Integration von Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen in Regelschulen


Hausarbeit, 2006
18 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verhaltensstörung
2.1. Was sind Verhaltensstörungen, in welcher Form treten sie auf und welche Ursachen haben sie?
2.2. Zur Verbreitung von Verhaltensstörungen
2.3. Diagnostik von Verhaltensstörungen

3. Die Integration verhaltensgestörter Kinder in Regelschulen
3.1. Allgemeine organisatorische Voraussetzungen und Bedingungen des integrativen Unterrichts
3.2. Schulische Förderung von Verhaltensstörungen
3.2.1. Das Modell gestörten Lernens: Reizreduktion nach Cruickshank
3.2.2. Das psychodynamische Modell: Neutralisierung der Lerninhalte nach Sigrell
3.2.3. Das Synthese-Modell: Der strukturiert- schülerzentrierte Ansatz nach Neukäter und Goetze
3.3. Die integrative Beschulung am Beispiel des „Brandenburger Fördermodells bei Verhaltensstörungen“

4. Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

1.Einleitung

Die Schule ist eine Instanz des Lebens, die jedem Kind und jedem Jugendlichen über eine je nach Schulabschluss kürzere oder längere Dauer einen Ort des Lernens, Lebens, der Gemeinschaft und der sozialen Interaktion bieten soll. Dabei sind positive Erfahrungen wie Lernerfolge, Spaß am Lernen und Freundschaften ständige Wegbegleiter. In einem sozialen Interaktionsraum kommt es jedoch aber auch immer zu Konflikten, Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten, denen man sich stellen muss, um sie zu schlichten und zu lösen. Verhaltensstörungen in der Schule sind ein solches Problem. Wie fälschlicherweise oft angenommen betrifft dies jedoch nicht nur Sonderschulen, Schulen für Erziehungshilfe und andere spezielle Schulen dieser Art, sondern auch für Regelschulen gehören Verhaltensstörungen zur alltäglichen Situation. Dieser Aspekt bedarf einer besonderen Betrachtung.

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Integration von verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen in Regelschulen. Im ersten Teil wird die Begrifflichkeit von „Verhaltensstörung“ und die Ursprünge beziehungsweise Ursachen dieser geklärt. Indem einige analytische Untersuchungen vorgestellt werden, wird ein grober Überblick über die zahlenmäßige Streuung respektive Verbreitung von Verhaltensstörungen gegeben und einige Möglichkeiten der Diagnostik aufgedeckt. Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit bezieht sich explizit auf die Integration. Um einen Einblick in schulische Förderungsmodelle und darauf folgend ein spezielles Beispiel integrativer Beschulung vorzustellen, werden in einem vorangehenden Schritt wichtige Voraussetzungen und Bedingungen für eine erfolgreiche Integration benannt.

2.Verhaltensstörungen

2.1. Was sind Verhaltensstörungen, in welcher Form treten sie auf und welche Ursachen haben sie?

Viele frühere Versuche, die heute am weitesten verbreitet als „Verhaltensstörung“ bezeichnete Erscheinung zu benennen, waren diskriminierend oder wurden dem Sachverhalt schlichtweg nicht gerecht. Als zum Beispiel schwererziehbar, erziehungsgehemmt, erziehungsschwierig oder entwicklungsgestört wurden betroffene Kinder und Jugendliche bezeichnet, wobei allein bei ihnen die Ursachen zu finden sein sollten. Seit den 1950er Jahren setzte sich der Begriff „Verhaltensstörung“ beziehungsweise „Verhaltensauffälligkeit“ jedoch immer mehr durch, worunter zunächst alle möglichen Auffälligkeiten, von Ungehorsam bis hin zur Kriminalität, gefasst wurden. Aufgrund von empirischen Untersuchungen und psychologischer Forschung ist er in der heutigen Zeit jedoch enger gefasst:

„Verhaltensstörung ist ein von den zeit- und kulturspezifischen Erwartungsnormen abweichendes maladaptives[1] Verhalten (Fehlverhalten), das organogen und/ oder milieureaktiv bedingt ist, wegen der Mehrdimensionalität, der Häufigkeit und des Schweregrades die Entwicklungs-, Lern- und Arbeitsfähigkeit sowie das Interaktionsgeschehen in der Umwelt beeinträchtigt und ohne besondere pädagogisch-therapeutische Hilfe nicht oder nur unzureichend überwunden werden kann.“[2] Letztlich ist allerdings jeder Begriff diskutabel und so auch „Verhaltensstörung“ beispielsweise unter dem Gesichtspunkt, dass der Mensch sich immer verhält, ob nun negativ oder positiv.

Je nach Erklärungsansatz wird das Verhalten, welches die eigene Person (personenorientierter Ansatz), das Funktionsgleichgewicht in der Interaktion der Person mit ihrer Umwelt (systemischer Ansatz) oder die Umwelt selbst (umwelt- und normenorientierter Ansatz) beeinträchtigt, als Störung betrachtet.

Allgemeine Merkmale von Verhaltensstörungen sind, dass sie nur innerhalb von gewissen Normenvorgaben und im direkten Vergleich mit den gewohnten Umständen zu bestimmen sind, denn sie sind durch eine Abweichung von diesen gekennzeichnet, welche eine habituelle Form einnimmt, also welche immer wiederkehrt. Ihre Symptome sind dennoch nicht irreparabel und irreversibel, also auch je nach Ausmaß meist nur vorübergehend und sie treten nicht nur isoliert auf, sondern oft auch in Verbindung mit anderen Auffälligkeiten wie zum Beispiel Leistungsstörungen. Sie können eine verzögerte oder gehemmte Entwicklung und Reifung des Heranwachsenden und somit oft auch Komplikationen im Umgang mit der sozialen Umwelt zur Folge haben.

Es gibt lange Listen, auf denen die Symptome von Verhaltensstörungen aufgeführt sind. Alle zu nennen würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten, jedoch gibt es Symptome, die oft gemeinsam auftreten, wie beispielsweise unbefriedigende Leistungen, Unkonzentriertheit, körperliche Unruhe, Aggressivität, eine schlechte Arbeitshaltung, Sturheit beziehungsweise geringe bis keine Zugänglichkeit gegenüber erzieherischer Maßnahmen und Impulsivität. Indem sie in vielen Bereichen, wie etwa im sozialen, emotionalen und psychosomatischen Bereich, deutlich werden, beeinträchtigen die Anzeichen einer Verhaltensstörung das ganze Leben des betroffenen Kindes beziehungsweise Jugendlichen. Eine adäquate Persönlichkeitsentwicklung ist gefährdet, da Lern-, Sozial- und Leistungsvermögen beeinträchtigt werden können und metakognitive Prozesse, also die Planung, Kontrolle und Regulation eigener kognitiver Abläufe[3], eingeschränkt sind.

Zur Klassifikation von Verhaltensstörungen können sie nach Myschker[4] in zwei große Gruppen eingeteilt werden. Erstere, die der externalisierenden Störungen, richtet sich direkt gegen die Umwelt mit Symptomen wie Aggressivität, mangelnder Konzentration, starker körperlicher Unruhe, welche unter begrenzenden Bedingungen, wie sie beispielsweise in der Schule herrschen, auftreten. Gegensätzlich dazu sind die internalisierenden Störungen, welche sich gegen die eigene Person richten. Durch Ängstlichkeit, Empfindlichkeit, Gehemmtheit, neurotischen und emotionalen Störungen beeinträchtigt sich die betroffene Person selbst. Außerdem gibt es noch die Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit sozial unreifem Verhalten, das durch Konzentrationsschwäche, Sprach- und Sprechstörungen begleitet wird und die der mit sozial delinquentem Verhalten Betroffenen, wobei Symptome wie Verantwortungslosigkeit, Missachtung von Normen und Beziehungsstörungen auftreten.

Verhaltensstörungen haben nicht eine bestimmte Ursache, sie sind multifaktorell[5] bedingt. Die eigenen biologischen Anlagen[6], die Umwelt (zum Beispiel Familie, Verwandtschaft, peer group, Schule) und die Selbstbestimmung beziehungsweise Selbstorganisation sind Faktoren, die für Verhaltensstörungen verantwortlich sind. Die Familie wird indes häufig als einflussreichster Faktor angesehen, in der die Eltern oft nur durch Erziehungsfehler wie Unterdrückung, Verwöhnung oder Inkonsequenz ihrem Kind folgenreiche Fehler im Verhalten „anerziehen“. PREKOP beispielsweise verdeutlichte dies am Beispiel des kleinen Tyrannen, der in seiner sozialen Anpassungsfähigkeit gestört ist, weil die Eltern auf regelverletzendes Verhalten nicht konsequent reagiert und entsprechende Grenzen gezogen haben.[7]

Die Entwicklung oder auch Genese einer Verhaltensstörung läuft in drei Phasen[8] ab:

1. Phase: Es kommt zu einer Beeinträchtigung durch eine bestimmte Problemkonstellation, beispielsweise eine aggressive Zurückweisung durch das Elternhaus
2. Phase: Das maladaptive Verhalten formt sich aus
3. Phase: Die Verhaltensstörung habitualisiert sich, tritt ständig auf

Im Hinblick auf eine individuelle Verhaltensstörung einer bestimmten Person kann jedoch nicht mehr auf solche allgemeinen Ursachenphänomene, die lediglich einen Hinweischarakter haben, zurückgegriffen werden. Der spezielle Kontext dieses Menschen muss betrachtet und berücksichtigt werden, um den Ursprung seiner Störung aufzudecken. Aspekte wie die eigene Biographie, genetische und organische Ursachen, Bewertung und Wahrnehmung durch Beobachter sowie die aktuelle Situation müssen untersucht werden, um den Grund für das Fehlverhalten aufzudecken. Um frühzeitige und helfende Maßnahmen zu ergreifen, ist eine Erkennung der Ursachen einer Verhaltensstörung gerade unter dem pädagogischen Aspekt wichtig, doch darauf soll noch näher unter 2.3. eingegangen werden.

2.2. Zur Verbreitung von Verhaltensstörungen

Es gibt viele verschiedene und variierende Erhebungen zur zahlenmäßigen Streuung von Verhaltensstörungen in der BRD, wobei auch nur wenige davon eine wissenschaftliche Relevanz aufzeigen. Da es keine verbindliche Definition des Begriffs gibt, gehen schon hier die Untersuchungskonzeptionen und -methoden sehr weit auseinander. Beispielsweise liegt der Anteil von Kindern und Jugendlichen nach Vermutungen von Norbert Myschker bei 15- 20%[9], eine Untersuchung von Thalmann ergab, dass etwa 50% der untersuchten Kinder mäßig bis stark symptombelastet waren und wieder eine andere Erhebung erfasste 13,8% symptombelastete Kinder und Jugendliche. Die unterschiedlichen Analysen können nur an oft sehr kleinen Gruppen von Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden, sodass es keine allgemeinen Aussagen über das Auftreten von Störungen im ganzen Bundesland geben kann. Um eine befriedigende Erhebung zu erreichen, müsste es zu einer Kooperation von Medizinern, Sozialarbeitern, Pädagogen und Psychologen kommen, um alle für den Sachverhalt relevanten Daten, die den kognitiven, emotionalen, sozialen und somatischen Bereich abdecken, zu erfassen. Interdisziplinäre Untersuchungen dieser Art liegen jedoch bis heute in Deutschland nicht vor.[10] Dennoch sind die vorliegenden Untersuchungen hilfreich, einen groben Überblick zu gewinnen. Aufgrund dessen sollen an dieser Stelle zwei genannt sein.

[...]


[1] Verhalten kann adaptiv (optimale Anpassung an die Umwelt und so optimale Bewältigung im Allgemeinen und situativ) oder maladaptiv (hat eine unangemessene und sozial unverträgliche Umweltbewältigung zur Folge) sein.

[2] Myschker (2002): S.132

[3] vgl. Myschker(2002): S.60

[4] Myschker(2002): S.50ff.

[5] Stein/Faas (1999): S. 48

[6] „Das biologische Erbe aus einer hunderttausende Jahre währenden Periode, in der die menschlichen Vorfahren als raubtierartige Jäger(..) und aggressive, brutale Kämpfer in kleinen Verbänden lebten, steckt nach humanethologischer Auffassung noch in jedem heutigen Menschen, wirkt unter gegenwärtigen Verhältnissen dysfunktional, unberechenbar und bedrohlich(..).“ Norbert Myschker in: Goetze, Herbert(Hrsg.): Pädagogik bei Verhaltensstörungen, S.16f.

[7] Keller (1994): S. 159

[8] vgl. Myschker (2002): S.81

[9] Myschker (2002): S.71

[10] Myschker (2002): S.72

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Integration von Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen in Regelschulen
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V67556
ISBN (eBook)
9783638586429
ISBN (Buch)
9783638836241
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integration, Kindern, Jugendlichen, Verhaltensstörungen, Regelschulen
Arbeit zitieren
Juliane Kittelmann (Autor), 2006, Integration von Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen in Regelschulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67556

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