinge ist wesentlich. So schließt sich Musil weder den Naturalisten und Positivisten noch den Symbolisten und Romantikern an, sondern plädiert vielmehr für ein Zusammenfinden der getrennten Lebenshälften. Der Glaube an einer Idee der Einheit von Natur, Geistigem und Ästhetischen findet sich schon bei Kandinsky, Balázs, Goethe, Leibniz und wie schon gesagt, Platon wieder, deren Philosophie auch Musil inspirierte.

1. b) Die Dichtung als Vermittlungsebene

Für Musil ist die Kunst, in der auch die Dichtung mit inbegriffen ist, ein Teilstück der kosmischen Gesetzlichkeit, in der Pflanze, Tier, Mensch, Geist und Kunst eine einheitliche Welt bilden. Das Spezifische an der Kunst liegt jedoch darin, die einheitliche Bewegung der Vielstimmigkeit des Lebens zu umfassen und das verborgene, „andere“, bewegliche, schwebende Gleichgewicht zu gestalten. Der Kunst liegen jene Werte zugrunde, die nicht erklärt, sondern nachempfunden werden. Sie ruhen auf der Grundeigenschaft einer lebendigen Ganzheit und einer immanenten Ordnung. Somit unterliegt die Kunst nicht dem Gesetz der Logik und des Kausalen, sondern ihr Gesetz ist aufgebaut auf den inneren Mit- und Einfühlen und einem innerlichen Verstehen. Kunst fällt daher in das nicht- ratioide Gebiet. Auch das Lesen wird bei Musil zu einer Sache der „anderen“ Wahrnehmung, also des anderen Zustands. Die Eigentümlichkeit des mystischen Erlebnisses ist mit dem des Künstlerischen vergleichbar. Es zeichnet sich durch eine wesentliche Sprengung des normalen Erlebnisses und Aufhebung von Grenzen zwischen Innerem und Äußerem aus. Die Gefühle werden intensiviert und das Ichbewusstsein ändert sich, indem das Selbstwertgefühl sowohl erhöht als auch entwertet wird. Außerdem verschwinden Vorstellungsbilder, sowie das Gefühl für Raum und Zeit. Es ist gekennzeichnet durch eine Hingabe des Ichs an etwas, das größer ist als das Ich selbst und doch als Eigenstes gewertet wird. Charakteristisch für diesen Zustand ist die Unterbrechung des gewöhnlichen Bewusstseinsablaufs. Die Gedanken verselbständigen sich, sie erscheinen in anderer Form, wodurch Gedankenkombinationen entstehen, die im Noramalzustand nicht gelingen. Daraus resultiert eine innere schöpferische Bewegung, die neue Impulse schafft, wie auch eine Verdeutlichung eines Seelenlebens, das schon am Rande vorhanden war und nicht beachtet wurde, woraus eine Veränderung des Ichbewusstseins entsteht.

Das Schreiben bietet für Musil also eine Vermittlungsebene zwischen dem normalen und dem anderen Zustand. Die Bedeutung der Dichtung liegt darin, das sie das normale Leben verändert und bereichert und der Übergang von weltlichen Betrachtungen in schöpferisches Verhalten und seine Rückübersetzung gewährleistet ist. Dadurch geht der Zusammenhang mit der Wirklichkeit nicht verloren und bietet somit ein Sprungbrett zum Stets- Möglichen. Dem Dichter bietet es die Möglichkeit zu experimentieren, ohne das dabei etwas Festes oder eine Ideologie entsteht.

„Die Aufgabe des Dichters ist: immer neue Lösungen, Zusammenhänge, Konstellationen und Variabeln zu entdecken.“

So haben auch die Novellen der „Drei Frauen“ in ihrer Personenkonstellation und Geschehensabläufen den Charakter des Experiments.

Denn für Musil ist es die Aufgabe der Dichtung nicht „das zu schildern was ist, sondern das was sein soll oder (..) sein könnte, als eine Teillösung dessen, was sein soll.“

„Ich habe Dichtung einmal eine Lebenslehre in Beispielen genannt. Exempla docent. Das ist zuviel. Sie gibt Fragmente einer Lebenslehre.“

1. c) „Anderer Zustand“ und Weiblichkeit

Die sinnlichen und leiblichen Erfahrungen sind eng verbunden mit dem Bereich der Weiblichkeit, denn die Frau scheint durch ihre Kreatürlichkeit und Unintellektualität näher am Ursprung und am Zustand der Schöpfung als der Mann, der den Bereichen von Logos und Zweckrationalität näher steht. So stellen die Frauenfiguren in Musils´ Werk oft Positionen gesellschaftlicher Unverdorbenheit dar und bezeichnen somit den Raum außerhalb des männlich-rationalen Zugriffs. Besonders in seiner Novellensammlung der „Drei Frauen“ stellen diese den letzten Rest einer verlorengegangenen Ganzheitlichkeit dar, die allein in Tod und Erotik, als die letzten Residuen verdrängter Natur, noch erfahrbar sind. Musil argumentiert hier in der Tradition übernommener Geschlechterklischees, die im Gegensatz zum Männlichen, positiv besetzt sind. Die weiblichen Eigenschaften wie Passivität und Distanz bilden eine ideale Vorraussetzung für das Erlebnis des anderen Zustands. Sie bedeuten nicht ein Unbeteiligtsein des Ichs, sondern die unmittelbare Bezogenheit auf die Dinge, wobei nur „durch das Fehlen der Gebärden des Zupackens die Distanz aufrecht erhalten wird.“ Auch in „Grigia“ verkörpert die Frau das „Andere“, Ursprüngliche und führt den Mann hin zu seinem ureigensten Sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das "Andere" in Robert Musils Novelle "Grigia"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V67336
ISBN (eBook)
9783638593854
ISBN (Buch)
9783638810470
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Andere, Robert, Musils, Novelle, Grigia
Arbeit zitieren
Anna-Katharina Seemann (Autor), 2004, Das "Andere" in Robert Musils Novelle "Grigia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67336

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