'Emile' - Die Rolle der Leibesübungen im Erziehungskonzept Rousseaus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Die Rolle der Leibesübungen im Erziehungskonzept Rousseaus
2.1. Drei Typen der Leibeserziehung

3. Einflüsse auf Rousseaus Gedanken zur Erziehung
3.1. John Locke
3.2. Johann Gottlob Krüger

4. Der Einfluss Rousseaus auf spätere geistige Strömungen
4.1. Die Philanthropen
4.2. Johann Christoph Friedrich Guthsmuths

5. Zusammenfassung

6. Literatur und Quellen

1. Einführung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Jean Jacques Rousseaus ‚Emile’ und hat zum Ziel die Rolle der körperlichen Übungen in seiner Erziehungsphilosophie herauszuarbeiten. Weiterhin sollen Einflüsse auf Rousseau einerseits sowie die Einflüsse des ‚Emile’ auf philosophisch-pädagogische Strömungen andererseits beleuchtet werden.

Rousseau wurde 1712 in Genf geboren, er starb 1778 in Ermenonville (Frankreich). 1762 veröffentlichte er seinen Erziehungsroman ‚Emile’ eines der einflussreichsten pädagogischen Werke überhaupt. Als Vertreter der Aufklärung wandte er sich in ‚Emile’ bewusst gegen die Normen und (erzieherischen) Methoden seiner Zeit.

„Dies ist das große Geheimnis der Erziehung, es so einzurichten, dass körperliche und geistige Übungen einander gegenseitig zur Entspannung dienen.“[1]

Diese Aussage und die Überlegung, dass körperliche Erfahrungen die Ausbildung der Sinne und schließlich der Vernunft begründen und fördern, können Rousseaus Erziehungsphilosophie hinsichtlich der Rolle der Leibesübungen grob zusammenfassen.

Rousseau wurde stark vom englischen Philosophen John Locke und seinem Werk ‚Thoughts Concerning Education’ (1693), das sich hinsichtlich der körperlichen Erziehung hauptsächlich mit dem Thema der Abhärtung befasst, beeinflusst und war seinerseits Inspiration für nachfolgende Denker und Geistesströmungen, wie etwa die der Philanthropie mit ihren Vertretern Basedow und Guthsmuths.

2. Die Rolle der Leibesübungen im Erziehungskonzept Rousseaus

Die Ausbildung der körperlichen Fähigkeiten und Anlagen spielen im Erziehungskonzept für Emile eine tragende Rolle. Rousseau verarbeitet dabei sowohl die Ideen von John Locke, der sich im ersten Teil seines Werkes ‚Gedanken über Erziehung’ ausführlich dem Thema der körperlichen Abhärtung widmet und die Bedeutung dessen für die physische Gesundheit der Kinder hervorhebt. Außerdem ergänzt Rousseau diese Gedanken um die Forderung nach aktiver körperlicher Betätigung als Teil einer richtigen und ausgeglichenen Erziehung. Zum Einfluss Lockes auf Rousseau werde ich an späterer Stelle in dieser Arbeit zurückkommen.

„Das Ziel der Erziehung? Es ist das Ziel der Natur selber:[…]“[2] Dieser Satz ist Zentral in Rousseaus Erziehungskonzept und hat so auch hinsichtlich der Erziehung des Leibes eine große Bedeutung. Im Grunde ist diese Aussage sogar der Kern für die Sinnhaftigkeit der Leibeserziehung. An mehreren Stellen im ‚Emile’ kommt Rousseau auf dieses Herzstück seiner Erziehungstheorie zurück, so auch in den vier Leitsätzen, deren erster fordert die Kinder alle Kräfte benutzen zu lassen, die ihnen naturgegeben sind.[3] Die Entwicklung der Kinder ist also der Naturwille, welcher nicht behindert werden darf. „Um den Körper zu kräftigen und das Wachstum zu fördern, hat die Natur Mittel, die man niemals stören darf.“[4] Die Natur hat den Menschen mit den Anlagen zur Entwicklung körperlicher Widerstandsfähigkeit und Kraft ausgestattet, damit er sein überleben und den Erhalt seiner Art sichern kann. Der Arterhalt ist letztlich das primäre Ziel der Natur; der Mensch muss seine Rolle im Natursystem ausfüllen und erfüllen können.

Durch die Zivilisation, die schon zu Rousseaus Zeiten weit fortgeschritten war, hatte es der Mensch nicht mehr nötig alle ihm möglichen Kräfte zu entwickeln und seine Anlagen sowie Instinkte auszuschöpfen. Der Mensch verkümmerte in diesem Zusammenhang und widmete das Gros seiner Energie der Entwicklung der geistigen Fähigkeiten. Trotz der Wertschätzung Rousseaus für die geistige Erziehung fordert er, der Natur wieder Raum zu geben und ihren Teil in der Ausbildung des Menschen einnehmen zu können, ohne das sie durch anerzogene Gewohnheiten verändert wird.[5] Gleichwohl meint Rousseau auch, das ein Mensch für seine geistige Entfaltung die körperliche Betätigung braucht, dass es sich bei diesen beiden Dingen nicht um sich gegenseitig ausschließende Elemente der Ausbildung handelt, wie es beispielsweise Aristoteles vertrat.

Der griechische Philosoph erkannte zwar ebenfalls die Wichtigkeit der Leibesübungen, in seinen Worten der Gymnastik, an. Jedoch nur zur Ausbildung eines gesunden und widerstandsfähigen Körpers und zur Erlangung von Tapferkeit. Zum Verhältnis Geist und Körper meinte er, „man soll sich nicht gleichzeitig mit dem Körper und dem Geiste anstrengen. Denn jede der Anstrengungen wirkt in gegensätzlicher Richtung: die Anstrengung des Körpers hindert den Intellekt und umgekehrt.“[6] Rousseau ‚antwortet’ darauf mit der Aussage, dass es nichts weiter als ein Irrtum ist, zu glauben dass das Trainieren des Körpers dem Geist schadet. Sind doch beide Elemente voneinander abhängig, der Geist leitet den Körper und der Körper beherbergt den Intellekt[7]. Ähnlich wie Lockes Bemerkung über Körper und Geist34 lautet auch Rousseaus Aussage, wonach ein kraftloser Körper die Seele schwächt[8].

Diese Ansichten wurden später von den Vertretern der in den 1770er Jahren aufkommenden philanthropischen Strömung, auf die ich an späterer Stelle in dieser Arbeit zurückkommen werde, euphorisch aufgenommen und weiter propagiert. Man hoffte in den Leibesübungen ein Mittel gegen die Verkümmerung des Menschen gefunden zu haben, sie sollten ihn der Reife und Vollkommenheit näher bringen.[9]

Für Rousseau muss ein Wechselspiel zwischen Natur und Mensch stattfinden, um vorhandene Anlagen richtig auszuschöpfen. „Die Natur entwickelt unsere Fähigkeiten und unsere Kräfte; die Menschen lehren uns den Gebrauch dieser Fähigkeiten und Kräfte.“[10] Außerdem nennt er noch einen dritten Teil der Erziehung beziehungsweise einen dritten Lehrer, die Dinge. „Die Dinge aber erziehen uns durch die Erfahrung, die wir mit ihnen machen, und durch die Anschauung.“[11] Ein Zusammenspiel in Übereinstimmung aller drei Teile ist wichtig, um eine gute Erziehung zu gewährleisten.

2.1. Drei Typen der Leibeserziehung

Rousseau beschäftigt sich im Prinzip auf drei verschiedene Arten mit der Erziehung des Körpers. Zum einen braucht der Mensch den Menschen als Lehrmeister und Helfer, um sich seiner Kräfte richtig und sinnvoll zu bedienen. Zweitens fordert er im Sinne Lockes die Abhärtung und Entzärtelung der Kinder. Und in einer dritten Weise verlangt er aktive körperliche Betätigung nach dem Baby- und Kleinkindalter.

Die erste These, dass der Mensch seine Artgenossen als Helfer und Lehrmeister benötigt, kann zunächst mit zwei Zitaten aus den ersten Seiten des ‚Emile’ belegt werden. So schreibt Rousseau, das der Mensch, käme er „groß und stark zur Welt“ seine Stärke und Größe so lange nicht nutzen könnte, „bis er gelernt hätte, sich ihrer zu bedienen.“[12] Außerdem gibt er zu bedenken, dass „was uns bei der Geburt fehlt und was wir als Erwachsene brauchen, das gibt uns die Erziehung.“[13] Diese Aussagen beziehen sich auf die natürliche Aufgabe der Erziehung, wie sie von der Natur angedacht ist und auch im Tierreich vonstatten geht. Weiter im Text wird jedoch deutlich, dass Rousseau im Sinne der ersten These nicht vornehmlich diesen Aspekt ansprechen und behandeln will. Vielmehr wendet er sich gegen die Praktiken der Zeit, Kinder von Geburt an in ihrem Wachstumstrieb zu hindern, was hauptsächlich durch Wickeln und Binden der Glieder geschieht. Bevor also die Erziehung, wie erwähnt nach der Absicht der Natur stattfinden kann, muss der Mensch seiner Art auf eine andere Weise helfen, indem er seine eigenen Fehler und Fehleinschätzung bezüglich der Behandlung von Kindern überdenkt und korrigiert. Rousseau spricht hier ganz offen von einem Brauch wider die Natur, also genau entgegen seinem Anfangs formulierten Ziel der Erziehung. Die Mütter wollen ihrer naturgegebenen Pflicht, ihre Kinder zu stillen nicht mehr nachkommen und verpflichten Ammen für diese Tätigkeit, die teils aus Überforderung, teils aus Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit die Kinder wickeln und ablegen. „Woher kommt dieser widersinnige Brauch? Von einem naturwidrigen Brauch.“[14]

Wie vor ihm Locke stellt auch Rousseau fest, dass das damals zeitgemäße Einwickeln das natürliche Bewegungsbedürfnis und die Entwicklung behindert. „Das Neugeborene hat das Bedürfnis, seine Glieder zu recken und zu bewegen, um sie aus der Starre zu lösen, in der sie, zu einem Knäuel eingerollt, so lange verharrt haben. […]. So werden die für den Wachstumstrieb notwendigen Bewegungen verhindert.“[15]

Rousseaus harte Worte gegen die Methoden seiner Zeit sind auch Zeichen der von statten gehenden Phase der Aufklärung, deren Vertreter er war. Im Zentrum dieser Bewegung stand, überlieferte Werte, Konventionen und Normen bewusst in Frage zu stellen. Ihre rationale Legitimation sollte überprüft werden[16]. Rousseau verfolgte mit seiner Erziehungstheorie das Ziel, die gesellschaftlichen Einflüsse auf die Ausbildung der Kinder zurückzudrängen. Gesellschaftliche Erwartungen und der Einfluss der Abstammung sollten nicht mehr länger maßgebend sein. Vielmehr soll der Mensch fähig sein, „aus der Freiheit seiner Person und aus der Verantwortung seines eigenen Gewissens zu handeln.“[17]

[...]


[1] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung aus: Johann Christoph Friedrich Guthsmuths: Gymnastik für die Jugend. Berlin, 1953 S. 416

[2] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 11

[3] Vgl. Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 47

[4] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 63

[5] Vgl. Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 11

[6] Aristoteles: Politik. München, 1973 S. 254

[7] Vgl. Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 102

[8] Vgl. Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 29

[9] Vgl. Hajo Bernett: Die pädagogische Neugestaltung der bürgerlichen Leibesübung durch die Philanthropen Schorndorf, 1960 S. 14

[10] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 10

[11] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 10

[12] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 10

[13] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 10

[14] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 17

[15] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn, 1971 S. 16

[16] Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005: Aufklärung

[17] Winfried Böhm: Von Comenius zu Rousseau: Der verantwortlich handelnde Mensch In: Heinrich Pleticha (Hrsg): Weltgeschichte – Aufklärung und Revolution. Gütersloh, 1996 S.180

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
'Emile' - Die Rolle der Leibesübungen im Erziehungskonzept Rousseaus
Hochschule
Universität Leipzig  (Philosophie)
Veranstaltung
Rousseau - Erziehung zum Bürger
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V67660
ISBN (eBook)
9783638604468
ISBN (Buch)
9783638672238
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emile, Rolle, Leibesübungen, Erziehungskonzept, Rousseaus, Rousseau, Erziehung, Bürger
Arbeit zitieren
Andreas Fischer (Autor), 2007, 'Emile' - Die Rolle der Leibesübungen im Erziehungskonzept Rousseaus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67660

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