Fragmentierte Familie und die Konstruktion von Vergangenheit und Identität - Eine Untersuchung ausgewählter Romane Kazuo Ishiguros


Magisterarbeit, 2005

85 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kazuo Ishiguro - eine Einführung
2.1 Kazuo Ishiguro und der zeitgenössische englische Roman
2.2 Kazuo Ishiguro in der Forschung - eine Bestandsaufnahme
2.3 Struktur und Zielsetzung der Arbeit

3. Die fragmentierte Darstellung familiärer Beziehungen
3.1 Die Erzählsituation als Ausgangspunkt der Analyse
3.1.1First-person-narration
3.1.2 Das Problem des unreliable narrators
3.2 Eltern-Kind Beziehungen und die Darstellung des Generationenkonflikts
3.2.1 Kommunikationsdefizite
3.2.2 Autoritätsverluste
3.2.3 Entfremdung
3.3 Schuldfragen
3.3.1 Etsuko und der Selbstmord ihrer Tochter
3.3.2 Ono und das Scheitern der marriage negotiations

4. Familie und Identität im Spiegel von Heimat und Raum
4.1 Das Konzept von „Zuhause“ bei Kazuo Ishiguro
4.2 Kulturelle Entfremdung und die Rolle Amerikas
4.3 Identität und Heimatlosigkeit - zur Begrifflichkeit
4.4 Konstruktion von Identität zwischen zwei Weltender Fall Christopher Banks

5. Zusammenfassung & Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wenn sie wählen müssen, zwischen ihrer Berufung oder ihrer Familie, entscheiden sie sich immer für die Berufung.“1

Diese Aussage Kazuo Ishiguros aus einem Interview mit der ZEIT hat den Anstoß zu dem Thema dieser Arbeit gegeben. Mit „sie“ bezieht sich der preisgekrönte Autor auf die Protagonisten seiner Romane, die zugleich immer die Rolle von Ich- Erzählern übernehmen. Nicht nur Ishiguros Charaktere entscheiden sich gegen ihre Familien. Auch die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk Kazuo Ishiguros hat die Rolle der Familie und deren Struktur weitgehend vernachlässigt. Es steht in der Forschung außer Frage, dass seine Romane „deeply discouriging conditions of family life“2 präsentieren, doch eine umfassende Be- trachtung des Themas hat bislang nicht stattgefunden. Diese Arbeit hat sich des- halb in den Romanen Kazuo Ishiguros auf Spurensuche begeben und plädiert dafür, dass die familiären Strukturen und ihre Darstellung für die Auseinandersetzung der Protagonisten mit ihrer Vergangenheit sowie ihren Weg in die Zukunft äußerst bedeutungsvoll sind. Die soziale Einheit Familie spielt ge- wiss nicht die zentrale Rolle in den Romanen Kazuo Ishiguros. Die Abwesenheit von funktionierenden und harmonischen Familien lässt jedoch die Vermutung aufkommen, dass hierin ein Pläydoyer Ishiguros für die Wichtigkeit von Familie zu lesen ist. Dabei stellt sich die Frage, wie die Fragmentierung der Familien sich in den Romanen äußert, und welche Rolle hierbei die Erzähler spielen.

Sabine Birchall formuliert in Hinblick auf das Werk Graham Swifts, dass Eltern-Kind-Beziehungen den „Nexus zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ bilden.3 Dies trifft auch auf Ishiguros Erzählungen zu. Wir erleben die Protagonisten in einem Moment ihres Lebens, an dem familiäre Umstände sie zwingen, sich ihres gegenwärtigen Status bewusst zu werden und sich kritisch mit Entscheidungen der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dabei entwickeln sie ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer eigenen Person und ihrem Umfeld, das sie zu einer Neukonstruktion ihrer Identität herausfordert.

Die Charaktere bauen nicht nur ein distanziertes Verhältnis zu ihrer Familie, sondern ihrer gesamten Lebenswelt auf. Ausgehend davon stellt sich die Frage, welche Bedeutung eine räumliche Dimension für die Romane Ishiguros hat. Orte, die für die Protagonisten einmal ein Zuhause waren, werden zu fremden Orten und verleihen ihnen das Gefühl der Orientierungslosigkeit. Es ist Aufgabe zu untersuchen, welche Beziehungen die Protagonisten zu ihrem Zuhause haben und wodurch jene Orientierungslosigkeit hervorgerufen wird. Raum und Familie gehören unweigerlich zueinander und bilden einen übergeordneten Rahmen für Identität.

2. Kazuo Ishiguro - eine Einführung

2.1 Kazuo Ishiguro und der zeitgenössische englische Roman

“He is as Japanese as his name and as English as the flawless prose he writes.”4 Kazuo Ishiguro wurde im Jahr 1954 in Nagasaki geboren. Heimat spielt für die Biographie von Kazuo Ishiguro seit jeher eine wichtige Rolle: Seine Familie ver- ließ Japan im Jahr 1960 und zog nach England, wo der Vater als Ozeanograph im Auftrag der britischen Regierung zunächst für einen begrenzten Zeitraum von ein bis zwei Jahren forschen sollte. Aus dem vorübergehenden Aufenthaltsort wurde schließlich der feste Wohnsitz der Familie und Ishiguro verlor seine alte Heimat. In Japan hatte er Freunde und den Großteil der Familie als Fünfjähriger zurücklas- sen müssen. England wurde zu seiner neuen Heimat, und er kehrte bis zum Jahr 1989 im Rahmen einer Lesereise nicht nach Japan zurück5. Ishiguro wird zuwei- len als ein homeless writer charakterisiert, obwohl er selbst sich in England zu Hause fühlt. Kate Kallaway kommentiert dazu:

Ishiguro is a chameleon. He’s not quite at home anywhere, but can seem to be at ease everywhere. His placelessness gives him freedom and he has mastered the art of projection and protective coloration.6

Betrachtet man Ishiguros Leben und seinen Werdegang genauer, so kann man feststellen, dass dieser unter der frühen Entwurzelung aus Japan und Verpflan- zung nach England nicht sehr gelitten hat.7 Auch wenn er in einem japanischen Haus erzogen wurde und noch heute mit seinen Eltern japanisch spricht, integ- rierte er sich in England problemlos und nahm es als seinen Lebensmittelpunkt an.8 Ishiguro genoss eine, wie er selbst sagt, „typical middle-class Southern English upbringing“9 und ging in Guildford, Surrey, zur Schule. Zuweilen hat ersich als ein Exot gefühlt, da seine Familie die einzige japanische in der gesamten Grafschaft Surrey war,10 aber er fühlte sich nie, wie er sagt „negatively alien“11. Ishiguro studierte Englisch und Philosophie an der University of Kent in Canterbury und besuchte später Malcolm Bradburys Creative Writing Course an der University of East Anglia, Norwich12, wo er im Jahr 1980 seinen M.A. in Literatur absolvierte. Bereits während dieser Zeit schrieb Ishiguro erste Kurzge-schichten, die allesamt veröffentlicht wurden und ihm einen Vertrag für seinen ersten Roman einbrachten, bevor dieser überhaupt vollendet war.13 A Pale View of Hills wurde bereits im folgenden Jahr, 1981, veröffentlicht.14

Als Salman Rushdie im Jahr 1981 als erster nicht-englischstämmiger Autor den renommierten Booker Prize gewann, war noch nicht klar, dass eine ganze Generation junger Schriftsteller folgen sollte, die die literarische Tradition Englands neu definierten. Der englische Roman befand sich zu jenem Zeitpunkt in einer Krise, es fehlte die rechte Perspektive15. Rushdie war bis dato ein völlig unbekannter Autor gewesen, der nun über Nacht eine neue literarische Ära in Großbritannien einläutete, für Ishiguro genau zur richtigen Zeit:

That was a really symbolic movement and then everyone was suddenly looking for other Rushdies. It so happened that around this time, I brought out A Pale View of Hills.16

Sein Romandebüt erschien im selben Jahr und wurde sogleich auf die Auswahl- liste für den Booker Prize gesetzt. Ishiguro war sich dieser Überraschung - häufig verschwindet ein Erstlingswerk in Vergessenheit - bewusst, bietet jedoch eine so einfache wie plausible Erklärung: „I know why this was. It was because I had this Japanese face and this Japanese name and it was what was being covered at the time“.17 Ishiguro hatte Recht. In den Jahren nach 1981 wurde der bedeutendste Literaturpreis Großbritanniens unter anderem an zwei Australier, eine Neuseelän derin, einen Südafrikaner und einen Nigerianer verliehen.18 Die literarische Tradi- tion Englands erlebte einen Umbruch, ausgelöst und vorangetrieben von jungen, ambitionierten Schriftstellern aus dem ehemaligen Commonwealth. Romane spielten fortan nicht primär in England, sondern thematisierten Indien, Australien oder Südafrika. Pico Iyer sah Ishiguro zusammen mit Salman Rushdie in einem wichtigen Artikel im TIME Magazine mit dem bezeichnenden Titel The Empire Writes Back „im Mittelpunkt dieser Tendenz zu einer neuen Weltliteratur“19, zu der auch berühmte Autoren wie Ben Okri, Michael Ondaatje und Timothy Mo ge- hörten. Alle diese Schriftsteller sind angelsächsischen Ursprungs, zumeist in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und schreiben in Englisch. Auch Malcolm Bradbury ordnet Ishiguro in diesen Kreis ein, zudem er noch V.S. Naipaul und Ruth Prawer Jhabvala zählt:

[They] have married British with other forms of fiction to create an international, late-modern fictional voice that is, like Henry James, larger than any individual culture“20 Kazuo Ishiguro mag es nicht, wenn man ihn, auf welche Weise auch immer, zu kategorisieren versucht: „Like any writer I resist being put in a group“.21 Gleich- wohl gibt er zu, das ihn etwas mit den genannten anderen jüngeren britischen Schriftstellern verbindet, aufgrund dessen er sich ihnen zugehörig fühlt: „The one possible valid thing that unites the younger group is the consciousness that Britain is not the center of the universe.“22 Diese Aussage Ishiguros bietet eine gute Einordnung seiner Arbeit, auch wenn sie bereits einige Jahre zurückliegt. Ishiguro gehört nicht zu den klassischen Schriftstellern des Postkolonialismus im engeren Sinne - Japan ist nie eine Kolonie gewesen und Ishiguro thematisiert auch keine andere Kolonie in seinen Erzählungen. Dennoch, und dies wird durch das eben genannte Zitat betont, setzt Ishiguro sich mit dem Thema der neuen Weltordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Kolonialherrschaften auseinan- der, im besonderen in seinem bislang erfolgreichsten Werk The Remains of the Day, das im Jahr 1956, dem Jahr der Öffnung des Suez-Kanals, spielt. In allen an- deren seiner Romane, die bis auf den neuesten außerhalb Englands angesiedelt sind, verhandelt er Fragen der Identität und Heimat und sieht von einer rein britischen Perspektive ab.

Englisch ist die Sprache, in der Ishiguro denkt und schreibt - das Japanische beherrscht er nur mäßig, wie er sagt - und doch tragen seine Romanen, besonders die ersten drei, Spuren Japans in ihrer Sprache und ihrem Stil. Wenn Ishiguros Charaktere wenig miteinander reden, so liegt dies auch an ihrer Mentalität. Die Sätze sind prägnant, der Redestil zurückhaltend und leise. Es kommt sogar vor, dass es Missverständnisse in Bezug auf Ishiguros Nationalität und seine Arbeit gibt und so entgegnet Barry Asker:

Readers unfamiliar with Kazuo Ishiguro may be forgiven if they make a once common assumption that he is a Japanese writer, brilliantly translated into English […].23

Ishiguro hat soeben seinen sechsten Roman, Never let me go24, veröffentlicht und mit ihm eine „zweite Trilogie“ abgeschlossen, worüber später noch zu spre- chen sein wird. Dem Erstlingswerk A Pale View of Hills folgten An Artist of the Floating World (1986), The Remains of the Day (1989), The Unconsoled (1995) und When We Were Orphans (2000).25 Bisher sind Ishiguros Bücher in 27 Spra- chen übersetzt und mit zahlreichen verschiedenen Preisen ausgezeichnet wor- den.26 Besonders bemerkenswert ist, dass Kazuo Ishiguro bereits für A Pale View of Hills den Winifred Holtby Prize der Royal Society of Literature und im Jahr 1986 für An Artist of the Floating World den Whitbread Book of the Year Award erhielt. Zudem wurden ihm von den Universitäten Kent (1990) und East Anglia (1995) Ehrendoktorwürden verliehen sowie im Jahr 1998 die besondere französi- sche Auszeichnung Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres.27

2.2 Kazuo Ishiguro in der Forschung - eine Bestandsaufnahme

The Remains of the Day und seine Auszeichnung mit dem Booker Prize im Jahr 1989 waren auch der Beginn der ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Ishiguros Romanen, obwohl bereits seine beiden ersten Romane preisträchtig waren. Auch wenn Kazuo Ishiguros Romane stets von den Kritikern und den Le- sern durchweg positiv aufgenommen wurden, ist die wissenschaftliche Auseinan- dersetzung mit Ishiguros oeuvre demnach vergleichsweise jung. Zudem ist Kazuo Ishiguro außerhalb Großbritanniens - trotz seines Erfolgs - recht unbekannt bei Menschen, die sich nicht wissenschaftlich mit ihm oder der zeitgenössischen englischen Literatur beschäftigen. Ishiguro kennt, dann meistens als den Autor der Romanvorlage zu der erfolgreichen Merchant Ivory Produktion von The Remains of the Day aus dem Jahr 1993, sehr erfolgreich verfilmt mit Emma Thompson und Anthony Hopkins in den Hauptrollen.

Erst in den vergangenen Jahren sind einige gute Monographien erschienen, die sich Ishiguro und seinem bisherigen Gesamtwerk widmen.28 Darüber hinaus gibt es eine inzwischen beträchtliche Anzahl von Artikeln und Aufsätzen, die Ishigu- ros Romane unter verschiedenen Fragestellungen untersuchen. Ein Schwerpunkt der bisherigen Forschung liegt auf der Beschäftigung mit dem stets wiederkehren- den Motiv der Erinnerung, das allen Protagonisten gemeinsam ist. Hier wurden interessante Arbeiten von Simone Kremkau und Oliver Schönbeck vorgelegt, die Ishiguros Werk anderen zeitgenössischen englischen Autoren wie Barry Unsworth und Graham Swift vergleichend gegenüberstellen.29 Eine besondere Position in der Forschung nimmt auch der Erzählmodus des first person narrator ein, der ein besonderes Charakteristikum von Ishiguros Romanen darstellt. Hier hat Kathleen Wall einen viel zitierten Aufsatz beigetragen30, einen weiteren Ansatz bietet Greta Olson31. Gleichfalls spielt die Thematisierung von Zeitgeschichte in Ishiguros Romanen eine Rolle, die auch in der Forschung beachtet wird. Für Ishiguro selbst spielt jedoch Geschichte eine sehr untergeordnete, wenn nicht gar beliebige Rolle für die Erzählungen. Sie ist lediglich ein Rahmen, in dem sich seine Protagonisten mit ihrem persönlichen Schicksal auseinandersetzen.32 Zugenommen hat in den letzten Jahren die Diskussion Ishiguros in einem postkolonialen Umfeld. Einesolche Einordnung gilt als umstritten, erschließt jedoch neue, spannende Themenfelder, wie etwa die Diskussion des Verhältnisses des Kolonialen Subjektes im Hinblick auf Stevens in The Remains of the Day oder koloniale Beziehungen in When We Were Orphans. Interessante Ansätze werden von Susie O’Brian und Meera Tamaya diskutiert.33 Das Attribut „postcolonial writer“ ist in Bezug auf Kazuo Ishiguro durchaus berechtigt.

Als besonders interessant seien abschließend noch einige der zahlreichen Interviews genannt, die im Laufe der Jahre mit Kazuo Ishiguro geführt worden sind. Sie bieten einen aufschlussreichen Einblick in Intentionen des Autors und sehr profunde Diskussionen mit den jeweiligen Interviewern, so dass sie sich teilweise hervorragend als Kommentar zu seinem Werk eignen.34

2.3 Struktur und Zielsetzung der Arbeit

Diese Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die Rolle der Familie in den Romanen Kazuo Ishiguros zu untersuchen und ihre Relevanz für den Prozess der Konstruk- tion von Vergangenheit und Identität, den die Protagonisten in seinen Erzählungen durchlaufen, herauszuarbeiten. Hierbei sieht das Kapitel drei eine ausführliche Analyse der ersten drei Romane Kazuo Ishiguros unter der Frage- stellung der familiären Beziehungen und Konflikte vor. Die Analyse wird theoretisch eingerahmt von der Untersuchung des unzuverlässigen Erzählers. Studien zur unzuverlässigen Erzählweise Kazuo Ishiguros sind recht prominent, in dem Falle dieser Arbeit soll jedoch der Schwerpunkt auf der Betrachtung des un- zuverlässigen Erzählers im Kontext von sozialer Interaktion und Familie liegen. Die zentrale Frage ist stets, wie Kazuo Ishiguro den eigentlichen Widerspruch zwischen fragmentarischer Darstellung und Familie verarbeitet. Dabei wird es wichtig sein, relevante Beziehungsgeflechte innerhalb der Familien zuuntersuchen. Als besonders aufschlussreich hat sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern erwiesen. Generationenkonflikte und Autoritätsverluste stellen in den Romanen wichtige Schlüssel zur Charakterisierung der Erzähler dar.

Über diese Analyse hinausgehend soll das Kapitel vier mit Hilfe der gewonne- nen Erkenntnisse den Bezug zwischen Familie, Heimat und Identität herstellen. Diese Faktoren zusammengenommen sind für die Protagonisten bei der Kon- struktion ihrer Identität elementar. Abschließend folgt eine ausführliche Diskussion des im Jahr 2000 erschienenen Romans When We Were Orphans. Ishiguro rückt hier die Identitätssuche des Protagonisten in den Mittelpunkt der Erzählung und fragt erneut nach der Notwendigkeit von Heimat sowie Familie als einer Einheit. Durch die Kontrastierung mit den Geschichten der anderen Erzähler soll aufgezeigt werden, dass dieser Roman Ishiguros eine Weiterentwicklung seines bisherigen Werkes darstellt.

Als Grundlage für diese Arbeit wurden Ishiguros Romane, A Pale View of Hills (1983), An Artist of the Floating World (1986) und The Remains of the Day (1989), sowie When We Were Orphans aus dem Jahr 2000 ausgewählt. Die ersten drei Romane weisen sowohl inhaltlich als auch strukturell signifikante Parallelen auf und ergänzen einander. Allen Romanen ist gemeinsam, dass sie eine Person mittleren Alters als Erzähler und zugleich Hauptfigur haben, die oder der an einem kritischen Punkt in ihrem Leben befinden. Um den Weg in die Zukunft be- schreiten zu können, müssen die Protagonisten ihr Leben neu ordnen und sich ihrer Vergangenheit kritisch stellen.

In Ishiguros erstem Roman A Pale View of Hills ist eine Frau mittleren Alters, Etsuko, Protagonistin und Erzählerin. Während eines nur wenige Tage dauernden Besuches ihrer jüngsten Tochter Niki, der den äußeren Handlungsrahmen bildet, erinnert sie sich an einen Sommer, den sie als junge Frau kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer alten Heimat Nagasaki verlebte. Inzwischen wohnt Etsuko seit vielen Jahren in England, ihre Erzählung enthüllt jedoch, dass sie mit ihrer Ver- gangenheit in Japan noch immer zu kämpfen hat. Der Grund für Nikis Besuch und Etsukos Erinnerungen ist der Selbstmord der Schwester und älteren Tochter Keiko. Mit ihr ist Etsuko von Japan nach England gezogen, wo sie ein zweites Mal geheiratet hat. Im Verlauf der Erzählung wird deutlich, dass Etsuko Antwor- ten auf die Fragen, die der Selbstmord ihrer Tochter aufwirft, in den Entscheidungen ihrer Vergangenheit finden kann, besonders in dem Entschluss, Japan zu verlassen.

An Artist of the Floating World ist die Erzählung von Ono, einem alternden Künstler, die sich über den Zeitraum von drei Jahren, zwischen 1948 und 1950, erstreckt und ebenfalls in Japan, allerdings in einer namenlosen Stadt, spielt. An- lass für seine Erzählung ist die bevorstehende Verheiratung seiner jüngster Tochter Noriko, die von ihm eine Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit verlangt. Ono war während des nationalistischen Regimes in Japan ein bedeuten- der Künstler, der seine Arbeit für Propaganda-Zwecke zur Verfügung stellte und nun befürchtet, dass seine Vergangenheit ein Hindernis bei der Suche eines ange- messenen Ehemanns für Noriko wird. Er schildert sein Leben deshalb aus seiner Perspektive und unternimmt den Versuch einer Wahrheitsfindung.

Im Mittelpunkt von The Remains of the Day steht Stevens, ein in die Jahre ge- kommener Butler, der zum ersten Mal in seinem Leben einige Tage frei nimmt. Er verlässt seinen Arbeitsort, Darlington Hall, um sich auf eine Reise durch England zu begeben, die für ihn zugleich eine Reise in die Vergangenheit wird. Das eigentliche, vordergründige Ziel ist, die ehemalige Haushälterin von Darlington Hall, Miss Kenton, zu besuchen, um sie zu einer erneuten Anstellung zu überreden. Dabei erhofft er sich auch eine letzte Chance für eine private Bezie- hung mit ihr. Zum Erzählzeitpunkt im Jahr 1956 hat ein neureicher Amerikaner den ehrwürdigen Landsitz des verstorbenen Lord Darlington übernommen. Dies stellt für Stevens, der sich über seinen Beruf definiert und den ehemaligen Haus- herr zutiefst verehrte, einen so bedeutenden Einschnitt dar, den er zum Anlass nimmt, sich an die Höhepunkte seines Dienstes auf Darlington Hall zu erinnern und sein Dasein als Butler neu zu bestimmen.

Alle Romane Ishiguros zeichnen sich durch eine Überlagerung von verschiedenen Erzählebenen und deren Vielschichtigkeit aus, da die Erzählung ständig von Rückblenden der Erzähler durchkreuzt wird:

From the various narratives within the narrative, the reader can reconstruct not only a story but several, not to mention the different contexts of these stories which include important historical events.35

Nicht nur Barry Lewis bezeichnet die ersten drei Romane Ishiguros aufgrund ihrer vielen Parallelen untereinander als “informal trilogy“36, auch Kazuo Ishiguro selbst beschreibt ihre inhaltlichen Verbindungen als „three attempts to write the same book“37. Ishiguros fünfter Roman When We Were Orphans soll aus diesem Grund den ersten Werken gegenüber gestellt werden, da er hier bekannte Motive wieder aufgreift, zugleich aber weiter entwickelt. Die Erzählung handelt von Christopher Banks, einem in London lebenden Detektiv, der sich in seine alte Heimat Shanghai begibt, um dort das Rätsel um seine vor Jahren verschollenen Eltern aufzuklären. Die Suche nach seinen Eltern wird für Banks nicht nur zu ei- nem komplizierten Fall sondern auch zu der Suche nach seiner eigenen Identität. Die Erzählung besteht aus insgesamt sechs Tagebucheinträgen, die sich über ei- nen Zeitraum von etwa dreißig Jahren erstrecken.

3. Die fragmentierte Darstellung familiärer Beziehungen

3.1 Die Erzählsituation als Ausgangspunkt der Analyse

3.1.1 first-person-narration

Inhalt und Form sind in Kazuo Ishiguros Werk keineswegs als unabhängig von- einander zu betrachten. Alle sechs bis heute veröffentlichten Romane Kazuo Ishiguros sind aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben und lassen sich nach Brian Shaffer zutreffend als „psychological mystery-voyages into the protagonist’s problematic or compromised past“38 bezeichnen. Hierzu ist passend ein Zitat Ishiguros anzuführen, in dem der Erkundungscharakter seiner Verwen- dung der Ich-Erzählung bestätigt wird und der dafür ursächliche Erkundungsan- spruch zugleich Begründung für die anhaltende Motivation der Verwendung des Ich-Erzählers ist:

Things, like memory, how one uses memory for one’s own purposes, one’s own ends, those things interest me…deeply. And so, for the time being, I’m going to stick with the first person, and develop the whole business about following somebody’s thoughts around, as they try to trip themselves up or to hide from themselves.39

Nach der Klassifikation Bertil Rombergs40 handelt es sich bei Ishiguro um „first- person novels in which the narrator is the main character“41. Romberg sieht darin die Möglichkeit, dem Leser „an illusion of reality and truth“42 zu geben. Der Le- ser wird in einem besonderen Maße in die Erzählung eingebunden und, so bemerkt Schönbeck, „die Fiktion wird zugänglicher durch die erzählerische Nähe“43. Diese Nähe konstruieren die Erzähler auch, indem sie, dies ist der Fall in An Artist of the Floating World und The Remains of the Day, die Leser direkt mit you anreden, bei ihnen für Verständnis werben und sie bewusst in das Geschehen mit einbeziehen wollen. Beide Erzählungen sind Diary Novels44 und Rombergs Charakterisierung von den Erzählern dieser Romanform trifft in besonderem Maße auf Masuji Ono und Stevens zu: „[…] the commonest type of diary narrator is the lonely, unhappy human being who cannot attain contact with others and turns inwards upon himself.“45 Ferner konstatiert Romberg, und auch dies belegen beide genannten Romane genauso wie A Pale View of Hills, dass es typisch für den Tagebuch-Roman sei, dass er sich über eine nur begrenzte Zeitspanne er- streckt, typischerweise „during critical phases of the narrator’s life."46 Alle Erzäh- ler der drei in diesem Kapitel untersuchten Romane befinden sich an einem einschneidenden Punkt in ihrem Leben und rekapitulieren ihre Geschichte noch einmal für sich und damit gleichzeitig für den Leser. Im Falle von A Pale View of Hills und The Remains of the Day umfasst die Zeitspanne nur wenige Tage, bei An Artist of the Floating World hingegen etwa eineinhalb Jahre. Alle Zeitspannen sind jedoch, wie Romberg bemerkt, eingegrenzt.

Die „Beschränkung der Perspektive“47, die aus der Schilderung des Gesche- hens allein durch den Ich-Erzähler resultiert, ruft ein grundlegendes Problem hervor: dem Leser erschließen sich allein die Gedanken und das Wissen des Erzählers. Der Leser ist so auf den Erzähler angewiesen, da ihm der Blick auf das Geschehen durch eine dritte Person nicht möglich ist. Greta Olson bezeichnet diese Art von Erzählern sehr treffend als „inhabitants of their textual worlds“ und macht deutlich, dass sie als solche kein „metatextual, omniscient knowledge“haben können.48 Im Falle von Ishiguros Romanen bringt diese Beschränkung der first-person narration das Problem der fragmentierten Darstellung und bewussten Lückensetzung mit. Dem Leser fällt auf, dass zahlreiche - häufig einschneidende- Ereignisse, wie etwa der Tod von Onos Frau und Sohn in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges oder genauere Umstände zu Etsukos Umzug von Japan nach England, keine Ausgestaltung in der Erzählung erfahren. Sie würden von einem extradiegetischen Erzähler vermutlich als zu wichtig erachtet, um ausgeblendet zu werden, und der Leser ahnt, dass es sich um wichtige Informationen handelt, die ihm vorenthalten werden. In der first-person narration aber ist der Erzähler die einzige Instanz, die entscheidet, was erzählt wird. Die Lücken in der Erzählung bezeichnet Kate Zbinden auch als „telling by not telling“49 und es ist klar, dass Ishiguro sie bewusst setzt.50 Dieses telling by not telling greift Wolfgang Isers Begriff der „Leerstelle“ auf, die er folgendermaßen darstellt:

Als Unterbrechung der Textkohärenz transformieren sich Leerstellen zur Vorstellungstätigkeit des Lesers. Sie gewinnen dadurch den Charakter einer sich selbst regelnden Struktur, indem die von ihnen verursachten Aussparungen als Antriebe für das Vorstellungsbewusstsein des Lesers wirksam werden: es gilt, das Vorenthaltene durch Vorstellungen zu besetzen.51

Es ist die Aufgabe des Lesers, diese Leerstellen oder auch gaps of narration mit Inhalt zu füllen und das Nicht-Gesagte in Worte umzudeuten. Der Unterschied, der zu Iser gemacht werden muss, ist, dass Ishiguros Erzähler psychologisch mo- tiviert sind und die „Auslassungen auf einer Ebene des Textes [geschehen], die keine ästhetische Qualität beansprucht“. Iser sieht die Leerstellen in erster Linie ästhetisch motiviert.52 Bei Ishiguro verbirgt sich hinter den Lücken immer zugleich das Un-Sagbare und Unaussprechliche, the unspeakable53. Was nicht explizit erzählt wird, kann häufig nicht ausgesprochen werden. Barry Lewis ver- deutlicht in Bezug auf A Pale View of Hills mit plakativen Worten: „Yet absence in A Pale View of Hills - absent fathers, absent daughters, absent bombs - is at the heart of the heart itself.”54 Indem Etsuko dem Leser diese wichtigen Ereig- nisse vorenthält, wird, und dies lässt sich auf alle untersuchten Texte beziehen, viel mehr ausgedrückt, als Worte zu sagen vermögen. “The main strategy,” so Ishiguro in einem Interview, “was to leave a big gap.”55 Genauso verhält es sich mit den historischen Ereignissen, die den Erzählrahmen für die Geschichte bilden. Auch wenn das, was geschehen ist, mit seiner Tragweite und Konsequenz ange- deutet wird, bekommt der Leser keine genaueren Hintergründe. Meera Tamaya stellt diesbezüglich fest:

The bombing of Hiroshima and Nagasaki, never referred to, echoes in the intricacies of the fragmented lives in A Pale View of Hills and an Artist of the Floating World.56

Tatsächlich werden Gedanken und Geschehnisse um das traumatisierende Ereig- nis des Abwurfs der Atombombe auf Nagasaki ausgeblendet und die Geschichten der Erzähler erscheinen unvollständig. Ihr Sprachstil ist stets sehr zurückhaltend und reduziert, und der Leser fragt sich an zahlreichen Stellen, warum sie nicht mehr von sich und ihren Gedanken preisgeben. So gut wie nie erhält der Leser ei- nen Einblick in die Gefühlswelt der Erzähler und er kann und muss über diese mutmaßen, genauso wie über tatsächlich Geschehenes im historischen Kontext. Was Christine Évain in Bezug auf an Artist of the Floating World bemerkt, trifft ebenso auf Etsukos Erlebnisse zu:

The war damage affects both the landscape and Ono’s inner home or inner space. Thus Ono’s mindscape itself is characterized by fragmentation and it is hardly surprising to the reader that his reflections on the past should be so fragmented.57

Es gelingt Ishiguro jedoch, gerade mit seiner bewussten Ökonomie der Sprache und fragmentarischen Darstellung wichtiger Ereignisse durch die Erzähler, die Wahrheit durch die Abwesenheit von Text und Details offen zu legen.

The language I use tends to be the sort that actually suppresses meaning and tries to hide away meaning rather than chase after something just beyond the reach of words. I’m interested in the way words hide meaning.58

Über das, was die Erzähler bewusst ausklammern, erhält der Leser ein recht vollständiges Profil des Charakters der jeweiligen Person.

Ishiguro verfolgt mit der Wahl der first person narration, so ist festzuhalten, eine sehr klare Linie. Die Beschränkung, die sich daraus für den Leser ergibt, ist zugleich Schlüssel für zweierlei Erkenntnisgewinn. Zum einen nimmt der Leser die Herausforderung an, an der Rekapitulation der Erzähler teilzunehmen und die Lücken der Erzählung selbst zu füllen. Hier wird dem Leser die Besonderheit des Erinnerns an sich bewusst. Zum anderen erschließt sich für den Leser die Mög- lichkeit, aus der Art der Erinnerung der Erzähler deren Psychologie der Erzähler zu verstehen. Dieser Prozess wird besonders unterstützt durch die Tatsache, dass alle Ich-Erzähler der Romane zugleich unzuverlässige Erzähler, im Folgenden ih- rer englischen Bezeichnung nach unreliable narrators genannt, sind. Nicht immer muss ein Ich-Erzähler mit den genannten Einschränkungen unzuverlässig sein, bei Kazuo Ishiguro ist jedoch diese Tatsache eindeutig. Eine Diskussion des Konzepts vom unreliable narrator als einer Konsequenz aus der Ich-Erzählung ist daher sinnvoll.

3.1.2 Das Problem des unreliable narrators

Die Entscheidung, einen Erzähler als unzuverlässig zu bezeichnen, ist nicht ein- fach und häufig strittig, da es problematisch ist, Maßstäbe für die Bewertung der Unzuverlässigkeit zu finden. Folglich ist es notwendig, zunächst noch einmal eine kurze Einordnung vorzunehmen und die Schwierigkeit einer eindeutigen Defini- tion des Begriffes an sich sowie im besonderen Falle Ishiguros zu verdeutlichen. Wayne Booth hat mit seiner Definition aus dem Jahr 1961 das Konzept des unre- liable narrators maßgeblich geprägt, obgleich die Wahl des Begriffs aus einem „lack of terms“59 geschah. Aus diesem Grund sei an dieser Stelle noch einmal die viel diskutierte Aussage Booths zitiert:

I have called a narrator reliable when he speaks for or acts in accordance with the norms of the work (which is to say, the implied author’s norms), unreliable when he does not. It is true that most of the great reliable narrators indulge in large amounts of incidental irony, and they are thus ‚unreliable’ in the sense of being potentially deceptive. But difficult irony is not sufficient to make a narrator unreliable. Nor is unreliability ordinarily a matter of lying, although deliberately deceptive narrators have been a major resource of modern novelists (…).60

Kommuniziert also ein Erzähler Werte und Normen, die von denen des implied authors abweichen, ist er als unzuverlässig zu charakterisieren. Booth stellt die Autorität eines solchen unzuverlässigen Erzählers in Frage und betont seine Tendenz, den Leser in die Irre zu führen.

Das Problem des Boothschen Konzeptes ist, dass der unzuverlässige Erzähler einzig auf Grundlage von und in Relation zu dem ebenfalls schwer zu fassenden Begriffs des implied author definiert wird. Nünning beklagt61, dass sich zu viele Literaturwissenschaftler mit der allgemeinen Definition des unzuverlässigen Erzählers als unreliable in Bezug auf die Normen und Werte des implied authors zufrieden geben. Es sei falsch, eine Definition zu liefern, die nur im Vergleich zu einem anderen Konzept wirksam ist:

The trouble with all of the definitions that are based on the implied author is that they try to define unreliability by relating it to a concept that is itself illdefined and paradoxical.62

Aus diesem Grund ist es wichtig, auch eine neuere Betrachtung des Begriffs in unsere Diskussion einzubeziehen, die das Boothsche Konzept überarbeitet. Greta Olson schlägt in ihrer recht jungen Arbeit die konsequente Unterteilung des unreliable narrator in entweder den fallible oder den untrustworthy narrator vor. Diese Differenzierung, die Booth schon einmal implizit formuliert hat, begreift sie als konsequente Erweiterung seines Modells, das zu einem leichteren und klareren Verständnis des Begriffs unreliable narrator führt.63 Die Einteilung Olsons er- scheint besonders hilfreich im Hinblick auf die Bewertung des unzuverlässigen Erzählers und auf die Analyse dessen Auswirkungen in den Texten Ishiguros. Olson definiert einen fallible author so, wie Booth den Begriff inconscience ver- wendet:

It is most often a matter of what James calls inconscience; the narrator is mistaken, or believes himself to have qualities which the author denies him.64

Der Erzähler, so Booth und Olson hier, ziele nicht darauf ab, den Leser bewusst zu täuschen, vielmehr liege in seiner unzuverlässigen Erzählweise ein unbewusstes Vorgehen, das wir als Vergehen sehen. Dies ist der Ansatz, von dem auch bei Ishiguro ausgegangen werden soll, was durch folgende Beobachtung Booths gestützt wird:

Perhaps the most important effect of travelling with a narrator who is unaccompanied by a helpful author is that of decreasing emotional distance. We have seen that much traditional commentary was used to increase sympathy or to apologize for faults. When an author chooses to forgo such rhetoric, he may do so because he does not care about conventional sympathy […].65

In allen Ishiguro-Romanen begegnen wir fallible authors, da ihre Unzuverlässig- keit nicht, wie bei einem untrustworthy author nach Olson, durch “ingrained behavioral traits or some current self-interest”66 verursacht wird. Ishiguros Erzähler handeln nicht aus einer bösen Absicht heraus und, was vielleicht noch wichtiger ist, täuschen mit ihrer Erzählweise nicht nur den Leser, sondern auch sich selbst. Auf der Suche nach der Wahrheit werden sie mit Fehlern konfrontiert, die sie in ihrem Leben begangen haben, und sehen deshalb keine andere Möglich- keit, als das Erlebte umzudeuten und ihre Vergangenheit neu zu konstruieren. Sie verleugnen gewissermaßen ihre wahre Vergangenheit und suchen in ihrem fortge- schrittenen Alter eine Lösung, mit der sie leben können. Kazuo Ishiguros macht seine Absicht deutlich: “I was trying to explore that type of language, how people use the language of self-deception and self-protection.”67 Mike Petrys Argument in Bezug auf The Remains of the Day besitzt Gültigkeit für alle untersuchten Ro- mane:

Hence Stevens’ narrative unreliability is - and this is important - „naturally motivated;” it is inspired by a need for self-deception and by a desire to defend himself against the opinions of others.68

Dies hat besondere Auswirkungen auf den Umgang mit ihrem familiären Umfeld, wie später zu zeigen sein wird.

Ein signifikanter Aspekt, der von Booth vernachlässigt wurde, aber für die Diskussion des unzuverlässigen Erzählers unerlässlich ist, ist die Rolle des Lesers. Der Leser muss, und hierin liegt eine große Schwierigkeit, in der Lage sein, eine Differenzierung vorzunehmen und letztlich über den Grad der Unzuverlässigkeit des Erzählers entscheiden. Hierfür muss er zunächst einmal wissen, woran diese festzumachen ist. Rimmon-Kenan hat die Problematik erkannt und fragt: But how can the reader know whether he is supposed to trust or distrust the narrator’s account? What indications does the text give him one way or the other?69

Obwohl eine Kategorisierung möglicher Indizien für die Bestimmung eines unzuverlässigen Erzählers problematisch und nicht immer widerspruchsfrei ist, liefert an dieser Stelle Rimmon-Kenan eine für uns hilfreiche - da kurze - Defi- nition. Sie sieht die Gründe für die Unzuverlässigkeit eines Erzählers durch drei grundlegende Faktoren gegeben: „the narrator’s limited knowledge, his personal involvement, and his problematic value-scheme.“70 Es obliegt also stets dem Leser, den Erzähler zu überführen. Die Frage, die in einem nächsten Schritt zu klären ist, lautet nun, wie sich die Unzuverlässigkeit im Text auswirkt, das heißt, wo wir Anhaltspunkte in Faktendarstellung oder Wertvorstellung vorfinden, an- hand derer wir feststellen können, ob eine vom Autor implizierte Gegenmeinung vorliegt.

Der Erzähler kann die Ereignisse und Charaktere nicht objektiv beschreiben, da ihm das nötige Wissen hierzu fehlt; ebenso wenig kann er ein objektives Bild von sich selbst zeichnen. Dies geschieht nicht aus einer bewussten Absicht, es ist einfach nicht möglich, sich selbst zu beschreiben, ohne den Blickwinkel einer dritten Person einzubeziehen. Romberg beschreibt dieses Problem wie folgt:

He [the narrator] can reproduce his perspective upon other persons, but other persons’ perspectives upon him can only emerge indirectly, since it is he himself who describes them fort he reader. The result of this is that it is difficult to create a clear picture of his objective behaviours and character, both as far as inner and (most often) as far as outer qualities are concerned.71

Vor diesen theoretischen Hintergründen stellt sich natürlich die Frage, wie zuverlässig eine Darstellung der familiären Beziehungen und Entfremdungspro- zesse in den Romanen Kazuo Ishiguros sein kann und wie wir als Leser die Glaubwürdigkeit der dargestellten Probleme und Prozesse einschätzen und be- werten.

[...]


1 Susanny Mayer, „Glück ist eine Blase. Ein Gespräch mit dem Autor Kazuo Ishiguro.“ Die Zeit 38 (2000) [http://www.zeit.de/archiv/2000/38/200038_l-interview.xml?term=Kazuo, abgerufen am 12.02.2005]

2 Cynthia Wong, Kazuo Ishiguro, (Horndon, Tavistock, Devon: Northcote House, 2000), S. 23.

3 Sabine Birchaell, Erinnerung und kollektive Identitäten. Zur Wahrnehmung der Kriegsvergangenheit im englischen Roman der Gegenwart, (Frankfurt a. M: Peter Lang, 2003), S. 62.

4 Pico Iyer, “Waiting Upon History. The Remains of the Day”, Tropical Classical: Essays from several directions. Pico Iyer, ed., (New York: Knopf, 1987), S. 178.

5 Vgl. Allan Vorda, Kim Herzinger, “An interview with Kazuo Ishiguro”, Mississippi Review 20 (1996), S. 131.

6 Zit. nach Barry Lewis, Kazuo Ishiguro (Manchester: Manchester UP, 2000), S. 4.

7 Vgl. Barry Asker, “The next time I looked, Japan was gone: Home Is Where the Fiction Is – Kazuo Ishiguro and the Sense of Dis-Place.”, Anglophone Literatures in South East Asia. Appropriations, continuities, contexts, eds. Rüdiger Ahrens, David Parker, Klaus Stierstorfer, Tam Kwok-Kann (Heidelberg: UTB, 2003), S. 297.

8 Vgl. Susie MacKenzie, “Between two worlds”, The Guardian (London), 25. März 2000. [http://books.guardian.co.uk/departments/generalfiction/story/0,6000,150672,00.html, aufgerufen am 12.02.2005]

9 Lewis, Kazuo Ishiguro, S. 1.

10 Asker, “Home Is Where Fiction Is”, S. 297.

11 Asker, “Home Is Where Fiction Is”, S. 297.

12 Erhard Reckwitz, “Der Roman als Metaroman: Salman Rushdie, Midnight’s Children; Kazuo Ishiguro, A Pale View of Hills; John Fowles, Matissa”, Poetica 18 (1986), S.142.

13 Otto Dylan Krider, “Rooted in Small Space. An Interview with Kazuo Ishiguro”, The Kenyon Review, 20.2 (1998), S. 147.

14 Vgl. Adam Parkes, Kazuo Ishiguro’s ‚The Remains of the Day’ – A reader’s guide. London, (New York: Continuum, 2001), S.12.

15 Vgl. u.a. Parkes, Kazuo Ishiguro’s ‘The Remains of the Day’, S. 15.

16 Vorda, “An interview with Kazuo Ishiguro”, S. 133.

17 Vorda, “An interview with Kazuo Ishiguro”, S. 133.

18 Vgl. Pico Iyer, “The Empire Writes Back. Am Beginn einer neuen Weltliteratur?”, Neue Rundschau, 1 (1996), S. 9.

19 Pico Iyer, “The Empire Writes Back”, S.10.

20 Malcolm Bradbury, The Modern British Novel (London: Penguin Books, 1994), S. 425.

21 Vorda, “An interview with Kazuo Ishiguro”, S. 133.

22 Vorda, “An interview with Kazuo Ishiguro”, S. 136.

23 Asker, “Home Is Where Fiction Is”, S. 295.

24 Kazuo Ishiguro, Never Let Me Go. London: Faber & Faber, 2005.

25 Kazuo Ishiguro, A Pale View of Hills. London: Faber and Faber, 1991 (1981); An Artist of the Floating World. London: Faber and Faber, 2001 (1986); The Remains of the Day. London: Faber and Faber, 2001 (1989); Ders. When We Were Orphans. New York: Knopf, 2000.

26 Brian W. Shaffer, Understanding Kazuo Ishiguro (Columbia: University of South Carolina Press, 1998), S. 5.

27 Vgl. Parkes, The Remains of the Day, S. 14.

28 Als empfehlenswert sollen an dieser Stelle drei Titel genannt werden: Barry Lewis, Kazuo Ishiguro; Brian W. Shaffer, Understanding Kazuo Ishiguro sowie Cynthia F. Wong, Kazuo Ishiguro (Horndon, Tavistock, Devon: Northcote House Publishers, 2000).

29 Simone Kremkau, Vergangenheit, Erinnerung und Nostalgie im englischen Roman nach 1945.(Göttingen: Cuvillier Verlag, 2003); Oliver Schönbeck, Their Versions of the Facts. Text und Fiktion in den Romanen von Ian Banks, Kazuo Ishiguro, Martin Amis und Jeanette Winterson. (Trier: Wissenschaftlicher Verlag, 2000).

30 Kathleen Wall, “The Remains of the Day and Its Challenges to Theories of Unreliable Narration“, Journal of Narrative Technique, 24.1 (1994), S. 18-42.

31 Greta Olson, “Reconsidering Unreliability: Fallible and Untrustworthy Narrators” Narrative 11.1 (2003), S. 93-109.

32 Ishiguro und Oe, “The Novelist in Today’s World”, S. 115.

33 Susie O’Brian, “Serving a New World Order: Postcolonial Politics in Kazuo Ishiguro's The Remains of the Day” Modern Fiction Studies 42.4 (1996), S. 787-806. Meera Tamaya. „Ishiguro’s „The Remains of the Day“: The Empire Strikes Back”. Modern Language Studies, Vol. 22, No. 2 (1992), S. 45-56.

34 Gregory Mason, "An Interview with Kazuo Ishiguro", Contemporary Literature, 30 (1989), S. 335-347; Kenzaburo Oe, "Kazuo Ishiguro. A Novelist in Today’s World: A Conversation", Boundary 2, 18.3 (1991), S. 109-122; Allan Vorda, Kim Herzinger, “An interview with Kazuo Ishiguro”, Mississippi Review 20 (1996), S. 131-153; Brian W. Shaffer, “An Interview with Kazuo Ishiguro”, Contemporary Literature, 42.1 (2001), S. 1-14; Cynthia F. Wong, “Interview with Kazuo Ishiguro”, CLIO, 30.3 (2001), S. 309-325; Francois Gallix, Vanessa Guignery and Paul Veyret, “Kazuo Ishiguro at the Sorbonne, 20th March 2003”, Etudes britanniques contemporaines: revue de la Société dÊtudes Anglaises Contemporaines. 27 (2004), S. 9-22.

35 Christine Évain, “Digressions, palimpsests and nostalgia in An Artist of the Floating World”, Etudes britanniques contemporaines: revue de la Société dÊtudes Anglaises Contemporaines, 27(2004), S. 23.

36 Lewis, Kazuo Ishiguro, S. 133.

37 Vorda, “An Interview with Kazuo Ishiguro”, S. 150.

38 Brian Shaffer, “When We Were Orphans“, World Literature Today 74.3 (2000), S. 595.

39 Mason, “An interview with Kazuo Ishiguro”, S. 347.

40 Bertil Romberg, Studies in the Narrative Technique of the first-person novel. (Stockholm u.a.: Almquist u. Wiksell, 1962).

41 Romberg, Studies in the Narrative Technique, S. 58.

42 Ebd., S. 59.

43 Schönbeck, Their Versions of the Facts, S. 54.

44 Vgl. hierzu Romberg, Studies in the Narrative Technique , S. 43-46.

45 Ebd., S. 44.

46 Romberg, Studies in the Narrative Technique , S. 45.

47 Schönbeck, Their Versions of the Facts, S. 54.

48 Olson, “Reconsidering Unreliability”, S.100.

49 Karine Zbinden, Self-representation in Kazuo Ishiguro’s Novels. Unveröffentlichte Magisterarbeit. (Lausanne: Universitè de Lausanne, 1996), S. 2.

50 Kazuo Ishiguro nimmt in einigen Interviews hierzu Stellung. Vgl. u.a. Mason, „An Interview with Kazuo Ishiguro“, S. 337.

51 Wolfgang Iser, Akt des Lesens (München: UTB, 1994), S. 315.

52 Vgl. Schönbeck, Their Versions of the Facts, S. 59.

53 Michael Wood, “The Discourse of Others”, ders., ed. Children of Silence. Studies in Contemporary Fiction. (London: Random House, 1998), S. 177

54 Lewis, Kazuo Ishiguro, S. 44.

55 Mason, “An Interview with Kazuo Ishiguro”, S. 337.

56 Tamaya, “The Empire Strikes Back”, S. 45.

57 Evaine, “Digressions, palimpsests and nostalgia”, S. 29.

58 Vorda, “An Interview with Kazuo Ishiguro”, S. 135-36.

59 Wayne Booth, The Rhetoric of Fiction (Chicago: University of Chicago Press, 1961), S. 157.

60 Ebd., S. 158.

61 Ansgar Nünning hat einige wichtige Arbeiten zu der Problematik des unreliable narrator veröffentlicht. Dieses Kapitel bezieht sich auf seinen Überblicksaufsatz aus dem Jahr 1997, „But why will you say that I am mad?“ On the Theory, History, and Signals of Unreliable Narration in British Fiction“, AAA 22.1 (1997), S. 83-106.

62 Nünning, „But why will you say I am mad“, S. 86.

63 Olson, „Reconsidering Unreliability“, S. 100.

64 Booth, Rhetoric of Fiction, S. 159.

65 Booth, Rhetoric of Fiction, S. 274.

66 Olson, “Reconsidering Unreliability”, S. 101.

67 Mason, “An Interview with Kazuo Ishiguro”, S. 337.

68 Mike Petry, Narratives of Memory and Identity: The Novels of Kazuo Ishiguro (Frankfurt: Peter Lang, 2001), S. 179.

69 Slomith Rimmon-Kenan, The Narrative of Fiction: Contemporary Poetics,(London: Routledge, 2003), S. 100.

70 Ebd.

71 Romberg, Studies in the Narrative Technique, S. 59.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Fragmentierte Familie und die Konstruktion von Vergangenheit und Identität - Eine Untersuchung ausgewählter Romane Kazuo Ishiguros
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
85
Katalognummer
V67869
ISBN (eBook)
9783638594035
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fragmentierte, Familie, Konstruktion, Vergangenheit, Identität, Eine, Untersuchung, Romane, Kazuo, Ishiguros
Arbeit zitieren
Katharina Semmler (Autor), 2005, Fragmentierte Familie und die Konstruktion von Vergangenheit und Identität - Eine Untersuchung ausgewählter Romane Kazuo Ishiguros, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67869

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