Die Frustrations- Aggressions- Theorie und die Theorie des sozialen Lernens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
19 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Aggressions- Frustrations- These der Yale- Autoren
2.1. Die Grundhypothese
2.2. Die Stärke der Frustration
2.3. Hemmung von Aggression
2.4. Direkte und indirekte Aggression, Verschiebung
2.5. Selbstaggression
2.6. Katharsis

3. Die Weiterentwicklung der Frustrations- Aggressions- These
3.1. Ausweitung des Frustrationsbegriffs
a) Hindernisfrustration
b) Provokationen
c) Physische Stressoren
3.2. Bewertung der empirischen Belege gegen die Ursprungsthese
3.3. Ärger- Aggression: Das „cognitive neoassiociation model“ von Berkowitz
3.4. Regulation von Ärger: Die Studie von Averill
3.5. Die Umsetzung von Ärger in Verhalten

4. Die Theorie des sozialen Lernens
4.1. Das Erlernen von Verhaltensweisen
a) Die klassische Konditionierung
b) Die instrumentelle Konditionierung
c) Beobachtungslernen
4.2. Die Regulationssysteme bei der Anwendung von Verhaltensweisen
a) Stimuluskontrolle
b) Bekräftigungskontrolle
c) Kognitive Kontrolle
4.3. Training zur Verhaltenskontrolle und zur Förderung konfliktlösender und konfliktvermeidender Verhaltensweisen bei aggressiven Kindern

5. Fazit

Quellenangaben

1. Einleitung

Aggression und Gewalt beherrschen die Menschheit seit ehedem. Kriege und Repression als Ausdruck staatlich legitimierter Aggression sowie Schlägereien, Beschimpfungen und Rache als Ausdruck individueller Aggression sind nur Beispiele für die vielen verschiedenen Formen, die dieses Phänomen annehmen kann.

Genauso vielfältig wie die Ausdrucksformen der Aggression sind auch die Versuche, sie zu erklären. Wissenschaftler wie Freud oder Lorenz gingen von einem Aggressionstrieb aus, andere widerlegten diese Theorie und betonten die Bedeutung der Frustration oder des Lernens. Diese beiden Ansätze, die Frustrations- Aggressions- These der Yale- Autoren und die Theorie des sozialen Lernens, v. a. nach Bandura, sollen in der vorliegenden Arbeit näher betrachtet werden. Ein besonderes Augenmerk soll hier auf der Weiterentwicklung der Frustrations- Aggressions- These liegen. Die beiden Theorien werden nicht als rein konkurrierend betrachtet, sondern die Möglichkeit, eine durch die andere zu ergänzen, soll näher erläutert werden.

Beide Theorien versuchen möglichst alle Formen von Aggression zu erklären, bis auf die Form der Erlangungsaggression (bei der Aggression als Mittel eingesetzt wird, um etwas zu erreichen, z. B. bei einem Banküberfall). Diese Art der Aggression kann durch die Frustrations- Aggressions- These nicht hinreichend geklärt werden und wird deshalb in dieser Arbeit weitgehend außen vor gelassen.

2. Die Aggressions- Frustrations- These der Yale- Autoren

2.1. Die Grundhypothese

1939 veröffentlichte eine Gruppe von Wissenschaftlern der Yale- Universität eine grundlegende Hypothese zur Aggressions- Frustrations- Theorie, nämlich: „Aggression ist immer die Folge einer Frustration“ (Dollard u. a. 1971, S. 9). Damit wird Frustration zur notwendigen und hinreichenden Bedingung für Aggression; so gibt es keine Aggression ohne eine vorhergehende Frustration und auf jede Frustration muss eine aggressive Handlung folgen. Diese aggressiven Handlungen müssen jedoch nicht unmittelbar auf die Aggression folgen, sie können sich auch verschieben. (Dollard u. a. 1971, S. 9ff).

Frustration wird hier definiert als „ein Zustand, der eintritt, wenn eine Zielreaktion eine Interferenz erleidet.“ (Dollard u. a. 1971, S. 19); Aggression ist nach den Yale- Autoren „eine Handlung, deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus (oder Organismus- Ersatzes) ist.“ (Dollard u. a. 1971, S. 19).

2.2. Die Stärke der Frustration

Die Yale- Autoren gehen davon aus, dass eine Frustration als umso schwerwiegender empfunden wird, je stärker die gestörte Zielreaktion ist, d. h. bei starkem Hunger wird der Entzug von Essen als wesentlich schwerwiegendere Frustration empfunden, als wenn das Individuum bereits beinahe satt war. Außerdem spielt der Grad der Interferenz der frustrierten Reaktion eine wichtige Rolle. Je stärker also die Zielreaktion gestört wird, desto stärker wird auch die Frustration (bei einer Verabredung löst also eine kurze Verspätung von nur 3 Minuten eine geringere Frustration aus als eine Verspätung von 30 Minuten). Außerdem wirkt sich die Anzahl der gestörten Reaktionssequenzen frustrationssteigernd aus, was bedeutet, dass sich Frustrationen summieren und später in eine relativ heftige aggressive Reaktion münden können. (Dollard u. a. 1971, S. 37- 42).

2.3. Hemmung von Aggression

Nicht jede Frustration mündet – wie schon oben erwähnt – sofort in direkte Aggression, sondern kann sich auch in nicht- offener Aggression (Wut, Verärgerung etc.) äußern. Die Stärke dieser Hemmung der Aggression hängt stark vom Grad der erwarteten Bestrafung ab; wenn also angenommen wird, dass sehr wahrscheinlich eine relativ harte Bestrafung folgen wird, wird die Aggression wesentlich wahrscheinlicher gehemmt sein als wenn keine oder nur eine sehr geringe Bestrafung erwartet wird. (Dollard u. a. 1971, S. 42-45).

Die Yale- Autoren gehen jedoch davon aus, dass die Hemmungen der Aggression überwunden werden können, wenn die Person ausreichend frustriert ist. Wenn also die Frustration sehr stark ist, kann auch die Angst vor Bestrafung überwunden werden und eine aggressive Verhaltensweise gezeigt werden. (vgl. Dollard u. a. 1971, S. 45-47).

2.4. Direkte und indirekte Aggression, Verschiebung

Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen ist die Annahme, dass Aggressionen am heftigsten ausfallen, wenn sie sich direkt gegen die (vermeintliche) Ursache der Frustration richten. Wenn diese Aggression gegen die Ursache der Frustration jedoch durch die Angst vor Bestrafung o. ä. verhindert wird, stellt dies eine weitere Frustration dar. Je stärker die Hemmungen einer Aggression sind, desto höher wird auch die Wahrscheinlichkeit für indirekte Aggression, die sich im Gegensatz zur direkten Aggression nicht gegen die Ursache der Frustration selbst richtet. Hier kann dann eine Verschiebung auf ein anderes Objekt stattfinden (es wird beispielsweise statt dem Rivalen der Stuhl getreten).

Es kann sich jedoch nicht nur das Zielobjekt, sondern auch die Form der Aggression ändern, wenn z. B. der Gegner in Gedanken erschossen oder mit Spott reagiert wird.

(vgl. Dollard u. a. 1971, S. 48-53).

2.5. Selbstaggression

Indirekte Formen der Aggression können sich nach Meinung der Yale- Autoren (unter Bezugnahme auf Freud) auch in Selbstverletzung äußern; beispielsweise beschuldigen sich Personen, Dinge getan zu haben, die ihnen selbst angetan wurden, was nach Dollard u. a. für eine verschobene Form indirekter Aggression spricht. Auch der Selbstmord wird als Folge von Frustrationen angesehen, die Aggressionen auslösen, die die Person dann gegen sich selbst richtet. Am stärksten fällt diese Art der Aggression aus, wenn als Ursache für die Frustration die eigene Person angenommen wird. (vgl. Dollard u. a. 1971, S. 46-59).

2.6. Katharsis

Es wird davon ausgegangen, dass das Ausführen einer Aggressionshandlung die Tendenz zur Aggression reduziert (Katharsis), was meint, dass beispielsweise nachdem man jemanden, der einen beleidigt hat, beschimpft, die Tendenz zu weiteren aggressiven Handlungen abnimmt. Die aggressive Handlung muss sich jedoch nicht direkt gegen den Provokateur richten, sondern kann durch andere Formen der Aggression ersetzt werden. (vgl. Dollard u. a., S. 60-62).

3. Die Weiterentwicklung der Frustrations- Aggressions- These

3.1. Ausweitung des Frustrationsbegriffs

Im folgenden wird Frustration nicht in der engen Definition der Yale- Autoren, sondern in einem weiteren Verständnis gefasst: mit Frustration ist ein aversives Ereignis gemeint, dem das Individuum gewöhnlich auszuweichen versucht. Außerdem werden drei Arten von Frustrationen unterschieden: die Hindernisfrustration, die Provokationen und die physischen Stressoren. Gleichzeitig soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit Frustration tatsächlich zu aggressivem Verhalten führt, wie die Yale- Autoren angenommen hatten. Dies wird an empirischen Untersuchungen verdeutlicht.

a) Hindernisfrustration

Hindernisfrustration meint, dass eine zielbezogene Aktivität gestört und die Zielerreichung verhindert wird. In Experimenten konnte u. a. Tamara Dembo 1931 nachweisen, dass diese Art von Frustration nicht immer zu Aggression führen muss. So stellte sie Versuchspersonen im Experiment vor lösbar erscheinende, aber unlösbare Aufgaben. Die Versuchspersonen reagierten nur zum Teil aggressiv, andere gezeigte Verhaltensweisen waren Rückzugstendenzen wie der Abbruch des Experiments, Humor, instruktionswidrige Ersatzlösungen oder ähnliches. In anderen Experimenten wurden ähnliche Ergebnisse erzielt. Insgesamt kann also beobachtet werden, dass auf eine Hindernisfrustration nicht zwingend aggressives Verhalten folgen muss, sondern auch andere Verhaltensweise gezeigt werden können, wie z. B. entschärfende Bewertungen der Situation, Aufgeben oder ungerichtete Unmutsäußerungen.

b) Provokationen

Unter Provokationen werden Angriffe, Belästigungen und andere Bedingungen gezählt, die aversiv auf einen Menschen einwirken, ohne eine Zielaktivität zu stören. In empirischen Untersuchungen (z. B. untersuchte Felson aggressives Verhalten in natürlicher Umgebung (Straßenverkehr o. ä. ), dieses wurde vom „Opfer“ meist als Normbruch empfunden, woraufhin die Interaktion eskalieren konnte) wurde festgestellt, dass durch diese öfter als bei der Hindernisfrustration aggressive Verhaltensweisen hervorgerufen werden, jedoch gibt es auch hier andere Verhaltensmöglichkeiten (Ignorieren der Provokation, Selbsttadel, Flucht, konstruktive Lösungsversuche etc.). Entscheidend ist hier, dass ein Fehlverhalten anderer vorliegt, dass als Normbruch gewertet und dementsprechend sanktioniert wird.

c) Physische Stressoren

Unter physischen Stressoren werden externe Bedingungen wie Hitze, Lärm, Menschengedränge verstanden, die als unangenehm empfunden werden. Diese Bedingungen können aggressives Verhalten fördern, es bedarf jedoch noch anderer Bedingungen, um Aggression hervorzurufen (z. B. wenn der Lärm als Provokation empfunden wird).

(vgl. Nolting 2004, S. 68-76).

3.2. Bewertung der empirischen Belege gegen die Ursprungsthese

Problematisch scheint hier v. a. zu sein, dass die Annahme der Yale- Autoren, dass Frustrationen sich „anstauen“ können, also nicht sofort in Aggression münden müssen, zumindest bei der Interpretation von Dembos Studien vernachlässigt wird. Genauso gut könnte angenommen werden, dass die Personen, die nicht aggressiv reagieren, sich nur wegen der sozialen Kontrolle so verhalten und ihre Aggressionen später oder auf Ersatzwegen ausleben.

Eindeutig empirisch widerlegt werden konnte jedoch die Katharsis- Hypothese. So hatte in Untersuchungen weder sportliche Betätigung, noch Ersatzhandlungen wie das Beschimpfen von Dritten nach einer Frustration oder Kampfspiele etc. eine aggressionsmindernde Wirkung, eher konnte ein Ansteigen der Aggressionsbereitschaft beobachtet werden. Lediglich die direkte Aggression gegen den Provokateur konnte zur Abnahme der Aggressionsbereitschaft führen (musste aber nicht) was allerdings den Annahmen der Yale- Autoren, dass auch Aggression auf Ersatzwegen zur Katharsis führt, widerspricht. Dies könnte eventuell eher zum Widerlegen der Aggressions- Frustrations- Hypothese dienen als Dembos Untersuchungen. (Nolting 2004, S. 197- 210).

Die Widersprüche in den einzelnen Modellen können jedoch durch das Einfügen weiterer Elemente zwischen Frustration und Aggression reduziert werden, wie Berkowitz mit seinem Modell zeigt. Durch die Einbeziehung von Lerneffekten und personalen sowie situativen Bedingungen können die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Versuchspersonen in den Untersuchungen von Dembo etc. erklärt werden.

3.3. Ärger- Aggression: Das „cognitive neoassiociation model“ von Berkowitz

Berkowitz stellt in seinem Modell die These auf, dass Frustration nicht unmittelbar zu Aggression führt, sondern mittelbar durch affektive Reaktionen (Ärger, Wut o. ä.). Aggressives Verhalten wird außerdem von situativen Faktoren sowie von der Lerngeschichte des Einzelnen beeinflusst.

Ärger- Aggression entsteht demnach in mehreren Schritten:

Zunächst gerät das Individuum in eine aversive Situation (Provokationen, physikalische Umweltbedingungen, unangenehme innere Zustände wie Trauer etc.). Daraufhin folgt ein negativer Affekt (rudimentäre Form spezifischer Emotionen, durch den Gedanken, Erinnerungen, Reaktionen und Handlungsimpulse aktiviert werden), der eine unspezifische Erhöhung des Erregungsniveaus zur Folge hat. Die kognitive Verarbeitung der Situation kann einen Einfluss auf diesen Prozess haben, muss aber nicht. Durch diesen negativen Affekt werden assoziativ verknüpfte Reaktionsmuster aktiviert. Diese Assoziationen sind entweder erlernt oder genetisch bedingt und sind nicht kausal aufeinander bezogen. Nun kann Aggression als unmittelbarer Ausdruck dieser Handlungsimpulse, die aus den Reaktionsmustern resultieren, folgen. Vor allem bei sehr starken negativen Emotionen und bei einem Mangel an Impulskontrolle werden diese Reaktionsmuster direkt umgesetzt. Wenn es nicht zu einem solchen unmittelbaren Ausdruck der Handlungsimpulse kommt, findet eine tiefere kognitive Verarbeitung der Situation statt. Hier werden die unmittelbaren affektiven Reaktionen reflektiert und Handlungsalternativen entwickelt, bewertet und ausgewählt. Beeinflusst wird die emotionale Reaktion durch die Kontrollierbarkeit der Situation, Normvorstellungen, Schuldzuschreibungen o. ä. . Besonders heftig fallen die Ärger- Emotionen v. a. dann aus, wenn jemand für die Nachteile der betroffenen Person verantwortlich gemacht wird und der „Schuldige“ sich nicht den Normen entsprechend verhalten hat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Frustrations- Aggressions- Theorie und die Theorie des sozialen Lernens
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1.3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V67807
ISBN (eBook)
9783638605274
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frustrations-, Aggressions-, Theorie, Lernens
Arbeit zitieren
Veronika Donn (Autor), 2006, Die Frustrations- Aggressions- Theorie und die Theorie des sozialen Lernens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67807

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