Das Doppelgebot der Liebe - Eine sozialgeschichtliche Auslegung von Mt 22, 34-40


Seminararbeit, 2004

30 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Textanalyse
2.1 Allgemeine Informationen zum Matthäusevangelium
2.2 Bestimmung der literarischen Gattung
2.3 Textgrenzen und Gliederung
2.4 Übersetzungsvergleich

3. Der literarische Zusammenhang
3.1 Verfasserschaft
3.2 Synoptischer Vergleich

4. Geistes- und religionswissenschaftliche Einordnung

5. Sozialgeschichtliche Analyse
5.1 Eigene Beobachtungen zu Mt 22, 34-40
5.2 Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Kommentaren

6. Gesamtinterpretation

7. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für meine[1] Hausarbeit im Exegetischen Proseminar habe ich als Bibelstelle Mt 22, 34-40 ausgewählt. In dieser Perikope wird Jesus von einem Pharisäer nach dem wichtigsten Gebot gefragt, worauf dieser das Doppelgebot der Liebe (Gottes- und Selbst-/Nächstenliebe) nennt.

Bei der Interpretation dieser Perikope orientiere ich mich an den im Skript zum Exegetischen Proseminar angegebenen Arbeitsschritten: Am Anfang steht eine Textanalyse, in der ich die sprachliche Gestaltung, die Übersetzung sowie die literarische Gattung und die Textgrenzen herausarbeite. Anschließend folgen eine Einordnung der Perikope in ihren literarischen Zusammenhang sowie eine geistes- und religionswissenschaftliche Einordnung des Textes und eine sozialgeschichtliche Analyse, in der ich mich auf drei wissenschaftliche Kommentare beziehe. In einer Gesamtinterpretation fasse ich die in den vorangehenden Kapiteln erhaltenen Ergebnisse zusammen und nehme selber Stellung dazu.

Da die Begriffe „Altes“ und „Neues“ Testament auch als für Juden diskriminierende höhere Bewertung des Neuen Testaments verstanden werden können, es jedoch noch keine allgemein akzeptierten Alternativen gibt, verwende ich in dieser Arbeit anstelle des Ausdrucks „Altes Testament“ den Begriff „Hebräische Bibel“, der nicht die Assoziation hervorruft, das Alte Testament sei weniger wichtig und überholt. Für „Neues Testament“ gibt es leider keine Alternative, so dass ich diesen Begriff beibehalte.

Als biblische Grundlage verwende ich in meiner gesamten Arbeit die Lutherübersetzung in der Revision von 1984.[2] Sofern ein Bibelzitat keine Fußnote mit einer anderen Quellenangabe besitzt, ist es aus der Lutherübersetzung zitiert.

2. Textanalyse

In diesem Kapitel analysiere ich die Perikope im Hinblick auf ihre Rahmendaten, wie z.B. die Einordnung der Textgrenzen, die Bestimmung der literarischen Gattung, die sprachliche Gestaltung und die Übersetzung.

2.1 Allgemeine Informationen zum Matthäusevangelium

Das Matthäusevangelium ist das erste und umfangreichste der vier kanonischen Evangelien.[3] Vermutlich entstand es in den Jahren um 80 n. Chr. [nach Bull: zwischen 80 und 90 n-Chr.][4] in Palästina oder Syrien und wurde in griechischer Sprache verfasst.[5] Als Verfasser wurde traditionellerweise Matthäus, ein Jünger Jesu, überliefert.[6] Heute gilt jedoch eine andere Theorie als gesichert, die Zwei-Quellen-Theorie, auf die ich in Kap. 5.1 näher eingehe.

Tabelle 1: Gliederung des Matthäusevangeliums[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Verfasser ordnet sein Material thematisch: Fünf große Reden prägen das Evangelium, die Bergpredigt (5-7), die Aussendungsrede (10), die Gleichnisrede (13), die Gemeinderegel (18) und die Doppelrede gegen die Pharisäer und von den letzten Dingen (23-25).[8] Nach jeder Rede steht eine fast gleichlautende Wendung („und es begab sich, als Jesus […] vollendet hatte, dass er […]“; z.B. in 7,28; 11,1; 13,53; 19,1; 26,1), um diese Abschnitte besonders hervorzuheben.[9]

2.2 Bestimmung der literarischen Gattung

Wie schon aus der Bezeichnung „Matthäusevangelium“ zu erkennen ist, ist diese Matthäusperikope der Gattung „Evangelium“ zuzuordnen. Unter Evangelium versteht man einen „Erzähltext […]“, der „mit einer bestimmten theologischen Absicht vom Auftreten Jesu und von seinem Sterben und Auferstehen erzähl[t].“[10] Der Begriff stammt aus dem Griechischen; dort steht das Wort „ευαγγέλιον[11] “ nicht für die literarische Gattung, sondern „es meint die Heilsbotschaft selbst“[12]. Erst seit dem 2. Jahrhundert wird „ευαγγέλιον“ zur Bezeichnung der Bücher, die über Jesus und seine Verkündigung berichten, verwendet.[13] Diese literarische Gattung existiert jedoch nur im Kontext der christlichen Religion, da andere, nichtreligiöse Berichte über Personen eher als Biographien zu bezeichnen sind.[14] Auf Biographien treffen folgende Merkmale der christlichen Evangelien nicht zu:

Die Person des Verfassers ist nicht direkt erkennbar; das Wirken des „Helden“, also Jesu von Nazareth, beginnt nicht mit seinem ersten öffentlichen Auftreten (Mk 1,9) und wird nicht biographisch dargestellt, denn es geht gar nicht um eine zusammenhängende Beschreibung des Lebens Jesu und um eine Darstellung seines Charakters. Der im Vordergrund stehende Gesichtspunkt ist vielmehr das Wirken Jesu als des Gottessohnes (Mk 1,1.11; 15,39) in Werk, Lehre und Leiden; die Erkenntnisse sind eigentlich nur unter diesem Gesichtspunkt von Interesse.[15]

Es gibt daher keine Entsprechung in anderen Gattungen außerhalb des christlichen Rahmens, da die Evangelien „die Überlieferung von Jesus unmittelbar aus der Perspektive des Glaubens an ihn als den Erlöser gestalten und so nach dem Willen ihrer Verfasser eben nicht nur Erzählung, sondern zugleich und vor allem Verkündigung sein sollen.“[16]

2.3 Textgrenzen und Gliederung

Da die Überschriften und die Kapiteleinteilung in der gesamten Bibel nicht aus dem Originaltext stammen, sondern im 13. Jahrhundert vom Kardinal und Erzbischof von Canterbury, Stephan Langton, vorgenommen wurden[17], sind die Textgrenzen nicht so deutlich, wie man es auf den ersten Blick vermuten würde. Schon in Vers 34 bezieht sich der Verfasser auf ein vergangenes Ereignis, nämlich, dass „er [Jesus] den Sadduzäern das Maul gestopft hatte“. Diese Begebenheit wird in den Versen 23-33 geschildert; und auch in diesem Abschnitt findet man weitere Rückbezüge: „An demselben Tage traten die Sadduzäer zu ihm […]“ (Vers 23), was zeigt, dass auch die Perikope davor noch auf diesen bestimmten Tag bezogen ist, also in Zusammenhang mit dem Gespräch über das höchste Gebot steht. Auch in den Versen 41-46 wird das Gespräch noch fortgesetzt: „Als aber die Pharisäer beieinander waren, fragte sie Jesus […]“ (Vers 41).

Es zeigt sich also, dass sich diese Perikope nicht auf den Abschnitt unter der Überschrift „Die Frage nach dem höchsten Gebot“ beschränkt, sondern dem Sinn nach den gesamten Schlussabschnitt von Mt 22 bildet.

Tabelle 2: Gliederung von Mt 22, 34-40

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Verse 34 und 35 bilden eine Einleitung und Situationsbeschreibung; es werden die Hauptpersonen (die Pharisäer, besonders der Schriftgelehrte, und Jesus) genannt und mit der Erwähnung der Frage des Schriftgelehrten Spannung aufgebaut. Den Vers 36 kann man als Klimax einordnen, da dort die Frage gestellt wird, mit der der Schriftgelehrte Jesus auf die Probe stellen will. In den Versen 37-40 antwortet Jesus darauf, sie stellen also die Auflösung des Konfliktes dar, in der Jesus die Probe besteht.

Nahezu die gesamte Episode wird zeitdeckend erzählt, da ein Großteil des Gesprächs in wörtlicher Rede wiedergegeben wird. Vermutlich beabsichtigte der Verfasser damit, den Lesern die Antwort Jesu nicht nur sinngemäß zu überliefern, sondern ihnen den genauen Wortlaut zu vermitteln, um Missverständnisse zu vermeiden. Weiterhin wirkt diese Erzählweise, als hätte der Verfasser das Gespräch als Augenzeuge mitverfolgt, was seine Glaubwürdigkeit erhöhen würde.

Diese Gliederung wird auch von Wolfgang Wiefel vertreten; er formuliert die Einteilung wie folgt:

Das (reduzierte) Stück zeigt einen eindrucksvoll klaren Aufbau: Situationsbeschreibung (V.34f.) – Frage (V.36) – Antwort Jesu (V.33-39) [sic].[18]

2.4 Übersetzungsvergleich

Die Bibel ist ein in mehr als 1600 Sprachen übersetztes Buch[19], deren Texte die meisten von uns wohl in ihrer Muttersprache kennen gelernt haben. Die ursprünglichen Sprachen der Bibel sind jedoch hauptsächlich Altgriechisch und Hebräisch. Da diese nur wenigen Menschen bekannt sind, werden die Texte in moderne Sprachen übersetzt. Als Grundlage für diese Übersetzungen werden Abschriften der Urtexte verwendet, da die Originale nicht mehr existieren. Die älteste neutestamentliche Handschrift stammt aus der Mitte des 4. Jh. n.Chr.[20] Das Neue Testament ist jedoch das am besten überlieferte Buch der Antike, da der Zeitraum zwischen der Entstehung der Originale und der ältesten erhaltenen Überlieferung nur 250 Jahre beträgt.[21]

Martin Luther (1483-1546) hat als erster eine Übersetzung des ältesten verfügbaren Textes in die deutsche Sprache angefertigt, um auch den Menschen, die die alten Sprachen nicht gelernt haben, einen selbstständigen Zugang zur Bibel zu ermöglichen, ohne auf die Erläuterungen und Interpretationen eines Priesters angewiesen zu sein. Nach Luther wurden – und werden bis heute – neue Übersetzungen der Bibel erstellt, von denen ich in diesem Kapitel einige nebeneinander stellen möchte, um – bezogen auf die Matthäusperikope – Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Zu diesem Vergleich habe ich außer der Lutherübersetzung die Einheitsübersetzung, die Elberfelder Bibel, die Zürcher Bibel und die Jerusalemer Übersetzung gewählt.

Tabelle 3: Gegenüberstellung der Übersetzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Gnilka[22] heißt die wörtliche Übersetzung „den Mund stopfen“ und nicht „zum Schweigen bringen“; dieser Ausdruck war wohl eine im Rabbinischen nachweisbare Redewendung.

Insgesamt bestehen keine gravierenden Unterschiede zwischen den einzelnen Übersetzungen von Mt 22, 34-40, die einzigen Abweichungen der verschiedenen Versionen bestehen in der unterschiedlichen Verwendung bestimmter Begriffe, z.B. „das wichtigste“[23] statt „das größte/höchste“[24] Gebot, oder „Gemüt“[25] und „Gedanken/Denken“[26]. Jedoch verändern diese Abweichungen nicht den Sinn des Textes, der bei allen Übersetzungen gleich verstanden werden kann.

[...]


[1] Grundlage der Gliederung sind die im Seminarskript angegebenen exegetischen Arbeitsschritte.

[2] Siehe Literaturverzeichnis.

[3] Roloff, Matthäusevangelium, in: Reclams Bibellexikon, 329.

[4] Bull, Bibelkunde des Neuen Testaments, 17.

[5] Roloff, Matthäusevangelium, in: Reclams Bibellexikon, 329.

[6] Ebd.

[7] Gliederung aus: Bull, Bibelkunde des Neuen Testaments, 17.

[8] Bull, Bibelkunde des Neuen Testaments, 17.

[9] Bull, Bibelkunde des Neuen Testaments, 17.

[10] Conzelmann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, 34.

[11] Der Computer bietet keine behauchten griechischen Buchstaben an, so dass ich in dieser Arbeit auf die Behauchung verzichten muss.

[12] Conzelmann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, 34.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] A.a.O., 35.

[16] Conzelmann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, 35.

[17] Rösel, Bibelkunde des Alten Testaments, 5.

[18] Wiefel, Das Evangelium nach Matthäus, 386.

[19] Roloff, Bibelübersetzung (en), in: Reclams Bibellexikon, 87f.

[20] Bardtke, Bibel, in: Calwer Bibellexikon, 157.

[21] Ebd.

[22] Gnilka, Das Matthäusevangelium, II. Teil, 259.

[23] Einheitsübersetzung.

[24] Alle anderen Übersetzungen.

[25] Lutherübersetzung.

[26] Die anderen Übersetzungen.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Das Doppelgebot der Liebe - Eine sozialgeschichtliche Auslegung von Mt 22, 34-40
Hochschule
Universität Paderborn  (Theologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V67447
ISBN (eBook)
9783638593885
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Doppelgebot, Liebe, Eine, Auslegung
Arbeit zitieren
Katrin Annegarn (Autor), 2004, Das Doppelgebot der Liebe - Eine sozialgeschichtliche Auslegung von Mt 22, 34-40, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67447

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