Kaspar Hauser-Thematik und Krise der Pädagogik bei Peter Handke (1968), Werner Herzog (1974) und Jürg Amann (1985)


Magisterarbeit, 2002
92 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zum historischen Kaspar-Hauser-Fall
1. Die erste Zeit in der „neuen Welt“
2. Bei Daumer
3. Zwischenstationen (Familie Biberbach und Freiherr von Tucher)
4. Bei Meyer

III. Zur Geschichte der Pädagogik
1. Entstehung und Hauptmerkmale der traditionellen Pädagogik
2. Krise der Pädagogik in den 1960er Jahren und Hauptmerkmale
der antiautoritären Erziehung

IV. Zu Peter Handkes Kaspar
1. Vorüberlegung
2. Entwicklung und Erziehung der Figur
2.1. Kaspars Anfangszustand
2.2. Die gezielte Verunsicherung des Subjekts
2.3. Kaspars Anpassung an die bestehende Ordnung
2.4. Das Scheitern der Integration
3. Fazit

V. Zu Werner Herzogs Jeder für sich und Gott gegen alle
1. Verhältnis zum historischen Fall
2. Entwicklung und Erziehung der Figur
2.1. Kaspars Anfangszustand
2.2. Verschiedene Modelle im Umgang mit Kaspar
2.2.1. Der „Vater“
2.2.2. Kaspars Konfrontation mit der Gesellschaft
2.2.3. Familie Hiltel
2.2.4. Bei Daumer
3. Fazit

VI. Zu Jürg Amanns Ach, diese Wege sind sehr dunkel
1. Allgemeines
2. Verschiedene Erfahrungs- und Entwicklungsmomente der Figur
3. Fazit

VII. Zusammenfassende Wertung

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Seit Kaspar Hauser am 26. Mai 1828 auf dem Nürnberger Unschlittplatz erschien, ist das Interesse an seiner Person ungebrochen. Bis in unsere Tage hinein beschäftigt der Fall des rätselhaften Findlings Mediziner, Psychologen, Pädagogen, Juristen, Kriminologen und Vertreter zahlreicher anderer Disziplinen. Die „über tausend bibliographische[n] Nachweise,“ die Peitler und Ley bereits 1927 zu Kaspar Hauser veröffentlichten,[1] haben sich inzwischen auf ein Vielfaches erhöht. Die anhaltende Faszinationskraft des Nürnberger Findlings äußert sich auch in der regen literarischen Produktion zur Hauser-Geschichte, die bereits zu dessen Lebzeiten mit einigen Gedichten einsetzte und sich bis heute gattungsübergreifend fortsetzt. In der deutschsprachigen Literatur haben Georg Trakls Gedicht Kaspar Hauser Lied (1913), Jakob Wassermanns Roman Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens (1907) und Peter Handkes Drama Kaspar (1968) besondere Bekanntheit erlangt.

Im Bereich der Literaturwissenschaft dagegen läßt sich, abgesehen von zwei Dissertationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts,[2] die sich beide um einen Überblick über die Kaspar-Hauser-Literatur bemühen, eine kontinuierliche Beschäftigung mit dieser Thematik erst seit den 1960er Jahren feststellen. Der folgende Forschungsüberblick soll einige grundlegende Tendenzen in der literaturwissenschaftlichen Betrachtung des Kaspar-Hauser-Stoffes aufzeigen und erhebt somit - dies sei an dieser Stelle ausdrücklich betont - keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Daher sind die vorgestellten Beiträge auch bewußt nicht chronologisch geordnet, sondern nach thematischen Gesichtspunkten zusammengefaßt.

Zu nennen sind zunächst zwei Publikationen jüngeren Datums, denen es in erster Linie um die Vermittlung eines umfassenden Überblicks über die literarische Kaspar-Hauser-Produktion geht. Die 1992 von Struve herausgegebene Anthologie[3] bietet nach einer knappen Darstellung der historischen Ereignisse neben mehr als 90 chronologisch angeordneten Texten und Textauszügen auch Bildmaterial aus der Stoffgeschichte. Um den Zugang zu den einzelnen Textbeispielen zu erleichtern, hat der Autor ihnen jeweils eine kurze Einleitung vorangestellt. Insgesamt dokumentiere die Anthologie „ausgehend von der Historie des Nürnberger Findlings“ die „Verwandlung einer historischen Gestalt in eine literarische und schließlich in eine Gestalt von geradezu mythischen Proportionen.“[4]

Eine wesentlich erweiterte Zielsetzung verfolgt demgegenüber die 1993 erschienene Untersuchung von Weckmann,[5] die um „einen Überblick zum gesamten Spektrum“[6] bemüht ist. Nach einem einleitenden Forschungsüberblick wendet sich der Verfasser zunächst der Tradition des Findlingsmotivs in der Zeit vor dem Erscheinen Kaspar Hausers zu, indem er einige historische Findlingsfälle und ihre jeweiligen literarischen Verarbeitungen skizziert. In einem zweiten Kapitel geht Weckmann ausführlich auf den Fall Kaspar Hauser ein, wobei er an vielen Stellen das zeitgenössische Quellenmaterial für sich sprechen läßt. Da es dem Verfasser darum geht, „neben der charakterisierenden Vorstellung der poetischen Texte die entscheidende polare Grundstruktur von historisch-wissenschaftlicher und literarischer Beschäftigung mit der Kaspar-Hauser-Geschichte zu verdeutlichen,“[7] werden diese beiden Entwicklungslinien im dritten Kapitel parallel verfolgt. Besonders charakteristisch erscheint Weckmann dabei die „fortschreitende Amalgamierung von Quellen, Meinungen und Fiktionen, die in Ausläufern bis in die Gegenwart reicht.“[8] Durch eine Textdokumentation mit mehr als 140 Textbeispielen wird die Studie wertvoll ergänzt.

Die thematisch sehr weit gefaßte Untersuchung Weckmanns stellt im Rahmen der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Kaspar-Hauser-Stoff eher eine Ausnahme dar. Die meisten anderen Arbeiten behandeln jeweils nur einzelne Aspekte. Hierzu gehört z. B. die Frage nach der Faszinationskraft des Findlings, der u.a. A. F. Bance nachgeht.[9] Die Gründe für die Faszination, die Kaspar Hauser auf seine Zeitgenossen ausübte, sind nach Ansicht des Verfassers vornehmlich in der politischen Situation und im literaturphilosophischen Hintergrund zur Zeit seines Erscheinens zu suchen. Die Hauser-Geschichte vereine in sich die beiden populären Motive des Findlings eventuell fürstlicher Abstammung einerseits und des Dümmlings, dem Erziehung zuteil wird, andererseits. Letzteres habe dazu geführt, daß das Thema Erziehung bald ins Zentrum der Beschäftigung mit Kaspar Hauser gerückt sei. Viele der Personen, die in der Anfangsphase direkten Umgang mit Kaspar hatten, seien stark von Rousseaus Ideen beeinflußt gewesen. Vor allem die Erziehungstheorien, die er im Emile entwickelte, seien für die Gesellschaft der Hauser-Zeit von elementarer Bedeutung gewesen.

So sei der Findling von vielen seiner Zeitgenossen als der wahre Emile betrachtet worden, was zur Entstehung des Kaspar-Hauser-Mythos geführt habe. Die anfängliche Begeisterung sei jedoch in der Folgezeit einem weitverbreiteten Skeptizismus gewichen, der sich in einem entsprechend härteren Umgang mit dem Findling ausgewirkt habe.

Im Bereich der Literatur untersucht Bance die Romane von Gutzkow und Wassermann, das Drama von Handke und das Gedicht von Trakl. Besonders hervorzuheben ist dabei die Interpretation des Handke-Stücks, da Bance hier zahlreiche Verbindungen zur Tradition der Kaspar-Hauser-Legende nachweist und sich somit nicht von der weitverbreiteten Fehleinschätzung leiten läßt, daß das Stück ausschließlich auf die Sprachproblematik zu reduzieren sei.

Die Frage nach Kaspar Hausers Faszinationskraft behandelt auch Birgit Gottschalk in ihrer Studie von 1995[10]. Die Autorin unternimmt den Versuch, „auf Basis einer psychoanalytischen Literaturbetrachtung am Beispiel verschiedener literarischer Werke aus unterschiedlichen Epochen [...] die Faszination dieses Findlingsschicksals zu klären.“[11] Im Sinne einer Gattungstrias legt Gottschalk ihrer Untersuchung die Gedichte von Verlaine (Gaspard Hauser chante, 1873), Trakl (Kaspar Hauser Lied, 1913) und Höllerer (Gaspard, 1955), den Roman von Wassermann (Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens, 1907) und Handkes Drama Kaspar (1967) zugrunde, wobei sie für die Interpretation der einzelnen Texte verschiedene psychoanalytische Theorien heranzieht. Während der „lyrische Rekurs auf die Kaspar-Hauser-Gestalt der Formulierung verdrängter primärprozeßhafter Verlassenheitsängste“ diene, käme es Roman und Drama eher darauf an, „an seinem Schicksal die Unterwerfung unter die symbolische Ordnung durch verschiedene Erzieher zu demonstrieren.“[12] Diese fungieren - so Gottschalk - besonders in Wassermanns Roman als Ersatzväter. Unter Rückgriff auf Freuds Sexualtheorien und Ranks Mythenschema stellt die Verfasserin fest, daß sich hier bereits eine Schwächung des Vaterimagos und somit eine latente Umstrukturierung des traditionellen Ödipuskonfliktes andeute. Bei Handke schließlich sei nur noch

die Verwerfung des Vaters zu konstatieren, was auf den zeitgenössischen Generationenkonflikt und die ihn kennzeichnende Anödipalität zurückgeführt werden müsse. Insgesamt versucht also die Autorin, die einzelnen literarischen Verarbeitungen des Kaspar-Hauser-Stoffes mit dem jeweiligen sozialhistorischen Hintergrund bzw. den zeitgenössischen psychoanalytischen Erkenntnissen in Zusammenhang zu bringen und so die Faszinationskraft Kaspars zu erklären.

Eine Reihe anderer literaturwissenschaftlicher Beiträge untersucht das Verhältnis zwischen einzelnen literarischen Kaspar-Hauser-Bearbeitungen und den historischen Quellen. So weist z. B. Mechthild Blanke in ihrem Aufsatz Zu Handkes „Kaspar“[13] zahlreiche Parallelen zwischen Feuerbachs Schrift Kaspar Hauser. Beispiel ei-nes Verbrechens am Seelenleben eines Menschen (1832) und Handkes Kaspar nach.

Ebenfalls durch einen Vergleich mit der Feuerbachschen Schrift konnte Horst Martin[14] die Nähe zwischen Hofmannsthals Turm und der Geschichte des Nürnberger Findlings nachweisen.

Die Übereinstimmung zwischen dem historischen Fall und Trakls Gedicht im Sinne seiner Stationenhaftigkeit arbeitete Suzanne Marey in einem Aufsatz[15] heraus.

Auf den Aspekt der Sprachproblematik geht Wolfgang Held in seinem Beitrag Kaspar Hauser und die Kritik der Sprache[16] ein, dessen Hauptgewicht auf der Analyse von Handkes Drama liegt. Insgesamt kommt Held zu dem Ergebnis, daß die „Dialektik zwischen sprachloser Unmündigkeit und sprachmächtiger Manipulation“[17] als Entwicklungslinie von Verlaine über Trakl bis zu Handke verlaufe.

Ausgehend von soziologischen Erkenntnissen zum Thema Massengesellschaft untersucht R. D. Theisz in seinem Essay von 1976[18] die Kaspar-Hauser-Literatur v. a. in Hinblick auf die Außenseiterproblematik. Der historische Hauser biete „einen stofflichen Modellfall des außerhalb der größeren Gesellschaft stehenden Individuums.“[19] Theisz untersucht die Texte Wassermanns, Trakls, Arps und Handkes, wobei er einleitend feststellt, daß sich für die genannten Autoren, die berufsbedingt „etwas abseits

vom 'gewöhnlichen' Leben“[20] ständen, in Kaspars Außenseiterstellung ihr eigenes

Schicksal widerspiegele. Wassermanns Roman deutet der Verfasser als eine „Kritik

der Erziehung der Zeit,“[21] die keine Rücksicht auf die besonderen Fähigkeiten des Edukanden genommen hätte. Ähnlich setze Trakls Gedicht „die Klage um das Urmenschliche“[22] fort. In Arps Gedicht gewinne Kaspars Unschuldswesen - anknüpfend an Wassermann und Trakl - wesentliche Züge des mythischen Helden. Handkes Stück schließlich thematisiere den Vorgang der sozialen Einordnung eines zuvor unangepaßten Individuums, wobei durch das Infragestellen der Sprache der übermächtige Einfluß der Umwelt auf die Gesellschaft zum Ausdruck gebracht werde. Der Verfasser gelangt zu dem Ergebnis, daß sich die besondere Schwerpunktsetzung der untersuchten Texte in direkten Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Verhalten gegenüber dem Außenseiter bringen läßt.

Dies soll an dieser Stelle als Forschungsüberblick genügen. Die thematische Vielfalt der vorgestellten Beiträge dürfte die Komplexität des Kaspar-Hauser-Stoffes ausreichend verdeutlicht haben. Darüber hinaus bleibt jedoch - auch unter Berücksichtigung der zahlreichen Publikationen, auf die hier nicht ausdrücklich eingegangen werden konnte - festzustellen, daß das Thema noch längst nicht erschöpfend untersucht wurde. Vor allem der pädagogische Aspekt der Hauser-Geschichte wurde bisher von literaturwissenschaftlicher Seite nur sehr unzureichend gewürdigt. Zwar wurde (z. B. von Bance) durchaus darauf hingewiesen, daß die Erziehung des Findlings für dessen Zeitgenossen von zentralem Interesse war. Wie dieser Aspekt in den literarischen Kaspar-Hauser-Bearbeitungen umgesetzt wird, ist allerdings bisher nicht eingehend untersucht worden. Eine derartige Fragestellung ist jedoch m. E. für die literarische Produktion seit den 1960er Jahren von besonderer Brisanz, zumal sich zu dieser Zeit auf dem Gebiet der Pädagogik entscheidende Neuerungen ergaben. Zu denken ist hier v. a. an das Aufkommen der antiautoritären Welle, durch die die traditionelle Pädagogik in eine Krise geriet.

In der vorliegenden Arbeit soll somit der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Veränderungen in der Pädagogik auf die literarische Darstellung der Erziehung und Entwicklung Kaspar Hausers Einfluß genommen haben. In diesem Zusammenhang

sollen Peter Handkes Drama Kaspar (1968), Werner Herzogs Film Jeder für sich und Gott gegen alle (1974) und Jürg Amanns Stück Ach, diese Wege sind sehr dunkel (1985) untersucht werden.

Dem einleitenden Kapitel über den historischen Fall des Nürnberger Findlings folgt ein Überblick über die relevanten Stationen in der Geschichte der Pädagogik, beginnend mit Rousseau. Die Kapitel IV - VI sind der Einzelanalyse der oben genannten Werke gewidmet, wobei jeweils auf die Erziehung und Entwicklung der Kaspar-Hauser-Figur besonderes Augenmerk gerichtet wird. In einem abschließenden Kapitel sollen dann die diesbezüglichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den drei Texten herausgearbeitet und begründet werden.

II. Zum historischen Kaspar-Hauser-Fall

Die Kenntnis des historischen Kaspar-Hauser-Falles bildet die Grundvoraussetzung für eine angemessene Interpretation der hierauf basierenden literarischen Bearbeitungen. Im Folgenden soll daher das Leben des Findlings seit seinem Auftauchen in Nürnberg in Grundzügen skizziert werden. Es muß allerdings an dieser Stelle vorausgeschickt werden, daß eine vollkommen korrekte Schilderung der Ereignisse unmöglich zu leisten ist, da die zeitgenössischen Aufzeichnungen zum Fall Kaspar Hauser teilweise erheblich voneinander abweichen. Dennoch ist die folgende Darstellung um größtmögliche Objektivität bemüht.

1. Die erste Zeit in der „neuen Welt“

Am Pfingstmontag, den 26. Mai 1828, fällt den Nürnberger Schustern Georg Leonhard Weickmann und Jacob Beck gegen 16:00 Uhr ein bäuerlich gekleideter, etwa 16jähriger Junge auf, der sich unsicheren Schrittes dem Unschlittplatz nähert. In der linken Hand hält er einen versiegelten Brief, adressiert an „Tit. Hr. Wohlgebohner Rittmeister bey der 4ten Esgataron bey 6ten Schwolische Regiment in Nierberg.“[23] Weil der Bursche die an ihn gerichteten Fragen nicht zu verstehen scheint,[24] bringen Weickmann und Beck die seltsame Gestalt, deren Anblick sie später als „pudelnärrisch“ beschreiben, zunächst auf die Polizeiwache am Neutor. Von dort aus wird der Fremde dann gegen 19:00 Uhr zur Adresse des Rittmeisters von Wessenig geführt. Da der jedoch zu diesem Zeitpunkt außer Haus ist, wird der merkwürdige Knabe vorläufig im Stall untergebracht. Man bietet ihm Fleisch und Bier an, das er aber voller Ekel ablehnt. Wasser und Brot hingegen verschlingt er voller Gier, um danach sofort in tiefen Schlaf zu fallen, aus dem er bei der Rückkehr des Hausherren nur mit großer Mühe wieder zu erwecken ist. Der Rittmeister weiß allerdings mit dem verwahrlost aussehenden Jungen ebensowenig anzufangen wie mit dem an ihn adressierten Brief. Dessen Verfasser gibt sich als armer Tagelöhner aus und bittet um die Aufnahme des Jungen in die leichte Kavallerie. Das Kind sei ihm am 7. Oktober 1812 vor die Tür gelegt worden und er habe es seitdem versteckt gehalten. Dem Schreiben ist ein Zettel beigelegt, bei dem es sich angeblich um die Nachricht der Mutter aus dem Jahre 1812 handelt.[25] Demnach ist der Junge am 30. April 1812 geboren und auf den Namen „Kaspar“ getauft. Da von Wessenig sich für die Angelegenheit nicht zuständig fühlt, wird der Findling schließlich wieder auf die Polizeiwache zurückgebracht. Das dort stattfindende lange Verhör bleibt nahezu ohne Ergebnis. Als man ihm aber Papier und Stift reicht, schreibt der Junge gut leserlich seinen Namen auf: Kaspar Hauser.

Noch am gleichen Abend wird Kaspar in einer Arrestzelle des Nürnberger Gefängnisturms Luginsland untergebracht, wo er aber schon wenige Tage später nicht mehr als gewöhnlicher Gefangener behandelt, sondern in die Familie des Gefängniswärters Andreas Hiltel integriert wird. Hiltel gibt sich größte Mühe, dem Findling den Einstieg in ein „normales Leben“ zu ermöglichen. Er lehrt ihn, der alle Menschen „Bue“ (Bub) nennt, diese nach dem Geschlecht zu unterscheiden und bringt ihm bei, am Tisch zu sitzen. Beim Spielen mit Hiltels Kindern, die sich sehr aufmerksam um ihn kümmern, macht Kaspar erste Erfahrungen mit der Sprache und lernt einfache Begriffe.

Bereits in dieser Anfangsphase wird sein natürlicher Entwicklungsprozeß jedoch empfindlich gestört. Schnell verbreitet sich die Nachricht vom Erscheinen des merkwürdigen Zeitgenossen und bald wird Kaspar auf seinem Turm zu einem wahren Ausflugsziel für die neugierige Bevölkerung. Ihren Versuchen, ihn zum Sprechen zu bringen, ist er hilflos ausgeliefert. Doch sein Schicksal erregt nicht nur das Interesse der breiten Masse, sondern führt auch einflußreiche Personen zu ihm, die in seinem späteren Leben eine wichtige Rolle spielen werden. So empfängt er beispielsweise Ende Juni 1828 erstmals Besuch von seinem späteren Vormund Gottlieb Freiherr von Tucher. Kurz darauf kommt auch der Gymnasialprofessor Georg Friedrich Daumer, bei dem Kaspar ab 18. Juli 1828 leben wird, zu ihm auf den Turm. „Bloß als Privatmann, aus menschlichem und wissenschaftlichem Interesse“[26] findet sich Anfang Juli auch Paul Johann Anselm von Feuerbach dort ein. Der Jurist, Kriminalist und Präsident des Ansbacher Appellationsgerichts wird in der Folgezeit ein enger Vertrauter Hausers.

Durch die Bekanntmachung des Bürgermeisters Binder, veröffentlicht am 14. Juli 1828, wird der Fall schließlich bis weit über die Stadtgrenzen von Nürnberg hinaus bekannt. Wie fast alle Personen, die in der Anfangsphase mit dem Findling zu tun hatten, hebt auch Binder Kaspars kindliches Wesen, sein unbeflecktes reines Inneres und seine außergewöhnliche Liebe zu Ordnung und Reinlichkeit hervor. Zudem faßt der Bürgermeister in seiner Publikation die vorläufigen Ergebnisse der Ermittlungen zusammen, die seit Kaspars Auftauchen vor allem bezüglich seiner Herkunft fieberhaft geführt wurden: Hauser sei jahrelang allein mit zwei hölzernen Pferden und einem Holzhund, die ihm als Spielzeug dienten, in einem dunklen Verlies gefangen gewesen. Seine Nahrung - ausschließlich bestehend aus Wasser und Brot - habe er jedes Mal nach dem Aufwachen neben sich vorgefunden. Ebenso seien ihm Haare und Nägel regelmäßig geschnitten worden, während er schlief. Einige Zeit vor seiner Befreiung sei ein unbekannter Mann in sein Verlies gekommen und habe ihn notdürftig lesen und schreiben gelehrt. Schließlich habe er Kaspar aus seinem Gefängnis herausgelassen und ihn auf dem Rücken bis nach Nürnberg getragen, wo er ihn allein habe stehen lassen. Dort sei Hauser dann wenig später von zwei Bürgern entdeckt worden. Binder gelangt in seiner Bekanntmachung zu der Vermutung, „daß mit seiner widerrechtlichen Gefangenhaltung das nicht minder schwere Verbrechen des Betrugs am Familienstande verbunden ist, wodurch ihm [...] sein Vermögen, wohl gar die Vorzüge vornehmer Geburt, in jedem Falle aber [...] die höchsten Güter des Lebens geraubt, und seine physische und geistige Ausbildung gewaltsam unterdrückt und verzögert worden ist“[27] und deutet somit erstmals die später weit verbreitete Theorie an, daß Kaspar fürstlicher Abstammung sei.

Binders sehr frühe Version von Kaspars Vorgeschichte wird in Bezug auf die Gefangenhaltung durch zwei später erstellte ärztliche Gutachten gestützt. So schreibt der Stadtgerichtsarzt Dr. Preu im Jahre 1830, daß er bei Kaspar kurz nach dessen Auftauchen eine starke Fehlstellung der Kniegelenke festgestellt habe. Während sich normalerweise beim Sitzen mit ausgestreckten Beinen die Kniescheibe nach oben vorwölbt und sich zwischen Kniekehle und Boden ein Hohlraum bildet, sinkt bei Kaspar die Kniescheibe ein, so daß auf der Beinoberseite eine Mulde entsteht und das Bein mit der Kniekehle direkt auf dem Boden aufliegt. Der Gutachter führt diese Absenkung der Kniegelenke auf jahrelanges Sitzen mit ausgestreckten Beinen zurück und untermauert somit die These, daß Kaspar in Gefangenschaft gelebt habe. Auch die auffallend weiche Haut, die seine Fußsohlen anfangs aufwiesen, deutet darauf hin, daß der Findling seine Füße bisher nicht zum Gehen gebraucht hatte. Insgesamt kommt Dr. Preu zu dem Ergebnis, „daß Hauser wirklich, von seiner frühesten Kindheit an, aus der menschlichen Gesellschaft entfernt und an einem Orte, zu welchem das Tageslicht nicht zu dringen vermochte, verborgen aufgezogen worden und in diesem Zustande bis an jenen Zeitpunkt hin verblieben ist, wo er mit einem Mal, wie aus den Wolken gefallen, unter uns erschien.“[28] Die deutlich erkennbaren Impfnarben an Kaspars Oberarmen sind allerdings ein Indiz dafür, daß Hauser zumindest die erste Zeit seines Lebens unter Menschen verbracht hat. Zu den gleichen Schlußfolgerungen gelangt wenig später auch der praktische Arzt Dr. Osterhausen in einem zweiten Gutachten. Beide Ärzte stellen darüber hinaus bei Kaspar eine ungewöhnlich scharfe Ausprägung aller Sinne fest. So ist er beispielsweise in der Lage, bei völliger Dunkelheit zu lesen und sogar Farben zu erkennen. Dank seines überaus feinen Tastsinns kann er versteckte Metalle aufspüren und unterscheiden, ohne diese zu berühren. Zudem leidet er jedoch an einer krankhaften Reizbarkeit der Sinne und des gesamten Nervensystems. Angestrengtes Nachdenken führt bei Kaspar regelmäßig zu starken Muskelzuckungen im Gesichtsbereich. Gewürze aller Art machen ihn schon in kleinsten Mengen regelrecht krank.[29] Auch auf Arzneimittel reagiert er mit besonderer Empfindlichkeit. Allein der Geruch homöopathischer Substanzen, auch wenn sie sehr stark verdünnt sind und nur aus weiter Entfernung in seine Nase dringen, verursacht bei ihm heftige Symptome wie beispielsweise Taubheitsgefühl, Zittern und Schweißausbrüche.

Es sind vor allem Kaspars geheimnisvolle Fähigkeiten, die in den Anfangstagen die Neugierigen in Scharen zu ihm auf den Turm strömen lassen. Daß sich dies auf die Entwicklung des Findlings nicht unbedingt positiv auswirkt, liegt auf der Hand. Dr. Osterhausen faßt in seinem Gutachten von 1830 die Lage rückblickend wie folgt zusammen:

„Hauser kam aus der Einförmigkeit und dunklen Einsamkeit seines Kerkers nicht nach und nach, sondern wie mit einem Sprung in eine ganz entgegengesetzte Lage. Die verschiedenen, ihm bisher ungewohnten Eindrücke, welche die ihn umgebenden Außendinge, als freie Luft, Licht, Schall, und besonders der Andrang so vieler Menschen, die ihn nur wenige Stunden des Tages in Ruhe ließen, und dergleichen mehr auf ihn machten, mußten seinen ganzen Organismus gewaltsam ergreifen. Es äußerten sich auch bald die traurigen Folgen davon.“[30]

2. Bei Daumer

In der Tat beginnt der Gesundheitszustand des Findlings unter den immer zahlreicheren Besuchen der neugierigen Bevölkerung bald ernstlich zu leiden. Daher nimmt ihn der kränkliche Georg Daumer, der Hauser schon auf dem Gefängnisturm unterrichtet hatte, schließlich ab 18. Juli 1828 bei sich auf. Wie aus dem Gutachten von Dr. Osterhausen hervorgeht, ist Kaspars Zustand zu diesem Zeitpunkt sehr bedenklich, denn „als Hauser von dem Herrn Professor Daumer aufgenommen wurde, fühlte er sich so erschöpft, daß sein Leben in der größten Gefahr schwebte und seine Erholung langsam erfolgte.“[31] Wirklich zur Ruhe kommt Kaspar jedoch auch jetzt nicht, da mit seinem Umzug zu Daumer der eigentliche Zivilisationsprozeß einsetzt, der für den Findling mit vielerlei Anstrengungen verbunden ist. Zeitgenössischen Aufzeichnungen zufolge ist Hauser damals in Hinblick auf seinen Intellekt und seine Fähigkeiten etwa auf dem Entwicklungsstand eines acht- bis zehnjährigen Kindes. Allmählich wird er nun an eine ausgewogene Kost gewöhnt, lernt die grundlegenden Praktiken für die Verrichtung des täglichen Lebens kennen und erhält Reitstunden. Großen Raum nimmt auch der gezielte Unterricht in Mathematik, Geographie, Geschichte, Zeichnen, Musik und Latein ein. Was das Lernen betrifft, so ist Kaspar zu Beginn sehr wißbegierig und macht unerwartet große Fortschritte. Ab Winter 1828/29 nimmt jedoch seine schnelle Auffassungsgabe und infolgedessen auch sein Lerneifer ab. Schon nach kurzen Lernphasen bekommt er regelmäßig Kopfschmerzen, so daß ab Sommer 1829 ein geregelter Unterricht nicht mehr möglich ist.

Daumers besondere Aufmerksamkeit gilt jedoch ohnehin weniger den Lernerfolgen, als vielmehr den außergewöhnlichen Fähigkeiten seines Schützlings. Diese werden vom Lehrer genau beobachtet, jede noch so kleine Veränderung wird akribisch aufgezeichnet. Kaspar wird zum Objekt der Experimentierfreude Daumers, der der Mesmerschen Magnetismuslehre und der Hahnemannschen Homöopathie nahesteht. Ein Beispiel hierfür findet sich in der berühmten Feuerbach-Schrift, in der es heißt:

„Professor Daumer [...] kam jetzt auf den Gedanken, mit dem Magnet [...] an Kaspar einen Versuch zu machen. Kaspar spürte sogleich die auffallendsten Wirkungen. Hielt Professor Daumer den Nordpol gegen ihn, so griff Kaspar in die Gegend der Herzgrube und zog seine Weste auswärts, indem er sagte, so ziehe es ihn. Es gehe wie ein Luftzug von ihm aus. Der Südpol wirkte weniger stark auf ihn, und er sagte von ihm, es wehe ihn an. Professor Daumer und Professor Herrmann machten hierauf verschiedentlich ähnliche Versuche mit ihm, die zugleich darauf berechnet waren, ihn irre zu führen [...]. Lange durften solche Versuche nicht fortgesetzt werden, weil ihm bald der Schweiß auf die Stirne trat und er sich unwohl fühlte.“[32]

Mitunter führt Daumer derartige Versuche sogar in Anwesenheit eines ausgewählten Publikums an seinem Schützling durch.

Je mehr Kaspar in die Gesellschaft integriert wird, desto mehr schwinden jedoch seine besonderen Fähigkeiten und desto weniger Aufmerksamkeit widmet man ihm. Erst als er am 17. Oktober 1829 von einem Unbekannten in Daumers Haus überfallen und niedergeschlagen wird, nimmt das bereits abflauende Interesse an diesem Fall wieder stark zu. Später gibt Hauser zu Protokoll, daß es sich bei dem Täter um eine maskierte männliche Person gehandelt habe. Diese habe ihm einen heftigen Schlag auf den Kopf versetzt und zu ihm gesagt: ‚Du mußt doch noch sterben, ehe Du aus der Stadt Nürnberg kommst.’[33] An der Stimme habe er eindeutig den Mann wiedererkannt, der ihn seinerzeit aus dem Kerker befreit und nach Nürnberg gebracht habe.

Kaspar wird an diesem Tag schließlich mit einer blutenden Stirnwunde im Keller des Daumerschen Hauses aufgefunden. Der Täter kann nie ermittelt werden. Allerdings führt das Ereignis dazu, daß sich die Allgemeinheit nun wieder mehr mit dem Fall Hauser beschäftigt. So sieht sich in der Folgezeit beispielsweise auch von Feuerbach dazu veranlaßt, sich in die entsprechenden Akten einzuarbeiten. Bald kommen aber auch Zweifel an Hausers Schilderung auf. Es melden sich zunehmend kritische Stimmen zu Wort, die behaupten, der Findling habe sich die Verletzungen selbst zugefügt, um wieder mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.

3. Zwischenstationen (Familie Biberbach und Freiherr von Tucher)

Nach dem Überfall auf Kaspar kann dessen Sicherheit in Daumers abseits gelegenem Haus nicht mehr gewährleistet werden. Zudem fühlt sich der Gymnasialprofessor wegen seiner fortdauernden Kränklichkeit mit der Erziehung des Findlings überfordert. So wird Kaspar ab Januar 1830 im Haus des Kaufmanns und Magistrats Johann Christian Biberbach untergebracht. Auch hier ereignet sich ein Unfall: Am 3. April 1830 steigt Kaspar auf einen Stuhl, um ein Buch aus dem Regal zu holen. Er verliert das Gleichgewicht, versucht sich im Fallen an der Wand festzuhalten und greift dabei versehentlich nach einer an der Wand hängenden Pistole. Ein Schuß löst sich und Kaspar wird leicht am Kopf verletzt. Der Vorfall gibt wiederum Anlaß zu wilden Spekulatio-

nen über die angeblichen Selbstmordabsichten Hausers.

Da Herr Biberbach aus beruflichen Gründen oft auf Reisen ist und seine Ehefrau sich bitter über die zunehmende Lügenhaftigkeit ihres Zöglings beklagt, siedelt Kaspar schließlich nach nur fünf Monaten - im Mai 1830 - zu Freiherrn von Tucher über. Dieser war schon im Dezember 1829 per gerichtlicher Anordnung zu seinem Vormund bestimmt worden.

Was die allgemeine Beschäftigung mit dem Fall Hauser und der Vorgeschichte des Findlings angeht, so teilen sich die Meinungen inzwischen. Einerseits gibt es Hauser-Freunde, die Kaspars Version Glauben schenken. Hierzu zählt auch von Tucher. Bei einer Vernehmung im Dezember 1830 gibt er zu Protokoll: „Es kann also sein Zustand nicht der einer Geistesschwäche sondern nur einer Verwahrlosung sein, die Folge eines Abgeschlossenseins, wie wir sie an dem Unglücklichen mit der evidentesten Gewißheit annehmen.“[34] Andererseits gibt es aber zunehmend auch Hauser-Gegner, die daran zweifeln, daß Kaspar vor seinem Auftauchen in Nürnberg wirklich jahrelang gefangen gehalten worden war. Zu diesen Zweiflern zählt der Berliner Polizeirat Johann Friedrich Karl Merker, der Kaspar im Sommer 1830 erstmals öffentlich des Betruges bezichtigt. Ohne je die Akten zum Fall Hauser eingesehen zu haben, glaubt Merker dennoch, eindeutige Indizien dafür erkennen zu können, daß es sich bei dem Findling um einen Betrüger handelt. In seiner Broschüre Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger schreibt er dazu:

„Einen Fingerzeig giebt, wie nicht ohne Grund anzunehmen ist, der Umstand, daß der in Nürnberg Eintretende bestimmt war, ein Reiter zu werden, und daß er bereits die Fertigkeiten eines guten Reiters inne hatte. Daß ferner der Findling keiner Familie der ganz unteren Stände anzugehören scheint, dafür spricht die Zartheit seines Gesichtes und seiner Hände [...].“[35]

Aufgrund dessen gelangt Merker schließlich zu folgender Beurteilung:

„Es hat einigen Anschein, als hätte ein recht verschmitzter Schulbube, dem viele Romane gewisser Klassen in die Hände fielen, gegen Wissen und Willen seiner Angehörigen Kavallerist werden wollen, ist nun aber durch eine eigenthümliche Wendung der Vorgänge in Nürnberg in seine jetzige Rolle hineingerathen, die ihn bis zum Kinde von Europa erhebt.“[36]

Die Vorwürfe des Polizeirats stoßen in der Folgezeit auf heftige Kritik seitens der Hauser-Freunde. Als offizielle Reaktion auf die Verdächtigungen Merkers erscheinen

1831 Einige wichtige Actenstücke den unglücklichen Findling Caspar Hauser betref-

fend. Zur Berichtigung des Urtheils des Publicums über denselben mitgetheilt von Herrn Staatsrath und Appellationsgerichts-Präsidenten von Feuerbach in Ansbach. Insgesamt bleibt festzuhalten, daß die Meinungen über den Findling von Nürnberg nun endgültig gespalten sind.

Was Kaspars persönliche Entwicklung betrifft, so kommt er nach dem Umzug zu seinem Vormund erstmals seit seinem Auftauchen in Nürnberg etwas zur Ruhe. Nach Einschätzung von Tuchers befindet sich Kaspar zu dieser Zeit auf dem Entwicklungsstand eines elf- bis zwölfjährigen Kindes. Der Freiherr trägt dafür Sorge, daß unerwünschter Besuch nicht mehr in Kaspars Nähe gelassen wird und hält seinen Schützling zu strenger Ordnung und einem geregelten Tagesablauf an. Schon bald zeigt sich die positive Wirkung dieser Maßnahmen. Kaspar wird wieder fleißiger beim Lernen und gibt auch sonst zu keinerlei Tadel Anlaß. Mitunter muß von Tucher sogar den Lerneifer seines Schützlings bremsen. Am 5. Dezember 1830 berichtet er in einer offiziellen Vernehmung:

„Seine Begierde, zu lernen und sich zu entwickeln, ist ungemessen und wird von der grenzenlosesten Beharrlichkeit, die selbst an Eigensinn grenzt, begleitet, so daß ich hierbei nur zur Sorge genötigt bin, allzugroße Anstrengungen von ihm entfernt zu halten. [...] Hierbei kann ich aber nicht leugnen, daß jene unverständige Behandlungsweise ihm teils zu manchen Eitelkeiten, und selbst hin und wieder zu kleinen Lügen Veranlassung gegeben haben, jedoch kann ich pflichtgemäß versichern, daß, seit ich ihn unter geordnete Aufsicht gestellt habe, seine Aufführung durchaus tadellos ist.“[37]

Diese positive Entwicklung wird aber unterbrochen, als im Mai 1831 der englische Dauerreisende Lord Philipp Henry Stanhope nach Nürnberg kommt. Später gibt diese zwielichtige Gestalt, deren wahre Absichten bis heute undurchsichtig geblieben sind, viel Anlaß zu Spekulationen. So bringt man ihn oft mit Kaspars vermeintlicher Prinzenschaft und den damit zusammenhängenden Machenschaften im badischen Königshaus in Verbindung. Gelegentlich wird ihm sogar eine maßgebliche Beteiligung am Attentat auf Kaspar nachgesagt. Wie spätere Ermittlungen ergeben, hatte sich der Lord in der Tat zur fraglichen Zeit in Nürnberg aufgehalten, jedoch ohne irgendein Interesse an Kaspar zu bekunden.

Dafür beschäftigt er sich 1831 während seines Aufenthaltes in Nürnberg umso intensiver mit dem Findling. Er macht ihm großartige Versprechungen und schleicht sich mit wertvollen Geschenken in das Vertrauen des naiven Kaspar ein. Dies führt bald zu

handfesten Streitigkeiten mit dessen Vormund. Von Tucher ist der Auffassung, daß

Stanhope mit seinem Verhalten den Jungen in seiner Eitelkeit bestärkt und somit

schädlichen Einfluß auf dessen Entwicklung nimmt. Trotz dieser Anschuldigungen kann der Lord im November desselben Jahres seine Ernennung zu Kaspars Pflegevater durchsetzen.

4. Bei Meyer

Auf Wunsch des Lords siedelt Kaspar am 10. Dezember 1831 nach Ansbach in das Haus des Lehrers und Organisten Johann Georg Meyer über, der von Stanhope für die Erziehung des Findlings bezahlt wird. Mit dem Umzug nach Ansbach beginnt für Hauser eine schwere Zeit. Als der Lord, mit dem Kaspar in den vergangenen Monaten fast täglichen Umgang hatte, Anfang 1832 plötzlich abreist, ist Hauser am Boden zerstört. Sein Versprechen, bald wiederzukommen und ihn mit sich nach England zu nehmen, löst Stanhope nie ein. Kaspar wartet vergeblich auf seine Rückkehr. Ebenso hart trifft den Findling im Mai 1833 der Tod seines engen Vertrauten und treuesten Verteidigers Anselm von Feuerbach. Die genauen Umstände seines Todes bleiben bis heute ungeklärt. Sein Sohn Ludwig ist sich sicher, daß der Vater das Opfer eines Giftmordanschlages geworden ist, weil er Beweise für Kaspars Prinzenschaft gefunden hatte. In der Tat hatte von Feuerbach Anfang 1832 ein geheimes Mémoire an die Königin von Bayern gesandt, in dem wichtige Indizien dafür enthalten waren, daß Kaspar ein Prinz aus dem Hause Baden ist.[38]

Abgesehen von diesen schweren Schicksalsschlägen hat Kaspar es in Ansbach auch

sonst nicht immer leicht. Eine wirkliche Verbesserung ergibt sich für ihn nur bezüglich seiner schulischen Entwicklung. Er muß nicht mehr - wie bisher - aufs Gymnasium gehen, sondern erhält von Lehrer Meyer Privatunterricht. Schon von Feuerbach hatte in seiner berühmten Schrift über Kaspar Hauser den Umstand, daß der Findling auf eine höhere Schule gehen mußte, heftig kritisiert:

„Einer der größten Mißgriffe in der Erziehung und Bildung dieses Menschen war unstreitig, daß man [...] ihn seit einigen Jahren auf das Gymnasium schickte und ihn obendrein sogleich in einer höheren Klasse den Anfang machen ließ. Dieser arme verwahrloste Jüngling, der [...] noch nachzuholen hatte, was unsere Kinder schon an der Mutterbrust [...] lernen, mußte auf einmal mit der lateinischen Grammatik, mit lateinischen Exerzitien, mit Cornelius Nepos und endlich gar mit Caesar de bello Gallico seinen Kopf zermartern. [...] Statt nützlicher Dinge gab man ihm Worte und Phrasen, deren Sinn und Bezeichnung er nicht zu begreifen fähig war [...].“[39]

Bei Meyer hingegen lernt Kaspar Dinge, die ihm für die Bewältigung des Alltags von größerem Nutzen sind. So erhält er beispielsweise Unterricht in Zeichnen, Schreiben, Rechnen, Geographie und Grammatik. Zudem erhält Kaspar ab Oktober 1832 Religionsunterricht von Pfarrer Fuhrmann, der ihn im Mai 1833 schließlich konfirmiert. Durch eine Anstellung als Gerichtsschreiber beim Ansbacher Appellationsgericht kann Hauser ab 01. Dezember 1832 sogar erste berufliche Erfahrungen sammeln.

So positiv sich der Umzug nach Ansbach einerseits auf Kaspars schulische bzw. berufliche Entwicklung auswirkt, so hemmend wirkt er andererseits auf die freie Persönlichkeitsentfaltung des Findlings. Das Verhältnis zwischen ihm und Meyer ist von Anfang an gestört. Streitigkeiten mit dem Lehrer, der ihn viel und oft grundlos tadelt, sind an der Tagesordnung. Meyer ist von vornherein der Ansicht, daß Kaspar ein Betrüger ist und die allgemeine Aufmerksamkeit nicht verdient. Schon kurz nach der Ankunft des Findlings wird er in seiner Skepsis durch einen Brief bestärkt, den Klara Biberbach im Februar 1832 an Meyers Frau schreibt. Frau Biberbach warnt darin vor der „entsetzliche[n] Lügenhaftigkeit“[40] ihres ehemaligen Pfleglings. Ihrer Auffassung nach ist es „nur durch allgemeines Zusammenwirken [...] bei scharfem Beobachten jeder Handlung unsers Hauser etwa doch noch möglich, ihn aus dem Schlamm zu ziehen, worin ihn teils unglückliche Verhältnisse, teils aber auch er sich mutwillig stürzte.“[41] Dementsprechend steht Kaspar dann im Hause Meyer auch unter ständiger Beobachtung; all sein Tun und Lassen ist grundsätzlich verdächtig. Der Lehrer kann an seinem Zögling außer dessen Höflichkeit vornehmeren und höheren Personen gegenüber kaum lobenswerte Eigenschaften erkennen. Vielmehr hält er ihn für einen mittelmäßigen Schüler ohne Ausdauer und für äußerst verlogen.

Sein dauerndes Mißtrauen legt der Lehrer auch am 14. Dezember 1833 nicht ab, als

Kaspar schwerverletzt gegen 15:30 Uhr an seiner Haustüre klingelt und ihm erzählt, daß er von einem fremden Mann im Hofgarten niedergestochen worden sei. Meyer glaubt seinem Schützling kein Wort und ist davon überzeugt, daß Hauser sich die Verletzung selbst zugefügt hat. Dennoch läßt er sich dazu überreden, mit ihm in den Hofgarten zu kommen, um einen Beutel zu suchen, den Kaspar angeblich von dem Attentäter bekommen hat. Auf dem Weg dorthin bricht der Findling jedoch zusammen, so daß sie nach Hause zurückkehren müssen. Noch immer verkennt der Lehrer den Ernst der Lage und hält es nicht für nötig, Kaspar ärztlich untersuchen zu lassen. Daß seine Wunde kurze Zeit später doch medizinisch versorgt wird, ist dem Umstand zu verdanken, daß Lehrer Meyer auf der Straße zufällig dem Arzt Dr. Heidenreich begegnet und ihm von Kaspars Verletzung erzählt. Dr. Heidenreich und später auch der Stadtgerichtsarzt stufen die Stichwunde, die sie bei Kaspar unterhalb der linken Brustwarze feststellen, zwar als gefährlich ein, verkennen aber dennoch die tödliche Gefahr, die von ihr ausgeht.

Noch am gleichen Tag beginnen die Ermittlungen in diesem Fall. Es werden verschiedene Zeugenbefragungen durchgeführt und auch der schwerverletzte Kaspar wird mehrfach vernommen. Schließlich gelangt man zu folgender Rekonstruktion des Tathergangs: Am 14. Dezember 1833 hatte Kaspar zunächst Religionsunterricht bei Pfarrer Fuhrmann. Danach wurde er nach eigenen Angaben auf den Stufen vor dem Appellationsgericht von einem fremden Mann angesprochen, der ihn - angeblich im Auftrag des Hofgärtners - für den Nachmittag desselben Tages in den Hofgarten zum artesischen Brunnen bestellte. Gegen 12:30 Uhr erschien Kaspar wie gewöhnlich im Meyerschen Haus zum Mittagessen und ging danach noch einmal zu Pfarrer Fuhrmann, um ihm bei der Anfertigung eines Weihnachtsgeschenkes zu helfen. Von dort aus machte er sich um 14:30 Uhr trotz des schlechten Wetters auf den Weg in den Hofgarten. Da er am Brunnen niemanden vorfand, ging er weiter in Richtung des Uzschen Denkmals. Dort begegnete er einem Mann, der ihm wortlos einen Beutel gab. Als er diesen nehmen wollte, begann der Mann plötzlich auf ihn einzustechen. Kaspar ließ daraufhin den Beutel fallen und lief nach Hause zu Lehrer Meyer.

Tatsächlich wird wenig später am Tatort ein Beutel gefunden. Darin befindet sich ein Zettel, auf dem in Spiegelschrift ein ironischer Hinweis auf die angebliche Herkunft des Mörders zu lesen ist:

„Hauser wird es Euch ganz genau erzählen können, wie ich aussehe und woher ich bin. Dem Hauser die Mühe zu ersparen, will ich es selber sagen, woher ich komme. Ich komme von --- der bayr. Grenze --- am Flusse ----- ich will Euch sogar noch den Namen sagen

M.L.Ö.“[42]

Drei Tage nach dem Anschlag, am 17. Dezember 1833, erliegt Kaspar Hauser seinen schweren Verletzungen. Sein Mörder wird nie ermittelt.

III. Zur Geschichte der Pädagogik

In der folgenden Darstellung sollen die Grundzüge traditioneller und moderner Erziehungsvorstellungen voneinander abgegrenzt werden. Hierzu wird zunächst ein Überblick über die Entstehung und die Hauptmerkmale der traditionellen Pädagogik, die auch bei Kaspar Hauser zur Anwendung kam,[43] gegeben. Im Anschluß daran soll aufgezeigt werden, wie sich die bis dahin postulierten Erziehungsideale im Zuge der pädagogischen Krise in den 1960er Jahren wandelten.

Dabei konnten im Rahmen der vorliegenden Arbeit jedoch nur diejenigen Aspekte berücksichtigt werden, die für die anschließende literaturwissenschaftliche Untersuchung relevant sind. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht mag der Überblick daher relativ knapp und tendenziös erscheinen.

1. Entstehung und Hauptmerkmale der traditionellen Pädagogik

Die eigentliche Geburtsstunde der traditionellen Pädagogik schlägt im Zeitalter der Aufklärung. Das gesamte gesellschaftliche Bewußtsein dieser Epoche ist geprägt von einem nie dagewesenen Fortschrittsoptimismus und Bildungsstreben, was sich u.a. in der Gründung zahlreicher Universitäten und der Erprobung diverser Schulmodelle zeigt. Nie zuvor war derart intensiv und leidenschaftlich über pädagogische Fragen diskutiert worden. Zwar waren schon vorher einzelne erziehungstheoretische Schriften entstanden (etwa von Comenius oder Ratke), die Allgemeinheit hatte sich mit dieser Thematik jedoch bislang noch nicht auseinandergesetzt. Es verwundert daher nicht, daß erst während der Aufklärungsepoche die Kindheit endgültig als eigene Lebensphase anerkannt wird. Kinder werden nun nicht länger als kleine Erwachsene behandelt, sondern als unfertige Geschöpfe verstanden, die es systematisch zu erziehen gilt.

Dieser Anspruch führt allerdings zu der Frage, welche Erziehung die richtige ist und nach welcher Methode man vorgehen soll. Jean-Jacques Rousseau - einer der bedeutendsten Vertreter der Aufklärungspädagogik - setzt sich in seinem Erziehungsroman Emile (1762) eingehend mit diesem Thema auseinander. Der Roman handelt von einem durchschnittlich begabten Jungen adeliger Herkunft, der in ländlicher Abgeschiedenheit, isoliert von der Gesellschaft, ausschließlich von seinem Erzieher Jean-Jacques betreut wird. Nur zu pädagogischen Zwecken läßt dieser ab und zu andere Personen in die Nähe seines Zöglings. Ohne es zu merken, wird Emile von seinem Erzieher ununterbrochen beobachtet und gelenkt.

Die von Rousseau im Emile entwickelte Erziehungstheorie basiert auf der Annahme, daß der einzelne Mensch von Natur aus gut ist, die Menschen insgesamt jedoch schlecht. Das Kind müsse folglich, fern von den schädlichen Einflüssen der Kultur und der Gesellschaft, nur nach seiner Natur erzogen werden. Das oberste Ziel ist dabei, den Heranwachsenden zu einem autonomen, sich selbst genügenden Subjekt zu erziehen. Rousseau sieht die Aufgabe des Erziehers darin, die Umwelt zu gestalten und pädagogisch wertvolle Situationen herzustellen. Letztendlich soll das Kind in der Auseinandersetzung mit der Umwelt aber sich selbst überlassen werden. Der Pädagoge soll somit nur indirekt in den Entwicklungsprozeß eingreifen.

Rousseaus Ideen finden weltweit große Anerkennung. Auch die Philanthropen, die Hauptrepräsentanten der deutschen Aufklärungspädagogik, lassen sich von diesen Gedanken inspirieren. Da sie jedoch Rousseaus Gesellschafts- und Kulturkritik nicht teilen, verfolgen sie auch ein anderes Erziehungsziel. Sie wollen keine sich selbst genügenden Individuen heranziehen, sondern ihre Zöglinge vielmehr auf die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Anforderungen vorbereiten. Ihr Fernziel ist die menschliche Glückseligkeit, die ihrer Ansicht nach jedoch nur erreicht werden kann, wenn der Mensch für die Gesellschaft von Nutzen ist. Im Vordergrund aller philanthropischen Bestrebungen steht daher die Erziehung der Kinder zu nützlichen Bürgern. Eigens zu diesem Zweck gründet Johann Bernhard Basedow 1774 in Dessau das erste Philanthropin. In der Folgezeit werden zahlreiche gleichartige Erziehungsanstalten eröffnet. Entsprechend des philanthropischen Anspruchs auf Nützlichkeit stehen neben Latein auch moderne Sprachen, Realien, handwerkliche Arbeiten und Körperertüchtigung auf dem Lehrplan.

[...]


[1] Hans Peitler / Hans Ley: Kaspar Hauser. Über tausend bibliographische Nachweise. Ansbach 1927.

[2] Olga Stern: Kaspar Hauser in der Dichtung (Diss.). Frankfurt am Main 1925.

Otto Jungmann: Kaspar Hauser. Stoff und Problem in ihrer literarischen Gestaltung (Diss.). Würzburg 1935.

[3] Ulrich Struve (Hrsg.): Der Findling. Kaspar Hauser in der Literatur. Stuttgart 1992.

[4] Ebd., Klappentext.

[5] Berthold Weckmann: Kaspar Hauser. Die Geschichte und ihre Geschichten. Würzburg 1993.

[6] Ebd., S. 20.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 21.

[9] A. F. Bance: The Kaspar Hauser Legend and its Literary Survival. In: German Life & Letters. 1974/75, Bd. 28, S. 199-210.

[10] Birgit Gottschalk: Das Kind von Europa. Zur Rezeption des Kaspar-Hauser-Stoffes in der Literatur. Wiesbaden 1995.

[11] Ebd., S. 11.

[12] Ebd., S. 13.

[13] Mechthild Blanke: Zu Handkes „Kaspar“. In: Michael Scharang (Hrsg.): Über Peter Handke. Frankfurt am Main 1972, S. 254-294.

[14] Horst Martin: Kaspar und Sigismund. Über eine Quelle zu Hofmannsthals „Turm“. In: Seminar 12. 1976, S. 236-258.

[15] Suzanne Marey: Georg Trakl et Kaspar Hauser. In: Aspects de la civilisation germanique. Traveaux XII de l´Université de Saint-Etienne 1975, S. 189-203.

[16] Wolfgang Held: Kaspar Hauser und die Kritik der Sprache. In: Beiträge zu den Fortbildungskursen des Goethe Instituts für Deutschlehrer und Hochschulgermanisten. München 1969, S. 38-50.

[17] Ebd., S. 39.

[18] R. D. Theisz: Kaspar Hauser im Zwanzigsten Jahrhundert. Der Außenseiter und die Gesellschaft. In: German Quarterly 49. 1976, S. 168-180.

[19] Ebd., S. 170.

[20] Ebd.

[21] Ebd., S. 171.

[22] Ebd., S. 172.

[23] Der Brief ist vollständig abgedruckt in: Jochen Hörisch (Hrsg.): Ich möchte ein solcher werden wie...Materialien zur Sprachlosigkeit des Kaspar Hauser. Frankfurt am Main 1994, S. 11f.

[24] Neben dem Nachplappern einzelner Worte umfaßt sein Sprachvermögen nur die Ausdrücke „hoamweisen“ (heim- oder hinweisen), „woiß nit“ (das weiß ich nicht) und den Satz „ä sechtener (Reuter) möchte i wähn, wie mei Vottä wähn is“ (Ich möchte ein solcher (Reiter) werden, wie mein Vater gewesen ist).

[25] Ein späterer Handschriftenvergleich und die Untersuchung von Tinte und Papier ergeben jedoch, daß der Brief und der sogenannte Mägdeleinzettel vom selben Verfasser stammen.

[26] Anselm Ritter von Feuerbach: Kaspar Hauser oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben eines Menschen. (ursprgl. 1832) Stuttgart 1984, S. 34.

[27] Bekanntmachung des Nürnberger ersten Bürgermeisters Binder vom 7.7.1828, veröffentlicht am 14.7.28. In: Jochen Hörisch (Hrsg.): A. a. O., S. 31.

[28] Bericht und Gutachten des Königl. Bayerischen Stadtgerichtsarztes Dr. Preu, den Kaspar Hauser betreffend. 3. Dezember 1830. In: Peter Tradowsky (Hrsg.): Preu / Osterhausen / Albert / Heidenreich. Kaspar Hauser. Arztberichte. Dornach 1985, S. 22.

[29] Ausgenommen hiervon sind lediglich Kümmel, Koriander, Anis und Fenchel.

[30] Gutachtlicher Bericht des Dr. Osterhausen den Kaspar Hauser betreffend. 30. Dezember 1830. In: Peter Tradowsky (Hrsg.): A. a. O., S. 42.

[31] Ebd.

[32] Anselm Ritter von Feuerbach: A. a. O., S. 53.

[33] zitiert in: Berthold Weckmann: A. a. O., S. 100.

[34] In: Jochen Hörisch (Hrsg.): A. a. O., S. 16.

[35] Johann Friedrich Karl Merker: Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger. Berlin 1830. In: Jochen Hörisch (Hrsg.): A. a. O., S. 220.

[36] Ebd., S. 221.

[37] In: Jochen Hörisch (Hrsg.): A. a. O., S. 16.

[38] Die Prinzentheorie basiert auf der Annahme, daß sich die Linie aus der zweiten Ehe von Friedrich von Baden mit Luise Freiin Geyer von Hochberg die Erbfolge kriminell erschlichen hat. Der erste Sohn aus der Ehe Karls von Baden mit der Stieftochter Napoleons, Stephanie Beauharnais, soll namenlos und ungetauft kurz nach der Geburt verstorben sein, der zweite Sohn starb im ersten Lebensjahr. Die Vertreter der Prinzentheorie gehen davon aus, daß Kaspar Hauser in Wirklichkeit der 1812 geborene Thronfolger von Baden gewesen sei, den man in der Wiege gegen ein sterbendes Kind ausgetauscht habe. Dieses Gerücht hielt sich hartnäckig bis in die jüngste Vergangenheit hinein. Erst eine 1996 durchgeführte Analyse mitochondrialer DNA brachte Klarheit. Durch dieses Verfahren können Abstammungsverhältnisse über 10 - 15 Generationen hinweg festgestellt werden. Im Fall Kaspar Hauser wurden von zwei unabhängigen Laboren (Forensic Science Service, Birmingham und Institut für Rechtsmedizin der Universität München) Blutspuren untersucht, die man auf Hausers Unterhose gefunden hatte. Diese wurden mit den Blutproben von zwei weiblichen Nachkommen der Stephanie Beauharnais verglichen. Die Analyse konnte keine Antwort auf die Frage geben, wer Kaspar Hauser wirklich war. Jedoch ist seitdem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, wer er nicht war: Bei der DNA-Analyse konnte kein Verwandtschaftsverhältnis mit den Vergleichspersonen festgestellt werden. Kaspar

Hauser war also nicht der badische Thronfolger, für den man ihn über 160 Jahre lang gehalten hatte. Die Prinzentheorie ist somit widerlegt.

[39] Anselm Ritter von Feuerbach: A. a. O., S. 70.

[40] Brief von Frau Biberbach (Nürnberg) an Frau Meyer (Ansbach) vom 19. 2. 1832. In: Jochen Hörisch (Hrsg.): A. a. O., S. 58.

[41] Ebd., S. 59f.

[42] In: Berthold Weckmann: A. a. O., S. 138.

[43] Dieser Aspekt wird ausführlich behandelt in: Friedrich Koch: Der Kaspar-Hauser-Effekt. Über den Umgang mit Kindern. Opladen 1995.

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Kaspar Hauser-Thematik und Krise der Pädagogik bei Peter Handke (1968), Werner Herzog (1974) und Jürg Amann (1985)
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
92
Katalognummer
V67984
ISBN (eBook)
9783638596176
Dateigröße
823 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kaspar, Hauser-Thematik, Krise, Pädagogik, Peter, Handke, Werner, Herzog, Jürg, Amann
Arbeit zitieren
Dipl.-Sozialarbeiterin // Magister Artium Katharina Siebert (Autor), 2002, Kaspar Hauser-Thematik und Krise der Pädagogik bei Peter Handke (1968), Werner Herzog (1974) und Jürg Amann (1985), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67984

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