Der Schatz im Silbersee - Eine Analyse der Figurenkonstellation im Hinblick auf die Hauptfigur in Karl Mays Reiseerzählung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Versuch einer Definition: Haupt- und Nebenfiguren

3. Die Suche nach den Haupt- und Nebenfiguren in der allgemeinen Forschungsliteratur
3.1 Die Suche nach den Haupt- und Nebenfiguren in der Sekundärliteratur über Karl May

4. Allgemeines zu den Figuren in Karl Mays Der Schatz im Silbersee
4.1 Die Suche nach der Hauptfigur in Karl Mays Der Schatz im Silbersee
4.1.1 Winnetou
4.1.2 Tante Droll
4.1.3 Old Shatterhand
4.1.4 Der „rote Cornel“ Brinkley

5. Abschließendes Resümee – Die Hauptfigur im Schatz im Silbersee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Analyse von Karl Mays Der Schatz im Silbersee konzentriert sich im Wesentlichen auf die Protagonisten des Abenteuerromans. Bei der Untersuchung der Figuren wird die Fragestellung im Vordergrund stehen, wer der zahlreichen Figuren in diesem Roman die Hauptfigur ist, und welche Charakterzüge und Handlungen die Figur zu einer solchen machen. Dabei stehen vor dieser Analyse mehrere Fragen, die zunächst beantwortet werden müssen. Muss sich eine Hauptfigur immer heldenhaft benehmen, um überhaupt in den Genuss einer Hauptfigur zu kommen? Muss eine Hauptfigur während des ganzen Stückes Mitwirkender an der Handlung sein? Oder ist es genau wie in der so beliebten Sportart, dem Fußball, dass am Ende eines Spiels immer derjenige der Held ist, der die meisten Tore geschossen hat? Reicht es für eine Figur aus, durch andere Werke des Autors die Beliebtheit der Leser an sich zu reißen, oder muss in jedem Werk der Glanz wieder neu entflammt werden? Hilft die Beliebtheit einer Figur bei den Lesern bei einer wissenschaftlichen Suche nach der Hauptfigur weiter? Diese und noch viele weitere Fragen stellen sich bei der Spur, die es zu finden gilt, wenn man eine Hauptfigur in einem großen Getümmel von Figuren sucht! Dabei ist es auch sehr interessant, durch einen Blick in ältere Sekundärliteratur einen Wandel zu verzeichnen, den die verschieden Protagonisten in Karl Mays Der Schatz im Silbersee durchlaufen. All diese Fragen und der Versuch sie zu beantworten ziehen sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Kapitel dieser Arbeit. Dabei werden einige mit Zufriedenheit beantwortet, andere bleiben jedoch unbeantwortet offen im Raum stehen, und bieten Anlass zu weiteren Untersuchungen. Diese Arbeit soll lediglich als Denkanstoß und Hilfe bei der Suche nach der Hauptfigur in Karl Mays Der Schatz im Silbersee dienen, nicht zu einer eindeutigen Beantwortung dieser Frage führen.

2. Versuch einer Definition: Haupt- und Nebenfiguren

Die Literaturlage lässt es nicht zu, eine Definition von Haupt- und Nebenfiguren in literarischen Texten herzuleiten. Daher ist es notwendig, durch die Heranziehung von Forschungsliteratur der der Literaturwissenschaft verwandten Disziplinen eine Herleitung vorzunehmen. Es bietet sich vor allem die Forschungsliteratur der Theaterwissenschaft an. Gewissermaßen über einen solchen „Umweg“ lassen sich Definitionen von Haupt- und Nebenrollen auf Definitionen von Haupt- und Nebenfiguren in literarischen Texten, freilich nicht ohne gewisse definitorische Probleme und Überschneidungen, übertragen.

In Theaterlexika wird als „Held“ zunächst diejenige der Figuren in Theaterstücken bezeichnet, die „Hauptperson eines Stückes“ ist.[1] Das heißt jedoch nicht zwangsläufig, dass ein „Held“, wie es die Bezeichnung Glauben machen könnte, auch heldenhafte Eigenschaften besäße. Diese zeitgenössische Definition weicht beispielsweise von solchen des Barock des 16. und 17. Jahrhunderts eklatant ab: Hier galt als „Held“ diejenige der Figuren, die durch eine hohe soziale Stellung, durch Willenskraft und vorbildhaftes heroisches Auftreten gekennzeichnet war. In heutiger Zeit wird auch eine „, unheldisch‘ auftretende Hauptfigur als Held bezeichnet“.[2] Durch die Einführung des sog. „Antihelden“, der eben nicht jene beschriebenen positiven Eigenschaften bzw. nicht über einen hohen sozialen Stellenwert verfügt, können als „Helden“ auch die Figuren gelten, die für schlechte Eigenschaften wie zum Beispiel Untätigkeit stehen. Da im Laufe des 20. Jahrhunderts in Theaterstücken eindeutige Charaktere, die durch ihr Tun hervorstechen, immer mehr zur Ausnahme wurden, ging man in der Theaterwissenschaft dazu über, nach den konkreten Aufgaben und dem Stellenwert für den Verlauf des Stückes zu fragen; daher wird seitdem neutraler von „Figur“ gesprochen: Eine „Hauptfigur“ ist nach dieser Definition also die Figur, die durch „Aufgaben [und] den Stellenwert […] im Gesamtzusammenhang des Stückes“ besonders hervorsticht. Hinter die Hauptfigur treten die „Nebenfiguren“: Während die Hauptfigur die höchste dramaturgische Funktion innerhalb eines Stückes aufweist, haben die Nebenfiguren untergeordnete Funktion im Stückganzen. In Ermangelung von Definitionen für Haupt- und Nebenfiguren in literarischen Texten mag diese Definition aus der Theaterwissenschaft stellvertretend für literarische Texte verwendet werden. Wenn ein literarischer Text für ein Bühnenschauspiel umgearbeitet wird, könnte man die dargestellte Definition auf eben diesen literarischen Text anwenden. Das Problem, das bei einer solchen Übertragung zutage tritt, ist folgendes: Auf einer Theaterbühne kann eine Hauptfigur auf mehrere Arten hervorgehoben werden. Durch Dinge wie Beleuchtung, Akustik, Kostüme, Mimik und Gestik kann eine Figur sehr leicht in den Mittelpunkt eines Stückes gelenkt werden. Die verschiedensten Effekte erzeugen auf der Bühne eine besondere Wirkung für das Publikum.[3] Das Theater bietet also viele Disziplinen, die eine Situierung von Figuren vereinfacht.[4] Diese Situierung hilft den handelnden Figuren, den Inhalt des Stückes voranzutreiben, somit erhöht sie die dramaturgische Funktion der Figur. In literarischen Texten ist eine solche Hervorhebung lediglich durch das geschriebene Wort zu vollziehen. Ein hohes journalistisches Maß ist dafür von Nöten, kann aber dennoch durch die Art des Schreibens vollzogen werden. Da diese Übertragung vom Theater auf Literatur möglich ist, kann die Definition von Haupt- und Nebenfiguren für beide Sparten geltend gemacht werden – die definitorischen Probleme fallen also zunächst in den Hintergrund. Abschließend ist nun zu der Definition von Haupt- und Nebenfiguren zu sagen: Eine Hauptfigur muss nicht, wie man es zunächst vermutet, durch vorbildhaftes, heldenmütiges Auftreten in den Mittelpunkt einer Erzählung gerückt werden. Um die Hauptfigur eines Stückes zu werden, muss die Figur durch ihr aktives, positives oder negatives Handeln, das Stück vorantreiben und für den Zusammenhalt des inneren Rahmens sorgen. Sie hat also einen großen Stellenwert für den Gesamtzusammenhang des Stückes. Die Nebenfiguren sind gegensätzlich lediglich für den Inhalt des Stücks von großer Bedeutung, jedoch nicht für den Zusammenhalt des Geschehens. Sie sind eher im Hintergrund situiert und nur für Teile des Stückganzen aktive Mitwirkende für den Inhalt.

3. Die Suche nach den Haupt- und Nebenfiguren in der allgemeinen Forschungsliteratur

Als Leitfaden für dieses und die nächsten Abschnitte dient zunächst der Versuch der Definition von Haupt- und Nebenfiguren aus dem zweiten Kapitel. Danach kommen in die engere Wahl bei der Suche folgende Figuren: Old Firehand, Old Shatterhand, Winnetou, der Rote Cornel Brinkley, der Indianer Nintropan-hauey und Tante Droll. Dies ist zunächst eine grobe Vorauswahl, aber bei all den anderen Figuren kann, nicht unstrittig aber dennoch auf einem sicheren Weg, davon ausgegangen werden, dass sie der Gruppe der Nebenfiguren zugeordnet werden können. In der allgemeinen Forschungsliteratur zu Figuren in der Literatur ist zunächst erkennbar, dass hier lediglich von Old Shatterhand und Winnetou die Rede ist.[5] Es geht in dieser Literatur um literarische Gestalten im deutschsprachigen Schrifttum, und der Rote Cornel Brinkley wird hier beispielsweise völlig außer Acht gelassen. Die Frage ist nun, ob dies ein Indiz dafür ist, dass der Rote Cornel bei einer Suche nach der Hauptfigur völlig in den Hintergrund rückt, denn Old Shatterhand und Winnetou werden hier wie folgt beschrieben:

„[Old Shatterhands] Fairneß bei den Kämpfen mit den Apachen führt zu einer Freundschaft mit […] Winnetou […][6], und Winnetou als der unsterbliche edle Wilde, der junge Häuptling der Apachen wird als Roter Gentleman gesehen.“[7]

Diese positiven Beschreibungen der beiden Figuren können nach der in Kapitel 2 vorgenommenen Definition von Haupt- und Nebenfiguren nicht dafür sorgen, dass sie in die engere Wahl bei der Suche nach der Hauptfigur genommen werden. Danach darf es nicht möglich sein, eine Figur Hauptfigur zu nennen, die vorbildhaft und heroisch handelt. Ob ihre Namensnennung und Beschreibung in der Literatur ein Nachweis für ihre Wichtigkeit in der Literatur ist, sei zunächst in den Raum gestellt. Einen großen Stellenwert für das Ganze des Stückes haben neben diesen Figuren nämlich auch zum Beispiel Old Firehand, der Große Bär und der Rote Cornel Brinkley. Jetzt ist es notwendig, nicht über allgemeine Literatur, sondern über Literatur die sich speziell mit dem Stück Der Schatz im Silbersee von Karl May auseinandersetzt, den Stellenwert der Figuren für das Stück und seinen Inhalt zu ermitteln.

3.1 Die Suche nach den Haupt- und Nebenfiguren in der Sekundärliteratur über Karl May

Auf Grundlage der vorangegangenen Überlegungen über die Wichtigkeit der Haupt- und Nebenfiguren in der allgemeinen Forschungsliteratur soll es in einem weiteren Schritt darum gehen, zu hinterfragen, welches Gewicht die Sekundärliteratur zu den Werken Mays auf die einzelnen Figuren legt. Diese Gewichtung ist für die Suche nach den Hauptfiguren, die in Kapitel 2 versucht worden ist zu definieren, sehr wichtig, da nur sehr wichtige Figuren eine hohe dramaturgische Funktion besitzen. Einen unverzichtbaren Überblick über das Leben und die Werke Karl Mays bietet sicherlich das Karl-May-Handbuch. Hier schreibt Erich Heinemann, dass Karl May in der Erzählung Der Schatz im Silbersee „weniger das Gewicht auf Einzelhelden legt, sondern mehr auf die vier agierenden Gruppen, die er paarweise nach „gut“ und „böse“, […] trennt.“[8] Nach dieser These könnte davon ausgegangen werden, dass eine weitere Suche nach der Hauptfigur in dem Werk sinnlos erscheint, da hier nicht die Rede von einer Figur ist, die hervorsticht. Nach Heinemann ist der Schwerpunkt in der Figurenkonstellation folgendermaßen zu erklären: Die Firehand- und die Shatterhand-Gruppe vertreten das „Gute“, wohingegen die Tramps und die Utah-Indianer das „Böse“ verkörpern. Die „Bösen“, wie Heinemann sie nennt, kämpfen jedoch nicht nur gegen die „Guten“, sie bekriegen sich auch untereinander. Also stehen all diese vier Gruppen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander, ohne dass dabei eine Gruppe eine besondere Gewichtung einnimmt. Sogar der Apache Winnetou, der rote Gentleman, „erstrahlt nicht im gewohntem Glanze.“[9] Miteinander verknüpft werden sie lediglich durch das „Schatzmotiv“, nicht durch figurenbezogene Handlungen.[10] Und tatsächlich gibt es auch einige Indizien für Heinemanns These: Nicht allein, dass der Schatz Teil des Titels ist, und damit dem Leser eine gewisse Tendenz vorgibt – erscheint der Schatz das Element zu sein, dass alle Handlungsstränge zusammenführt. Der Raub der Schatzkarte ist Ausgangspunkt für eine Verfolgungsjagd quer durch Amerika, und damit eine Zusammenführung aller agierenden Figuren. Der Schatz, auch wenn er am Ende des Werkes eher unspektakuläre wirkt, scheint die komplette Handlung voranzutreiben. Ohne dieses funkelnde Metall gäbe es keine Handlung, keine Verfolgungsjagden würden stattfinden, und keine für Karl May typische „Aufwärtsbewegung“ würde in die Rocky Mountains führen.[11] Nach der in Kapitel 2 vorgegebenen Definition scheint das „Schatzmotiv“ genau wie eine handelnde Figur alle Merkmale einer Hauptfigur besitzen. Es treibt die Handlung voran und sorgt für den inneren Zusammenhalt der Handlung. Was dagegen spricht ist einzig und allein, dass es sich bei dem Schatz nicht um eine Figur handelt, die dieses Vorantreiben durch aktives, positives oder negatives Handeln bewirkt. Das „Schatzmotiv“ ist hier lediglich ein anderer Ansatzpunkt wenn es darum geht, wichtige Motive für den Inhalt des Stückes zu suchen.

[...]


[1] Lothar Schwab, Richard Weber: Theaterlexikon. Frankfurt am Main 1991, S. 152.

[2] Ebd.

[3] Unter der Definition von „Effekten“ wird besonders hervorgehoben, auf welche Art und Weise es auf der Theaterbühne möglich ist, Dinge bzw. Personen in den Vordergrund zu versetzen. Vgl.: Lothar Schwab, Richard Weber: Theaterlexikon. Frankfurt am Main 1991, S. 101.

[4] Andreas Kotte: Theaterwissenschaft. Eine Einführung. Köln, Weimar, Wien 2005. S. 96.

[5] Annemarie van Rinsum: Lexikon literarischer Gestalten. Deutschsprachige Literatur. Stuttgart 1988.

[6] Ebd. S. 426.

[7] Ebd. S. 492.

[8] Erich Heinemann: Der Schatz im Silbersee. In: Karl-May-Handbuch. Hg. v. Gerd Ueding, Stuttgart 1987, S. 342-348, hier S. 345.

[9] Ebd.

[10] Ebd., S. 346.

[11] Hermann Wohlgschaft: Große Karl-May-Biographie. Leben und Werk. Paderborn 1994, S. 265.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Schatz im Silbersee - Eine Analyse der Figurenkonstellation im Hinblick auf die Hauptfigur in Karl Mays Reiseerzählung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V67358
ISBN (eBook)
9783638603416
ISBN (Buch)
9783638793544
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schatz, Silbersee, Eine, Analyse, Figurenkonstellation, Hinblick, Hauptfigur, Karl, Mays, Reiseerzählung
Arbeit zitieren
Imke Duis (Autor), 2005, Der Schatz im Silbersee - Eine Analyse der Figurenkonstellation im Hinblick auf die Hauptfigur in Karl Mays Reiseerzählung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67358

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