Selbstmord im Theater? Eine Analyse des Motivs in Werken von William Shakespear, Botho Strauß und Sarah Kane


Hausarbeit, 2004
24 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhalt

Titel Seite

1. Einleitung

2. Kurzer historischer Diskurs über den Selbstmord

3. Shakespeare und der Selbstmord
3. 1. Sein oder Nichtsein - Hamlets berühmtester Monolog
rückt den Selbstmord in ein anderes Licht
3. 2. Glosters Selbstmordversuch aus der Tragödie „König Lear“
3. 3. Die Selbstmorde aus den Tragödien „Hamlet“, „König Lear“, „Romeo und Julia“ und „Othello“ in einer kurzen Auseinandersetzung

4. Der Selbstmord im Hinblick auf das Theater von heute
4. 1. Wie behandelt Botho Strauß das Thema des Selbstmordes in dem Stück „Die Zeit und das Zimmer“?
4. 2. Sarah Kane und der Selbstmord in Betrachtungen zu „4.48 Psychose“

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entschei-dung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere - ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe - kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es, Antwort geben. (...) Der Wurm sitzt im Herzen der Menschen. Dort muss er auch gesucht werden. Diesem tödlichen Spiel, das von der Erhellung der Existenz zur Flucht aus dem Leben führt, muss man nachgehen, und man muss es begreifen. 1

Irgendwann im Laufe seiner Evolution muss der Mensch entdeckt haben, dass er nicht nur andere, sondern auch sich selbst töten kann. Es ist anzunehmen, dass sein Leben seitdem nie wieder so war wie vorher.2

Seit dem fernen Altertum haben Frauen wie Männer den Tod gewählt. Diese Tatsache hat die Menschen zu keiner Zeit gleichgültig gelassen. Es gibt seit der Antike verschiedene philosophische Denkansätze, die sich teilweise sehr widersprechen. Es ist bis heute nicht geklärt, ob man dem Menschen die Freiheit gewährt, aus eigner Wahl heraus sein Leben zu lassen.

Bei meiner Bühnenarbeit an den Stücken „König Lear“ von William Shakespeare und „Die Zeit und das Zimmer“ von Botho Strauß bin ich auf einen interessanten Zusammenhang gestoßen. Hintergründig schleicht sich der Selbstmord in die Stücke ein. Auch beim Lesen anderer Dramen ist mir aufgefallen, dass es auch dort manche Menschen in dunkle Abgründe zieht. Der Selbstmord scheint ein immer wiederkehrendes rätselhaftes Thema in der Literatur und im Theater, allgemein in der Kunst zu sein. Was veranlasst Künstler, dieses Thema immer wieder aufs Neue zu überdenken? Genau dieses Problem interessiert mich in dieser Arbeit speziell auf das Theater bezogen.

Um die gesamte Theatergeschichte Bezug nehmend auf den Selbstmord zu deklarieren, wäre ein Buch nötig zu schreiben. Deshalb möchte ich mich in dieser kurzen Arbeit auf zwei bestimmte Zeitepochen, vertreten durch einzelne Dramatiker konzentrieren.

Einerseits wäre da William Shakespeare, der ein Repräsentant des elisabethanischen Zeitalters ist und ein Vordenker seiner Zeit war. Andererseits, in Bezug auf das heutige Theater, bearbeite ich das Stück „Die Zeit und das Zimmer“ von Botho Strauß, der als Stückeschreiber vor allem für die Schaubühne Berlin wirkte und dem modernen Theater eine neue Form gab. Außerdem möchte ich mich auf Sarah Kane als Vertreterin des modernen Theaters beziehen, die mit ihren Stücken die Welt schockte und letztendlich ihren eigenen Selbstmord vollzog. Als Beispiel nehme ich mir das Stück „4.48 Psychose“ vor.

Meine Arbeit vertritt keinen philosophischen Standpunkt. Sie beinhaltet vielmehr eine motivgeschicht-liche Abhandlung über den Selbstmord in Bezug auf die Zusammenhänge zwischen Realität und Theater.

Ich vermute, dass der Selbstmord eine sich wandelnde Problematik im Laufe der Zeit darstellt, und diese Veränderung beeinflusst offensichtlich die Verwendung des Themas im Theater, wie mir in den oben ge-nannten Stücken aufgefallen ist.

Der Begriff „Selbstmord“ ist erst seit der ersten Hälfte des 17. Jh. belegt, vermutlich wurde er von Theologen geprägt und geht in einer Vorstufe auf Luthers „sein selbst morden“ von 1527 zurück. Gut über hundert Jahre jünger ist der Begriff „Suizid“ aus dem Lateinischen hergeleitet, welcher vor allem im medizinischen Bereich Anwendung findet. Der Ausdruck „Freitod“ wurde im philosophischen Bereich geprägt. In meiner Arbeit verwende ich den Begriff „Selbstmord“, weil er am gebräuchlichsten ist - ohne jegliche Wertung.

2. Kurzer historischer Diskurs über den Selbstmord

In dieser Arbeit möchte ich keine ausführliche historische Ausarbeitung über den Selbstmord darlegen. Mich interessiert vielmehr, wie die Dramenautoren, die ich in der Einleitung nannte, im Hintergrund auf ihr Zeitgeschehen mit dem Thema umgegangen sind.

Um das besser nachvollziehen zu können, ist es unumgänglich, einzelne bestimmte historische Abschnitte faktisch zu belegen, die mir als Hintergrundwissen für meine Arbeit notwendig erscheinen.

Soweit die Forschungen reichen, ist der Selbstmord im Laufe der Menschheitsgeschichte meistens ein Tabu gewesen und wurde vom Mittelalter an bis sogar in die Jetztzeit als Verbrechen bestraft.3

Die Antike entwickelt einen anderen Lebensbegriff. Ihr ist nicht das Leben an sich ein Wert, sondern es tritt unter moralische Begriffe als ein so oder so bestimmtes Leben. Deshalb wurde der Selbstmord unter bestimmten Umständen, z.B. Alter, Krankheit geduldet. Oft wurde der Selbstmord sogar als eine Hand-lung des individuellen Ausdrucks gewürdigt, wie einige berühmte überlieferte Beispiele zeigen, so etwa Cato, Lucretia, Hannibal, Seneca oder Sokrates.4 Seneca schreibt in einem „Brief über den Selbstmord“:

„Das Leben (…) braucht nicht unter allen Umständen festgehalten zu werden…. Daher wird ein Weiser leben, solange er muss, nicht solange er kann….“ 5

Die große Meinungsvielfalt unter den Philosophen, die von negativen bis positiven Standpunkten gegen-über dem Selbstmord reichte, ließ dem Selbstmörder eine große Toleranzbereitschaft entgegenbringen.

Mit der Entfaltung des Christentums wandelte sich das antike Verständnis für den Selbstmord in eine allgemein gesellschaftliche negative Verurteilung dessen, welche die Selbstmörder im schlimmsten Maße von gesellschaftlichen Rechten, z.B. Bestattung des Leichnams, ausschloss, was im Mittelalter seinen grausamen Höhepunkt fand. In der Entstehungszeit der christlichen Lehre kam der Begriff des Selbst- mordes als ein Verbrechen nicht in Betracht. Im alten Testament sind sechs Selbstmorde aufgezeichnet - Samson, Saul, Sauls Waffenträger, Abimelech, Achitopel und Zimri – keiner von ihnen erfährt eine ungünstige Deutung. Im neuen Testament wird der Selbstmord Judas’ ebenso nüchtern überliefert, statt seinen Verbrechen hinzuzurechnen, erscheint die Tat eher als Maß seiner Reue.6

Erst im 6. Jh. n. Ch. schuf die Kirche ein Gesetz, welches den Selbstmord verurteilte in Bezug auf das Gebot „Du sollst nicht töten“. Der heilige Augustinus und Thomas von Aquin haben den Selbstmord ausdrücklich verboten und zur Todsünde erklärt. Damit wurde den abergläubigen Vorstellungen, die sich im Volk um die Selbstmörderleiche rankten, der Weg geebnet. Diese Vorstellungen und auch Umsetzung derer an den Leichen von Selbstmördern sind im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ belegt, wie z.B.: „Die Leichen wurden bis in neuere Zeiten nicht durch die Tür hinausgetragen, sondern durch ein Loch in der Wand, durchs Fenster, durchs Dach oder unter der Schwelle durch hinausgeschafft (…).“

oder: „Der Tote wurde auch unschädlich gemacht durch Pfählen oder Köpfen.“ 7

Aus der Chronik des gewöhnlichen Selbstmordes im Mittelalter geht hervor, dass Selbstmörder gerichtlich bestraft und deren Leichen erhängt und zuvor mit dem Pferd durch die Straßen geschleift wurden. Die Selbstmörderleiche wurde so grausam wie möglich behandelt, um eine Wiederkehr des Unheil bringenden Geistes zu verhindern.8 Was die Seele des Selbstmörders anbelangt, besagt folgender Aberglaube. Sie komme weder in den Himmel noch in die Hölle; „der Teufel erwischt sie nämlich nicht, weil er beim Munde auf sie lauert und sie durch den After entweicht.“ 9 Hier wird die abwertende makabre Haltung gegenüber dem Selbstmörder deutlich.

Wie ein Paragraph des Kirchenrechts lautet, wurde den Selbstmördern ein kirchliches Begräbnis auf dem Friedhof versagt, demnach man deren Leichen irgendwo verscharrte.10

Diese grausame Missbilligung währte Jahrhunderte lang, bis im 18. Jh. im Zuge der Aufklärung ein Umdenken gefordert wurde. Dennoch wurde noch 1823 in England die letzte beurkundete Degradierung einer Selbstmörderleiche vorgenommen. Ein Mann namens Griffiths ist an einer Kreuzung verscharrt worden. In England konnte sogar noch 1961 ein misslungener Selbstmordversuch mit Gefängnis bestraft werden.11

Das Umdenken begann im 16., vor allem im 17. Jh. im Bereich der Philosophie und Literatur, da sich eine neuzeitliche Verteidigung des Selbstmordes regt, welche sich an den Beispielen der Antike orientiert. Sie tendiert dazu, das Thema aus der Domination der Kirche zu befreien.

Die Gedankenumwälzung beschränkt sich auf den philosophischen Bereich. Sie erreicht nicht, die Gesell-schaft zu einem konsequenten Umdenken zu bewegen.12

3. Shakespeare und der Selbstmord

„Ist´s denn Sünde zu stürmen

Ins geheime Haus des Todes

Eh´ Tod zu uns sich wagt?“

W. Shakespeare

William Shakespeare, dessen Werk sich von 1589 bis 1613 erstreckt, untersucht anhand von 52 Selbst-morden viele Facetten, Umstände und Beweggründe dieser Tat. Er ist kein Moralist, sondern ein Beobachter menschlichen Daseins. Einer seiner scharfsinnigsten Beobachtungen ist der Gegensatz von Reden und Handeln. Hamlet philosophiert so viel über den Selbstmord, tötet sich jedoch nicht. Hingegen diejenigen, die sich das Leben nehmen, tun es schnell und wortlos. Als würde in dem Reden eine Art Therapieform bestehen, die durch das Reden den Betroffenen allmählich von der Tat abbringt. In ihrem endlosen Monolog macht sich Lucretia schließlich klar, dass ihr Nachdenken sie von ihrer Tat abhält:

„Das Wort hat mich zu retten keine Macht.“ 13

In Shakespeares Dramen fehlt jede Missbilligung des Selbstmords seitens des Autors. Die Tat wird von den „Guten“ wie den „Bösen“ gleichermaßen verübt.

Das englische Theater brachte in 40 Jahren (1580 – 1620) in 100 Stücken mehr als 200 Selbstmorde auf die Bühne.14 Was ließ das Thema plötzlich so aus seinem Dunkel heraustreten?

Sicherlich beschäftigten sich die Dichter mit den Philosophen ihrer Zeit, die ein anderes Bewusstsein über den Selbstmord hervorbrachten. Beispielsweise Michel de Montaigne (1533 – 1592) verfasste einige Essays über die „heterogensten Fragen und Probleme, die sich einem Menschen stellen“, in denen er den Selbstmord verteidigte und ein anderes Bewusstsein über den Tod oder die „Sterbekunst“, wie sich Montaigne ausdrückt, entwickelte. So heißt es z.B. in seinem Essay „Eine Sitte auf der Insel Keos“, der Montaignes Ansichten über den Selbstmord versammelt: „Der Tod ist um so schöner, je mehr der Mensch ihn selbst will. Unser Leben hängt vom Willen anderer ab, der Tod von unserem eigenen Willen.“ 15

Das Problem des Selbstmordes weckte gerade Ende des 16. und Anfang des 17. Jh. eine Anziehungskraft beim Publikum, die teils aus Neugier, teils aus Unruhe bestand. In dieser Zeit waren die Zuschauer versessen auf freiwillige Tode. Das erste Mal in der Geschichte des Abendlandes beobachtet man solch ein Interesse für den Selbstmord.16

Was die Einstellung der Renaissance gegenüber dem Selbstmord von der des Mittelalters unterschied, war nicht eine plötzliche Aufklärung, sondern vielmehr eine neue Betonung des Individualismus´. Diese Hervorhebung des Schicksals jedes Einzelnen kommt in Shakespeares Werken sehr gut zum Vorschein, was gerade auch den Selbstmord angeht. In Shakespeares Tragödien steht der Selbstmord nie am Anfang. Er erfolgt stets erst dann, nachdem man die Figur, die ihn begeht, kennen lernte und ihr leidvolles Schick-sal teilte, wie z.B. der Selbstmord von Romeo und Julia, von Othello oder den Helden aus den Römerdra-men, wie z.B. Brutus, Cassius oder Cleopatra. Jedoch gehört das Leid eines tragischen Helden im Drama einer anderen Welt an als die des Selbstmörders hinter den Kulissen, dessen Tat selten tragisch, oft deprimierend und verworren ist. Es hätte keinen Grund gegeben, warum man den Leichnam eines wirklichen Othello nicht hätte von einem Pferd durch die Straßen schleifen lassen, und nachdem er gepfählt worden war, an einem Kreuzweg hätte begraben sollen, schreibt Alvarez.17

Demzufolge bedeutet die Vorliebe der Renaissance für die Tragödie nicht eine neue Duldsamkeit gegenüber dem wirklichen Selbstmord. Shakespeare brachte ein neues Bewusstsein über den Selbstmord hervor, welches sich in der Realität nicht wirklich umsetzte, wie die historischen Quellen belegen.

3. 1. „Sein oder Nichtsein …“

Hamlets berühmtester Monolog rückt den Selbstmord in ein anderes Licht

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob´s edler im Gemüt, die Pfeil´ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden. Sterben – schlafen – nichts weiter! – und zu wissen, dass ein Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unsers Fleisches Erbteil – es ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. Sterben – schlafen – schlafen! Vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt´s: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, wenn wir den Drang des Ird´schen abgeschüttelt, das zwingt uns still zu stehn. Das ist die Rücksicht, die Elend lässt zu hohen Jahren kommen. Denn wer erträgt der Zeiten Spott und Geißel, des Mächt´gen Druck, des Stolzen Misshandlungen, verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub, den Übermut der Ämter, und die Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist, wenn er sich selbst in Ruh´stand setzen könnte mit einer Nadel bloß! Wer trüge Lasten, und stöhnt´ und schwitzte unter Lebensmüh´? Nur dass die Furcht vor etwas nach dem Tod – das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt – den Willen irrt, dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen, als unbekannten fliehn. So macht Gewissen Feige aus uns allen; der ange-bornen Farbe der Entschließung voll Mark und Nachdruck, durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung Namen. 18

Einer der berühmtesten Monologe der Weltliteratur aus dem Jahre 1600 aus der Tragödie „Hamlet“, die von Shakespeare 1602 veröffentlicht wurde, gibt den Literaturwissenschaftlern viele Rätsel auf.

Hamlet spricht den Text ohne besonderen äußeren dramaturgischen Anlass vor der Begegnung mit Ophelia, heimlich beobachtet von Polonius und Claudius. Hamlet philosophiert über den Selbstmord – die Interpretationen reichen jedoch von: Hamlet stimmt für den Selbstmord bis Hamlet ist dagegen.

Wolfgang Clemen beschreibt das Problem wie folgt:

Angesichts eines Textes, dem der logische Gedankenzusammenhang und die entsprechenden Verknüpfungen zu fehlen scheinen, hat die Mehrzahl der zahlreichen Erklärer versucht, die fehlenden logischen Verbindungen, die nicht deutlich ersichtlichen Sinnbezüge zu ergänzen, das bloß Angedeutete zu präzisieren. 19

Jeder Leser interpretiert als eine Art „kreativer Mitautor“ von seinem Standpunkt aus den Hamlet – Mono-log und schreibt ihm einen eigenen Sinn hinzu – im Bemühen, Shakespeare zu verstehen. Es gibt also keine gültige objektive Wahrheit über die Bedeutung und Aussage des Monologs, nicht einmal über eine simple semantische Struktur – schlussfolgert F. Günther.20 Schon die erste Zeile ist unklar: „To be or not to be – Sein oder Nichtsein …“: Welche Frage stellt Hamlet hiermit eigentlich? Grübelt Hamlet über den eigenen Selbstmord oder über die Frage nach Leben und Tod der Menschen überhaupt?

Der Monolog erscheint plötzlich auf einer philosophischen Ebene, nachdem bisher nur emotional gehandelt und geredet wurde.

Warum sollte man nicht angesichts der Ungerechtigkeiten, Demütigungen und Qualen des Lebens Selbst-mord begehen? Hamlet vergleicht den Tod mit dem Schlaf, in dem uns die Träume kommen, die wir nicht auf gut oder schlecht beeinflussen können. Was geschieht dann nach dem Tod? Welche Träume mögen uns da kommen? Die Ungewissheit, was uns nach dem Tod erwartet, verursacht Angst davor und lässt uns die Pein des Lebens wie in einem lähmenden Zustand bis ans Ende allen Übels ertragen. Diese Angst davor hemmt uns, über Leben oder Tod frei entscheiden zu können. Soweit meine kurze Interpretation.

Davon abgesehen, wie jeder Einzelne den Text interpretiert, wird die innere Bewegung des Monologs mit seinem Hin und Her, die Kette von Hoffnungen und Verzweiflungen des menschlichen Daseins gut zum Ausdruck gebracht. Noch nie wurde die grundlegende Versuchung des Selbstmords mit solcher Wahrheit dargestellt, bekundet Minois. Es zählt nur, dass die Frage formuliert wurde, und dass ihr Echo bis heute nachhallt. „Hamlet ist ein Schauspieler: das sind wir alle; er bewegt sich zwischen Wahnsinn und Hellsicht: das ist das Los eines jeden. Seine Frage ist die Frage des Menschen.“ 21

Es ist ein zeitloser und universaler Text, und dennoch in Zeit und Raum lokalisiert: 1600 in England.

Die Anziehungskraft beim Publikum für den Selbstmord auf der Bühne verrät ein gesellschaftliches Problem und ein allgemeines Interesse an diesem. Der Selbstmord wurde zum ersten Mal seit der Antike ein zentrales Thema in zahlreichen Schriften, welche die traditionellen Verbote in Frage stellen. Eine Reihe von Philosophen und Schriftstellern sei an dieser Stelle genannt, die sich dem Thema in ihren Schriften näher zuwandten: Montaigne, Pierre Charron, Justus Lipsius, Francis Bacon. John Donne widmet um 1610 dem Selbstmord ein ganzes Buch: „Biathanatos“. Robert Burton analysiert in der „Anatomy of Melancholia“ den Selbstmord aus religiöser Verzweiflung. Zudem wird der Selbstmord in sämtlichen Werken, Tragödien und Romanen dieser Zeit erörtert.22

Es ist beachtlich, dass die Faszination des Hamlet – Monologs bis heute anhält, die sich nicht nur auf seine Sprache beruft, sondern sicherlich auch auf den Inhalt des Textes. Daher kann man vermuten, die Aktualität der Frage „Sein oder Nichtsein“ stellt den Selbstmord auch heute noch als ein gesellschaftliches Problem dar.

3. 2. Glosters Selbstmordversuch aus der Tragödie „König Lear“

Ein gemarterter ernüchterter Greis beabsichtigt, Selbstmord zu begehen und beschließt nach dem Fehlschlag, sein Leben bis zum rechtmäßigen Ende zu leiden.

Was bewegte Shakespeare zu solch einem dramaturgischen Griff? Warum entscheidet sich Gloster, sein Elend fortwährend zu ertragen?

Die symbolische Bedeutung dieses besonderen Selbstmordversuches des Grafen Gloster in „König Lear“ beschäftigt die Kritiker schon seit langem. Diese Szene zeigt das „Paradoxon des reinen Theaters“, wie Jan Kott meint.

Der geschlagene Gloster will seinem Elend ein Ende setzen und entscheidet sich für den Sturz von den Klippen bei Dover. Da er blind ist, braucht er einen Führer, der ihn dorthin geleitet. Der Führer ist sein Sohn Edgar, der sich als Irrer ausgibt . „´s ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen!“ – sagt Gloster.23

Der Selbstmord selbst nimmt eine groteske Wendung. Edgar führt Gloster auf die vermeintlich höchste Klippe, die in Wahrheit nur ein kleiner Hügel in der Landschaft ist. Alles ist Illusion. Gloster springt und überlebt natürlich. Es ist nur eine Pantomime, „ein ausgeführter Zirkuspurzelbaum“, wie Kott sagt. Nicht nur die Pantomime des Selbstmords allein ist grotesk, schreibt Kott, grausam und voller Hohn ist auch der diese Szene begleitende Dialog, wobei der blinde Gloster niederkniet und betet:

Oh ihr mächt´gen Götter!

[...]


1 Diese Darstellung über das Problem des Selbstmordes stammt von Albert Camus, ein Schriftsteller des 20. Jh. und ein bedeutender Vertreter des Existentialismus. Minois 1996. S. 15

2 vgl. Alvarez 1999. S. 118 ( Professor Erwin Stengel )

3 vgl. Minois 1996.

4 vgl. ebd. S. 70 ff.

5 Willemsen 2002. S. 59

6 vgl. Willemsen 2002. S. 22

7 ebd. S. 73

8 vgl. Minois 1996. S. 19 ff.

9 Willemsen 2002. S. 75

10 Ein Bericht über eine Selbstmörderbestattung aus dem Jahre 1608 zeigt die tatsächlichen Verhältnisse im Umgang mit Selbstmördern zu der Zeit, in der Shakespeares Dramen entstanden:

Im Fass in den Main geworfen.

1608 erhangt sich zu Knetzgau (Ellmann, Utfr.) auf bambergischem Leben eine 60jährige Witwe. Amtmann auf Ebers-u. Schmachtenbach (dgl.) lässt die Erhenkte durch den Knecht des Bamberger Nachrichters abschneiden u. oben vom Boden auf die gemeine Gasse werfen, wo sie vom Donnerstag früh bis Samstag gar spät gegen Abend liegen blieb (im November). Hat der würzburgische Zentgraf ein Grab im Zwinger neben der Kirchenmauer machen und sie begraben lassen wollen; aber von Bambergs wegen nicht verstattet worden. Hernach der würzburg. Zentgraf die Erhenkte durch den Landknecht besichtigen, ein Leibzeichen nehmen u. hinaus zu der Siechenkapell zwischen Knetzgau und Sand (beide Ellmann Utfr.) begraben lassen. Hunde haben sie hernach ausgescharrt. Der Tochter-mann nach Bamberg gelaufen und gebeten, den Nachrichtersknecht hinauszuschicken, die Tote an einen andern Ort zu begraben. Weil auch die aus der Gemeind sich beschwert u. nochmaliges Begräb-nis an diesem Ort nicht gestatten wollten, haben der Erhenkten Freund ein Fass hergeben, des Nachrichters (Henkers) Knecht die Erhenkte darein geschlagen, auf einem Ziehkärrlein zum Main geführt u. in das Wasser geworfen. Bernard Dietz, Herzogenaurach.

Willemsen 2002. S. 85 f.

11 vgl. Alvarez 1999. S. 66 ff.

12 vgl. Minois 1996. S. 132 ff.

13 vgl. Minois 1996. S. 162 ff.

14 vgl. ebd. S. 134

15 Decher 1999. S. 53

16 vgl. Minois 1996. S. 155 ff.

17 vgl. Alvarez 1999. S. 67 ff.

18 Shakespeare 1623. S. 1236

19 Günther 2001. S. 85

20 ebd.

21 Minois 1996. S. 133

22 vgl. ebd. S. 134 f.

23 Shakespeare 1623. S. 1133

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Selbstmord im Theater? Eine Analyse des Motivs in Werken von William Shakespear, Botho Strauß und Sarah Kane
Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Dresden
Note
1,4
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V68104
ISBN (eBook)
9783638594158
ISBN (Buch)
9783638672580
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstmord, Thema, Theater, Diskurs–, Betrachtungen, Shakespeare, Sicht, Botho, Strauß, Sarah, Kane
Arbeit zitieren
Dipl.-Bühnen- und Kostümbildner Grit Biermann (Autor), 2004, Selbstmord im Theater? Eine Analyse des Motivs in Werken von William Shakespear, Botho Strauß und Sarah Kane, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68104

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