Fußball ein sinnvolles Medium der Entwicklungszusammenarbeit?


Magisterarbeit, 2006
107 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundbegriffe der Entwicklungszusammenarbeit
2.1 Armut
2.2 Entwicklung und Unterentwicklung
2.3 Merkmale von Entwicklungsländern
2.4 Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit
2.5 Gründe für die Entwicklungszusammenarbeit
2.6 Do No Harm – eine Möglichkeit sinnvoller Entwicklungszusammenarbeit
2.7 Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit

3 Sport und Entwicklung
3.1 Sport als Modernisierungsfaktor
3.2 Sport und Kolonialismus
3.3 Voraussetzungen für Sport in den Entwicklungsländern
3.4 Funktionen des Sports im Entwicklungsprozess
3.4.1 Die Funktion der nationalen Identitätsbildung
3.4.2 Die friedensstiftende Funktion
3.4.3 Die Funktion der wirtschaftlichen Entwicklung
3.4.4 Die Bildungs- und Erziehungsfunktion
3.4.5 Die Funktion der Mobilisierung
3.4.6 Die Sozialisationsfunktion
3.4.7 Die integrative Funktion
3.4.8 Die politische Funktion
3.4.9 Die Funktion des sozialen Aufstiegs
3.4.10 Die Gesundheitsfunktion
3.4.11 Die Funktion der Kompensation
3.4.12 Die kulturelle Funktion
3.5 Zwischenfazit

4 Fußball und Entwicklung
4.1 Die Geschichte des Fußballs
4.2 Der Moderne Fußball in England
4.3 Die Verbreitung des Fußballs – Kulturimperialismus und Kolonialismus?
4.4 Die Funktionen des Fußballs im Entwicklungsprozess
4.4.1 Die Funktion der nationalen Identitätsbildung
4.4.2 Die friedensstiftende Funktion
4.4.3 Die Funktion der wirtschaftlichen Entwicklung
4.4.4 Die Bildungs- und Erziehungsfunktion
4.4.5 Die Funktion der Mobilisierung
4.4.6 Die Sozialisationsfunktion
4.4.7 Die integrative Funktion
4.4.8 Die politische Funktion
4.4.9 Die Funktion des sozialen Aufstiegs
4.4.10 Die Gesundheitsfunktion
4.4.11 Die Funktion der Kompensation
4.4.12 Die kulturelle Funktion

5 Fußball in der Entwicklungszusammenarbeit
5.1 Die FIFA und ihre Entwicklungspolitik
5.2 Kritik und Lob an der FIFA

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Merkmale von Entwicklungsländern

Abbildung 2 Die zwei Dimensionen des Sports

Abbildung 3 Vermittelte Werte und Fähigkeiten durch den Sport

Abbildung 4 Die Entwicklungsprogramme der FIFA

Abbildung 5 FIFA-Entwicklungsarbeit heute

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die WM 2006[1] in Deutschland liegt nur wenige Monate zurück und resümierend kann man sagen, dass das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ voll und ganz erfüllt wurde. Spieler[2], Trainer, Betreuer, Offizielle, Politiker und vor allem zahlreiche Fans haben in und um die Stadien die Gastfreundschaft genossen. Sie durchschritten von überall auf der Welt das „[Fußball-] Tor zur Welt“ (THEWELEIT 2004, 1), aus Industrieländern und Entwicklungsländern.

Der Fußball, Weltsport Nr.1 (vgl. BAUSENWEIN 1995, 11), zeigte einmal mehr, wozu er in der Lage ist, nämlich eine Brücke zu schlagen, über die verschiedenen politischen und religiösen Ansichten hinweg. Durch seine egalitäre und kooperative Grundstruktur ist er ein Medium zum herrschaftsfreien Diskurs der Völker. Fußball ist ein weltumspannendes und durchaus mehrdeutiges Phänomen: es produziert Gewinner und Verlierer, und zwar nicht nur auf dem Spielfeld.

„Die »Eine Fußball-Welt« besteht nicht nur aus dem Spiel mit dem runden (Kunst-) Lederball. Sie weist Widersprüche auf, und wer sich mit ihr kritisch beschäftigt, wird immer dann mit angenehmen Überraschungen konfrontiert, wenn – abgesehen von guten Fußballspielen – Fußballfreunde ins Spiel kommen, die über den Spielfeldrand hinausschauen. Sie zeichnet ein großes soziales und politisches Engagement aus und der unbedingte Willen, an Fair Play festzuhalten. Es könnten mehr sein, aber es gibt sie.“ (JÄGER 1998, 50)

Vom Big Business des millionenschweren Profifußballs bis zum selbstbestimmten Kicken auf den Bolzplätzen in Europa, Asien, Afrika oder Amerika – das Spiel mit dem runden Leder begeistert Frauen und Männer[3], Jung und Alt, Arm und Reich. Mit Fußball-Ereignissen, ob nun Weltmeisterschaft oder Dorfturnier, lassen sich Prozesse in Politik und Gesellschaft verknüpfen, ja sogar erklären (vgl. KLAEREN 2006, 3 und SCHULZE-MARMELING 2000, 9).

Kein anderer Sport und auch kein anderes kulturelles, politisches oder religiöses Phänomen erreicht mehr Menschen als der Fußball: „Der Fußball [ist], beinahe das letzte neben dem Wetter, das einer auseinanderstrebenden Sozialgemeinschaft noch Stoff fürs globale Gespräch gibt.“ (EICHLER 2004, 340) Kein anderes Phänomen verinnerlicht deutlicher die Erscheinung der Globalisierung, als das Spiel mit dem Fuß:

„Im Modewort «Globalisierung», mit dem wir mehr oder weniger erfreut betonen, dass die ganze Menschheit bald in derselben Liga spielt, klingt die Kugelform allzeit mit. Jeder von uns, da gelten die demokratischen Gesetze des Balls, befindet sich gleich weit vom Mittelpunkt entfernt. Niemand sollte sich daher überlegen dünken. Jederzeit können wir ausgewechselt werden, und das Spiel geht dennoch munter weiter. Und nicht nur der Ball, auch jeder von uns zappelt regelmäßig im Netz. Kein anderes soziales Phänomen also – nicht einmal die zweidimensionalen Medien Internet und Hollywood – zeugt derart von der fortschreitenden Globalisierung wie der Fußball.“ (SCHÜMER 2005, 5)

Die Fédération Internationale de Football Association (FIFA) kann mittlerweile auf 207 Mitgliedsverbände verweisen. Die Vereinten Nationen (UNO), oft als die globale Organisation bezeichnet, hat nur 192 Mitglieder (vgl. FIFA 2006d, VEREINTE NATIONEN 2006). SCHÜMER (2005, 6) ist sogar der Meinung, dass die „FIFA […] der einzige Global Player [ist], der diesen Namen wirklich verdient […]“. Fußball ist somit zweifelsohne ein weltweites Spiel, welches einen großen gesellschaftlichen Einfluss besitzt. Laut KURBJUWEIT (vgl. 2006, 22) stellt er sogar eine Weltmacht dar. Doch wie kann man diese Macht nutzen? Der Appell von Magglingen[4] (vgl. FOSPO 2005),

in dem die teilnehmenden Länder der zweiten Konferenz für Sport und Entwicklung nationale und internationale Akteure (Sportorganisationen, Athleten, Multilaterale Organisationen und das UNO-System, Bilaterale Entwicklungsorganisationen, Regierungen, Militär, Nichtstaatliche Organisationen, Privatwirtschaft und Sportindustrie, Forschungsinstitutionen, Medien) dazu aufrufen den Sport, und somit insbesondere den Fußball als Weltsport Nr. 1, mehr für die Umsetzung der internationalen Entwicklungsziele zu nutzen, macht deutlich, welche Potentiale im Fußball stecken

Doch ist der Fußball wirklich ein sinnvolles Medium[5] der Entwicklungszusammenarbeit? Die Beantwortung dieser Frage ist das Ziel der vorliegenden Magisterarbeit. Es gibt zwar eine Vielzahl von Entwicklungs- und humanitären Projekten, die Fußball als Medium nutzen. Allerdings fehlt oftmals eine wissenschaftliche Begründung für dieses Handeln. Ziel ist es also eine argumentative Begründung für oder wider Fußball als Medium in der Entwicklungszusammenarbeit zu finden. Dabei werden die einzelnen Funktionen, die Fußball in der Entwicklungsarbeit spielen kann, aufgezählt und anschließend unter der oben genannten Frage zusammengeführt.

Zunächst werden in Kapitel 2.1 bis 2.4 wichtige Grundbegriffe der Entwicklungszusammenarbeit dargestellt, um einen Einblick in die Thematik bzw. Problematik Entwicklungszusammenarbeit zu erhalten. Zudem werden hier wichtige Grunddefinitionen für die folgenden Kapitel geschaffen. Kapitel 2.5 beschäftigt sich mit der Begründung der Entwicklungszusammenarbeit. Dieses Kapitel ist deswegen von großer Wichtigkeit, da darin unter anderem auf den Zusammenhang mit dem Kolonialismus eingegangen wird und diese Thematik sich danach auch durch die folgenden Kapitel ziehen wird. In Kapitel 2.6 wird das Do No Harm-Konzept vorgestellt, welches in einer Art Werkzeugkastenprinzip erklärt, wie Entwicklungszusammenarbeit im Idealfall aussehen kann. Das Kapitel 2.7 beendet Kapitel 2 mit einer kritischen Betrachtung der momentanen wissenschaftlichen Auffassung über die Entwicklungszusammenarbeit.

Allgemein ist das Thema Entwicklungszusammenarbeit in der wissenschaftlichen Literatur sehr gut abgedeckt. In der deutschsprachigen Literatur sind besonders die Lehrbücher von NOHLEN (1992), NUSCHELER (2005) und LACHMANN (1999) zu erwähnen. Sie geben in ihren Werken einen umfangreichen und kritischen Überblick über die Entwicklungstheorien der letzten Jahrzehnte und erklären zentrale Begriffe und Zusammenhänge. Zudem bieten die Internetseiten der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und des Auswärtigen Amts (AA) zahlreiche Informationen. Diese drei Institutionen sind die staatlichen Ausführungsorgane der Entwicklungszusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland.

Kapitel 3 befasst sich mit dem Zusammenhang der Entwicklungszusammenarbeit und des Sports im Allgemeinen. Dabei werden in Kapitel 3.1 die charakteristischen Eigenschaften des Sports als Modernisierungsfaktor erarbeitet. Modernisierung ist im Verständnis dieser Arbeit ein Motor für Entwicklung (vgl. DIGEL 1995, 123-24). Anschließend wird die Problematik Sport und Kolonialismus beleuchtet, was deswegen von besonderem Interesse ist, da der moderne Sport seine weltweite Verbreitung hauptsächlich kolonialen und imperialen Bewegungen zu verdanken hat. Damit eng verknüpft sind die Vorraussetzungen für Sportentwicklungszusammenarbeit, die in Kapitel 3.3 erörtert werden. Kapitel 3.4 stellt den Kernpunkt des 3. Kapitels dar. In ihm werden die Funktionen, die der Sport im Entwicklungsprozess haben kann, erarbeitet. An diesen Funktionen wird später in Kapitel 4.3 die Rolle des Fußballs in der Entwicklungsarbeit überprüft. Das Kapitel 3 endet mit einer kritischen Betrachtung der Möglichkeiten des Sports in der Entwicklungszusammenarbeit.

Für den Bereich Sport und Entwicklung sind die Arbeiten von DIGEL grundlegend. Er verfasste 1989 erstmals ein Gutachten (Sport in der Entwicklungszusammenarbeit, erschienen im Weltforum Verlag) im Auftrag des BMZ, welches eine Art Bestandsaufnahme der dem Sport zugewiesenen Entwicklungsfunktionen darstellt. Im Zusammenhang mit dem UN-Jahr des Sports 2005 wurde das Thema Sport und Entwicklung wieder mehr in den öffentlichen Diskurs gerückt und neue Literatur veröffentlicht. Allerdings ist die große Mehrzahl dieser Literatur nur im Internet publiziert. Dabei ist insbesondere die Internet-Kommunikations-Plattform Sport and Development (www.sportanddev.org) zu nennen, auf der Informationen, vor allem wissenschaftlicher Art, über die Thematik zusammengetragen werden.

Kapitel 4 beschäftigt sich schließlich mit dem Thema Fußball. Begonnen wird mit einer kurzen Darstellung der Geschichte des Fußballs mit besonderem Augenmerk auf den modernen Fußball in England zur Zeit der Industrialisierung, der Geburtstunde des heutigen Fußballs. Kapitel 4.3 beleuchtet die weltweite Verbreitung des Fußballs unter der Leitfrage Kulturimperialismus und Kolonialismus? Dabei wird besonders die Verbreitung in Afrika berücksichtigt, da die meisten Entwicklungsländer auf dem afrikanischen Kontinent zu finden sind. Kapitel 4.4 untersucht, ob die in Kapitel 3.4 aufgestellten Funktionen des Sports im Entwicklungsprozess auch auf den Fußball Anwendung finden.

Anschließend gibt es in Kap. 5 einen kurzen Überblick über die zurzeit laufenden Fußball-Entwicklungsprojekte. Kapitel 5.1 und 5.4 enthalten eine kritische Darstellung der Entwicklungszusammenarbeit der FIFA, da diese führend in diesem Bereich ist.

Über das Thema Fußball sind die Publikationen mittlerweile ins Unzählbare gestiegen. Sucht man beim Internetbuchhändler Amazon unter dem Stichwort Fußball, so bekommt man 3275 Titel angeboten (Stand vom 9. September 2006). Ein weiterer Beweis dafür, dass Fußball ein weltweites Phänomen, wenn nicht sogar Kulturgut geworden ist. Einen guten Einblick in diese Erkenntnis liefern unter anderem die zahlreichen Veröffentlichengen und Beiträge von GIULIANOTTI und EISENBERG sowie die Publikationen des Fußballweltverbandes FIFA. Für die Möglichkeiten des Fußballs in der Entwicklungszusammenarbeit muss auch die Arbeit des Instituts der Friedenspädagogik in Tübingen und dessen Leiter JÄGER angeführt werden, welche sich mit den sozialen und politischen Dimensionen des Fußballs beschäftigen.

2 Grundbegriffe der Entwicklungszusammenarbeit

2.1 Armut

In der Entwicklungsarbeit wird im Allgemeinen zwischen relativer und absoluter Armut unterschieden. Relative Armut steht im Verhältnis zum allgemeinen Wohlstandsniveau eines bestimmten Landes und trifft auf die Menschen zu, die in diesem Land am Ende der Wohlstandspyramide stehen. In den meisten Ländern gilt derjenige als arm, der über weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens verfügt. Wer 40 Prozent oder weniger verfügt gilt als absolut arm, bei 60 Prozent gilt man als einkommensschwach. Durch die vielen verschiedenen nationalen Armutsgrenzen ist ein internationaler Vergleich allerdings sehr schwer.

Absolute Armut liegt definitiv dann vor, wenn die zum Überleben in Menschenwürde notwendigen Grundbedürfnisse (Nahrung, Wohnung, Kleidung) nicht gewährleistet sind. Auch wenn der Maßstab von Menschenwürde überall auf der Welt verschieden definiert ist, ist es doch allgemein anerkannt, dass die existenziellen Bedürfnisse befriedigt sein müssen (vgl. NUSCHELER 2005, 144-146).

Armut bedeutet aber weit mehr als von der Hand in den Mund zu leben. NUSCHELER (2005, 147) fasst dies deutlich zusammen:

„Armut ist also vorrangig, aber nicht ausschließlich ein materielles Problem: Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Es geht nicht nur um das Haben, sondern auch beziehungsweise zuallererst um das Sein. Es gibt auch eine politische und kulturelle Armut, also den Ausschluss aus dem politischen und kulturellen Leben, den Soziologen Marginalisierung nennen. Diese politische Armut erschwert auch die Selbstorganisation der Armen, die die Herrschenden dazu zwingen könnte, sich mehr um ihre Belange zu kümmern.“

Im Jahr 2000 lebten rund 1,1 Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze, d.h. sie mussten von unter einem US-Dollar pro Tag leben, 800 Millionen Menschen waren unterernährt. Im Jahr 2003 hatten über eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, rund 2 Milliarden hatten keine sanitären Anlagen zur Verfügung. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind rund 80% der Krankheiten darauf zurückzuführen. Über 855 Millionen Menschen sind Analphabeten, über 42 Millionen Menschen sind an Aids erkrankt. 70% der in Armut lebenden Menschen auf der Welt sind Frauen und Mädchen (vgl. ebenda 2005, 151-158 und BMZ 2006).

„Armut bildet den verbindenden Grund, warum Menschen unterernährt, krank, obdachlos, ungebildet und kaum zur Selbsthilfe fähig sind. Sie bildet dann ein Synonym von Unterentwicklung, wenn sie Gesellschaften und Individuen daran hindert, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.“ (NUSCHELER 2005, 146)

2.2 Entwicklung und Unterentwicklung

Wie viele Begriffe im entwicklungspolitischen Vokabular ist auch der Begriff Entwicklung respektive Unterentwicklung viel diskutiert. Dabei wird besonders die abwertende, im Alltagsleben mit körperlicher und geistiger Rückständigkeit assoziierte, Bedeutung kritisiert. Zudem verbirgt die pauschalisierende Begriffsbenutzung, dass Länder mit sehr unterschiedlichen sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Vorraussetzungen faktisch gleichgesetzt werden. Die entsprechenden Länder werden nicht durch das eigene Sein und Haben definiert, sondern nur danach, was ihnen im Vergleich zu den Industrieländern fehlt. Nichtsdestotrotz warnt NUSCHELER (vgl. 2005, 185) davor, Unterentwicklung mit Armut gleich zu setzen, da seiner Meinung nach Armut die Folgeerscheinung des Strukturproblems Unterentwicklung ist.

Dieses Problem bringt er in folgender Definition von Unterentwicklung zum Ausdruck:

„Unterentwicklung wird hier definiert als unzureichende Fähigkeit von Gesellschaften, die eigene Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und lebenswichtigen Dienstleistungen zu versorgen, mit anderen Worten, ihr ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Wenn die Weltbank der Mehrheit der lateinamerikanischen Ländern nachgewiesen hat, dass sie schon durch eine geringe Umverteilung des vorhandenen Reichtums in der Lage wären, die Massenarmut zu überwinden, dann ist Armut kein Produktionsproblem, sondern ein Verteilungsproblem und ein politisches Strukturproblem. Hier handelt es sich nicht um Unterentwicklung, sondern um eine Fehlentwicklung.“ (NUSCHELER, 2005, 186)

Entwicklung und Unterentwicklung sind also normative Begriffe, die von individuellen und kollektiven Wertvorstellungen abhängig sind. Zudem sind die Begriffe stark dem historischen Wandel unterworfen (vgl. NOHLEN 2000, 216).

2.3 Merkmale von Entwicklungsländern

Eines der prägendsten Merkmale von Entwicklungsländern ist die Unfähigkeit, für einen großen Teil ihrer Bevölkerung grundlegende Existenzbedürfnisse zu befriedigen (vgl. Kap. 2.1). Darüber hinaus ist es aber sehr schwierig allgemein gültige Faktoren zu bestimmen, um einzuteilen, welches Land ein Entwicklungsland ist und welches nicht. Übliche Einteilungsgrößen sind das Pro-Kopf-Einkommen und die wirtschaftliche Wachstumsrate, welche aber mit vielen Täuschungseffekten behaftet sind (vgl. NUSCHELER 2005, 99). So sagt das Pro-Kopf-Einkommen nichts über die tatsächliche Einkommensverteilung aus. In Ländern mit großer Selbstversorgung kann das Pro-Kopf-Einkommen allenfalls auf Schätzungen beruhen, da dieses nur über Leistungen errechnet wird, die über den offiziellen Markt laufen.

Die Mehrzahl der Entwicklungsländer wird dadurch gekennzeichnet, dass ein großes Loch zwischen dem extremen Reichtum einer Minderheit und der extremen Armut einer Bevölkerungsmehrheit klafft. Außerdem besteht ein signifikanter Unterschied zwischen Land- und Stadtbevölkerung sowie zwischen Frauen und Männern (vgl. Kap. 2.1). Allerdings werden einer rein statistischen Betrachtungsweise kulturelle und soziale Grundgerüste der einzelnen Länder vernachlässigt und die nicht monetären Werte (die das Leben lebenswert machen, aber auch belastende Werte, wie Existenzängste) überhaupt nicht gemessen. NUSCHELER (2005, 189) fasst dies treffend zusammen:

„Die Begeisterung für manche „Erfolgsgeschichte“ würde schnell schwinden, wenn auch die Missachtung der politischen und sozialen Menschenrechte in ihre Bewertung einbezogen würde.“

Eine differenzierte Bemessungsgrundlage ist der von den Vereinten Nationen (UNO) konstruierte Human Development Index (HDI), welcher neben dem Pro-Kopf-Einkommen die Lebenserwartung und den Bildungsgrad berücksichtigt. Alle drei Faktoren zählen zu je einem Drittel, heraus kommt ein Wert zwischen 0 und 1, wobei 1 den höchstmöglichen Wert an Entwicklung darstellt. Nach dem HDI ist Norwegen das am meisten entwickelte Land der Erde und Sierra Leone das am wenigsten entwickelte (vgl. VEREINTE NATIONEN 2006b).

Allerdings kann keiner dieser Messgrößen wirklich eine hundertprozentig verbindliche Einteilung gewährleisten, da es viele verschiedene politische, philosophische und kulturelle Auffassungen gibt, was der Begriff Entwicklung bedeutet. Kritik am HDI resultiert zu großen Teilen aus politischen Motivationen. Frauengruppen beklagen sich über die hohe Position Japans, ostasiatische Länder gegen die Bewertung ihrer Menschenrechtslage und andere Länder wegen ihrer Eingruppierung vor oder hinter einem bestimmten Land. Auf Antrag Indiens wird der HDI seit der Mitte der 1990er Jahre in offiziellen UN-Dokumenten nicht mehr erwähnt (vgl. NUSCHELER 2005, 191).

Jedoch sind bestimmte signifikante Merkmale von Entwicklungsländern feststellbar. Folgende Tabelle gibt einen guten Überblick über diese Merkmale:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Merkmale von Entwicklungsländern (vgl. Andersen 2004, 85-86)

Bemerkenswert bei dieser Einteilung ist, dass neben den zu erwartenden ökonomischen Merkmalen, die sozio-kulturellen Merkmale einen besonderen Stellenwert einnehmen. Dies lässt sich dadurch erklären, dass in den Entwicklungsländern oft traditionelle Werte vorherrschen, was sich in den oben genannten sozio-kulturellen Strukturen widerspiegelt. Unter dem Begriff Soziokultur versteht man die Summe aller kulturellen, sozialen und politischen Interessen und Bedürfnissen einer Gesellschaft bzw. einer gesellschaftlichen Gruppe (WIKIPEDIA 2006a).

2.4 Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe Entwicklungspolitik, Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit oft synonym verwendet. Gerade der Begriff Entwicklungshilfe führte in den letzten Jahren zu großer Kritik. Nach Meinung einiger Autoren ist diesem Begriff eine deutliche abwertende Konnotation zu unterstellen. Für ANDERSEN (vgl. 2004, 85) ist die Bezeichnung Entwicklungshilfe diskriminierend oder schlicht Etikettenschwindel. LACHMANN (1999, 3) erklärt dies genauer: „Wer Hilfe empfängt, ist „hilfsbedürftig“ und abhängig vom Hilfegeber, der sich dem [zu] Helfenden gegenüber als überlegen ansehen kann.“

Im Bewusstsein dieser Problematik wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit der Begriff Entwicklungszusammenarbeit benutzt, um sich deutlich von der wertebezogenen Deutung der Entwicklungshilfe zu unterscheiden. Zudem beinhaltet der Begriff in dieser Arbeit auch die humanitäre Hilfe.

Entwicklungspolitik hingegen ist weit mehr als Entwicklungszusammenarbeit, mit der sie, wie schon angemerkt, im alltäglichen Gebrauch oft synonym verwendet wird. Um dieser Verwechselung vorzubeugen, wird immer öfter der Begriff Nord-Süd-Politik verwendet. Allerdings suggeriert auch dieser Begriff eine Art Geber- und Nehmer-Mentalität und weckt den Eindruck, dass Entwicklung nur von außen, also von Nord nach Süd möglich ist. Ein einfaches Beispiel dafür, dass diese Einteilung nicht ganz richtig ist, ist die geographische Lage von Australien und Neuseeland (vgl. NUSCHELER 2005, 76-77). Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) teilt die Entwicklungspolitik insgesamt in zehn verschiedene Handlungsfelder ein (vgl. BMZ 2004, 13-16):

- Armut
- Friedensentwicklung und Krisenprävention
- Menschenrechte, Demokratie und Gleichberechtigung
- Das Entwicklungshemmnis Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer
- Umwelt und nachhaltige Ressourcennutzung
- Zusammenarbeit mit der Wirtschaft
- Außenhandel und Welthandelsordnung
- Welternährung und Agrar-Entwicklung
- Bildung
- Bevölkerung und Gesundheit

Die Regionen, in denen diese Entwicklungspolitik zum Tragen kommt, reichen von Osteuropa, dem Nahen Osten, Asien und Afrika bis nach Südamerika. Die Schwerpunkte liegen allerdings in Südostasien und Afrika. BODEMER (2000, 223-224) definiert Entwicklungspolitik folgendermaßen:

„Unter Entwicklungspolitik ist die Summe aller Mittel und Maßnahmen zu verstehen, die von Entwicklungsländern und Industrieländern eingesetzt und ergriffen werden, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Entwicklungsländer zu fördern, d.h. die Lebensbedingungen der Bevölkerung in den Entwicklungsländern zu verbessern.“

Während zu der Entwicklungspolitik auch Maßnahmen im Bereich des internationalen Handels und Währungssystems gezählt werden, sind unter Entwicklungszusammenarbeit Maßnahmen zu verstehen, die direkt mit einem Ressourcentransfer verbunden sind (vgl. ANDERSEN 2004, 85). Diese Ressourcen können finanzieller, technischer oder personeller Natur sein.

Unterschieden wird international in zwei Arten der Finanzierung und Durchführung von Entwicklungszusammenarbeit, der staatlichen (öffentlichen) und der privaten. Die Gesamtleistungen der staatlichen Zusammenarbeit setzen sich aus drei Komponenten zusammen: Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (ODA = Official Development Assistance), öffentliche Hilfe (OA = Official Aid) und sonstige öffentliche Leistungen (Exportkredite und ungebunden Finanzkredite zu nicht vergünstigten Bedingungen). Die Leistungen der ODA werden entweder bilateral vergeben oder über multilaterale Organisationen an die Entwicklungsländer weitergeleitet. So genannten Übergangsländern wird OA gewährt. Beide Ländergruppen bekommen zudem Hilfe durch sonstige öffentliche Leistungen (vgl. BMZ 2004, 376).

Diese von staatlichen Stellen aufgebrachten Gelder werden nach bestimmten Kriterien des Development Assistance Committee (DAC)[6] aufgeteilt. Nach den Zielsetzungen der UNO[7] sollten die ODA-Leistungen der DAC-Länder bei 0,7% des Bruttonationaleinkommens des jeweiligen Landes liegen. Von diesen Zielsetzungen ist man allerdings noch weit entfernt (vgl. NUSCHELER 2005, 479). Gesamt gesehen lagen die Aufwendungen der DAC-Länder 2004 bei 0,26%, der Landesdurchschnitt lag bei 0,42%, Deutschland wandte 0,28% (vgl. BMZ 2004, 467). Die Gelder der privaten Entwicklungszusammenarbeit hingegen gliedern sich in zwei Bereiche auf. Zum einen in den Bereich der „privaten Leistungen zu marktüblichen Bedingungen“, sprich in Investitionen von multinationalen Unternehmen und zum anderen in die „aus Spenden aufgebrachten Leistungen der Hilfswerke und NGO.“ (NUSCHELER 2005, 539).

2.5 Gründe für die Entwicklungszusammenarbeit

Die Begründungen für Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit sind vielschichtig. ANDERSEN (2004, 90) fasst die Begründungen von „höchst unterschiedlicher Überzeugungskraft“ folgendermaßen zusammen:

„Es umfasst das Argument der „Wiedergutmachung“ für kolonial bedingte Fehlentwicklungen, das Motiv der langfristigen Friedenssicherung – Entschärfung des Nord-Süd-Konfliktes und neuerdings verstärkt Eindämmung der Flüchtlingsströme und des Rekrutierungspotentials für internationalen Terrorismus -, außenpolitische und strategische Elemente […], ökonomische Motive – Stabilisierung der Rohstoffversorgung aus EL, Arbeitsplatzsicherung durch verstärkte Exporte in die EL, Gewinne aus größerer Arbeitsteilung – sowie das allgemeine Solidaritätsmotiv.“

Gerade das sehr polarisierende Argument der kolonialen Wiedergutmachung „taugt nicht als seriöse Erklärungsformel für alle Ursachen der Unterwicklung“ (NUSCHELER 1996, 164). Es ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, dass der Kolonialismus eigenständige Entwicklungen in den ehemaligen Kolonialländern unterbrochen hat. Allerdings zeigt die nachkoloniale Geschichte auch, dass die Erfahrungen des Kolonialismus in den verschiedenen Ländern und Kulturen durchaus unterschiedlich verarbeitet worden ist. So hat zum Beispiel der äußerst brutale Kolonialismus und Imperialismus von Japan, so verurteilenswert er auch ist, zur infrastrukturellen und industriellen Entwicklung Taiwans und Koreas beigetragen (vgl. ebenda 1996, 164). In diesem Zusammenhang wäre natürlich ein Überblick über die Geschichte des Kolonialismus von Interesse, was aber für das Thema dieser Arbeit selbst nicht von Belang ist und den Rahmen sprengen würde.

LACHMANN (1999, 7-10) unterscheidet zwischen vorder- und hintergründigen Motiven der Entwicklungszusammenarbeit. Er macht deutlich das Geberländer, transnationale Firmen aber auch Nicht-Regierungsorganisationen (NGO’s) mit ihren Hilfs-Maßnahmen meist hintergründige Eigeninteressen von politischer, ökonomischer und geostrategischer Art im Sinn haben. Entwicklungsländer sind wichtige Beschaffungsmärkte für Rohstoffe und Absatzmärkte für heimische Exportwaren. Dadurch werden durch sogenannte Lieferbindungen im eigenen Land Arbeitsplätze geschaffen bzw. gesichert.

Vordergründige Motive sind neben dem „eher theoretischen Argument der Erhöhung der Weltwohlfahrt“ (ebenda 1999, 8) besonders moralische, humanitäre und ethische Gründe. Dazu gehören auch die Millenniumsziele der Vereinten Nationen, die eine Halbierung der Weltarmut bis 2015 zum Ziel haben (vgl. BMZ 2004, 511-513).

1. Bekämpfung von extremer Armut und Hunger (Halbierung der Zahl der Menschen, die von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben müssen).
2. Primarschulbildung für alle (momentan gehen ca. 80% der Kinder in den ärmsten Ländern zur Schule).
3. Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frauen.
4. Reduzierung der Kindersterblichkeit (bis 2015 Reduzierung der Sterblichkeitsraten von Kindern unter Fünf um zwei Drittel).
5. Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Müttern (bis 2015 Reduzierung der Müttersterblichkeitsrate um drei Viertel).
6. Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten.
7. Ökologische Nachhaltigkeit (unter anderem die Halbierung der Zahl der Menschen ohne Zugang zu hygienisch unbedenklichem Trinkwasser).
8. Aufbau einer globalen Entwicklungspartnerschaft (unter anderem ein gerechteres Handels- und Finanzsystem und Lösung der Schuldenprobleme der Entwicklungsländer).

2.6 Do No Harm – eine Möglichkeit sinnvoller Entwicklungszusammenarbeit

Das Do-No-Harm-Konzept, auch Local Capacities for Peace Project genannt, existiert seit 1995. Es wurde maßgeblich von der amerikanischen Wissenschaftlerin Mary B. Anderson entwickelt. Der Imperativ Do No Harm, also Richte keinen Schaden an gilt seitdem als eine der wichtigsten Grundregeln in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Nach diesem Prinzip sollen nicht beabsichtigte Folgen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit kritisch in den Blick genommen werden. Ungewollte Konfliktverschärfungen sollen erkannt, vermieden und abgefedert werden. Das Konzept findet Anwendung in Regionen, in denen der Konflikt noch nicht gewaltsam ausgebrochen ist, in denen Krieg herrscht und in Nachkriegssituationen (vgl. CDA 2004,1 und GTZ 2006).

Das Do-No-Harm-Konzept ist ein Werkzeug. Bei seiner Anwendung wird davon ausgegangen, dass negative Einflüsse eines Projekts manchmal unausweichlich und nicht zu verhindern sind. Zudem wird betont, dass die Vorraussetzungen für die Projekte immer unterschiedlich sind und somit jedes Projekt einzeln betrachtet werden muss (vgl. CDA 2004, 1) Im Laufe seiner Anwendung ergaben sich sieben wichtige Erkenntnisse (vgl. CDA 2006a):

- Die Hilfe wird zum Teilstück des Konfliktzusammenhanges. Sie ist demnach nicht neutral, sondern Teil des Kontextes.
- In jeder Konfliktsituation gibt es zwei Realitäten/ Faktorengruppen: verbindende Faktoren und trennende Faktoren. Die trennenden Faktoren sind diejenigen, um die gekämpft wird oder die Spannungen verursachen. Verbindende Faktoren bringen Menschen zusammen und/oder tendieren dazu die Spannungen zu vermindern.
- Hilfe hat einen Einfluss auf die verbindenden sowie die trennenden Faktoren. Sie kann beide entweder verstärken oder reduzieren.
- Ressourcen Transfers sind ein Mechanismus durch den Hilfe Einfluss ausübt. Wichtig ist dabei was die Hilfsorganisationen in das Land bringen und wie sie es verteilen.
- Implizite ethische Botschaften sind ein anderer Mechanismus des Einflusses. Was übermittelt die Art der Arbeit der Hilfsorganisationen and die Menschen?
- Die Details eines Hilfsprogramms sind wichtig: was, warum, wer, durch wen, wann, wo und wie.
- Es gibt immer Optionen ein Hilfsprogramm zu verändern, um negative Einflüsse (Verstärkung des Konflikts) zu eliminieren oder um positive Einwirkungen auf den Friedensprozess zu verstärken.

Die Nutzung des Do-No-Harm-Konzeptes offeriert die Möglichkeit zu erkennen wie die geleistete Hilfe mit dem Konflikt selber interagiert, positiv wie negativ. Dabei wird berücksichtigt, dass Entwicklungszusammenarbeit sowohl Frieden als auch Krieg unterstützen kann. Wichtig ist die Erkenntnis, dass internationale Hilfe von sich selbst aus keinem Konflikt vorbeugen oder beenden kann. Die Menschen vor Ort müssen bereit dazu sein eigene Bedingungen für ein friedliches Miteinander zu schaffen (vgl. Anderson und Spelten 2000, 2) Ohne diese Bereitschaft geht es nicht. Nicht umsonst ist das Do-No-Harm-Konzept deswegen auch unter dem Namen Local Capacities for Peace Project, zu Deutsch Projekt zur Nutzung der lokalen Kapazitäten zur Friedensschaffung, bekannt.

Do No Harm ist von Praktikern für Praktiker entwickelt. Es stellt eine Art Werkzeug dar, um die Interaktionen von Hilfe und Konflikt herauszufiltern und kann dazu verwendet werden, humanitäre Hilfe sowie Entwicklungszusammenarbeit zu planen, zu beobachten und zu evaluieren. Das Konzept will nicht den Charakter einer Vorschrift haben, vielmehr ist es deskriptives Instrument, um

1. Informations-Kategorien zu erstellen, die auf Erfahrung basieren und wichtig sind, um darzustellen, wie Hilfe den Konflikt beeinflusst.
2. diese Kategorien so darzustellen, dass ihre wirklichen und potentiellen Beziehung bildlich präsentiert werden können.
3. zu helfen, die möglichen Einflüsse der einzelnen Programm-Entscheidungen voraussagen zu können.

(vgl. CDA 2004, 3)

Um das Do-No-Harm-Konzept richtig einzusetzen, entwickelte Mary B. Anderson mit ihren Mitarbeitern eine Art analytischen Aufgabenkatalog, den Seven Step Approach (vgl. CDA 2004, 3-6) Im Folgenden werden diese sieben Schritte dargestellt und näher erläutert:

Step 1: Den Kontext des Konfliktes/ Problems verstehen lernen

- Welche sozialen und geographischen Vorraussetzungen sind vorhanden bzw. müssen berücksichtigt werden?
- Warum gibt es die Probleme/Konflikte, wie sind sie entstanden und können sie u. U. in oder erneut in Gewalt eskalieren?
- Wie wird das Hilfsprogramm mit dem Konflikt/ Problem interagieren, welche Auswirkungen kann es haben?

Step 2: Analyse der trennenden Faktoren

- Sind die trennenden Faktoren root causes ? D.h. sind es Spannungen zwischen Gruppen, die auf tief sitzenden historischen Ungerechtigkeiten basieren? Allgemein spricht man in diesem Zusammenhang von „ethnischen Problemen“, „Stammeskriegen“ oder „Religionskriegen“. Allerdings ist es wichtig zu fragen, ob die historischen Grundlagen wirklich Schuld am Konflikt sind oder z.B. Ethnizität von korrupten Führern nur als Mittel zur Verdeckung der eigentlichen Konfliktgründe benutzt wird (vgl. Anderson und Spelten 2000, 3).
- Sind die trennenden Faktoren proximate causes ? D.h. sind es momentane, kurzlebige oder durch politische Führer manipulierte Probleme? Ihre Analyse ist schwieriger, da sie aus vielen verschieden Quellen entspringen, die sich zum Teil auch überlappen. Unter anderem sind das ökonomische Beziehungen, geographische und soziale Gegebenheiten, demographische Unterschiede, politische und religiöse Gründe.
Step 3: Analyse der verbindenden Faktoren und der lokalen Kapazitäten
- Welche übergeordneten Gemeinsamkeiten gibt es in der Gesellschaft trotz des Konfliktes (z.B. Märkte, Infrastruktur, gemeinsame Erfahrungen, historische Ereignisse, Symbole, gemeinsame Gesinnungen, formale und informale Verbände)?
- Welche lokalen Kapazitäten (Individuen, Institutionen) sind vorhanden (Rechtssysteme, Polizei, Ältestenräte, Lehrer, Geistliche) und wie können sie konstruktiv in den Projektzusammenhang eingebunden werden?

Step 4: Analyse des Hilfsprogrammes

- Was sind die Details des Hilfsprogramms? (Wo und warum wird geholfen, gibt es externe und interne Mitarbeiter und nach welchen Kriterien werden sie eingestellt, wen erreicht die Hilfe, wie werden die Hilfsbedürftigen ausgesucht, was wird geliefert, wer entscheidet, wie wird geliefert, verteilt und gelagert?)
- Ein Projekt schlägt nur in den Details fehl, fast nie komplett.
- Warum ist ein Faktor bei diesem Projekt verbindend, aber bei einem anderen trennend?

Step 5 : Analyse des Hilfsprogramms unter Berücksichtigung von Ressourcen Transfers (RT’s) und Impliziten Ethischen Botschaften (IEM’s)

Den direktesten Hilfseinfluss haben Ressourcen, wie zum Beispiel Nahrung, Gesundheitsversorgung, Ausbildung, Unterkünfte und Wasserversorgung. Hilfsmaßnahmen werden in erster Linie durch die Bereitstellung materieller Güter durchgeführt, da oft schnell geholfen werden muss. Den Ressourcen kommt auch deswegen eine so wichtige Rolle zu, da es in den heutigen Konflikten meist in erster Linie um den Zugang zu den Ressourcen geht. Die Effekte der RT’s (vgl. CDA 2006b) sind in fünf Gruppen einzuteilen:

- Diebstahl (wenn die Hilfsgüter von den Konfliktparteien gestohlen werden, um z.B. die Milizen zu ernähren oder um durch ihren Verkauf und Tausch Waffen zu erwerben)
- Markteffekte (Die Hilfe kann die Kriegs- aber auch die Friedensökonomie beeinflussen, da sie direkten Einfluss auf Marktpreise, Löhne und Profite nimmt)
- Verteilungseffekte (Durch falsche und ungerechte Verteilung kann die Hilfe den Konflikt weiter anfachen)
- Substitutionseffekte (Wenn die lokalen Kapazitäten (insbesondere personell) nicht oder nur unzureichend genutzt werden, können diese möglicherweise für die Weiterführung des Konfliktes missbraucht werden)
- Legitimationseffekte (da durch die Hilfe bestimmte Personen in ihrem Handeln legitimiert werden, muss darauf geachtet werden, dass sie ihre Position nicht ausnutzen)

Die zweite Kategorie zur Analyse des Einflusses des Hilfsprogramms sind die Impliziten ethischen Botschaften. Sie werden direkt durch das persönliche Verhalten und die Einstellungen der Projektmitarbeiter übermittelt. Auch können die Impliziten ethischen Botschaften zweierlei Effekt haben: zum einen wirken möglicherweise Konflikt eindämmend, zum anderen Konflikt fördernd. Die IEM’s sind in sieben Gruppen einzuteilen (vgl. CDA 2006c):

- Waffen und Macht (Wenn die Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter und Güter mit Waffengewalt bewachen lassen, kann es den Eindruck bei den Einheimischen erwecken, dass Waffen Macht bedeuten und dass der Einsatz von Waffen legitim ist)
- Respektlosigkeit, Misstrauen und Konkurrenz zwischen Hilfsorganisationen (wenn die Organisationen im Umgang untereinander ein schlechtes Beispiel geben, kann es den Eindruck erwecken, dass Kooperation nicht nötig ist)
- Missbrauch der Position durch das Hilfspersonal (Wenn die Hilfsmitarbeiter die Hilfsgüter für ihre eigenen Zwecke benutzen, erwecken sie den Eindruck, dass die Verteilung nur über sie läuft und dass es legitim ist , diese für den eigenen Vorteil zu verwenden)
- Verschiedene Wertigkeiten für unterschiedliche Bevölkerungsschichten (Wenn die Mitarbeiter eine Gruppe oder ein Individuum vorziehen, erwecken sie den Eindruck, dass die eine Gruppe mehr wert (legitimierter) ist, als die andere)
- Hilflosigkeit (Wenn die Mitarbeiter die Verantwortung der Folgen ihrer Arbeit von sich weisen, erwecken sie den Eindruck, dass sie keinen Einfluss auf die Hilfe haben und, dass sie nicht verantwortlich für ihre Arbeit sind)
- Konfliktbereitschaft, Spannungen, Verdächtigungen (Wenn die Mitarbeiter ständig um ihre Sicherheit bangen müssen und sich dementsprechend verhalten, erwecken sie den Eindruck, dass Misstrauen und Verdächtigungen anderer Personen normal sind. So wird die Konfliktbereitschaft der Konfliktparteien gestärkt.)
- Nutzung der Öffentlichkeit (Hilfsorganisationen sollten von der Veröffentlichung von z.B. grausamen Bildern absehen, da sie dadurch Partei ergreifen könnten und den Eindruck erwecken, dass eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse möglich sei)

Step 6: Erwägung und Generierung von Programmoptionen

Hat man die ersten Schritte der Analyse des Programms durchgeführt, ist es nun an der Zeit zu überlegen, wie man das gleiche Programm so durchführen kann, dass die negativen und konfliktfördernden Effekte nicht mehr auftreten. Oft wird erst dann deutlich, was man übersehen hat (zum Beispiel lokale Kapazitäten) oder dass in diesem Projekt ein Faktor, von dem angenommen hat, dass er trennend ist, doch verbindend ist und umgekehrt. In diesem Fall sollte man so viele neue Optionen wie möglich generieren, um den beabsichtigten Effekt des Programms zu erreichen und um trennende Faktoren zu schwächen und verbindende zu stärken.

Step 7: Durchführen eines Testes der Programmoptionen und Neuplanung des Projekts

Nachdem neue Programmoptionen erdacht worden sind, sollte deren möglicher Einfluss auf die verbindenden und trennenden Faktoren überprüft werden, um danach das Programm neu zu planen.

2.7 Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit

Die Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit ist sehr groß. Besonders das anhaltende bzw. stetig anwachsende Wohlstandsgefälle in der Welt sorgte für immense Frustration. Befürworter und Kritiker sind gleichermaßen der Meinung, dass es zu einer Verbesserung der Lage der Entwicklungsländer mehr bedarf, als bis jetzt geleistet wird (vgl. THIBAUT et. al. 2001, 86). HOFMEIER (2004, 49) weist zudem darauf hin, dass die Erwartungen an die Effektivität der Entwicklungszusammenarbeit nicht zu hoch angesetzt werden dürfen,

„da Entwicklung ein extrem komplexer gesamtgesellsch. Prozess (mit internen und externen Einflussgrößen) ist, zu dem EZ auch im besten Fall nicht mehr als einen begrenzten Teil beisteuern kann.“

Neben der herkömmlichen Entwicklungszusammenarbeit durch Programme und Projekte müssen auch Veränderungen in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen stattfinden. Zudem muss es einen Wandel in den gesellschaftlichen und politischen Strukturen der Entwicklungsländer geben (vgl. THIBAUT et al. 2001, 91).

Die Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit lässt sich in fünf Teilbereiche zusammenfassen (vgl. WIKIPEDIA 2006b):

- Kritik an einzelnen Projekten
- Kritik an der praktischen Umsetzung und den damit verbundenen geringen Wirksamkeit der Maßnahmen
- Kritik am Begriff Entwicklung und dessen evolutionärer und totalitärer Benutzung
- Kritik an Entwicklungspolitik als möglicher Neokolonialismus
- Kritik aus dem nationalen Lager, dass Entwicklungszusammenarbeit Geldverschwendung sei und die Entwicklungsländer selbst schuld an ihrer Situation seien

Die wohl stärkste Kritik kommt durch den kenianischen Wirtschaftsexperten James Shikwati vom afrikanischen Kontinent selbst. Er ist der Meinung, dass Entwicklungszusammenarbeit für die Entwicklung eines Landes nicht förderlich ist. Seiner Meinung nach liegen die Potentiale für eine bessere Entwicklung nur in den jeweiligen Ländern selbst: im Aufbrechen von Machstrukturen, die durch die Entwicklungszusammenarbeit jedoch gefördert werden (vgl. BERTRAM 2006).

Kritiker weisen auch darauf hin, dass Afrika sozusagen den Prototyp eines von externer Entwicklungszusammenarbeit abhängigen Kontinent darstellt, dessen Entwicklung durch diese Abhängigkeit somit eher gehemmt als gefördert wird (HOFMEIER 2004, 49).

3 Sport und Entwicklung

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Entwicklung und Sport im Allgemeinen. Dabei wird der Begriff Sport in einem erweiterten Sinne verwendet. Ist also von Sport die Rede, so sind alle physischen Tätigkeiten gemeint, die zur körperlichen Fitness, zum geistigen Wohlbefinden und zur sozialen Interaktion beitragen (vgl. VEREINTE NATIONEN 2003b, 10). Zudem beinhaltet der hier verwendete Sportbegriff auch die nicht aktiven Dimensionen, die das Sportsystem beeinflussen, d.h. in Form von Zuschauen, Zeitung lesen, über Sport schreiben und reden, in Sport investieren etc. (vgl. MARKOVITS und HELLERMANN (2002, 37). GRUPE und KRÜGER (1998, 478) machen den für diese Arbeit geltenden Sportbegriff noch einmal deutlich:

„Unter „Sport“ werden heute die verschiedenen, nach Regeln betriebenen Leibesübungen, Spiele und Wettkämpfe verstanden, die sowohl im kleinen privaten Rahmen ausgeübt als auch über große und zum Teil weltweite Organisationen und Institutionen veranstaltet werden. Sport und Sporttreiben sind in spezifische und kulturelle Kontexte eingebunden und lassen sich mit politischen, wirtschaftlichen, erzieherischen und gesundheitlichen Zwecken verbinden.“

Sporttreiben (und an den nicht aktiven Dimensionen teilnehmen zu können) ist mehr als Luxus oder Unterhaltung (vgl. IBLF 2005, 1). Sport, aktiv und passiv, ist essentiell für ein gesundes und erfüllendes Leben. Laut der International Charter of Physical Education and Sport der UNESCO gehört die Möglichkeit Sport treiben zu können sogar zu den Menschenrechten (vgl. UNESCO 1978). Man kann davon ausgehen, dass Sport in jeder Gesellschaft dieser Welt eine bestimmte Rolle spielt und einen bestimmten Platz hat (vgl. VEREINTE NATIONEN 2003b, 1-2).

[...]


[1] Gemeint ist die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft der Männer, die in einem vierjährlichen Turnus stattfindet.

[2] Zugunsten der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden immer die maskuline Form verwendet.

[3] Wenn in der Arbeit von Fußball die Rede ist, wird aber kein expliziter Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball gemacht.

[4] Im schweizerischen Magglingen fand vom 4. bis 6 Dezember 2005 die zweite Konferenz für Sport und Entwicklung statt. Mit etwa 400 Teilnehmern aus über 70 Ländern markierte sie den Höhepunkt des UNO-Jahres des Sport 2005.

[5] Medium = Mittler, Vermittler oder Übermittler von Informationen, Botschaften oder Belehrungen (vgl. WAHRIG-BURFEIND 1999, 579)

[6] Dem DAC, dem Entwicklungshilfe-Ausschuss der OECD gehören 22 westliche Industrieländer und die EU-Kommission an.

[7] Das 0,7%-Ziel wurde 1968 auf der Welthandels- und Entwicklungskonferenz formuliert und 1970 festgeschrieben.

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Fußball ein sinnvolles Medium der Entwicklungszusammenarbeit?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Sportwissenschaften)
Veranstaltung
Sport
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
107
Katalognummer
V67662
ISBN (eBook)
9783638586634
ISBN (Buch)
9783656073765
Dateigröße
1106 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit gibt einen guten Überblick über den Zusammenhang von Sport und Entwicklungszusammenarbeit, zunächst allgemein und dann genauer auf den Fußball bezogen.
Schlagworte
Fußball, Medium, Entwicklungszusammenarbeit, Sport
Arbeit zitieren
Magister Artium Torben Knye (Autor), 2006, Fußball ein sinnvolles Medium der Entwicklungszusammenarbeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67662

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