Übertragung der Theorie der Sozialen Identität nach Tajfel auf den Konflikt um die Mohammed-Karikaturen an Hand einer Dokumentenanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
17 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

1. Einleitung

Die Theorie der Sozialen Identität wurde durch die Arbeit des britischen Sozialpsychologen Henri Tajfel geprägt. Ein wesentliches Merkmal dieses Ansatzes ist die Konzentration auf die Bedeutung von intergruppalen Prozessen für die Entstehung von Vorurteilen sowie die Bedeutung von sozialen Kategorisierungsprozessen. Vor allem kognitive und motivationale Determinanden werden betrachtet. (Zick 1997, S. 118- 121).

In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob sich die in der Theorie beschriebenen Prozesse auf den Konflikt um die Mohammed- Karikaturen Anfang des Jahres übertragen lassen, der hier exemplarisch als Konflikt zwischen zwei Großgruppen angesehen wird.

Im Folgenden sollen nun zunächst Grundannahmen der Theorie der Sozialen Identität geklärt werden, bevor zum zentralen Begriff der sozialen Identität übergegangen wird. Anschließend wird die Relevanz des Ansatzes für das Thema Vorurteile und Stereotype untersucht. Anzumerken ist, dass es sich bei diesem Ansatz nicht um eine explizite Theorie zum Thema Vorurteile handelt, die Elemente der Theorie aber durchaus auf dieses Thema übertragen werden können. Außerdem wird im Folgenden fast ausschließlich auf die Ausprägung der Theorie nach Tajfel eingegangen. Schließlich werden Dokumente der Zeitung „Die Welt“, des deutschen Bundestages sowie verschiedener Islamverbände auf die Hypothese hin untersucht, dass Individuen die Eigengruppe auf- und die Fremdgruppe abwerten, um so ein möglichst positives Selbstbild zu erhalten.

2. Die Theorie der Sozialen Identität nach Tajfel

2.1. Gruppen- und Intergruppenverhalten, soziale Mobilität

Für die Theorie der Sozialen Identität ist zunächst das Verständnis von Gruppe grundlegend. Tajfel definiert eine Gruppe als eine Ansammlung von Leuten, die der Ansicht sind, dass sie eine Gruppe darstellen. Diese Definition umfasst drei Komponenten: eine kognitive (das Wissen um die Gruppenmitgliedschaft), eine evaluative (die Vorstellung von der Gruppenmitgliedschaft kann positiv oder negativ gewertet werden) und eine emotionale (die Gruppenmitgliedschaft kann von Emotionen zur Eigengruppe oder zu Fremdgruppen geprägt sein). (vgl. Tajfel 1982, S. 70f).

Das Verhalten der Gruppenmitglieder ist jedoch nicht nur durch die Gruppenmitgliedschaft bestimmt. Es besteht eine Wechselwirkung zwischen der sozialen Situation, in der sich das Individuum befindet, und dem Ausdruck der Gruppenmitgliedschaft im Verhalten. Je klarer das Bewusstsein des Einzelnen über die Gruppenmitgliedschaft ist, je stärker (positiv oder negativ) diese Mitgliedschaft gewertet wird und je stärker das Bewusstsein über die Gruppenmitgliedschaft und die Bewertung der Gruppenmitgliedschaft emotional besetzt sind, desto mehr unterschiedliche soziale Situationen nimmt ein Individuum als für seine Gruppenmitgliedschaft relevant wahr. In diesem Fall wird der Einzelne eher kollektiv, d. h. als Gruppenmitglied, handeln. (vgl. Tajfel 1982, S. 82f).

Der Einzelne handelt also – je nach Situation – einmal als Mitglied seiner Gruppe und einmal als Individuum. Der Übergang von sozialem Verhalten als interpersonalem Verhalten zu Intergruppenverhalten kann als Kontinuum angesehen werden. Den einen Extrempunkt dieses Kontinuums stellt das „rein interpersonale“ Verhalten dar, den anderen das „reine Intergruppenverhalten“. Im rein interpersonalen Verhalten wären alle Interaktionen zwischen den teilnehmenden Personen ausschließlich durch individuelle Charakteristika bestimmt, was kaum vorstellbar ist. Im reinen Intergruppenverhalten wäre jegliches Verhalten durch die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen bestimmt, was sich z. B. im Kriegsfall vorstellen lässt. Ob das Individuum eher als Person oder eher als Mitglied seiner Gruppe handelt, hängt v. a. davon ab, wie der Einzelne die Situation interpretiert; ob er sie eher als Gruppen- oder als Individualsituation sieht.

Intergruppenverhalten zeichnet sich durch drei wichtige Merkmale aus: es ist größtenteils von individuellen Unterschieden, von persönlichen Beziehungen der Mitglieder der beiden Gruppen in anderen Situationen und von den motivationalen Zuständen der Beteiligten unabhängig. Die handelnden Personen fühlen sich demnach ihrer Eigengruppe zugehörig und interpretieren die Situation gemeinsam als relevant für die Beziehung zwischen Eigen- und Fremdgruppe. Je eher also Intergruppenverhalten gezeigt wird, desto gleichförmiger wird das Verhalten der Gruppenmitglieder und desto weniger werden die individuellen Unterschiede der Mitglieder der Fremdgruppe in Betracht gezogen. Diese werden als soziale Einheit gesehen, der bestimmte Merkmale zugeordnet werden. (vgl. Tajfel 1982, S. 83- 88).

An dieser Stelle sollen noch die Begriffe der sozialen Bewegungen, der sozialen Mobilität und des sozialen Wandels erwähnt werden. Unter sozialen Bewegungen versteht Tajfel „die Anstrengungen einer großen Zahl von Personen (...), die sich selbst als Gruppe definieren und von anderen auch so definiert werden, kollektiv ein Problem zu lösen, das ihnen ihrer Ansicht nach gemeinsam ist und das aus ihren Beziehungen zu anderen Gruppen resultiert.“ (Tajfel 1982, S. 89). Soziale Mobilität wird als individuelle soziale Mobilität definiert, also als „Bewegungen von Individuen und Familien (...) von einer sozialen Position zu einer anderen.“ (Tajfel 1982, S. 89). Dies bezieht sich jedoch nur auf Bewegungen von einer sozialen Gruppe zu einer anderen. Im Fall der sozialen Bewegungen handeln die Personen also als Gruppenmitglieder, hier werden die Grenzen zwischen den sozialen Gruppen als so gut wie unüberwindbar gesehen. im Fall der sozialen Mobilität handeln sie als Individuen, was bedeutet, das die Grenzen zwischen den Gruppen als durchlässig wahrgenommen werden. Der Begriff des sozialen Wandels beschreibt allgemein den „Wandel in der Natur der Beziehungen zwischen großen sozialen Gruppen“ (Tajfel 1982, S. 89). Entscheidend für das Zustandekommen von sozialem Wandel ist die Wahrnehmung der Grenzen zwischen den sozialen Gruppen als legitim und/oder stabil; diese Wahrnehmung kann in den unterschiedlichen Gruppen verschieden ausfallen. Wenn also eine Gruppe die Grenzen bzw. das Machtgefälle zwischen den sozialen Gruppen weder als legitim noch als stabil (d. h. unveränderbar) ansieht, kann dies zu einem sozialen Konflikt und zu sozialem Wandel führen. (vgl. Tajfel 1982, S. 88- 100).

2.2. Die Reizklassifikationstheorie und das minimal group paradigma

Prozesse zwischen Gruppen werden auf kognitiver Ebene von Kategorisierungsprozessen beeinflusst. Um die Menge an Informationen zu verarbeiten, die auf eine Person einströmt, werden Informationen zu Kategorien und in einem weiteren Schritt zu Systemen zusammengeschlossen. Dies dient der Orientierung in der Welt, so können Personen und Sachverhalte identifiziert, eingeschätzt und Verhaltensweisen vorhergesagt bzw. eingeordnet werden. Das Einordnen von Personen in eine Gruppe kann also als Kategorisierungsprozess gesehen werden. In diese Kategorien werden möglichst viele verschiedene Informationen eingegliedert, was zu Generalisierungen, selektiver Wahrnehmung und verfälschenden Interpretationen von Sachverhalten führt, um die Kategorien so lange wie möglich beibehalten zu können. V. a. soziale Kategorien sind oft mit Emotionen und Wertungen verbunden. (Kleinert 2004, S. 108- 110).

Die Reizklassifikationstheorie von Tajfel besagt nun, dass sich die wahrgenommenen Unterschiede zwischen Reizen, die in eine Kategorie fallen, verringern, während sich die Unterschiede zwischen Reizen aus verschiedenen Kategorien vergrößern. Diese Effekte verstärken sich, wenn die Einteilung in die Kategorien eine emotionale oder wertende Bedeutung innehat. Die Überbetonung von Unterschieden zwischen den Reizen verschiedener Kategorien wird als Streben nach differenzierter Wahrnehmung der Umwelt erklärt, wodurch das Handeln erleichtert wird. Für das Verhalten zwischen Gruppen folgt daraus, dass die individuellen Unterschiede zwischen den Mitgliedern der Fremdgruppe vernachlässigt werden, vor allem dann, wenn ein – vermeintlicher – Wert- oder Statusunterschied zwischen diesen Gruppen herrscht. Vorurteile können dann also auch als Differenzierungsprozesse zwischen Gruppen gesehen werden. (Zick 1997, S. 122f).

Weitere Hinweise für das Verhalten zwischen Gruppen liefern die minimal group studies von Tajfel u. a. . Sie sollten zeigen, was die minimalen Bedingungen sind, unter denen ein Individuum bereits als Mitglied seiner Gruppe handelt und so zwischen Eigen- und Fremdgruppe unterscheidet. Im Experiment mussten Versuchspersonen angeben, ob sie Bilder von Klee oder Kandinsky bevorzugten. Diese Präferenzen wurden jedoch geheim gehalten. Die Versuchspersonen mussten dann Geldwerte zwischen zwei anderen anonymen Versuchspersonen verteilen, von denen sie nur die Gruppenmitgliedschaft kannten. Obwohl in diesen Experimenten keine unmittelbare Interaktion zwischen den Versuchspersonen herrschte und durch die Anonymität kein interpersonales Verhalten möglich war, wurden die Mitglieder der Eigengruppe signifikant bevorzugt. Daneben war auch die Strategie der größtmöglichen Differenz ausschlaggebend, d. h. es wurde ein kleinerer Gewinn der Eigengruppe akzeptiert, wenn dadurch der Unterschied zur anderen Gruppe größer wurde. Es wurden also v. a. die Differenzen zwischen den Gruppen betont, wie beim Prozess der Reizklassifikation. Die Eigengruppe wurde durch die Verteilung der Geldwerte auf- und die Fremdgruppe abgewertet. (Tajfel 1982, S. 118- 128).

2.3. Soziale Identität – sozialer Vergleich – soziale Kategorisierung

In der Theorie der Sozialen Identität wird grundgelegt, dass Individuen immer nach einem positiven Selbstbild streben und dass die Mitgliedschaft in verschiedenen sozialen Gruppen sich positiv oder negativ auf dieses Selbstbild auswirken kann. Einfluss auf diesen Prozess hat unter anderem die soziale Kategorisierung als „Prozess, durch den soziale Objekte oder Ereignisse, die in bezug auf die Handlungen, Intentionen und das Wertsystem eines Individuums gleichwertig sind, zu Gruppen zusammengefasst werden.“ (Tajfel 1982, S. 100). Die soziale Kategorisierung dient also der Orientierung in der Gesellschaft. Dadurch werden Wertunterschiede zwischen der Eigen- und der Fremdgruppe wahrgenommen, was Einfluss auf die soziale Identität hat. Soziale Identität wird hier als der „Teil des Selbstkonzepts eines Individuums [angesehen], der sich aus seinem Wissen um seine Mitgliedschaft in sozialen Gruppen und aus dem Wert und der emotionalen Bedeutung ableitet, mit der diese Mitgliedschaft besetzt ist.“ (Tajfel 1982, S. 102). Wenn also eine Person ein positives Bild von ihrer Gruppe hat, wirkt sich dies positiv auf ihr Selbstbild aus. Um ein möglichst positives Selbstbild zu erlangen, wird das Individuum nach der Mitgliedschaft in sozialen Gruppen streben, die einen positiven Beitrag zu diesem Selbstbild leisten können. Wenn das Verlassen einer eher negativ besetzten Gruppe nicht möglich ist, können die negativ besetzten Attribute der Eigengruppe neu – positiver – bewertet werden oder die Person kann sich an sozialen Aktionen beteiligen, die das Bild der Gruppe verbessern. Die Interpretation der Gruppenmitgliedschaft als positiv oder negativ hängt jedoch immer von der Beziehung der Eigengruppe zu anderen Gruppen in der Gesellschaft ab. Die Eigenschaften der Eigengruppe erhalten ihre Bedeutung und ihre positive oder negative Bewertung erst im Vergleich mit den anderen Gruppen. Nur durch die soziale Kategorisierung kann also die soziale Identität eines Individuums definiert werden. (Tajfel 1982, S. 101- 107).

Einfluss auf dieses Konzept des sozialen Vergleichs hat auch das Konzept der relativen Deprivation als Diskrepanz zwischen den Werterwartungen eines Individuums oder einer Gruppe und seiner Wertfähigkeit; der Begriff bezieht sich also auf das Nichterreichen von Erwartungen. Wenn sich mehrere soziale Gruppen miteinander vergleichen und bei einer Gruppe die Wahrnehmung einer Deprivation entsteht, kann dies zu bestimmten Formen von Intergruppenverhalten, wie z. B. Feindseligkeiten zwischen den Gruppen, führen. Für soziale Vergleiche zwischen einander unähnlichen Gruppen ist – wie beim Zustandekommen von sozialem Wandel – die Legitimität ein wichtiger Faktor. Wenn also ein Macht- oder Wertgefälle zwischen den Gruppen als nicht legitim angesehen wird und die Menschen somit nicht mit ihrem „Schicksal“ zufrieden sind, führt dies zu einem eher negativen Bild der eigenen Gruppe. Durch diese Wahrnehmung der Nicht- Legitimität kann also sozialer Wandel entstehen. (Tajfel 1982, S. 107- 117).

Entscheidend für die Differenzierung zwischen Eigen- und Fremdgruppe sind v. a. der Grad der Identifikation mit der Eigengruppe, die jeweilige Situation und die Wahrnehmung der Fremdgruppe als relevant. Wenn sich also das Individuum kaum mit seiner Gruppe identifiziert und die Fremdgruppe als unwichtig wahrnimmt, wird es auch weniger Intergruppenverhalten zeigen. (vgl. Kleinert 2004, S. 16f).

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Details

Titel
Übertragung der Theorie der Sozialen Identität nach Tajfel auf den Konflikt um die Mohammed-Karikaturen an Hand einer Dokumentenanalyse
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1.7
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V67843
ISBN (eBook)
9783638605434
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Sozialen, Identität, Tajfel, Konflikt, Mohammed-Karikaturen, Hand, Dokumentenanalyse
Arbeit zitieren
Veronika Donn (Autor), 2006, Übertragung der Theorie der Sozialen Identität nach Tajfel auf den Konflikt um die Mohammed-Karikaturen an Hand einer Dokumentenanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67843

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