Verantwortung und Erinnerung im Rahmen von Entscheidungsprozessen


Seminararbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung: Eskalation und Erinnerung

2 Entscheidung und Erinnerung

3 Entscheidung und Verantwortung
3.1 Prozessverantwortung
3.2 Ergebnisverantwortung
3.3 Verantwortung im Rahmen von Individual- und Gremienentscheidungen
3.4 Publikum und Verantwortung
3.5 Verantwortung vor und nach Entscheidungen

4 Einfluss von Rechtfertigungspflicht auf das Erinnerungsvermögen
4.1 Empirische Befunde
4.1.1 Dellarosa und Bourne (1984)
4.1.2 Brody und Bowman (1997)
4.1.3 Empirische Befunde eines Experiments des Lehrstuhls für Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg (2002)
4.2 Diskussion

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung: Eskalation und Erinnerung

Unter Eskalation von Commitment wird eine zunehmende Bindung an eine verlustreiche Handlung verstanden (Schulz-Hardt, 1999). Entscheidungsträger halten an einem Projekt fest und investieren weiterhin Ressourcen, obwohl die Erfolgsaussichten immer geringer werden und das Projekt bei objektiver Betrachtung abgebrochen werden müsste. Als Erklärungen für diese eskalierende Bindung an einen erfolglosen Handlungsstrang werden die Selbstrechtfertigungs-Theorie und die Theorie der kognitiven Dissonanz angesehen (Brody und Bowman, 1997). Bei der Erforschung des Phänomens der Eskalation von Commitment wurde in den letzten Jahren verstärkt der Einfluss von Entscheidungen auf die menschliche Informationsverarbeitung untersucht. In der Psychologie meint Informationsverarbeitung die Prozesse, die den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken und Handeln bei der Lösung von Problemen gewährleisten (Neisser, 1974).

Welche Informationen bezüglich ihrer Entscheidung erinnern Individuen ? Möglicherweise gibt es Unterschiede in der Menge und der Art der erinnerten Informationen zwischen eskalierenden und nicht eskalierenden Personen. Welche Determinanten beeinflussen die Erinnerungsleistung in Entscheidungsprozessen ? Durch die Klärung dieser Fragen erhofft man sich ein besseres Verständnis von Eskalationseffekten und neue Ansätze für Deeskalationsstrategien. Bisherige Studien haben gezeigt, dass ein starker Zusammenhang zwischen Eskalation und Verantwortung besteht. Schwerpunkt dieser Arbeit bildet deshalb die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Verantwortung und Erinnerung im Rahmen von Entscheidungsprozessen. Nach Tetlock und Lerner (1999) ist Verantwortung als implizite oder explizite Erwartung, sich für eigene Meinungen, Gefühle oder Handlungen rechtfertigen zu müssen, zu verstehen. Verantwortung wird deswegen in diesem Zusammenhang auch als Rechtfertigungspflicht bezeichnet. Zunächst wird eine kurze Übersicht theoretischer Annahmen über Zusammenhänge zwischen Entscheidungen und Erinnerungsleistung sowie zwischen Entscheidungen und Verantwortung gegeben. Anschließend werden empirischen Befunde aus diesem Forschungsbereich vorgestellt und diskutiert.

2 Entscheidung und Erinnerung

Im Verlauf des Entscheidungsprozesses wird gewöhnlich eine größere Menge an Informationen bewertet und verglichen. Solche Informationen sollten demnach besonders intensiv verarbeitet werden, tiefe Gedächtnisspuren hinterlassen und somit leicht zugänglich sein. Weil Entscheidungsprozesse zielgerichtete Prozesse sind, kann eine Entscheidung möglicherweise beeinflussen, welche Art von Information im Gedächtnis gespeichert wird (Wyer, 1982, zitiert nach Brody et al. ,1997). Ist eine Entscheidung getroffen, könnten vor allem solche Informationen gespeichert werden, die zukünftige Rechtfertigungen unterstützen. Im Gedächtnis wäre demnach eine größere Menge entscheidungskonsistenter Informationen vorhanden. Mit steigendem Rechtfertigungsdruck müsste diese Verzerrung der Gedächtnisleistung zunehmen. Greene (1981, zitiert nach Dellarosa et al., 1997) hat Belege für eine solche Verzerrung der Gedächtnisleistung gefunden.

Nach Moser (1992) ist es für den Zusammenhang zwischen Erinnerung und Entscheidung von Bedeutung, ob eine Urteilsbildung simultan während der Informationsaufnahme oder zu einem späteren Zeitpunkt aufgrund von aus dem Gedächtnis abgerufenen Daten stattfindet. Diese Zusammenhänge werden bei der Diskussion der empirischen Befunde in Abschnitt 4.2 genauer dargestellt.

Das Erinnerungsvermögen kann auch von verschiedenen Entscheidungs-anomalien beeinflusst werden. Nach Klose sind Entscheidungsanomalien „empirisch beobachtbare (systematische) Abweichungen individuellen Urteils- und Entscheidungsverhaltens von Standardannahmen entscheidungslogischer Entwürfe und ökonomischer Modelle“ (Klose, 1994). Eine als Confirmation Bias bekannte Entscheidungsanomalie bezeichnet das Phänomen, dass Personen in Entscheidungsprozessen nach Informationen suchen, die ihre ursprüngliche Meinung unterstützen. Widersprechende Informationen werden ignoriert oder verzerrt wahrgenommen. Die Informationsverarbeitung kann auch durch den sogenannten Status-Quo-Bias verzerrt werden. Je mehr Handlungsalternativen zur Auswahl stehen, desto stärker wird die Präferenz für den Status Quo. Menschen neigen dazu, die Auswirkungen der Entscheidung, die sie getroffen haben, genau zu beobachten, während sie die Konsequenzen jener Handlungsalternativen, die sie eben nicht gewählt haben, nicht mehr genau weiterverfolgen (Eisenführ et al.,1999). Diese Phänomene deuten ebenfalls darauf hin, dass eher konsistente Informationen im Gedächtnis gespeichert werden.

Dellarosa und Bourne (1984) vermuten, dass einer Entscheidung folgende kognitive Aktivitäten die Erinnerung an vorher gegebene Informationen verändern können. Die Gedächtnisstruktur wird verändert, um die neuen Informationen einordnen zu können. Diese Restrukturierung des Gedächtnisses könnte zu Unterschieden in der Verfügbarkeit bestimmter gespeicherter Informationen, in Abhängigkeit von der Konsistenz zu bereits vorhandenem Wissen, führen. Dellarosa und Bourne (1984) entwickelten ein Modell, dass Entscheidung als Fokuspunkt innerhalb eines Informationsclusters im Gedächtnis beschreibt (Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modell einer sich aus einem Entscheidungsprozess ergebenden Gedächtnisstruktur. Mit S bezeichnete Kreise stellen konsistente, mit C bezeichnete Kreise inkonsistente Informationen dar (Dellarosa und Bourne, 1984).

Nach diesem Modell ist eine Entscheidung über Gedächtnisspuren mit entscheidungskonsistenten und besonders herausragenden Informationen direkt verbunden. Inkonsistente und weniger wichtige Informationen sind nicht direkt mit der Entscheidung, sondern lediglich mit anderen Informationen verbunden. Erinnert sich eine Person an Informationen die in Bezug zu einer früheren Entscheidung stehen, beginnt die Abfrage der Gedächtnisstruktur bei der Entscheidung. Die Person wird sich demnach verstärkt an konsistente Informationen erinnern.

In einem anderen von Dellarosa und Bourne (1984) entwickelten Modell wird Entscheidung als Filter angesehen, der den Output inkonsistenter Informationen unterdrückt und hilft, den Output um einen zentralen Punkt, die Entscheidung, zu organisieren. In diesem Modell findet keine Reorganisation der Gedächtnisstrukturen statt, konsistente und inkonsistente Informationen sind gleichermaßen im Gedächtnis verfügbar, die Entscheidung beeinflusst allerdings die Wiedergabe zugunsten konsistenter Informationen.

3 Entscheidung und Verantwortung

Nach Simonson und Staw (1992) kann Verantwortung einen zweifachen Effekt auf Eskalationstendenzen haben. Verantwortung bewirkt bei Entscheidern eine höhere Komplexität der geäußerten Urteile, einen geringeren Einfluss früherer Überzeugungen und einen größeren Einfluss der verfügbaren Informationen. Dies kann zu korrekteren Entscheidungen führen. Allerdings führt Verantwortung auch zu einem stärkeren Rechtfertigungsdruck. Angst vor Beurteilung der eigenen Person kann das Commitment zu einem scheiternden Unternehmen erhöhen. Verantwortung kann somit einerseits die kognitive Aufmerksamkeit erhöhen, aber auch das Bedürfnis steigern, sich zu rechtfertigen oder frühere Fehler zu verteidigen. Auch Schulz-Hardt und Frey (1999) und Bazerman et al. (1984) gehen davon aus, dass Verantwortung die Eskalation von Commitment verstärkt.

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Verantwortung und Erinnerung im Rahmen von Entscheidungsprozessen
Veranstaltung
Seminar Denken und Problemlösen in Entscheidungsprozessen
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V6791
ISBN (eBook)
9783638142830
ISBN (Buch)
9783640098880
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eskaliernendes Commitment, Erinnerung, Gedächtnis, Verantwortung
Arbeit zitieren
Dipl.-Kfm. Robert Bayerlein (Autor), 2002, Verantwortung und Erinnerung im Rahmen von Entscheidungsprozessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6791

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