'Intelligenzblätter' der deutschen Spätaufklärung in der Zeit von 1750 bis 1800 und ihr Beitrag zur Volksaufklärung


Hausarbeit, 2006

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kurzvorstellung der Arbeitsziele

2. Definitionen der verwendeten Hauptbegriffe

3. Geschichte der 'Intelligenzblätter' und Überblick über den Forschungsstand

4. Schriftkulturelle Funktion der 'Intelligenzblätter' in der Spätaufklärung von 1750 bis 1800 dargestellt an Beispielen
4.1 „Des Nassau=Saarbrückischen Wochen=Blats“ - Ein Intelligenzblatt der Saarregion
4.2 Weitere Beispiele in chronologischer Reihenfolge

5. Resümee und abschließende Bewertung

6. Literaturverzeichnis

1. Kurzvorstellung der Arbeitsziele

Anhand verschiedener Beispiele und theoretischer Ausführungen will ich zeigen, wie die 'Intelligenzblätter' des deutschen Sprachraums des 18. Jahrhunderts versucht haben, dem sogenannten „Volk“ praktische Aufklärung nahezubringen, bisher nur von den damaligen geistigen Eliten verwendetes aufklärerisches Gedankengut breiteren Schichten zugänglich zu machen und einen gesellschaftlichen Diskurs in Gang zu bringen.

Um Genauigkeit zu gewährleisten und Begriffsverwirrung zu vermeiden, werde ich in einem ersten Schritt zentrale Begriffe meiner Ausführungen eingrenzen und mit Hilfe der Forschungsliteratur erläutern. Zu diesen Begriffen zählen 'Intelligenzblatt', 'Spätaufklärung' und 'Volksaufklärung'. In einem zweiten Schritt werde ich dann näher auf das 'Intelligenzblatt' an sich eingehen, seine Geschichte skizzieren und den aktuellen Forschungsstand aufzeigen. Den Hauptteil der Arbeit bildet anschließend die beispielhafte Darstellung verschiedener Themenbereiche der 'Intelligenzblätter' anhand mir vorliegender Quellen, die mir zum überwiegenden Teil vom Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen zur Verfügung gestellt wurden.

Eine Resümee schließt die vorliegende Arbeit ab, darin will ich versuchen, die Rolle und Funktion der 'Intelligenzblätter' im Kontext ihrer Zeit abschließend zu würdigen und ihren Beitrag zur Volksaufklärung zu bestimmen.

2. Definitionen der verwendeten Hauptbegriffe

Womit wir bei der Frage wären, was bedeutet der Begriff 'Intelligenzblatt' überhaupt? In der heutigen Presselandschaft Deutschlands würden vielleicht das wöchentlich erscheinende Magazin „Die Zeit“ oder eine Tageszeitung wie die „FAZ“ unter diesen Begriff fallen, Publikationen also von denen man annimmt, dass ihr überwiegender Leserkreis ein über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung liegendes intellektuelles Niveau besitzt. Die in der vorliegenden Arbeit besprochenen 'Intelligenzblätter' entsprechen aber ausdrücklich nicht dieser Zeitungsgattung, sondern sind eher mit den heute sehr weit verbreiteten, mit Werbung und Werbebroschüren versehenen, meist kostenfreien Anzeigenblättern vergleichbar. Allerdings war der redaktionelle Teil vieler der damaligen Blätter wesentlich ambitionierter und umfangreicher; es stand weniger die Werbung für bestimmte Produkte und Dienstleistungen im Vordergrund, wie es heute bei den meisten Anzeigenblättern der Fall ist.

In der von mir betrachteten Zeit, also von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu den Anfängen des 19. Jahrhunderts richtete sich diese Zeitungsgattung ausdrücklich nicht nur an die damaligen weltlichen und geistlichen höheren Stände, sondern wollte mit seinen Inhalten dem „niederen“ und „normalen“ Volk Inhalte der Aufklärung nahe bringen, allgemeine und amtliche Bekanntmachungen anzeigen, Inserate aller Art veröffentlichen sowie Ratgeber für Alltägliches sein.

Besonders letzteres nahm breiten Raum ein: Ob es nun um verbesserte Anbaumethoden in der Landwirtschaft, allgemeine Ernährungsfragen, medizinische Fragen oder um Kindererziehung ging - es herrschte eine große Themenpalette vor.

Neuere Forschungen zeigen, dass die weit verbreiteten Blätter in bemerkenswerter Vielfalt erschienen.[1] In einer Untersuchung thüringischer Intelligenzblätter verzeichnet Werner Greiling allein für das Territorium des damaligen Thüringen „ [...] etwa zwanzig als Intelligenzblätter klassifizierbare Periodika [...] die [...] über mehrere Jahrzehnte hinweg erschienen“.[2] Böning kommt in seinen Untersuchungen für das gesamte damalige deutschsprachige Reichsgebiet auf über 220 verschiedene Blätter, Huneke verzeichnet 188 Gründungen an 199 Orten[3], quantitativ zumindest eine beeindruckende Zahl.

Die literaturwissenschaftliche Definition des Begriffs der 'Spätaufklärung' wie sie zum Beispiel bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia verwendet wird[4] soll hier nicht die dominierende Rolle spielen, der Begriff wird in der vorliegenden Arbeit hauptsächlich als zeitliche Epochenangabe verwendet. Eine jahresgenaue Einstufung der Spätaufklärung ist nicht möglich, man kann aber davon ausgehen, dass die Spätaufklärung ungefähr von der Mitte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts andauerte und nach Werner Schneiders ihren Höhepunkt in den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts erlebte.[5] Bekannte Autoren, die mit der Spätaufklärung verbunden waren, sind beispielsweise Johann Gottfried Seume, Christoph Wieland und Friedrich Nicolai. Besonders Seume verkörpert mit seinen zahlreichen Widersprüchen wie fast kein anderer Autor diese Zeit und fasziniert gerade auch wegen dieser Widersprüchlichkeit bis heute Leser und Wissenschaftler.[6]

Die 'Volksaufklärung' nahm ihren Anfang zu Beginn des 18. Jahrhunderts, zu dieser Zeit begannen die alltäglichen Dinge der unteren Volksschichten auch die damaligen Gebildeten zu interessieren und es wurden die ersten Schriften verfasst, mit denen man diesen Schichten helfen wollte, Verbesserungen in ihren täglichen Arbeiten zu erreichen. Ein Beispiel dafür gibt der Philosoph Christian Wolff, er erstellte 1718 in einer Schrift den Bauern eine Gebrauchsanweisung, die eine erhebliche Ausweitung ihres Getreideertrags bewirken sollte.[7] Die Intention der Autoren bestand aber nicht allein darin, Bauern und Bürgern Verbesserungen ihres Alltags zu ermöglichen, nicht weniger wichtig erschien ihnen, dem nicht gebildeten Volk aufklärerisches Gedankengut zu vermitteln und ihm damit ein auf dem Vernunftsprinzip basierendes Sein nahezubringen. Böning versteht unter Volksaufklärung „[...] die Bemühungen aufklärungsfreundlicher Einzelpersonen, gemeinnütziger Gesellschaften und Obrigkeiten, dem „gemeinem Mann“ Gedankengut der Aufklärung zu vermitteln.“[8] Damit glichen die Themen der Volksaufklärer denen der „Aufklärung der Gebildeten“, nur zeitlich versetzt und mit einem anderen Adressatenkreis.[9] Gerade der Beitrag der 'Intelligenzblätter' für die Volksaufklärung wurde in der einschlägigen Forschung sehr lange gering geschätzt bzw. überhaupt nicht untersucht, erst in den letzten Jahren wurden verstärkte Anstrengungen unternommen, Quellen zu bibliographieren und teilweise über das Internet der interessierten (Forschungs-)Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Es gab natürlich auch andere bedeutsame Medien, die kennzeichnend für die 'Volksaufklärung' waren, an erster Stelle sind hier eine Vielzahl von Büchern und Broschüren zu nennen, die sich mit allen erdenklichen Themen beschäftigten. Das wohl bekannteste Exemplar dieser Schriftgattung ist das in einer Erstauflage von 30.000 Exemplaren 1788 erschienene „Noth-und Hülfsbüchlein“.[10]

3. Geschichte der 'Intelligenzblätter' und Überblick über den Forschungsstand

Nach Recherchen von Holger Böning erschien das erste deutschsprachige Intelligenzblatt im Jahre 1722 in Frankfurt am Main unter dem Namen: „Wochentliche Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“. Dazu schreibt Böning:

„Der Titel bezeichnet, jedenfalls für die erste Zeit des Erscheinens, treffend den Inhalt. Nachricht in Fragen oder Anzeigen konnte jetzt jeder seinen Mitbürgern geben – daher die Bezeichnung als Intelligenzblatt, ein Begriff, der im Englischen – im 'Intelligent Service' etwa seine ursprüngliche Bedeutung bis heute behalten hat.“[11]

Der Begriff 'Intelligenzblatt' hat demnach seine Wurzeln im englischen Wort „intelligence“, übersetzt mit „Nachricht“.

Die für die damalige Zeit völlig neue Pressegattung entstand erst nach dem Erscheinen der ersten Tageszeitungen und Zeitschriften und entwickelte sich schnell zu einem Schriftmedium, das ideale Voraussetzungen dafür bot, Informationen und Anzeigen quantitativ größeren gesellschaftlichen Gruppen bekannt zu machen, als dies bisher der Fall war.[12]

Notwendige Voraussetzung für den Erfolg des neuen Mediums waren die enormen Fortschritte bei der Weiterentwicklung der Gutenbergschen Buchdrucktechnik, die sowohl attraktive Verkaufspreise für die 'Intelligenzblätter', als auch große Auflagen möglich machten. Dass dabei die Layoutgestaltung aus Zeit- und Aktualitätskeitsgründen vernachlässigt werden musste und die gute Lesbarkeit des Endprodukts im Vordergrund stand, ist vor diesem Hintergrund einleuchtend.[13] Die Drucktechnik Gutenbergs ermöglichte erstmals in der Geschichte „eine revolutionäre soziale Ausdehnung der Schriftkultur [...] wie einen nicht minder revolutionären Anstoß zur thematischen Ausdehnung der Alphabetisierung [...]“.[14]

Eine weitere, bisher nicht genannte, unabdingbar notwendige Grundvoraussetzung, die zur Ausbreitung der 'Intelligenzblätter' führte, war darüber hinaus die Alphabetisierung breiterer Schichten, als dies vor Beginn der Aufklärung der Fall war. Es gab und gibt zahlreiche Untersuchungen und Forschungsprojekte, die sich mit der Alphabetisierungsthematik beschäftigen. Ein unmittelbar aus dieser Forschungsarbeit resultierendes Ergebnis besteht in einer wissenschaftlich anerkannten Kennziffer für den Alphabetisierungsgrad einer Gesellschaft und zwar die sogenannte 'Signierfähigkeit'. Diese Kennziffer kann relativ zuverlässig aus heute noch gut zugänglichen amtlichen Akten wie Heirats- oder Zivilstandsregistern ermittelt werden, leider liegen zuverlässige Quellen erst ab Beginn des 19. Jahrhunderts vor.[15] Diese Forschungsarbeiten ergeben ein sehr differenziertes Bild der Alphabetisierung, verkürzt ist aber festzustellen, dass Städte gegenüber ländlichen Gebieten einen höheren Alphabetisierungsgrad aufweisen und Männer gegenüber Frauen die wesentlich größere Signierfähigkeit besitzen. Reinhart Siegert geht von einem Alphabetisierungsgrad um 1800 von einem unteren Wert von über 60 % aus; dieser untere Wert gilt für die Frauen, Männer erreichten Werte bis zu 100 %.[16] Auch ohne genaue Verifizierungsmöglichkeit dieser Zahlen im Detail und unter der Annahme, dass der Alphabetisierungsgrad in den Jahrzehnten vor 1800 etwas niedriger lag, kann man davon ausgehen, dass entgegen früheren Annahmen die Lesekompetenz breiter Volksschichten im von mir betrachteten Zeitraum höher war, als gemeinhin angenommen wird.

[...]


[1] Böning, Holger: Aufklärung auch für das Volk? Buchhandel, Verleger und Autoren des 18. Jahrhunderts entdecken den gemeinen Leser. Bibliotheksgesellschaft Oldenburg. Bibliotheks- und Informtionssystem der Universität Oldenburg 1998. S. 25 ff.

[2] Greiling, Werner: „Publicitätsvehikel und Sittenspiegel“. Zur Programmatik thüringischer Intelligenzblätter. Eine Dokumentation. Weimar (hain verlag) 2004. (=hain wissenschaft). S. 18 f.

[3] Doering-Manteuffel, Sabine; Mançal, Josef; Wüst, Wolfgang (Hrsg.): Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich. Berlin (Akademie Verlag) 2001. (=Colloquia Augustana Band 15). S. 11 f.

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Sp%C3%A4taufkl%C3%A4rung_%28Literatur%29 (28.6.2006).

[5] Schneiders, Werner: Das Zeitalter der Aufklärung. München (C.H.Beck) 1997. S. 110.

[6] Einen sehr lesenswerten Aufsatz von Karl Wolfgang Biehusen über Seume unter der sinnigen Überschrift „Kratzen am Mythos“ findet sich im Internet unter folgender Adresse: http://www.seume.de/dokumente/Kratzen%20am%20Mythos%20in%20Aisthesis.pdf (14.08.2006).

[7] Böning 1998: S. 11-13.

[8] Böning, Holger; Siegert, Reinhart: Volksaufklärung. Biobibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850. Band 1. Die Genese der Volksaufklärung und ihre Entwicklung bis 1780. Stuttgart-Bad Cannstatt (frommann-holzboog) 1990. Seite X.

[9] Böning 1998: S. 31 f.

[10] Siegert, Reinhart; Böning, Holger: Volksaufklärung. Der Höhepunkt der Volksaufklärung 1781-1800 und die Zäsur durch die Französische Revolution. Stuttgart- Bad Cannstatt (frommann-holzboog) 2001. (=Volksaufkärung Bd. 2). S. 738 ff.

[11] Holger Böning: Pressewesen und Aufklärung – Intelligenzblätter und Volksaufklärer (26.7.2004). In: Goethezeitportal. http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/boening_pressewesen.pdf (06.08.2006). S. 2 ff.

[12] Siehe auch dazu Kapitel 2.

[13] Bohrmann, Hans; Toepser-Ziegert, Gabriele (Hrsg.): Zeitungsdruck. Die Entwicklung der Technik vom 17. zum 20. Jahrhundert. Mit Beiträgen von Martin Welke und Boris Fuchs. München (K. G. Saur) 2000.(=Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung. Band 58). S. 12 ff.

[14] Ter-Nedden, Gisbert: Buchdruck, Aufklärung und Alphabetisierung. Kurseinheit 1. Medien- und Wissensgeschichte im 18. Jahrhundert. FernUniversität in Hagen 2004. S. 47.

[15] Bödeker, Hans Erich; Hinrichs, Ernst (Hrsg.): Alphabetisierung und Literalisierung in Deutschland in der Frühen Neuzeit. Tübingen (Max Niemeyer Verlag) 1999. (= Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung). S. 3 ff.

[16] Ebd., S. 286.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
'Intelligenzblätter' der deutschen Spätaufklärung in der Zeit von 1750 bis 1800 und ihr Beitrag zur Volksaufklärung
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V68075
ISBN (eBook)
9783638606394
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
B.A. Studiengang Kulturwissenschaften Modul 4 'Buchdruck, Aufklärung und Alphabetisierung'
Schlagworte
Intelligenzblätter, Spätaufklärung, Zeit, Beitrag, Volksaufklärung
Arbeit zitieren
Andreas Scheytt (Autor:in), 2006, 'Intelligenzblätter' der deutschen Spätaufklärung in der Zeit von 1750 bis 1800 und ihr Beitrag zur Volksaufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68075

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