Vertrauen ist nicht nur ein gesellschaftliches Phänomen, sondern wird im Bereich der
Multiagenten-Systeme (MAS) auch als Mittel zur Lösung sozio-technischer Sicherheitsprobleme
diskutiert. In dieser Arbeit werden verschiedene soziologische Ansätze zur
Diskussion um Vertrauen und Reputation dargestellt. Die Übertragbarkeit des gesellschaftlichen
Vertrauensmodells auf technische Systeme wird diskutiert und Kriterien
genannt, wann es auf MAS übertragbar sein kann. Verschiedene Formalisierungen von
Vertrauen werden vorgestellt, um schließlich für das am IIG Freiburg entwickelte MAS
AVALANCHE Hinweise zur Implementierung eines Reputationsmodells zu geben. [...]
Inhaltsübersicht
1 Einleitung
2 Das soziologische Vorbild
2.1 Das Vertrauen der Gesellschaft
2.2 Gesellschaftlicher Zusammenhalt durch Vertrauen
2.3 Vertrauen und kooperatives Handeln
2.4 Zusammenfassung
3 Zum Zusammenhang von Theorie und Praxis
3.1 Ist Vertrauen auf Agentensysteme anwendbar?
3.2 Zwischen Simulation und technischer Implementierung
3.3 Schlussfolgerungen in Bezug auf AVALANCHE
4 Formalisierungen von Reputation und Vertrauen
4.1 Agentenzentrierte, solitäre Ansätze
4.1.1 Stephen Marsh – Trust mit großem T
4.1.2 Weitere agentenzentrierte, solitäre Ansätze
4.1.3 Zusammenfassung agentenzentrierte, solitäre Ansätze
4.2 Agentenzentrierte, soziale Ansätze
4.2.1 Michael Schillo – TrustNet oder: Du bist nicht alleine
4.2.2 Weitere agentenzentrierte, soziale Ansätze
4.2.3 Zusammenfassung agentenzentrierte, soziale Ansätze
4.3 ‘Objektive’ externe Bewertungsagenturen
4.4 ‘Subjektive’ externe Bewertungsagenturen
4.5 Andere Ansätze
4.6 Zusammenfassung
5 Hinweise zur Implementierung in AVALANCHE
5.1 Beschreibung des in AVALANCHE verwendeten Modells
5.2 Diskussion und Empfehlungen
5.3 Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Übertragbarkeit soziologischer Konzepte von Vertrauen und Reputation auf Multiagenten-Systeme (MAS), um Strategien zur Vermeidung unkooperativen und betrügerischen Verhaltens in technischen Systemen zu entwickeln. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie ein robustes Reputationsmodell für das Multiagenten-System AVALANCHE implementiert werden kann, das Vertrauen sowohl als Simulationsmechanismus als auch als Sicherheitsmaßnahme begreift.
- Soziologische Grundlagen und Vertrauensmechanismen
- Kriterien für die Übertragbarkeit sozialer Modelle auf technische Agentensysteme
- Vergleichende Analyse bestehender Formalisierungen von Reputation und Vertrauen
- Bewertung verschiedener Kontrollmechanismen (zentral vs. dezentral, solitär vs. sozial)
- Implementierungshinweise für sichere elektronische Marktplätze
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Seit einigen Jahren ist in der Informatik ein neuerlicher Paradigmenwechsel zu beobachten: verteilte Anwendungen – etwa auf dem Internet – werden nicht mehr in der Begrifflichkeit sich gegenseitig aufrufender Programmteile und Algorithmen beschrieben, sondern mit der Metapher des autonomen Agenten, der mit anderen Agenten – zu denen in manchen Fällen auch die NutzerInnen zählen – interagiert, also Nachrichten austauscht, Handel betreibt oder sogar Nachkommen zeugt. Werden diese ‘lebendigen’ Agenten im Plural betrachtet, ist die Rede von einem Multiagenten-System (MAS).
Multiagenten-Systeme haben nicht nur den Reiz des Neuen, und bieten gerade im Anwendungsfeld eCommerce erhebliche Vorteile, sondern verfügen auch über gewisse Ähnlichkeiten mit menschlichen Gesellschaften, zumindest insofern, als es hier wie dort eine Ebene einzelner, mehr oder weniger zielgerichteter Handlungen und eine Ebene emergenter, gesellschaftlicher Phänomene gibt. Dementsprechend findet zur Zeit, insbesondere unter dem Label ‘Sozionik’, ein gegenseitiger Informationsaustausch zwischen (Teilen) der Soziologie einerseits und (Teilen) der Informatik andererseits statt (Malsch 1997; Malsch et al. 1998; vgl. auch Manhart 1999). Aus Sicht der Soziologie geht es dabei darum, herauszufinden, wieweit Modellierungen und Simulationen von Gesellschaften im Computer zu Erkenntnisgewinn über menschliche Gesellschaften beitragen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Multiagenten-Systeme und die sozio-technische Herausforderung, Vertrauen als Sicherheitsmechanismus zu etablieren.
2 Das soziologische Vorbild: Darstellung soziologischer Theorien zu Vertrauen und Reputation durch Luhmann, Misztal, Sztompka und Gambetta zur Ableitung von Mechanismen sozialer Ordnung.
3 Zum Zusammenhang von Theorie und Praxis: Analyse der Bedingungen, unter denen soziologische Vertrauensmodelle auf technische Agentensysteme übertragen werden können.
4 Formalisierungen von Reputation und Vertrauen: Detaillierter Vergleich verschiedener mathematischer und algorithmischer Ansätze, unterteilt in solitäre, soziale und externe Bewertungsmodelle.
5 Hinweise zur Implementierung in AVALANCHE: Anwendung der Erkenntnisse auf das konkrete System AVALANCHE mit praktischen Diskussionen und Implementierungsempfehlungen.
Schlüsselwörter
Vertrauen, Reputation, Multiagenten-Systeme, Sozionik, Vertrauenswürdigkeit, AVALANCHE, elektronische Märkte, soziale Kontrolle, Agentenbasierte Modellierung, Informationssicherheit, Kooperatives Handeln, Systemvertrauen, Spieltheorie, Bewertungsagenturen, Algorithmische Formalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle von Vertrauen und Reputation in Multiagenten-Systemen (MAS), um betrügerisches Verhalten zu minimieren und die Kooperation zwischen autonomen Agenten zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die soziologische Fundierung von Vertrauenskonzepten, deren mathematische Formalisierung für Informatiksysteme sowie die praktische Anwendung auf ein spezielles System, AVALANCHE.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erarbeitung von Hinweisen und Kriterien für die Implementierung eines Reputationsmodells in AVALANCHE, das sowohl auf soziologischen Erkenntnissen basiert als auch technische Anforderungen an Sicherheit und Skalierbarkeit erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine interdisziplinäre Untersuchung, die soziologische Theorien in den Kontext der Informatik stellt und bestehende algorithmische Ansätze anhand definierter funktionaler Kriterien vergleichend bewertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Einordnung soziologischer Modelle, eine systematische Kategorisierung verschiedener Reputations- und Vertrauensmechanismen (solitär, sozial, extern) und deren kritische Diskussion hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Vertrauen, Reputation, Multiagenten-Systeme, Sozionik und Vertrauensmanagement in elektronischen Märkten.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Schillo von dem von Marsh?
Schillo integriert zusätzlich zu den eigenen Erfahrungen eines Agenten explizit die Kommunikation und das Wissen anderer Agenten (Zeugenaussagen) in das Modell, während Marshs Modell primär auf den individuellen Historien und Dispositionen eines Agenten basiert.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Simulations- und Prototyp-Kontext bei AVALANCHE wichtig?
Sie bestimmt die Gewichtung der Kriterien: Bei einer Marktsimulation steht die wissenschaftliche Abbildung sozialer Prozesse im Vordergrund, während beim Prototyp als elektronischer Marktplatz die technische Funktionalität und die praktische Sicherung vor monetärem Schaden prioritär sind.
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- Till Westermayer (Author), 2000, Trust in Bots. Zur Rolle von Vertrauen und Reputation in Multi-Agenten-Systemen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6809