Die vorhandene Segregationstendenz in den Großstädten und die Möglichkeit der Gemeinwesenarbeit


Hausarbeit, 2007

26 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die geschichtliche Entwicklung von der mittelalterlichen zur neuzeitlichen Stadt
2.1. Die mittelalterliche Stadt
2.2. Die Stadtentwicklung in Europa zur Zeit der Industrialisierung
2.3. Die restlichen Jahre bis heute

3. Die Großstadt
3.1. Definition
3.2. Die vorliegende Tendenz der Großstadt Paris
3.3. Entstehung der heutigen gesellschaftlichen Trennung im Zentrum
3.3.1. Ansatz der Chicagoer Schule
3.3.2. Neo – klassischer Ansatz
3.3.3. Verhaltenstheoretischer Ansatz
3.3.4. Institutioneller Ansatz
3.3.5. Politökonomischer Ansatz

4. Gegebenheiten und Alltagsschwierigkeiten Jugendlicher im sozialen Brennpunkt, ihre Ansichten und Konsequenzen
4.1. Armut
4.2. Ein Defizit an Freizeitangeboten
4.3. Ausgrenzung, Absonderung und Diskriminierung

5. Die Entstehung der Gemeinwesenarbeit (GWA)

6. Definition von Gemeinwesenarbeit (GWA) und ihre Möglichkeiten
6.1. Gemeinwesenarbeit als Lösungsaussicht?
6.2. Hilfsmittelkonzentrierte Gemeinwesenarbeit
6.3. Verbindungen im Stadtteil durch Gemeinwesenarbeit
6.4. Gesundheitsförderung
6.5. Die Stadtentwicklung und zeitgemäße Ideen der Gemeinwesenarbeit (GWA)
6.5.1. Agenda
6.5.2. Quartiersmanagement aus dem Programm „Soziale Stadt“
6.6. Kurze Zusammenfassung des Vorgehens und der Wirkung

7. Ein Beispiel: Das Bürgerhaus Trier – Nord
7.1. Entwicklung
7.2. Arbeitsgrundlagen
7.3. Struktur und Tendenz des Stadtteilzentrums (STZ)
7.4. Wichtige Arbeitsbereiche im STZ

8. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Internetmaterial

1. Einleitung

Schon in den mittelalterlichen Städten Europas gab es sozialräumliche Spaltungen, z. B. als Juden, zunächst freiwillig, in gesonderten Gettos zusammen wohnten. Hier liegen die Wurzeln der heutigen Schwierigkeiten, für die wir den Begriff Segregation verwenden: Nach dem amerikanischen Modell nimmt auch in europäischen Großstädte die Entwicklung zur – meist ungewollten – Gettoisierung gesellschaftlich schwächerer Randgruppen wie Ausländer, Einwanderer und Arme, aus vielen Gründen auffallend schnell zu. Diese Personen haben aus eigener Kraft kaum eine Möglichkeit, das Charakterbild „Wohnhaft im sozialen Brennpunkt“ wieder loszuwerden. Damit nehmen die Stadt und deren Einrichtungen die unumgängliche gesellschaftliche Rolle ein, mögliche Lösungsansätze zu bieten, um z. B. das schlechte Charakterbild solcher Gettos in der Bevölkerung zu verbessern, und Unruhen, wie in den Pariser Vororten vor weniger Zeit, gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Beginnen möchte ich die vorliegende Arbeit zunächst mit einem Einblick in die Großstadtentwicklung seit dem Mittelalter. Insbesondere wegen der erschreckenden Tendenz der jüngsten Geschehnisse werde ich dann im darauf folgenden dritten Kapitel versuchen, anhand des Beispiels der französischen Vororte, die uns seit den Krawallen im November 2005 in Paris im Gedächtnis sind, die vorliegenden Entwicklungen genauer zu beleuchten, woraufhin ich mich auf die bereits angesprochene problematische Situation in gesellschaftlichen Brennpunkten der heutigen Zeit konzentriere. Da nicht nur die Vergrößerung und Unübersichtlichkeit der Großstädte aktuell stetig zunimmt, sondern auch eine außerordentliche Verschärfung des Gegensatzes von Reichtum und Wachstum auf der einen Seite, und steigender Armut, Kriminalität und Angst in bestimmten Stadtteilen auf der anderen, zu verzeichnen ist, möchte ich in Abschnitt vier mit Hilfe von Beispielen, unter anderem in Form von Befragungen, die tatsächlichen jugendlichen Alltagssituationen, und die Auswirkungen aus den in Kapitel vier aufgezeigten Problemlagen in sozialen Brennpunkten, verdeutlichen. Im weiteren Verlauf versuche ich im fünften Kapitel zunächst die Gemeinwesenarbeit und ihre Geschichte zu erläutern, und im sechsten dann auf die Frage einzugehen, ob die aktuelle Situation in den Großstädten eine gesellschaftliche Aufgabe für die Gemeinwesenarbeit ist, und wie diese Arbeit konkret aussehen kann. Denn das man bei der Lösung der Schwierigkeiten nicht in der Art und Weise vorgehen kann, dass Problemviertel mit Hilfe eines Hochdruckreinigers vom „Gesindel“ zu säubern, ist bestimmt auch Nicht – Sozialpädagogen/pädagoginnen klar.

2. Die geschichtliche Entwicklung von der mittelalterlichen zur neuzeitlichen Stadt

2.1. Die mittelalterliche Stadt

Schon in der Frühzeit der Gründungsstädte zeigten sich, wie Meckseper herausstellt, eine Reihe kennzeichnender sozialräumlicher Separierungen der sozialen Gruppen in sehr kleine räumliche Bereiche, „oft sogar nur einzelne Straßen, in denen […] Homogenisierungen sichtbar werden.“ So wohnten beispielsweise die reichen Patrizier typisch am Rand der Stadt, wohingegen sich nach dem Aufstieg der Zünfte im späteren Mittelalter, die städtische Elite eher im Zentrum, an den Haupt- und Marktstraßen konzentrierte, deshalb verband sich meist mit zunehmender Entfernung davon eine Art klare soziale Abstufung.[1] Zum anderen wird die Separierung relativiert, weil damals, als Arbeitsplatz und Wohnung noch unter einem Dach lagen, „in den einzelnen Häusern oft Menschen der unterschiedlichsten Soziallage zusammenlebten im Sinne des „ganzen Hauses“, wie es W. H. Riehl genannt hat.“[2] Die reichen Leute wohnten mit ihren Angestellten und die Mitglieder des gleichen Gewerbes lebten auch in derselben Straße.

Gettoisierung gab es zunächst nur bei der jüdischen Bevölkerung, die sich freiwillig räumlich in so genannten Immunitäten sammelten, was aber, durch den religiösen und ökonomischen Gegensatz zwischen Christen und Juden während der Kreuzzüge, in einen Zwang umschlug. Die Juden wurden in bestimmte Quartiere ausgegrenzt, „die innerhalb der Stadt eine Art Enklave oder Exklave darstellten.“[3] „Mit Aufhebung des Gettozwangs während der Emanzipation der Juden verschwand das rechtlich fixierte Eigenquartier einer Fremdgruppe“ und „in neuer Zeit hat sich der Gettobegriff erheblich erweitert, insofern, als gleichsam jedes Quartier räumlicher Konzentration sozial gleichartiger Individuen unter ihn subsumiert wird; im besonderen jedoch die Zusammenballung unterprivilegierter und diskriminierter Minderheiten.“[4]

2.2. Die Stadtentwicklung in Europa zur Zeit der Industrialisierung

Das vorindustrielle Verteilungsmuster ändert sich grundlegend, nachdem sich in Großbritannien mit der beginnenden Industrialisierung bereits Mitte des 18. Jahrhunderts die kapitalistischen Produktionsverhältnisse durchsetzten, und zusammen mit einer massiven Verstädterung infolge der Landflucht der Menschen, das räumliche Gefüge und die Sozialstruktur der Städte in Städteverbundgebiete entscheidend veränderte.[5] In Deutschland und Frankreich hielt die Industrialisierung erst ca. 1900 Einzug.

Die früh – industrielle Periode um die Mitte des 19. Jahrhunderts spiegelt, als Folge des Einsatzes maschineller Produktionsverfahren, einen bis heute fortwirkenden räumlich – funktionalen Differenzierungsprozess von Wohnungen und Arbeitsplätzen wieder und ,„auch das gesamte städtische Sozialgefüge verändert sich tiefgreifend,“ indem sich in den meisten Industriestädten eine Deklassierung des schnell wachsenden, umfangreichen Industrieproletariats vollzog.[6] Daneben gelangte das Bürgertum zu Macht, und ließ, zum ersten mal in der Geschichte, durch ihm politisch nützliche Baumaßnahmen, Arbeiterwohnkolonien in einer oder mehreren benachteiligten Gegenden, zunächst nur in der Nähe von Industriebetrieben, eigens für die Arbeiter entstehen, so dass diese Klasse gesellschaftlich und ökonomisch weitgehend aus den Augen der reichen Schicht isoliert, und in sehr schlechten Lagen und einer substantiell mangelhaften Wohnbebauung zusammengefasst wurden.[7]

2.3. Die restlichen Jahre bis heute

Die Großwohnanlagen, in denen eine große Anzahl sozial schwacher Familien wohnte, wurden, infolge notwendiger Sanierungsmaßnahmen in der Mitte des 20. Jahrhunderts, zu Sozialwohnungen. Zusätzlich entstanden Neubaugebiete, meist am Stadtrand, in die ebenfalls zum Teil umgesiedelte Problemgruppen wie Ausländer, ehemalige Obdachlose und Sozialhilfeempfänger zogen. Diese räumliche Zusammenballung von Armut bewegte Mittelschichtfamilien dazu, nur vorübergehend in solchen Gebieten zu wohnen, und dann schnellstmöglich wieder wegzuziehen, obwohl eben gerade sie die gesellschaftliche Struktur bis zur heutigen Zeit verfestigt hätten.

Ab Mitte der 60er Jahre lag der Schwerpunkt der Städteplanung, im Zuge des Wirtschaftsaufschwunges, auf großen Entwicklungen bzw. scheinbar grenzenlosen Erweiterungen, und Großwohnsiedlungen am Rande der Großstadt entstanden (Suburbanisierung). Davon ist man mittlerweile aber abgekommen, und strebt zunehmend in die Tendenz einer sanften Umgestaltung.[8]

3. Die Großstadt

3.1. Definition

In der Großstadt kommt es meist zur Ausbildung einer Innenstadt (Zentrum), in der es gute Einkaufsmöglichkeiten und viele Geschäftsräume (Geschäfts- und Büroviertel) gibt. Reine Wohn- oder Industriegebiete, sowie mögliche Elendsviertel, gibt es in anderen Stadtteilen. Großstädte bilden darüber hinaus meistens das Zentrum für die bedeutende Ökonomie, Verwaltung und Kultur eines weit reichenden Ballungsraumes, einschließlich weitgehend eigenständiger Mittel- und Kleinstädte am Rande der Großstadt.

3.2. Die vorliegende Tendenz der Großstadt Paris

Die aktuellen Entwicklungen der Großstädte, insbesondere die der Hauptstadt Frankreichs, weisen seit geraumer Zeit auf einen Wandel hin, wobei „in den Untersuchungen die Internationalisierung (zunehmende Handelsbeziehungen und internationale Zusammenarbeit im Bereich der Wirtschaft ebenso wie in anderen sozialen Prozessen) und die Globalisierung (die durch das Zusammenbrechen des kommunistischen Blocks beschleunigte Ausweitung dieser Beziehung auf alle Länder)“ als die wesentlichen Faktoren gelten. Weiterhin bildet sich nach Ansicht mancher Autoren ein historisch neuer Stadttyp heraus, die „Global City“ “.[9] Sie ist durch ihre kennzeichnende wirtschaftliche Anziehungskraft ein Zielort für Einwanderer, woraus sich ihr besonderer gesellschaftlicher und räumlicher Aufbau ergibt. Diese vielschichtigen Entwicklungen führen unweigerlich zum Resultat einer verschärften traditionellen, sozialräumlichen Segregation und ungleichmäßigen Verteilung von Bevölkerungsgruppen, also einer Polarisierung aus religiösen, ethnischen oder gesellschaftlichen Gründen, die sich im schulischen Umfeld noch stärker abzeichnet. Solche sozialen Brennpunkte haben leider unermessliche Probleme zur Folge.

Besonders im Großraum Paris ist eine Entwicklung zur Verstärkung der gesellschaftlichen und räumlichen Unterschiede (Unterschiede im Einkommen wird durch die Erfassung der Arbeitslosen verdeutlicht, sowie Unterschiede im örtlichen Gesellschaftsaufbau) zu verzeichnen, von denen Kinder und Jugendliche am meisten betroffen sind. Das die Frustration, die sich infolge dieser Umstände für Jugendliche ergibt, leicht zu Angriffsverhalten führen kann, wurde bei den Krawallen im November 2005 in den Pariser Vorstädten deutlich. Mit über 30 % der Arbeitslosen zwischen 15 und 25 Jahren wird die Schere zwischen dem Pariser Vorort Seine – Saint – Denis, indem die Unruhen 2005 ausbrachen, und den einzelnen Stadtvierteln immer größer.[10] Doch diese Entwicklung beobachten wir auch in Deutschland: Der Stadtteil Köln – Chorweiler hat z. B. eine Arbeitslosenzahl von 24 % vorzuweisen, in Junkersdorf dagegen liegt sie lediglich bei 6,2 %.[11]

Bezogen auf Deutschland werde ich in Kapitel vier der vorliegenden Arbeit anhand von beispielhaften Interviews zeigen, dass die erwähnten Reaktionen keine Einzelfälle sind.

3.3. Entstehung der heutigen gesellschaftlichen Trennung im Zentrum

Wer heute genug Geld hat, zieht in ein qualitativ hochwertiges Wohnumfeld mit Eigenschaften wie einer schönen Umwelt, also guter Luft, vielen Grünflächen und wenig Lärm, einer guten Infrastruktur, also Schulen, Kinder- und Altenbetreuung, gutes öffentliches Verkehrsnetz usw. Außerdem wird man auf gesellschaftliche Merkmale wie Sicherheit, Charakterbild des Viertels und die gesellschaftliche Zusammensetzung der Nachbarschaft achten. Andere, weniger gut statuierte Bundesbürger, haben keine Wahl, und müssen in den Gegenden leben, die sie sich leisten können. Damit ist der Grundstein der Segregation dargestellt. Der Begriff der Segregation, auf deren verschiedenen Ursachentheorien ich im Folgenden näher eingehe, beschreibt zum einen „in dynamischer Betrachtung Prozesse“ die die wichtigsten Ordnungsprinzipien der städtischen Gesellschaft bilden: Die sozial – räumliche „Differenzierung, Sortierung und Separierung.“[12] Zum anderen wird darunter in einer statischen Betrachtung „das Muster einer disparitären Verteilung von Bevölkerungsgruppen im Raum verstanden.“[13]

[...]


[1] Vgl. Meckseper, Cord: Stadtplan und Sozialstruktur in der deutschen Stadt des Mittelalters. 1972. Zitiert in Herlyn,

Ulfert: Einleitung: Wohnquartier und soziale Schicht. In: Herlyn, Ulfer (Hrsg.): Stadt- und Sozialstruktur. 1974. S.

19.

[2] Herlyn, Ulfert: Einleitung: Wohnquartier und soziale Schicht. In: Herlyn, Ulfer (Hrsg.): Stadt- und Sozialstruktur.

1974. S. 19.

[3] Ebd., S. 20.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Herlyn, Ulfert: Einleitung: Wohnquartier und soziale Schicht. In: Herlyn, Ulfer (Hrsg.): Stadt- und Sozialstruk-

tur. 1974. S. 20.

[6] Vgl. ebd., S. 20 f.

[7] Vgl. Farwick, Andreas: Segregierte Armut in der Stadt. 2001. S. 26. ; Herlyn, Ulfert: Einleitung: Wohnquartier und

soziale Schicht. In: Herlyn, Ulfer (Hrsg.): Stadt- und Sozialstruktur. 1974. S. 21.

[8] Vgl. Farwick, Andreas: Segregierte Armut in der Stadt. 2001. S. 27.

[9] Préteceille, Edmond: Soziale Teilung und Ungleichheiten: Aktuelle Transformationsprozesse der Pariser Metropole.

In: Duhem, Gilles et al. (Hrsg.): Paris – Berlin. 2001. S. 105.

[10] Vgl. Ulbrich, Gunnar: Sensible Zonen. 24.06.1998.

http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_98/26/15a.htm. (Stand: 05.01.2006).

[11] Vgl. Agentur für Arbeit Köln: Anhangtabelle 16. 31.12.2006. http://www.stadt-

koeln.de/imperia/md/content/pdfdateien/pdf50/sozialbericht/7.pdf. (Stand: 05.01.2006).

[12] Farwick, Andreas: Segregierte Armut in der Stadt. 2001. S. 25.

[13] Farwick, Andreas: Segregierte Armut in der Stadt. 2001. S. 25.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die vorhandene Segregationstendenz in den Großstädten und die Möglichkeit der Gemeinwesenarbeit
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,8
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V67867
ISBN (eBook)
9783638605588
ISBN (Buch)
9783638768290
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Segregationstendenz, Großstädten, Möglichkeit, Gemeinwesenarbeit
Arbeit zitieren
Britta Brokate (Autor), 2007, Die vorhandene Segregationstendenz in den Großstädten und die Möglichkeit der Gemeinwesenarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67867

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