Der Spieltrieb in den ästhetischen Briefen Friedrich Schillers


Seminararbeit, 2000
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tendenzen der Aufklärung
2.1 Die Kritik der Verhältnisse
2.2 Wildheit
2.3 Barbarei
2.4 Das Ziel: Der „menschliche Charakter“

3. Person und Zustand

4. Die zwei Grundtriebe des Menschen
4.1 Stofftrieb
4.2 Formtrieb
4.3 Wechselwirkung

5. Das Spiel: Synthese

6. „Lebende Gestalt“

7. Der ästhetische Zustand
7.1 Passive Bestimmbarkeit
7.2 Aktive Bestimmbarkeit

8. Das Ideal

9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff des Spiels ist wohl jedem Menschen bekannt. Seit der frühesten Kindheit wird mit Bällen oder anderen Materialien gespielt und selbst in fortgeschrittenem Alter geht der Spass an spielerischen Aktivitäten keineswegs verloren. In allen Kulturen haben Spiele ihren festen Platz in der Gesellschaft, so dass diesem global vorhandenen Phänomen eminente Bedeutung zukommt.[1]

Doch was genau ist denn charakteristisch für das Spiel? Aus den zahlreichen Deutungen, die zu diesem Thema vorhanden sind, greife ich nun die Spieltheorie von Friedrich Schiller heraus, die, formuliert in den Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, eingebettet in dessen Vorstellung des ästhetischen Staates ist. Geht etwa damit einher, dass das Spiel ein ästhetisches Moment hat? Wenn ja, wie kann dieses erklärt werden und welche Deutungen lassen sich daraus ableiten?

Aus diesen Fragestellungen heraus werde ich versuchen, die einzelnen Gedankengänge Schillers in ihren wichtigsten Zügen darzustellen.

Zu Beginn ist es notwendig, das Gesellschaftsbild zu erläutern, auf das der Aufklärer seine Deduktionen stützt. Ausgehend davon wird im Verlaufe der Arbeit zunächst bestimmt, welches Menschenbild dem schillerschen Ideal entspricht, um das Ziel der Abhandlung hinreichend erfassen zu können. Diesen Bestimmungen zufolge muss dann eine Analyse der anthropologischen Grundlagen des Menschen erfolgen, aus denen dann der eigentliche Spieltrieb hergeleitet wird.

An diesem Punkte bleibt Schiller aber nicht stehen. Ihm geht es zudem um eine Erläuterung der Momente, die helfen das Spiel näher und eingehender zu beschreiben. Fragen bezüglich einer möglichen Selbstbestimmung des Menschen im Spiel werden an dieser Stelle erst zu klären sein.

Vor der Zusammenfassung der Hauptaussagen am Schluss dieser Arbeit werde ich kurz das vorstellen, was Schiller unter dem „Ideal“ versteht und wie sich dieses auf eine mögliche Umsetzung der Spieltheorie in die Praxis beziehen lässt.

2. Tendenzen der Aufklärung

2.1: Die Kritik der Verhältnisse

Im Zeitalter der Aufklärung, in dem Friedrich Schiller aufwuchs, wurde der Gebrauch der Vernunft zur obersten Maxime. Die Wissenschaften, zuvor noch durch religiöse Dogmen am Fortkommen gehindert, begannen sich allmählich von ihrem theologischen Unterbau zu lösen, um Phänomene der Lebenswelt mit Mitteln des „aufgeklärten“ Verstandes zu hinterfragen.

Schiller selbst war überzeugter Aufklärer, sah aber in den gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit nicht nur positive Aspekte. Erwähnt werden zwei Bereiche, deren Entwicklungen er überaus kritisch deutet:

Als Schriftsteller war er zum einen um „das geistige Verdienst der Kunst“[2] besorgt, zumal sie „eine Tochter der Freiheit“[3] sei. Die rein begriffliche Bestimmung der Welt gleiche einem „dürftigen Wortgerippe“ (ÄE, S.6) und das „natürliche Gefühl“ (ebd.) komme insgesamt zu kurz.[4]

Problematisch sei auf der anderen Seite das Verhältnis des Menschen zu der ihm gegebenen Möglichkeit, „das Werk der Not in ein Werk seiner freien Wahl umzuschaffen“ (ÄE, S. 8). Gemeint ist damit die Befreiung vom Zwange des Naturstaates, der als „Notstaat“ (ebd.) Bedingung des menschlichen Zusammenlebens überhaupt sei. Dieser basiere aber nur auf Kräften, die wiederum keinerlei Autorität hinsichtlich einer möglichen Wandlung besäßen.

Aus diesem Grund sei es Aufgabe eines „mündig gewordenen Volkes“ (ebd.) diesen natürlich bedingten in einen sittlichen Staat umzuformen, dessen Fundament nunmehr das Gesetz sein soll. Letztlich bleibt aber dieser Staatstypus eine Utopie, die Schiller auch als „mögliches Ideal von Gesellschaft“ (ÄE, S. 9) beschreibt. Trotzdem sei es nach Schiller notwendig, basierend auf einer „universellen Gesetzgebung“ (ÄE, S. 10) danach zu streben.

Um nun ein sicheres Fundament für den künftigen Staat zu garantieren, soll jedes Individuum „seine Triebe mit seiner Vernunft“ (ebd.) in Einstimmung bringen, d.h. das Verhältnis zwischen diesen beiden Begebenheiten der menschlichen Existenz muss ein ausgeglichenes sein. Nur dann sei die „Totalität“ (ÄE, S. 19) gewährleistet, mit der eine stetige Annäherung an den Idealstaat möglich sei.

Schiller sieht nun in genau diesem Verhältnis ein ähnliches Problem, wie es schon oben bei der Rolle der Kunst in der Gesellschaft angesprochen wurde: Die übermäßige Rationalität versperre hier wie dort den Zugang einer sinnlich-ästhetischen Weltauffassung.

Inwiefern spielt das in die schillersche Konzeption eines „Ganzen Menschen“ vor dem Hintergrund des idealen Staates hinein? Tatsächlich sieht er den Menschen in seiner Zeit sich selbst auf „doppelte Weise entgegengesetzt.“(ÄE, S. 11) Beide Zustände werden nun erläutert.

2.2.: Wildheit

Sollten des Menschen „Gefühle über seine Grundsätze herrschen“(ebd.), so charakterisiert Schiller ihn als „Wilden“. Als „unvermeidliche Folge des Naturstaates“[5] ist er dem Diktat seiner Sinnlichkeit völlig unterworfen. Die Kunst schätzt er nicht und die Natur als sein unumschränkter „Gebieter“[6] lässt ihn ständig nach Befriedigung seiner Triebe streben. In diesem Zustand ist es eben nicht der Fall, dass eine ästhetische Haltung zur rein auf Bedürfnisse gegründeten Handlung vorhanden ist, die „das blinde, noch unschuldige Begehren“[7] auf die Stufe der reflexiven Kontemplation hebt.

Gemeint ist z.B. der Bauer, der Tag für Tag durch „die Not viel zu sehr ermüdet und abgespannt“[8] ist, als dass er sich außerdem noch der „sauren Mühe des Denkens“ (ebd.) hingeben könnte. Obwohl er in den Bereich der Sorge um seine Existenz eingezwängt ist, sieht Schiller dies nicht unbedingt als zu verurteilendes Moment an. Diese Menschen würden schließlich keinen „andern Maßstab des Wertes kennen als die Mühe der Erwerbung und den handgreiflichen Ertrag“ (ÄE, S.25) und aus diesem Grunde sogar unser „Mitleiden verdienen.“ (Ebd.) Eine Entwicklung des Vernunftvermögens ist unter diesen Umständen gar nicht möglich.

Diese Art der Lebensführung ist also letztlich eine unfreiwillige und als solche verurteilt Schiller sie nicht. Ganz anderes dagegen beim „aufgeklärten“ Menschen...[9]

2.3.: Barbarei

Ein Barbar ist nach Schiller derjenige, dessen „Grundsätze seine Gefühle zerstören“[10] und der Aufgrund zu rationalen Handelns die Natur „entehrt“ (Ebd.). Zu der zivilisierten Klasse gehörend, bleibt er, obwohl die Vernunft ihm als Mittel zur Verfügung steht, doch ein „Anblick der Schlaffheit“ (ÄE, S.12) und in letzter Instanz wird er von Schiller sogar als „Nichtswürdiger“ (ÄE, S.13) bezeichnet. Grund für diese niederschmetternde Kritik an seinen Zeitgenossen ist die Tatsache, dass sie zu sehr auf ihre Maximen, auf ihre logischen Deduktionen festgelegt seien und die Natur verleugnen sowie ihren „Eindrücken widerstreben“ (Ebd.).

Phantasie und Einbildungskraft werden unter dem „Übergewicht des analytischen Vermögens“ (ebd.) erdrückt und der abstrakte Denker habe daher oft ein „kaltes Herz“ (ebd.), so dass er nur noch eine insgesamt „eingeschränktere Sphäre von Objekten“ (ebd.) vorfindet.

Zwar sind die Angehörigen dieser „Klasse“ nicht mehr nur ihrer übermäßigen Sinnlichkeit ausgeliefert, aber trotz aller Aufklärung des Verstandes ist der mögliche, sittliche Staat noch weit entfernt:

„Das Zeitalter ist aufgeklärt, das heißt, die Kenntnisse sind gefunden und öffentlich preisgegeben, welche hinreichen würden, wenigstens unsre praktischen Grundsätze zu berichtigen.“ (ÄE, S.21)

Woran kann es also liegen, dass die Menschen „immer noch Barbaren sind?“ (Ebd.)

Schiller behauptet, dass der übermäßige Hang, die Welt nur durch rein logische Bestimmungen deuten zu wollen, obwohl die Gefahr „die Natur auf ihrem rechtmäßigen Gebiet zu verleugnen“ (ebd.) latent gegeben sei, zu eben diesem Mißverhältnis zwischen Sinnlichkeit und Vernunft führt. Der „Dämmerschein dunkler Begriffe“ (ebd.) schränke unsere Empfänglichkeit für Eindrücke aus der Umgebung maßgeblich ein, so dass es letztlich die Kluft zwischen Theorie und Praxis ist, die einer progressiven Konstitution des sittlichen bzw. des Vernunftstaates zuwiderläuft. Eine bloße Aufklärung des Verstandes ist also nicht ausreichend, was aber kennzeichnend für das „Barbarentum“ sei.

[...]


[1] Sämtliche Zitate sind, wo nicht anders vermerkt, entnommen aus:

Schiller, F.: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Stuttgart 1960 (Im Folgenden abgekürzt mit: ÄE)

Wird ein längerer Abschnitt zitiert, ist dieser kursiv gedruckt. Treten innerhalb dieser selbst kursive Begriffe auf, ist dies an entsprechender Stelle gesondert vermerkt.

[2] Schiller, F.: Über... S. 7

[3] Ebd.: S. 6

[4] Später wird daher eingehend zu erläutern sein, warum „es die Schönheit ist, durch welche man zur Freiheit wandert.(ÄE, S.7)“

[5] Pieper,H.: Schillers Projekt eines menschlichen Menschen: Eine Interpretation der „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ von Friedrich Schiller. Lage 1997. S. 39

[6] ÄE: S. 12

[7] Scheuerl, H.: Das Spiel. Untersuchungen über sein Wesen, seine pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen. Weinheim3 1962. S. 77

[8] ÄE: S. 21

[9] Hinzuzufügen bleibt noch, dass der Wilde „weder völkerkundlich noch historisch nachweisbar“ sei (Scheuerl, H. 1962. S. 77). Zur näheren Erläuterung dieses Problems vgl.: (Pieper, H. 1997. S. 35 ff. ).

[10] ÄE.: S. 12

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Spieltrieb in den ästhetischen Briefen Friedrich Schillers
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Pädagogik)
Veranstaltung
Spiel als Medium der Bildung
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V6803
ISBN (eBook)
9783638142946
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spieltrieb, Briefen, Friedrich, Schillers, Spiel, Medium, Bildung
Arbeit zitieren
Marcus Reiß (Autor), 2000, Der Spieltrieb in den ästhetischen Briefen Friedrich Schillers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6803

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