Grundideen und -verfahren der Generativen Grammatik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

29 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschichte und Grundideen der Generativen Grammatik
2.1. Noam Chomsky
2.2. Grundideen
2.3. Universalgrammatik und Grundunterscheidungen

3. Die Generative Syntax
3.1. Konstituentenstrukturanalyse und Phrasenstrukturregeln
3.2. X-Bar Syntax
3.3. Kasustheorie
3.4. Das Theta-Kriterium
3.5. Das Lexikon
3.6. Transformationen, Oberflächen- und Tiefenstruktur
3.7. Government & Binding
3.8. Zusammenspiel der verschiedenen Module

4. Minimalist Program

5. Weitere Themen der Generativen Grammatik
5.1. Phonologie
5.2. Semantik
5.3. Wortbildung

6. Psycho- und Neurolinguistik
6.1. Spracherwerb und Sprachproduktion
6.2. Neurolinguistik

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit setzt sich das Ziel, allgemein die Generative Grammatik als ein alternatives Grammatikmodell darzustellen. Dabei muß natürlich in erster Linie auf die Ideen des Begründers Noam Chomsky (geb. 1928) eingegangen werden. Er bildet die Grundlage der Generativen Theorie und somit auch eine wichtige Grundlage dieser Arbeit.

Ein erster Einblick in die Geschichte und in das Grundkonzept der Generativen Grammatik soll im ersten Kapitel gegeben werden. Dabei ist die Idee einer Universalgrammatik von besonderer Bedeutung, wodurch der beachtliche Anspruch der Theorie begründet wird.

Das darauffolgende Kapitel behandelt die syntaktischen Grundvorstellungen und Analysemethoden der GG, wie sie bis 1986 von Chomsky entwickelt wurden. Natürlich kann diese Arbeit keine detaillierte und umfassende Darstellung der gesamten Theorie leisten. Auch ist es nicht das Ziel eine Einführung in die GG zu geben. Vielmehr wird versucht möglichst knapp die Grundtermini und Grundverfahren (Konstituentenstruktur, Transformationen etc.) darzulegen, um die Spannweite der Theorie zu erfassen. Da die Syntax einen wesentlichen Teil einer Grammatik und der dazugehörenden Forschung ausmacht, wird ihr auch hier eine besondere Bedeutung zukommen. Charakteristisch für die generative Syntax ist das Zusammenspiel verschiedener Module oder Subsysteme. Diese Besonderheit soll in besonderem Maße zum Ausdruck kommen, und die Darstellung der Modularität der Generativen Theorie ein Hauptziel dieser Arbeit sein.

Neben dem ersten großen Teil der syntaktischen Beschreibungen wendet sich der zweite Teil den neueren Entwicklungen und den übergreifenden Einflüssen auf andere wissenschaftliche Bereiche zu. Chomsky selbst arbeitete seine eigene Theorie zeitlebens weiter aus, und es wird versucht seine neueste Version The minimalist program kurz zu skizzieren.

Um die Reichweite der Generativen Grammatiktheorie zu erfassen, muß neben der Syntax auch der Bezug zu anderen linguistischen Themenkomplexen beachtet werden, was in Kapitel 5 in Hinsicht auf die Phonologie, Semantik und die Wortbildung geschehen soll. Dabei handelt es sich natürlich nur um eine Auswahl, wodurch jedoch der Horizont angedeutet wird.

Die Generative Grammatik ist in besonderem Maße eine Theorie, die sich übergreifend auf benachbarte Wissenschaften auswirkt. Gerade im Bereich der Kognitionswissenschaften, besonders der Psycho- und Neurolinguistik, wurden Ideen der GG aufgegriffen und weiterentwickelt. Den Schluß der Arbeit bildet dann ein Blick auf die Probleme und Fragestellungen dieser Wissenschaften bezogen auf die Idee einer Universalgrammatik.

2. Geschichte und Grundideen der Generativen Grammatik

2.1. Noam Chomsky

Als Vorläufer Chomskys gilt sein Lehrer Harris, der mit seinen ersten generativen Transformationen eine Liste von Transformationen für das Englische aufstellt. Schon er entwickelt die Idee einer Kerngrammatik, die eine begrenzte Anzahl von Sätzen beinhaltet und von der eine unbegrenzte Anzahl von Sätzen ableitbar ist.[1]

Doch den Grundstein des frühen Generativismus legt Noam Chomsky mit seinen Arbeiten „Syntactic Structures“ (1957) und „Aspects of the Theory of Syntax“ (1965). In seinem ersten Aufsatz „Syntactic Structures“ formuliert Chomsky sein Ziel, eine Grammatik herzustellen, die alle möglichen Sätze einer Sprache generieren kann. Aus diesem Ansatz heraus erklärt sich die Bezeichnung der Generativen Grammatik. Gleichzeitig kündigten diese ersten Arbeiten Chomskys den Abschied vom klassischen Strukturalismus an, dessen Ziel Textanalysen ohne Bezug auf die menschliche Kognition bildeten.

In den darauffolgenden Jahren entwickelt Chomsky seine Theorie immer weiter. In der ersten Phase galt noch eine strikte Trennung von Grammatik und Bedeutung, und das vordergründige Ziel war es, grammatische von ungrammatischen Sätzen zu trennen. Dies ändert sich und Chomsky schließt zunehmend auch die semantische Ebene in seine Betrachtung mit ein. Eine zusammenfassende Darstellung seines Standard-Modells gibt er in Lectures on Government and Binding“ (1981), was eine wichtige Grundlage dieser Arbeit bildet. Im Vordergrund der Überlegungen liegt hier das Konzept der Universalgrammatik (UG), d.h. der Grammatik, die so verallgemeinert ist, daß sie sämtliche natürlichen Sprachen erfassen kann.

Die Government and Binding – Theorie wurde in den 80er Jahren zur Prinzipien und Parameter – Theorie ausgebaut. Danach entwickelt Chomsky seine Theorie in eine andere Richtung weiter, was den vorläufigen Höhepunkt in der 1995 erschienenden Arbeit „The Minimalist Program“ findet.

2.2. Grundideen

Neben der Erzeugung von Sätzen stellt das Problem des Spracherwerbs einen wichtigen Ausgangspunkt der Generativen Grammatik dar. Entgegen des empirischen Modells entwickelt Chomsky ein nativistisches Modell des Spracherwerbs.[2] Wenn beim empirischen Modell von einer tabula rasa ausgegangen wird, die nach und nach im Laufe der menschlichen Entwicklung mit Daten gefüllt wird, so geht das nativistische Modell von angeborenen Fähigkeiten aus. Der Mensch ist mit einem geistigen Apparat der Sprachfähigkeit ausgestattet, der die Voraussetzung zum Erlernen einer Sprache bildet. Anlaß zu der Annahme bestimmter menschlicher Voraussetzungen ist folgende Frage: Wie ist es dem Menschen möglich in so kurzer Zeit, ein so komplexes und kompliziertes System wie die Sprache zu erlernen?

Die Antwort kann mit Hilfe einer genetischen Veranlagung der menschlichen Spracherwerbsfähigkeit gegeben werden, die dann die Möglichkeit einer Universalgrammatik (UG) eröffnet. Eine Universalgrammatik muß dann Prinzipien enthalten, die angeboren sind und somit das Erlernen einer Sprache ermöglichen. So besteht das Ziel einer solchen Grammatiktheorie darin, diese elementaren Prinzipien zu ermitteln.

Von dieser Idee ausgehend unterscheidet Chomsky zwischen Kompetenz und Performanz. Dabei versteht er unter Kompetenz das Wissen eines Menschen um die Regeln seiner Sprache bzw. die „Fähigkeit, die unserem Sprachgebrauch zugrunde liegt“.[3] Die Kompetenz ist angeboren und kann auf der Basis von grammatischen Universalien erklärt werden. Unter Performanz dagegen versteht Chomsky die tatsächliche Verwendung dieser Sprache in realen Situationen und die Art und Weise, wie wir von der Kompetenz Gebrauch machen.

Es wird hierbei schon deutlich, daß die Generative Grammatik eng mit Kognition und Sprachentwicklung verbunden ist.

2.3. Universalgrammatik und Grundunterscheidungen

Noam Chomsky vertritt die Ansicht, daß es grammatikalische Prinzipien gibt, die allen, untereinander noch so verschiedenen, Sprachgruppen gemeinsam sind. Wenn diese Prinzipien wirklich universalgrammatisch gelten sollen, müssen sie bestimmte Merkmale aufweisen. Ein erstes Ziel muß es nach Chomsky sein, die abstrakten Bedingungen eines grammatischen Systems herauszufinden. Zwei wichtige Eigenschaften muß eine UG erfüllen. Zum einen muß sie kompatibel mit den anderen existierenden Sprachen sein. Und zum anderen muß sie noch etwas leisten. Sie muß etwas begrenzen bzw. vorschreiben können.[4]

Der menschliche Denkapparat enthält ein spezifisches System mentaler Strukturen, in dem die Prinzipien verankert sind. Die vom Menschen erfahrenen Daten werden auf dem Hintergrund dieser universalen Prinzipien verarbeitet und analysiert. Die Prinzipien einer Universalgrammatik gehören also zur biologischen Ausstattung des Menschen, die genetisch determiniert ist.

Neben den Prinzipien bezeichnet Chomsky die Regeln der Einzelsprache als Parameter. Dazu ein kleines Beispiel. Ein UG-Prinzip könnte lauten: „Eine Sprache besitzt mindestens zwei Wortarten.“ Ein entsprechender Parameter dazu wäre: „Die Wortart 1 besitzt das Kennzeichen...“. Die Unterscheidung von Prinzipien und Parametern ist sehr wichtig und grundlegend, was an späterer Stelle in dieser Arbeit nochmals deutlich wird.

Eine weitere elementare Einteilung nimmt Chomsky mit dem Begriffspaar Kerngrammatik und Peripherie vor. Unter einer Kerngrammatik (core grammar) versteht er eine einzelsprachliche Grammatik, die sich aus den Prinzipien der UG ableiten läßt. Im Gegensatz dazu ist die Peripherie nicht von der UG abgeleitet und enthält zusätzliche Dinge, die eher zufällig oder aus anderen Gründen entstanden sind. Da die Phänomene der Peripherie schwer in Regeln zu fassen sind, sind sie für die Entwicklung der UG uninteressant, und so konzentriert man sich in erster Linie auf die Kerngrammatik.

Wie Chomsky selbst betont, unterliegt die Betrachtung einer Sprache unter dem Aspekt einer Universalgrammatik bestimmten Idealisierungen. Nicht jede Sonderform und jeder Dialekt können berücksichtigt werden. Vielmehr beschäftigt sich fast jede Grammatik mit einer idealisierten Form der Sprache.[5]

3. Die Generative Syntax

Zum Erstellen einer Universalgrammatik bedarf es natürlich einer genauen Analyse von Sprachen, wenn möglich aller. Gleichzeitig muß ein adäquater Beschreibungsapparat geschaffen werden, der zum einen die allgemeinen Prinzipien und zum anderen die einzelsprachlichen Parameter mit einbezieht. Im Gegensatz zu einer deskriptiven Grammatik, die nur versucht die Phänomene einer Sprache zu beschreiben, geht es der Generativen Grammatiktheorie vielmehr um die notwendigen Struktureigenschaften natürlicher Sprachen. Die Strukturen sollen ermittelt und in möglichst wenigen Regeln ausgedrückt werden.

Wie in der Einleitung schon erwähnt, besteht eine Besonderheit der Generativen Grammatik darin, daß sie sich aus mehreren Modulen oder Subsystemen zusammensetzt. Die wichtigsten Module sollen in den nächsten Kapiteln einzeln dargestellt werden. Schon an dieser Stelle betont werden muß, daß sich aus der Einzelbetrachtung eine Schwierigkeit ergibt, da die Module auf der einen Seite autonom funktionieren, sie sich jedoch auf der anderen Seite gegenseitig beeinflussen. Erst das Zusammenspiel der einzelnen Module kann letztendlich das komplexe Phänomen einer Sprache erklären. Die Grammatik ist also ein Komplex autonomer Subsysteme von Regeln und Prinzipien, die eine eigene Struktur besitzen, aber gleichzeitig miteinander interagieren.

3.1. Konstituentenstrukturanalyse und Phrasenstrukturregeln

Beim Erstellen von Grammatiken geht man davon aus, daß die Sprache bestimmte Strukturen enthält, die ermittelt und als Regeln formuliert werden können. Eine Vorstufe der Analyse von Sätzen ist die Konstituentenstrukturanalyse. Dabei wird davon ausgegangen, daß ein Satz aus komplexen Gliederungseinheiten besteht, den sogenannten Konstituenten. Wenn nun jede Konstituente zu bestimmten syntaktischen Kategorien (Nomen, Adjektiv,...) gehört, können Regularitäten bestimmt werden. Bestimmte zusammengesetzte Konstituenten werden zu Phrasen (Nominalphrase, Verbalphrase,...). Grewendorff bestimmt das Ziel einer Konstituentenstruktur-Syntax folgendermaßen: „Der syntaktische Aufbau sämtlicher Sätze einer Sprache und nur dieser ist dann vollständig beschrieben, wenn festgelegt ist, (a) welche Folgen von Kategorien von jeweils welcher Kategorie unmittelbar dominiert werden können und (b) zu welchen Kategorien die Wörter der Sprache gehören.“[6]

Die Generative Grammatik benutzt die IC-Analyse nun und stellt Phrasenstrukturregeln auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Hilfe von lexikalischen und terminalen Regeln können dann ganz mechanisch Sätze generiert werden. Es steckt also die Idee dahinter, daß eine Sprache durch eine Menge von Regeln vollständig beschrieben werden kann. Zuvor muß jedoch durch die Analyse von empirischem Material Regeln aufgestellt werden. Entscheidend bei der Verwendung von PS-Regeln ist die Rekursivität. Rekursive Regeln erlauben die Beschreibung einer unendlichen Anzahl von Sätzen mit endlichen Mitteln. Die Forderung nach Rekursivität muß als ganz elementar für die GG gesehen werden.

[...]


[1] Für das Englische nimmt er 7 Kernsätze an.

[2] Grewendorf /Hamm /Sternefeld: Sprachliches Wissen. Frankfurt am Main: 1990. S. 19.

[3] Ebd.: S. 32.

[4] Chomsky: Lectures on Government and binding: the Pisa lectures. Berlin 1993. S. 2.

[5] Ebd. S. 8.

[6] Grewendorff: S.173.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Grundideen und -verfahren der Generativen Grammatik
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V6797
ISBN (eBook)
9783638142892
ISBN (Buch)
9783638639651
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundideen, Generativen, Grammatik
Arbeit zitieren
Silvio Wolff (Autor), 2002, Grundideen und -verfahren der Generativen Grammatik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6797

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