Ich- und Wirklichkeitszerfall in den Rönne-Novellen – besonders in "Gehirne"


Hausarbeit, 2005

27 Seiten, Note: 2,5

Anonym


Leseprobe

Inhaltsangabe:

A. Einleitung

B. Ich- und Wirklichkeitszerfall im Expressionismus

C. Benn über sich – die Entstehungssituation

D. Der Name Werff Rönne

E. Gehirne
I. Ich- und Wirklichkeitszerfall
II. Sprache

F. Ich- und Wirklichkeitszerfall in den übrigen Rönne Novellen

G. Fazit

A. Einleitung

Im Februar 1915 erscheint die erste Rönne Novelle von Gottfried Benn mit dem Titel Gehirne. Es folgen Die Eroberung, Die Reise, Die Insel und Der Geburtstag. Der Arzt Dr. Werff Rönne ist die Zentralgestalt dieser Erzählungen, mit denen Benn seine „absolute Prosa“[1] verwirklichte.

Rönne wird in allen Novellen als Person dargestellt, die den Bezug zur Realität verloren hat und in ihrer eigenen Welt zu leben scheint.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Fragen, die Rönnes Ich- und Wirklichkeitsverlust betreffen.

Woher resultiert sein Zerfall?

Wie und mit welchen Mitteln versucht er diesen zu bekämpfen?

Erlangt er Erlösung – und wenn ja – wie erlangt er sie und bleibt sie beständig?

Auf welcher Ebene manifestiert sich dieser Realitätsverlust?

Die Wahl der Namen, die verwendete Sprache, alles unterstreicht und betont den Zerfall und den Wirklichkeitsverlust Rönnes.

Hierbei ist es sinnvoll zu untersuchen, in wie weit die Werke von Gottfried Benn an der Tradition des Expressionismus stehen und was auf die individuellen Erfolge des Autors selbst zurückzuführen ist.

B. Ich- und Wirklichkeitszerfall im Expressionismus

Im allgemeinen Vordergrund des Expressionismus steht die Idee der Erschaffung eines neuen Menschen. Die verschiedenen stilistischen Ausprägungen haben ihren Kern auch in der ,,tiefgreifenden Erfahrung der Verunsicherung, der Dissoziation des Ich, der Zerrissenheit der Objektwelt, der Verdinglichung und Entfremdung von Subjekt und Objekt.“[2] Der Expressionismus findet seine geschichtliche und thematische Bestimmung unter anderem in einem Gegenprogramm zu Impressionismus und Naturalismus. Er zeichnet sich durch seinen Willen zur Erneuerung aus. Dieses Element wird stark durch einen rationellen Aspekt getragen, der die gefühlte, vorherrschende und voranschreitende Entindividualisierung des Ichs im frühen 19. Jahrhundert zum Inhalt hat.[3] Im Betrachtungsaspekt der Technisierung der Welt wurden einige Expressionisten auch von Nietzsches Texten inspiriert. Dort zeichnet sich eine neue Autonomie gegenüber der Logik, Wissenschaft und Technik, also zu logischen Überlegungen, ab, zur Logik, wie sie in der Naturwissenschaft gebräuchlich ist. Der Frühexpressionismus hat seine Wirkungsphase ungefähr von 1906 bis 1910 und später. Diese Phase der Vorkriegszeit widmet sich hauptsächlich der Herausbildung neuer ästhetischer Konzepte.[4]

Die Autoren fühlen sich gefangen in einer Lebensumwelt, die gesellschaftlich und wirtschaftlich festgefahren ist. Es gibt keinerlei Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung mehr. Als verstärkende Elemente der so empfundenen Sinnlosigkeit kommen eine gottlos gewordene Gesellschaft und das Gefühl einer dunklen, bösen und tief ängstigenden Vorahnung hinzu. Dieser Hintergrund führt nicht etwa zu einer Ohnmacht, sondern zu einer Aufbruchsstimmung, einer Stimmung der Veränderung, dem Bestreben, eine Änderung herbeiführen zu wollen. Aus dieser ,,Kampfansage" entstanden neue ästhetische Konzepte.

„Es handelt sich also um einen graduellen Entwicklungsprozess, um eine aus tiefsten Quellen gespeiste Wandlung oder Verwandlung, die mit den Bestimmungen `Egoismus´ und `Destruktion´ nur sehr generell charakterisiert ist."[5]

Es bleibt zu beachten, dass die einzelnen Autoren andere Wege gewählt haben, um der Destruktion Ausdruck zu verleihen.

Das Credo der frühen expressionistischen Bemühungen ist die antibürgerliche Bewegung, das Aufheben bürgerlichen Denkens und somit die ,,kennzeichnende Einstellung zur Kunst, die in der fundamentalen `Verwandlung` des Menschen durch Kunst ihre eigentliche Aufgabe sieht."[6] Diese Verwandlung sollte durch neue ästhetische Konzepte herbeigeführt werden, die ihre Umsetzung z.B. in grotesken Darstellungen der Welt, in Sprachzerstörungen und in einem egoistischen Ich, das den Boden unter seinen Füßen verliert, finden.[7] Im Hochexpressionismus (ca.1915-1925) schlägt sich radikal der Verlauf und die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs nieder. Diese nun noch schrecklichere Atmosphäre führt zwangsläufig zu einer Verstärkung der Gesellschafts- und Zivilisationskritik. Die Destruktion drängt sich in den Vordergrund der Köpfe, der Autoren, allerdings nicht als eine Resignation über die Umstände der weltpolitischen Lage, sondern als Möglichkeit der Umstrukturierung der Welt. Futuristische und utopische Menschenbilder werden erschaffen.[8] Auch im Drama wird eine innere Verwandlung angestrebt, die zu einer Erlösung, einem neuen Menschen, führen soll, allerdings auf eine andere Art und Weise als in der Lyrik und in der Prosa. Die dramatischen Bemühungen bleiben oft in einer Utopie hängen und gleichen „schönen“ Konstrukten. Es zeigt sich oft eine starke Zivilisationskritik an konkreten Beispielen und es wird gezeigt, dass die normalen, bürgerlichen Wege nicht aus der entfremdeten Wirklichkeit führen. Es wird jedoch letztlich kein Konzept gegeben, das der Umsetzbarkeit genügt. Der Mensch erlangt durch seine innere Wandlung die Erlösung. Wie dies in der Realität aussehen soll, bleibt im Verborgenen.[9] Erst mit dem Erkennen des Gegensatzes zum gefangenem Ich kommen die Helden zu ihrer Bestimmung als konträrer Punkt zum menschlichen Urkonflikt oder zur Kontroverse mit der nicht mehr akzeptierbaren Wirklichkeit. Dies geschieht durch Schwarz- Weiß- Malerei des positiven Helden, der innerlich bewegt und äußerlich bewegend ist, oder des negativen Helden, der innerlich stagniert und äußerlich bewegungshemmend wirkt. Ohne diese Schwarz-Weiß- Technik ist es im Drama nur schwer möglich, den Ich- bezogenen Helden zu zeigen, der sich in einem Akt der Wandlung befindet. Die Entwicklung des Helden findet nicht in der Wirklichkeit statt, sondern stellt sich als eine Idee dar. Als die Idee einer entfremdeten Welt.[10]

C. Gottfried Benn über sich – die Entstehungssituation

Im „Epilog“ zu den gesammelten Schriften von 1922 schreibt Gottfried Benn selbst von seiner Zeit als Psychiater und der Atmosphäre, in der die Rönne Novellen entstanden sind. Er war Arzt an einem Prostituiertenkrankenhaus. Benn lebte in einem konfiszierten Haus, welches elf Zimmer hatte. Nur ein „Bursche“ lebte mit ihm. Er hatte wenig Dienst und durfte in Zivil gehen. Leider verstand er die Sprache kaum und war sehr isoliert. Das Leben war verschwiegen und verloren. Benn lebte am Rande, „wo das Dasein fällt und das Ich beginnt.“[11] Er sagt, er denke oft an diese Wochen zurück, sie waren das Leben und werden nicht wiederkommen, alles andere war Bruch.[12] Irgendwann stellte sich das merkwürdige Phänomen ein, dass er immer kritischer wurde. Es lief darauf hinaus, dass er sich nicht mehr für den Einzelfall interessierte. Es sei ihm körperlich nicht mehr möglich gewesen, seine Aufmerksamkeit, sein Interesse auf einen neu eingelieferten Patienten zu richten oder die alten Kranken fortlaufend individualisiert zu beobachten. Die Fragen nach der Vorgeschichte ihres Leidens, die Feststellungen über ihre Herkunft und Lebensweise sowie die Intelligenz-Prüfungen quälten ihn.

„Mein Mund trocknete aus, meine Lider entzündeten sich, ich wäre zu Gewalttalten geschritten, wenn mich nicht vorher schon mein Chef zu sich gerufen, über vollkommen unzureichende Führung der Krankengeschichte zur Rede gestellt und entlassen hätte.“[13]

D. Der Name Werff Rönne

Der Name Rönne kommt in allen Texten, außer in Der Geburtstag gleich im ersten Satz vor. In Der Geburtstag ist er das letzte Wort. Es herrscht eine Verwandtschaft des Namens mit dem Verb „rinnen“. Eine Ableitung davon wäre „zerrinnen“, „gerinnen“, „entrinnen“. „Rinnen“ ist neben „strömen“ oder „fließen“ eines der vielen Verben, die in den Novellen eine Bewegung von Flüssigkeit bezeichnen. In Der Geburtstag wird „rinnen“ sechs Mal verwendet. „Rönne“ ist die 1. oder 3. Person Singular des Konjunktivs II von „rinnen“. Der Konjunktiv ist der Modus der Möglichkeit. Etwas in den Konjunktiv zu setzen heißt, es nur als Möglichkeit oder Wunsch erscheinen zu lassen. Dies hieße also, sich nicht auf eine bestimmte Existenzform festzulegen, sondern nur als Möglichkeit hinzustellen.[14] So fragt sich Rönne in Der Geburtstag:„War er wirklich? Nein; nur alles möglich, das war er.“[15] Rönne wäre eine Figur, der die Möglichkeit oder der Wunsch des „Rinnens“ inhärent ist. Das „Rinnen“ ist für die Figur also ein nicht erreichter oder nur ein momentan erreichbarer Zustand. Semantisch ordnet sich das Verb in den Antagonismus von Festigkeit und Flüssigkeit ein. Festes, Flüssiges und deren Übergangsformen bestimmen in hohem Maße die Bildlichkeit der Novellen. Immer wieder werden Konsistenzveränderungen der Hauptfigur beschrieben. Mal erscheint Rönne gefestigt : „[…] hart wurde sein Blick. Gestählt drang er in den Garten, ordnend die Büsche, messend den Pfad.“[16] dann befindet er sich in Übergangszuständen: „Nun sang er wieder, der Weiche im Glück.“[17] Schließlich scheint er flüssig zu werden: „Nun war ein strömen in ihm, nun ein laues Entweichen.“[18] Rönne wechselt sozusagen ständig von einem „Aggregatzustand“ in den anderen. Sein Name scheint auf einen dieser „Aggregatzustände“ zu verweisen. Rönne befindet sich in einer Krise, u. a. weil er seine Vergangenheit verloren hat: „So viele Jahre lebte ich, und alles ist versunken. Als ich anfing, blieb es bei mir? Ich weiß es nicht mehr.“[19] Er hat zwar Erinnerungen, aber sie bleiben isoliert: „Was hatte er erlebt: Liebe, Armut und Röntgenröhren; Kaninchenställe und kürzlich einen schwarzen Hund…“[20] Vergangenheit und Wirklichkeit zerfallen in Einzelheiten. Aus dem Verlust der Zusammenhänge und Orientierungen resultiert eine Art „Depersonalisation“ oder der Verlust einer „kontinuierlichen Psychologie“.[21] In Der Geburtstag wird der schrittweise Übergang ins Flüssige dargestellt: „Schmelzend durch den Mittag kieselte bächern das Haupt“[22] oder „Kam Venedig, rann er über den Tisch“[23] Der Vorname Werff ist flämischer Herkunft. Werff Rönne, deutscher Eroberer und Arzt in Brüssel, trägt den Namen eines der Eroberten. „Flandern sei ein bäuerlich-lebenskräftiges Land, das zur Revolte neige. Dies passe zu Rönne, der in Flandern lebe und gegen sein bisheriges Leben revoltiere.“[24] Morphologisch lässt es sich aber auch mit dem Verb „werfen“ verbinden. Semantisch könnte man es mit dem Antagonismus von Statik und Dynamik in Zusammenhang bringen, der an denjenigen von Flüssigkeit und Festigkeit gekoppelt ist. Die Antagonismen Statik und Dynamik sowie Flüssigkeit und Festigkeit lassen sich wiederum von der für Benn konstitutiven Opposition Norden versus Süden ableiten. Der Norden steht dabei für Festigkeit und Statik, der Süden für Flüssigkeit und Dynamik. Die Metapher des Rinnens ergibt sich anscheinend ganz natürlich aus der Bewegung von Norden nach Süden, die Rönne imaginär vollzieht.[25]

[...]


[1] Killy, Walther: Literatur Lexikon, S. 424

[2] Vietta, Silvio: Expressionismus, S. 21

[3] Ros, Arno: Begründung und Begriffe, S. 164

[4] ebd., S. 57

[5] ebd., S. 59

[6] Vietta, Silvio: Expressionismus, S.30

[7] ebd.

[8] Paulsen, Wolfgang: Deutsche Literatur des Expressionismus, S. 59

[9] ebd., S. 71

[10] ebd.

[11] Preiß, Martin: Gottfried Benns Rönne Novellen, S. 96

[12] ebd.

[13] Liebermann, Max: Gesammelte Schriften, S.

[14] Junkersjürgen, Ralf: Aggregatzustände einer Figur, S. 227

[15] Benn, Gottfried: Gehirne, S. 40

[16] ebd., S. 32

[17] ebd., S. 37

[18] ebd., S. 39

[19] Benn, Gottfried: Gehirne, S. 3

[20] ebd., S. 33

[21] Junkersjürgen, Ralf: Aggregatzustände einer Figur, S. 227

[22] Benn, Gottfried: Gehirne, S. 40

[23] ebd., S. 43

[24] Junkersjürgen, Ralf: Aggregatzustände einer Figur, S. 227

[25] ebd.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Ich- und Wirklichkeitszerfall in den Rönne-Novellen – besonders in "Gehirne"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,5
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V67725
ISBN (eBook)
9783638604789
ISBN (Buch)
9783638672290
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Fragen, die Rönnes Ich- und Wirklichkeitsverlust betreffen.
Schlagworte
Ich-, Wirklichkeitszerfall, Rönne-Novellen, Gehirne
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Ich- und Wirklichkeitszerfall in den Rönne-Novellen – besonders in "Gehirne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67725

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