Vom Reisebericht zum Abenteuerroman - Erkenntnisvermittlung vs. Lesererwartung: Mungo Parks Reisen ins Innerste Afrikas 1795-1806 und T. C. Boyles Wassermusik


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Reisen ins Innerste Afrikas 1795-1806
1. Intention des Autors und Handlungsstruktur
2. Fremderfahrung bei Mungo Park

III. Wassermusik
1. Handlungsstruktur
2. Figuren
3. Trivialliteratur
4. Hypertextualität

IV. Formen der Fremderfahrung

V. Infragestellung der Fremderfahrung

VI. Postmoderne

VII. Literaturliste

I. Einleitung

Im 18. und 19.Jahrhundert erreichte das Verfassen von Reisebeschreibungen seinen Höhepunkt. Pilgerreisen, Entdeckungsreisen, Missionen und Kolonialisierung trugen zur geographischen, kulturellen und soziologischen Erfassung der Fremde bei. Die Nachfrage war groß. Das Interesse am Exotischen, am Andersartigen wuchs gleichzeitig mit den Möglichkeiten der Entwicklung der Verkehrs-und Handelswege in ferne Länder. Vor allem die Entdeckungsreisen in außereuropäische Länder boten eine Vielzahl fremdartiger Eindrücke und Aspekte an, die die Neigung zu exotischen Wunschbildern wachriefen und befriedigen konnten. Nicht ohne Grund ist hier die Rede von Wunschbildern, die gleichzeitig das Vorhandensein einer gewissen Lesererwartung implizieren. Begründet ist diese Lesererwartung zunächst ganz allgemein in der Neugier an Unbekanntem und Ungesehenem, aber auch, in direktem Verhältnis zur technischen und industiellen Entwicklung, in der langsam aufkommenden Kritik an zivilisatorischer Einengung und Repression, die Freiheitsdrang und Fluchtbewegung in Richtung Fremdartigkeit, Geheimnisvolles und Wunderbares auslösen.[1]

So ist leicht zu ersehen, daß Verfasser von Reiseberichten, abhängig vom zeitlichen Kontext, sowohl für die empirisch wissenschaftliche Wiedergabe der Wirklichkeit verantwortlich sind als auch der Erwartungshaltung der Leser entsprechen sollten . Nicht nur detaillierte Andersartigkeiten wie Lebensführung und Verhalten der fremden Völker oder Beschreibung von Landschaften, von Flora und Fauna werden von ihnen abverlangt, sondern auch die Abenteuerlust soll geweckt werden; Gefahren und Überlebenskämpfe, existentielle Widerstände in unbekannten Räumen sollen geschaffen werden.

Am 22. Mai 1795 wurde der afrikaerfahrene, schottische Arzt Mungo Park von der „British Association for promoting the discovery of the interior parts of Africa“ ausgeschickt, um Innerafrika zu erforschen und vor allem zu erfahren, ob sich zwischen den westwärts gerichteten Flüssen Senegal und Gambia und dem nach Osten fließenden Niger ein Zusammenhang feststellen läßt. Mungo Park reiste im Auftrag einer Gesellschaft, die nicht mit den üblichen Handelsgesellschaften zu vergleichen war, sondern die ausschließlich „die Zivilisation der Eingeborenen heben und den Sklavenhandel bekämpfen, vor allem aber die Erforschung Innerafrikas vorantreiben.“[2] wollte. Sein Rechenschaftsbericht, den er nach seiner Rückkehr ablieferte, wurde von ihm zusammen mit dem Sekretär der „Association“, Brian Edwards, ausgearbeitet, und 1799 erschien die erste Auflage des Bestsellers „Reisen im Innern von Afrika“ (R. S.19). Von Mungo Parks zweiter Reise nach Afrika, auf der er sein Leben einbüßen mußte, geben seine unausgearbeiteten Aufzeichnungen Zeugnis, die von seinem Führer Isaako nach England geschickt wurden und ebenfalls veröffentlicht wurden.

Fast 200 Jahre später greift T. Coraghessan Boyle diesen Stoff auf und verarbeitet ihn in seinem Abenteuerroman Wassermusik nach seinen Vorstellungen. In der Apologie dieses Buches heißt es: „Da der Anstoß zur Wassermusik in erster Linie der Ästhetik, nicht der Gelehrsamkeit entsprang, habe ich den historischen Hintergrund aus der Freude und Faszination genutzt, die er mir bereitete, keinesfalls aber in dem Wunsch, die darin festgehaltenen Ereignisse genauestens zu rekonstruieren oder für einen Roman zu bearbeiten.“[3]

In dieser Arbeit werden zunächst die Reiseberichte Mungo Parks auf die Intention des Autors, auf Handlungsstrukturen und -strategien, und auf oben angedeutete Gesichtspunkte hin untersucht. Auf die selbe Weise wird mit dem Buch Wassermusik vorgegangen. Dabei steht vor allem die jeweils spezifische Fremderfahrung im Vordergrund. Ziel der Arbeit ist es, die doppelte Lesart beider Texte herauszuarbeiten. Der Begriff des Trivialen bezüglich Boyles Wassermusik wird revidiert und übernimmt die Funktion einer Entlarvung der multimedial geprägten Landschaft. Hier wird auch auf die Stellung des Werkes innerhalb der Postmoderne eingegangen.

II. Reisen ins Innerste Afrikas 1795-1806

1. Intention des Autors und Handlungsstruktur

Mungo Park schreibt über seine Beweggründe, nach Afrika zu reisen: „(...)denn ich wollte gern ein so unbekanntes Land wie Afrika näher erforschen und den Charakter und die Lebensweise seiner Bewohner durch eigene Erfahrung kennenlernen.“ (R:S. 21) Ehemals Schiffschirurg in Sumatra besitzt Park bereits Vorkenntnisse. Bei der Ausarbeitung des Rechenschaftsberichts über die erste Reise hat er offenbar mit der schriftlichen Darbietung große Probleme, jedoch entwickelt er durch die Mithilfe des Sekretärs der „Association“ ein schriftstellerisches Talent. Es entsteht eine Stationenchronik, die, in 23 Abschnitte unterteilt und mit einleitenden Kapitelüberschriften versehen, sowohl den zeitlichen Ablauf der Reise als auch geographische und ethnische Eigenschaften darstellt.

Besondere Merkmale der Reiseberichte der Aufklärungszeit sind die systematische Erfassung und die Methodisierung der Wirklichkeit. Hier steht das Homogenitätsprinzip im Vordergrund, also das Bestreben, aus der Erfahrung heraus eine Einheit der Welt zu postulieren, womit Ungewöhnliches singularisiert wird und Aspekte des Fremden im Sinne des okzidentalen Weltbildes einer kategorialen Ordnung unterliegen.[4]

Neben dieser philosophischen Sichtweise wirken auch wirtschaftliche, diplomatische und merkantilistische Interessen mit. An geographischen Besonderheiten, Rohstoffen und ethnischen Eigenheiten haben neben den wissenschaftlichen Einrichtungen auch die königlichen Finanziers große Anteilnahme. Der Tenor mancher Reiseberichte kommt dem für diese Zeit typischen Expansionstrieb sehr entgegen.

Mungo Park hat den Anspruch, seine erlebte Realität in sachlicher und objektiver Sprache zu vermitteln, indem er unter anderem über die Vegetation, über Zubereitungen gängiger Speisen oder etwa landwirtschaftlicher Bodennutzung Auskunft gibt. (R S.28-30). Auch befaßt er sich mit dem Aufbau des Staatswesens, mit den Klassenstrukturen, mit der Städteplanung und dem Handelswesen. (R S. 34/35, 151) Er beschreibt Verhaltenskodizes, Zeremonien, Rituale und Kultgegenstände, so, wie sie ihm auf seiner Reise begegnen, ohne sie einzuordnen. (R z.B.S.40/41,43, 98). Auch die Anmerkungen zu den hier vorher genannten Themen fließen in den Text ein, bilden nur teilweise einen isoliert abgehandelten Gegenstand.

Das strukturbildende Element hingegen ist die eigentliche Reise. Die Beweggründe Parks, Afrika zu entdecken und seine Erfahrungen niederzuschreiben, liegen mit Sicherheit in dem Vorhaben, eine möglichst objektive Berichterstattung zu liefern, um den Lesern Eindrücke dieses Landes zu vermitteln und der „British African Association“ die gewünschten Fakten darzubieten. Aber nicht zuletzt macht er sich als Held, der sich den Widrigkeiten der Natur und der Stämme aussetzt, einen Namen.

Abreise, Passage und Ankunft werden bei Park konkretisiert. Die Passage beschreibt die

Hindernisse, mit denen er zu kämpfen hat. Er wird gequält, beraubt, und dient den Eingeborenen als skurriles Anschauungsobjekt. So beschreibt er seine Gefangenschaft bei den Mauren: „Ich war ihrer Rohheit, Wildheit und ihrem Fanatismus völlig ausgeliefert. Fremd, ohne Schutz und Christ - einer dieser Umstände wäre schon genug gewesen, jeden Funken von Menschlichkeit in der Brust eines Mauren zu ersticken, alle drei vereinigten sich nun in mir, also konnte ich nichts Gutes erwarten.“ (R S. 93) Mungo Park erträgt die „(...)drückende Lage(...)“ (R ebd.), vom „(...)rohesten, wildesten Volk auf Erden(...)“ (R ebd.) mit Geduld. An anderer Stelle heißt es: „Sie durchsuchten mich mit ihrer gewöhnlichen Roheit bis auf die Haut und nahmen mir meine Uhr, meinen Taschenkompaß und alles, was ich an Gold und Bernstein bei mir trug.“ (R S. 95). Mungo Park reagiert auf die Frage des Mauren, um was für ein Gerät es sich beim Kompaß handelt, in einer höchst souveränen, süffisanten Weise, indem er ihm erklärt, „daß meine Mutter weit über die Wüste Sahara hinaus wohne und daß, so lange sie lebe, das Stückchen Eisen immer dahin zeige und mir als Führer zu ihr diene, sterbe sie aber, so werde es auf ihr Grab zeigen.“ (R ebd.) Und schließlich: „(...), und die ganze Zeit hindurch war ich von einer solch großen Menge umgeben, daß ich ganz still sitzen mußte, um ihre Neugier zu befriedigen.“ (R S. 86) Es fehlt ihm auch nicht die Sprache, als ihn vier maurische Frauen auffordern, zu zeigen, ob er, wie die Mohammedaner, auch beschnitten sei. Selbstbewußt erklärt er, daß er vor so vielen Frauen nicht gewillt ist, der Aufforderung nachzugehen. Auf die jüngste und schönste Frau deutend bemerkt er aber, daß er sich gerne darauf einläßt, wenn alle anderen gehen. Auf seinen Charme reagieren die Frauen mit Begeisterung.

Mungo Park ist Beobachter und Selbstdarsteller zugleich. Er meistert die schwierigsten Eskapaden, wenn auch unter größten Schmerzen und Entbehrungen. Jedoch behält er bei seinen Schilderungen immer einen sachlich, wissenschaftlich anmutenden Grundton bei, der die chronologische Struktur und die Authentizität seiner Beobachtungen unterstreicht.

[...]


[1] Reif, Wolfgang: Zivilisationsflucht und literarische Wunschräume. Stuttgart 1975

[2] Park, Mungo: Reisen ins Innerste Afrikas 1795-1806, hrsg. v. Heinrich Pleticha. Tübingen 1976 S. 7. Sigle: R

[3] Boyle, T. Coraghessan: Wassermusik. Deutsche Übersetzung von Werner Richter. Hamburg 1987.

Sigle: W

[4] Brenner, Peter J.: Die Erfahrung der Fremde. In: ders. (Hg.): Der Reisebericht. Frankfurt am Main 1989, S. 14-19

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Vom Reisebericht zum Abenteuerroman - Erkenntnisvermittlung vs. Lesererwartung: Mungo Parks Reisen ins Innerste Afrikas 1795-1806 und T. C. Boyles Wassermusik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Die Reise im Text der Moderne - Literatur und Film
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V6796
ISBN (eBook)
9783638142885
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mungo Parks Reisen ins Innerste Afrikas 1795-1806 und T. C. Boyles Wassermusik. 175 KB
Schlagworte
T.C. Boyle: Wassermusik
Arbeit zitieren
Constanze Meier (Autor), 1999, Vom Reisebericht zum Abenteuerroman - Erkenntnisvermittlung vs. Lesererwartung: Mungo Parks Reisen ins Innerste Afrikas 1795-1806 und T. C. Boyles Wassermusik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6796

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