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Irritationsstrategien und Störfaktoren in Wedekinds Lulu-Dramen

Titel: Irritationsstrategien und Störfaktoren in Wedekinds Lulu-Dramen

Hausarbeit (Hauptseminar) , 2007 , 22 Seiten , Note: 1,3

Autor:in: Michael Bee (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Die hochgradige Artifizialität der Lulu-Tragödie ist von Wedekind-Philologen, die sich einer forcierten Lektüre verschrieben haben, in den letzten drei Jahrzehnten vielfach hervorgehoben worden. Von „Leerstelle“, „weiße[r] Fläche“ oder „Spiegel männlicher Weiblichkeitsbilder“ ist die Rede, wenn die Protagonistin der beiden Dramen in den Blick gerückt wird. Solche ‚offenen Lesarten’ markieren eine vehemente Abwehrhaltung gegenüber Interpretationen, die in der Figur der Lulu wahlweise eine „Femme fatale“ und „Hetäre“, ein Opfer des wilhelminischen Patriarchats, eine Vorreiterin weiblicher Emanzipation oder eine „Trägerin einer allgemein- menschlichen Moral“ sehen wollen. Denn die „auf Abgeschlossenheit und Endgültigkeit insistierenden Interpretationen ignorieren, indem sie die Figur eindeutig festlegen wollen, die Gebrochenheit, in der die konventionalisierten Bilder des Weiblichen im Stück präsentiert werden.“

Die Vorteile dieser vornehmlich feministisch geprägten Herangehensweise liegen auf der Hand: Die genuin hermeneutische Kategorie der psychologischen Wahrscheinlichkeit verliert an Relevanz, während die Modernität des Textes, seine fragmentarische Struktur und Inkohärenz fokussiert werden kann. Gleichwohl ist den genannten Untersuchungen gemein, dass das Thema der Sexualität bisweilen strapaziert wird. Selbstverständlich nimmt Lulus sinnliche Weiblichkeit – ihre Promiskuität, ihre unkontrollierten Triebe, ihr laszives Spiel mit ihren Liebhabern - eine prominente Position innerhalb des Dramas ein. Eine Reduktion des Textes auf diese Elemente unterschlägt jedoch weitgehend, dass plot, Figuration und einzelne Handlungselemente in ähnlicher Weise unbestimmt bleiben und erst in ihrer Ambivalenz angemessen zu verstehen sind.

Ich möchte in dieser Hausarbeit versuchen, einige dieser ‚strukturellen Leerstellen’ offen zu legen und ihre Produktivität für die Rezeption des Dramas darzustellen. Dieser Fragestellung liegt die Annahme zugrunde, dass der Autor Strategien der Irritation und Störung verwendet, welche Erwartungshaltung und Hypothesenbildung des Rezipienten bewusst unterlaufen.8 Gleichermaßen soll gezeigt werden, in wie weit diese Irritationsstrategien die Oppositionshaltung Frank Wedekinds gegenüber naturalistischer Dramentheorie- und praxis konstituieren.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Die Produktivität ‚struktureller Leerstellen’

I. Zur Modernität der verschiedenen Textstufen

II. Der Prolog des Erdgeist

1. Irritierende Selbstverständlichkeiten

2. Der Zuschauer als Raubtier

3. Naturalistische Dramentheorien als Kontrastfolie

III. Irritation und Störung

1. Defizitäre Informationsvergabe

2. Väter und Geliebte: Beispiele unaufgelöster Leerstellen

IV. Schluss: Lulu und Fin de Siècle

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetischen Strategien der Irritation und Störung in Frank Wedekinds Lulu-Dramen (Erdgeist und Die Büchse der Pandora). Ziel ist es aufzuzeigen, wie Wedekind durch gezielte Informationslücken und den bewussten Einsatz von „strukturellen Leerstellen“ die Erwartungshaltung des Rezipienten unterläuft und sich damit von naturalistischen Dramentheorien seiner Zeit abgrenzt.

  • Analyse der Funktion des Prologs im Erdgeist als metakommunikatives Instrument.
  • Untersuchung der Rezeptionsdynamik durch defizitäre Informationsvergabe innerhalb des Handlungsverlaufs.
  • Diskussion der Bedeutung von unaufgelösten Leerstellen (z. B. der ungeklärte Status von Schigolch).
  • Kontextualisierung von Wedekinds Dramaturgie im Spannungsfeld der literarischen Strömungen des Fin de Siècle.

Auszug aus dem Buch

II. 2. Der Zuschauer als Raubtier

„Wißt ihr den Namen, den dies Raubtier führt? - - / Verehrtes Publikum - - Hereinspaziert!!“ (E, Prolog, S.10) – mit diesen Worten verlässt der Tierbändiger zum Ende des Prologs die Bühne und leistet sich durch raffinierte Rhetorik eine nicht unwichtige Provokation voller Ironie und Selbstreflexion. Denn was bei einer oberflächlichen Lektüre als wiederholte Anrede des Zuschauers gewertet werden könnte, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als unmittelbare Antwort auf seine Frage. Nicht die Affen, Tiger, Bären und Kamele – kurz: die wilden Kreaturen – sind die Hauptattraktionen seines Spektakels, sondern das Publikum selbst, in dessen ‚Rachen’ der Dompteur seinen Kopf steckt. Es geht bei dieser Anspielung nicht zwangsläufig darum, in welchem Maße der Autor/Tierbändiger vom Wohlwollen des Zuschauers abhängig ist, auch wenn Wedekind dadurch die Unwägbarkeiten dramatischer Produktion reflektiert und den anwesenden Theaterkritikern ironisch den Spiegel vorsetzt.

Vielmehr – so meine These – kommt in diesem Bild eine zentrale dramatische Zielkategorie zum Ausdruck: Indem der Tierbändiger das Publikum zum Raubtier stilisiert, generiert eine eine ganz neue rezeptionsästhetische Programmatik: Der Rezipient wird vom passiven Objekt des dramatischen Geschehens zum Subjekt der Inszenierung. Dieser Statuswechsel impliziert, dass dem Rezipienten eine intensive Lektüre-Arbeit zugemutet wird, er gewissermaßen zum ‚Auffüllen’ der Leerstellen genötigt wird, um den Text bewältigen zu können. Hinter der Metaphorik des „Raubtiers“ verbirgt sich also nicht ausschließlich die „Sensationslust des Volkes und des Pöbels, die Lust an Unterhaltung und am Leben selbst“, Eigenschaften, die einem Zirkuspublikum zugeschrieben werden könnten.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Produktivität ‚struktureller Leerstellen’: Die Einleitung führt in die Problematik der Interpretation von Wedekinds Dramen ein und definiert das Forschungsziel, die Modernität des Textes durch seine fragmentarische Struktur zu erklären.

I. Zur Modernität der verschiedenen Textstufen: Dieses Kapitel erörtert die unterschiedlichen Textfassungen der Lulu-Dramen und ordnet die Bearbeitung der Urfassung als Abstraktionsprozess ein.

II. Der Prolog des Erdgeist: Hier wird der Prolog als wichtiges Paratext-Element analysiert, das die Aufmerksamkeit des Publikums steuert und die naturalistische Dramentheorie parodiert.

III. Irritation und Störung: Der Hauptteil untersucht konkrete Strategien der Verunsicherung durch Informationslücken sowie das Figurenkonzept, insbesondere am Beispiel von Schigolch.

IV. Schluss: Lulu und Fin de Siècle: Das Fazit stellt die Dramen in den größeren literaturhistorischen Kontext der Jahrhundertwende und betont ihre Bedeutung für eine avantgardistische Dramaturgie.

Schlüsselwörter

Frank Wedekind, Lulu-Dramen, Erdgeist, Die Büchse der Pandora, strukturelle Leerstellen, Irritationsstrategien, Naturalismus, Rezeptionsästhetik, Fin de Siècle, Schigolch, Informationsvergabe, Dramentheorie, Avantgarde, Bühnenästhetik, Theaterreform.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht die dramaturgischen Mittel, mit denen Frank Wedekind in seinen Lulu-Dramen Erwartungen des Publikums gezielt stört und traditionelle Erzählmuster aufbricht.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Im Zentrum stehen die Konzepte der Irritation, der gestörten Informationsvergabe und die bewusste Konstruktion von „Leerstellen“, die den Rezipienten zur aktiven Sinnstiftung zwingen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Ziel ist es, die Produktivität dieser „strukturellen Leerstellen“ für die Rezeption nachzuweisen und zu zeigen, wie sich Wedekind damit von der naturalistisch-illusionistischen Dramatik seiner Zeit abgrenzt.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Die Arbeit nutzt rezeptionsästhetische Ansätze und literaturwissenschaftliche Textanalyse, um die Wirkung der dramatischen Gestaltungselemente auf das Publikum zu untersuchen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?

Der Hauptteil analysiert den Prolog des Erdgeist als Steuerungsinstrument, die durchgehende Methode der verzögerten oder vorenthaltenen Information sowie spezifische Figurenbeispiele wie Schigolch.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind „Strukturelle Leerstellen“, „Modernität“, „Anti-Naturalismus“, „Rezeptionsästhetik“ und „Dramaturgie des Bruchs“.

Inwiefern spielt der Prolog des Erdgeist eine Rolle für die These des Autors?

Der Prolog wird als Instrument identifiziert, das den Zuschauer zunächst in eine falsche Sicherheit wiegt, um ihn dann durch die Metaphorik des „Raubtiers“ und den Revolverschuss aus seiner passiven Konsumhaltung zu reißen.

Warum ist die Figur des Schigolch für die Untersuchung so relevant?

Schigolch fungiert als ein exemplarisches Beispiel für eine unaufgelöste „Leerstelle“. Sein unklarer familiärer Status und seine mysteriöse Rolle im Drama verhindern eine einfache, psychologische Interpretation des Stücks.

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Details

Titel
Irritationsstrategien und Störfaktoren in Wedekinds Lulu-Dramen
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
'bis zur Krankheit voll unrealisierter Möglichkeiten': Berlin, München, Wien um 1900
Note
1,3
Autor
Michael Bee (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V67415
ISBN (eBook)
9783638603744
ISBN (Buch)
9783638672009
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Irritationsstrategien Störfaktoren Wedekinds Lulu-Dramen Krankheit Möglichkeiten“ Berlin München Wien
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Michael Bee (Autor:in), 2007, Irritationsstrategien und Störfaktoren in Wedekinds Lulu-Dramen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67415
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  22  Seiten
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