Die Möglichkeiten des Sportförderunterrichts zum Angstabbau bei Schülern mit generalisierten Angststörungen


Examensarbeit, 2006

86 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Angst
2.2 Angststörungen
2.3 Generalisierte Angststörungen
2.3.1 Allgemeine Einführung und diagnostische Merkmale
2.3.2 Symptomatik und Diagnostik
2.3.3 Therapieformen
2.3.4 Abgrenzungen zu anderen psychischen Störungen
2.4 Angststörungen bei Kindern
2.4.1 Interventionsverfahren und Präventionsmöglichkeiten

3. Sportförderunterricht vs. Sportunterricht
3.1 Sportunterricht
3.2 Sportförderunterricht

4. Methoden zur Angstreduzierung
4.1 Wahrnehmung ( Körperwahrnehmung )
4.2 Mut- und Risikoübungen
4.3 Abenteuerpädagogik
4.4 Exkurs: Schwimmen und Wassergewöhnung

5. Abschlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

„Wem es gelingt,

Menschen mit Körperübungen leuchtende Augen zu schenken,

der tut Großes auf dem Gebiet der Erziehung“.

(Pestalozzi)

1 Vorwort

Es gibt heute wohl kaum ein Kind, welches nicht von Ängsten heimgesucht wird. Viele davon sind unbegründet, die meisten jedoch schwerwiegend und akut. Doch werden viele dieser Ängste selten rechtzeitig erkannt. Im ersten Augenblick besteht kein Motiv dafür, wenn Kinder sich vor harmlosen Tieren fürchten, laute Geräusche sie zusammenzucken lassen, wenn sie ohne scheinbaren Grund anfangen zu weinen oder von einem Tag auf den anderen zu stottern beginnen.

Eltern und auch Erzieher stehen solchen Fällen sehr besorgt und vor allem ratlos gegenüber. Selten oder gar nicht haben sie von primären Angststörungen wie Agoraphobie, Sozialphobie, Paniksyndrom oder generalisierter Angststörung gehört.

Eltern und Pädagogen haben in den seltensten Fällen Kenntnis darüber, dass es sich hierbei um ernstzunehmende Krankheiten handelt. Auch wissen sie nicht, wie man sie diagnostizieren kann um sie erfolgreich zu behandeln. Demnach besteht Aufklärungsbedarf grundlegender Fragestellungen und Kenntnisse im Bereich des Themas Angst bei Kindern (KRÜGER, in: ZIMMER 2004, S.156).

Die Wissenschaft und Forschung hat dieses Thema und das Problem der Angstbewältigung im Sportförderunterricht nur ungenügend diskutiert und beleuchtet. Deshalb ist geeignete Fachliteratur bisher nur mangelhaft vorhanden.

Aus diesem Grund ist die zentrale Frage dieser Arbeit: Welche Möglichkeiten stellt speziell der Sportförderunterricht zur Verfügung, um Angst bei Schülern abzubauen?

Im ersten Kapitel werden grundlegende theoretische Kenntnisse vermittelt. Der Leser erfährt Wissenswertes über das Thema Angst und seine Formen. Die Angst vor dem Hintergrund der Klinischen Psychologie wird näher durchleuchtet. Speziell die generalisierte Angststörung ist Bestandteil dieses Abschnittes.

Anschließend beschäftigt sich der Autor insbesondere mit den Angststörungen im Kindesalter. Ursachen und Verlauf dieser werden ergründet. Dieser Teil soll zum besseren Verständnis des Angstproblems bei Kindern beitragen. Hierzu gehört sowohl der Erwerb von Sachkompetenz über die Auslöser und Arten der Kinder- und Schülerängste als auch deren Äußerungsformen und Erkennungsmerkmale. Außerdem werden erste Aussichten auf allgemeine Interventionsmöglichkeiten bezüglich der Kinderängste gegeben. Der Verfasser benutzt hier Beispiele, die bewusst fiktiv gewählt wurden, um die Alltäglichkeit zu veranschaulichen und weil er der Meinung ist, dass sich „Geschichten“ aus dem Allgemeinen besser herausheben. Das Praktische und das Theoretische sollten sich ergänzen und einander weitertreiben.

Nachfolgendes Kapitel stellt vergleichend Sport- und Sportförderunterricht dar. Dabei war es dem Autor wichtig, die Angst der Schüler innerhalb der Institution Schule und speziell im Sportförderunterricht zu betrachten. Das Kapitel geht auf Kontroversen hinsichtlich des Sport- und des Sportförderunterrichtes ein und stellt die Lehrerpersönlichkeit als anregendes, begleitendes und förderndes Organ in den Mittelpunkt des Interesses. Es wird auf Vorteile beider Formen eingegangen und Argumente dargelegt, wie diese gewinnbringend und schülerorientiert genutzt werden können.

Der vierte Abschnitt befasst sich konkret mit dem Sportförderunterricht und den spezifischen Methoden zum Angstabbau bei Schülern. Es werden Gründe, die für ein zusätzliches Sportangebot an der Schule sprechen, genannt. Daraus ergeben sich Gründe, inwieweit ein Sportförderunterricht als Kriterium zur Minderung der Angst in den Schulsport integriert werden kann.

Die Arbeit endet mit einer abschließenden Diskussion bezüglich der Notwendigkeit des Sportförderunterrichts.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Angst

Angst oder angstähnliche Symptome gehören mittlerweile bei einer großen Anzahl von Krankheiten zum Beschwerdebild vieler Patienten. Manchmal ist ein einziges Symptom auffällig, ein anderes Mal ist dies nur eins unter vielen (vgl.SARTORY 1997, S.3). Die folgenden theoretischen Untersuchungen sollen die weitreichenden Facetten der uns bekannten Angst und der damit verbundenen Störungen deutlich machen.

Sehr oft hört man, dass wir im „Zeitalter der Angst“ leben. Das lässt auf eine „Modeerscheinung“ schließen, die gleichzeitig die Hoffnung in sich birgt, irgendwann wieder aus den Köpfen der Menschen zu verschwinden. Doch so einfach scheint es nicht. Dagegen spricht eine lange Reihe von Schlagwörtern unserer Zeit, die eigentlich untrennbar mit Angst oder Furcht verbunden sind. Leider ist es so, dass sich viele Menschen mit Dingen wie Aggressivität, Arbeitslosigkeit, Gewalt, steigender Kriminalität, mangelnder Altersvorsorge, Umweltverschmutzung, Krieg oder Klimaveränderungen auseinandersetzen müssen. Dies alles sind Tatsachen, mit denen sich Generationen vor uns nicht zwingend beschäftigen mussten.

Sie hatten andere Ängste.

Dennoch scheint es so, dass wir im beginnenden 21.Jahrhundert nicht umhin kommen, solche Sachen außer Acht zu lassen, ferner noch, uns zwingend mit ihnen zu beschäftigen. Die Angst in den Köpfen der Menschen wächst und nimmt sogar so dramatisch zu, dass ein sehr großer Anteil der Bevölkerung in verschiedenem Maße beeinträchtigt wird. Diese Beeinträchtigung bezieht sich eben nicht nur auf physische oder psychische Aspekte, sondern auch auf zwischenmenschliche oder berufliche, also alltägliche Sichtweisen.

Beschreiben wir die Angst nun zunächst als einen Zustand.

Wie ist es nun einem solchen möglich, Menschen in diesem Ausmaß zu beeinflussen, so dass die Lebensqualität entscheidend leidet?

Für eine Erklärung ist es notwendig, den Begriff der Angst genauer zu erläutern.

Untersucht man nun dieses Wort sprachgeschichtlich, fällt auf, das es schon vor tausenden von Jahren das „Einschnürende“ oder „Einengende“ (FAUST 2003, S.13) beschreibt. Angst selbst leitet sich aus dem lateinischen Wort „angustia“ ab, welches auch mit Enge übersetzt wird. Neben der Angst kursieren noch andere Worte wie Ängstlichkeit oder Furcht.

Die Ängstlichkeit ist nicht zwingend ein Zustand, sondern vielmehr ein Merkmal individueller Persönlichkeit, eine Charaktereigenschaft oder ein Wesenszug. Sie verändert sich in der Regel nicht oder kaum und unterscheidet sich somit zur Furcht und zur Angst (ebenda, S.13).

Angst und Furcht als Zustände ähneln sich sehr auf den ersten Blick. Denn auch Furcht ist eine Anspannung. Sie folgt meist auf die Erwartung einer unangenehmen Situation. Die Unterschiede zwischen beiden muss man in den Ursachen und der Dauer der Aufrechterhaltung suchen. Eine Furchtattacke ist die Reaktion auf eine Gefahr, die durchaus bewusst und greifbar ist; die Bedrohung kann benannt werden( RACHMAN 2000, S.9). Es ist also ein spezifischer Reiz vorhanden, auf den emotional und mit objektiver Angepasstheit reagiert wird.

Angstgefühle und Furcht sind emotionale Reaktionen auf viele Situationen des täglichen Lebens. Sie sind ein ständiger Begleiter. Auch wenn das Wort Angst bei vielen Menschen eher negative Assoziationen hervorruft, ist es doch erwiesenermaßen eine nicht fassbare Tatsache, die den Menschen in vielen Situationen überlebensfähig macht (vgl. FAUST 2003, S.9).

Ängste können uns in der Tat helfen, eventuelle Gefahren rechtzeitig zu erkennen und abzuwenden, was man auch mit einem untrüglichen Urgefühl beschreiben kann. Buttollo (1990) hat versucht, dieses Urgefühl im Titel seines Buches lohnend unterzubringen. Er ist der Meinung: „Die Kraft ist eine Macht“. Neben der Bewältigung von Bedrohungen dient sie uns ebenfalls zur Reifung der Persönlichkeit (vgl. MORSCHITZKY 1998). Angst ist weiterhin als biologisches Warnsystem und als eine universelle Erfahrung Teil der menschlichen Existenz. Allerdings nicht nur im humanen Sektor, sondern auch bei Tieren finden wir durchaus Angstzustände, welche als Reaktion auf bestimmte Schlüsselreize und somit als Frühwarnsystem das Überleben sichern. Allgemein kann man von einer evolutionären Bedeutung der Angst sprechen, so Morschitzky.

Furcht und Angst rufen im Menschen, wie auch im Tier eine Aufmerksamkeitssteigerung zur Gefahrenquelle hervor. Gemeint ist eine Aktivierung des kompletten Körpers und diese äußert sich in einer „Notfallreaktion“ oder „Bereitstellungsreaktion“ (MORSCHITZKY 1998, S.2). Weiterhin können sie Reaktionen beschleunigen, was bei Fluchtverhalten oder kampfvorbereitendem Verhalten von großem Vorteil sein kann. Ebenso können sie diese Reaktionen auf zukünftige Ereignisse richten. Hier kommt das Prinzip der Antizipation[1] zum tragen.

Angst, zumindest normale Angst, kann durchaus auch prophylaktisch wirken. Das meint zum Beispiel, dass die Angst vor Schmerz das Kind davor bewahrt, auf die heiße Herdplatte zu fassen. Ein weiteres Beispiel könnte die Angst eines Schülers vor einer Prüfung sein. Denn eben diese Angst sorgt dafür, dass sich der Prüfling entsprechend vorbereitet.

Ängste können sehr gut zu Höchstleistungen anspornen, uns aber auch gleichzeitig lähmen. Nicht nur, aber auch zeigt sich das in lebensbedrohlichen oder existenzeinschränkenden Situationen.

Es gibt in der Tat nicht viele Phänomene, die solche gegensätzlichen Wirkungskreise erzielen wie die Angst. Betrachtet man alleine das Verhaltensmuster eines ängstlichen Menschen, merkt man, dass dieser entweder versucht vor der Gefahr zu fliehen, oder aber er verfällt in eine gegensätzliche Handlung und sucht Bindung zu Mitmenschen. Bei dem Bindungsverhalten ist eine Angstmotivierung ausschlaggebend, welche die Anknüpfung an Gruppenmitglieder verfügt. Sehr oft kann man das in Katastrophenfällen beobachten, wenn Menschen die sich in der gleichen Situation befinden in ein Gemeinschaftsverhalten verfallen und somit aus ihrer Anonymität ausbrechen. Die Menschen werden in diesem Fall vertrauter und durch den Anschluss an andere Gruppenmitglieder auch stärker und selbstbewusster. Bedrohung oder andere angstauslösende Situationen können jedoch auch Gegenteiliges zur Folge haben. Sie rufen sehr oft auch Fluchtverhalten oder in manchen Fällen auch Angriff hervor (vgl. ESSAU 2003, S.16). Dieser Angriff kann verbal sein und in extremen Gegebenheiten auch körperlich. Menschen, die sich diesen Umständen ausgesetzt fühlen, kompensieren sehr oft ihre Angst indem sie sich besonders mutig verhalten. Ihre Furcht ist ihnen hierbei nicht bewusst.

Ist eine Kompensation nun nicht mehr möglich, folgt als dritte Möglichkeit der Konfliktlösung die Flucht. Diese Flucht geht parallel einher mit Vermeidungsverhalten. Menschen, die sich in einer solchen Situation befinden ziehen sich aus dieser durch Fliehen zurück (RACHMAN 2000, S.16).

Man sieht, die Wirkungsweisen der Angst sind weit greifend und facettenreich.

Das trifft ebenso auf die Symptome zu.

Angst ist unbestimmt, unmotivierend, anonym, gegenstandslos, längerfristig und vor allem ohne ausreichende Möglichkeit der Linderung, der Erklärung oder der Bewältigung.

Viele kennen das Gefühl: Man steht vor einer großen Gruppe und muss einen wissenschaftlichen Vortrag halten. Die Beine werden wackelig, der Mund wird trocken, die Stimme verschwimmt und große Versagensängste machen sich breit. Die besten Tipps und Tricks, kurz vorher noch von anderen herangetragen, prallen ab und man fühlt diesen dicken Knoten im Hals. Unter dem weit geläufigen Wort „Lampenfieber“ ist dieses Unbehagen wohl jedem bekannt. Schon Darwin hat 1877 in seinem Buch dieses Gefühl, beziehungsweise die begleitenden Symptome beschrieben. Er bezeichnet das als Furcht: „ Eines der am besten ausgesprochenen Symptome ist das Erzittern aller Muskeln des Körpers; dies zeigt sich häufig zuerst an den Lippen. Aus dieser Ursache und wegen der Trockenheit des Mundes wird die Stimme heiser und unbestimmt oder kann auch gänzlich versagen.“ (DARWIN, 2000 [1872] , S.328 in ROTH/ OPOLKA 2003). Auch beschreibt Darwin, wie es sich äußert, wenn sich Furcht zu einer „Seelenangst des Schreckens“ (DARWIN 1977, S.267) steigert. Es zeigt sich in Herzrasen, Ohnmacht, beschwerlichem Atmen, weit ausgedehnten Nasenflügeln, Pupillenerweiterung oder aber auch in kopfloser Flucht. Allgemein hat Darwin bei seinen Beobachtungen weitaus mehr Symptome einer körperlichen Veränderung festgestellt. Er sagt dazu: „ Wenn die Furcht auf den höchsten Gipfel steigt, dann wird der fürchterliche des Entsetzens gehört. Grosze Schweisztropfen stehen auf der Haut. Alle Muskeln des Körpers werden erschlafft. Das äuszerste Gesunkensein aller Kräfte folgt bald und die Geisteskräfte versagen ihre Thätigkeit.“ (DARWIN 1977, S.268) Im weiteren Verlauf werden noch andere Symptome geschildert, die sich auf die Verdauungsorgane und deren Entleerung beziehen.

Cecilia A.Essau (2003) meint in ihrem Buch, dass sich Angst, auch auf dem Höhepunkt selbiger, in einer Muskelverspannung äußert, gar nicht in einer Erschlaffung. Weiterhin sieht sie körperliche Symptome als Aktivierung des gesamten Stoffwechsels. Der Speichelfluss nimmt ab, die Pupillen weiten sich und die Herzfrequenz steigt. Die Gegensätzlichkeit zu Darwin (1977) ist nur so zu erklären, dass er davon ausgeht, dass der Punkt der höchsten Angst schon überschritten ist und eine Ohnmacht und somit ein Versagen des vegetativen Nervensystems und auch aller wichtigen Körperfunktionen bereits eingesetzt hat. Eine weitere Meinung, die ähnlich der Darwins ist, wäre die von Marks (1993). Auch sie zeigt in Auszügen die unterschiedlichen Angstreaktionen. Marks sagt: „ Starke Angst verursacht unangenehme subjektive Gefühle der Erregung, Herzklopfen, Muskelspannung, Zittern, Schreck- oder Alarmreaktion, ein Gefühl der Trockenheit […] Übelkeit, Verzweiflung, Harn – und Stuhldrang, Gereiztheit und Angriffslust, starkes Verlangen zu weinen […] ohnmächtig zu werden und umzufallen.“ (MORSCHITZKY 1998, S.1) Auch hier sieht man gut, wie eng eigentlich die Spanne zwischen den unterschiedlichsten Emotionen ist, in dem Fall speziell die geschilderte Angriffslust im Vergleich mit dem Drang zu Weinen, aber ebenso die Weite und das unterschiedliche Repertoire der einzelnen Symptome. Ein Angsterleben ist nicht nur eine Emotion, welche sich auf bestimmte Regionen des menschlichen Körpers bezieht, sondern es umfasst gleichzeitig das ganze Individuum. Dabei umgreift sie das Physische und Psychische.

Morschitzky (1998) bezieht sich auf das Drei-Stufen- Modell nach Lang/ Faller (1996), in dem die Angst als ganzheitliches Erleben beschrieben wird. Lang/ Faller differenzieren diesen Zustand in drei Ebenen. Zum einen in den körperlichen Anteil, welcher als Symptome physiologische Aspekte wie Muskelanspannung oder Herzrasen aufnimmt, zum zweiten in den subjektiven Teil, der sich hauptsächlich auf die Gedanken und Gefühle bezieht. Ein dritter Anteil gilt dem Verhalten, der so genannten motorischen Ebene. Sie zeigt zum Beispiel beobachtbare Verhaltensweisen auf, aber auch Reaktionen wie Regungslosigkeit oder Panikverhalten.

Weiterhin ist er der Meinung, dass Angst nicht nur biologisch festgelegt ist, sondern auch kulturell vermittelbar wie verformbar sein kann. Er bringt hier das oft gehörte Beispiel an, dass Männer ja letztendlich seit je her und in jeder Kultur so verstanden werden, das sie keine Angst haben dürfen. Jedenfalls durften sie keine Angstsymptome zeigen. Stellvertretend äußerte sich die Existenz der Angst im Alkoholmissbrauch oder in psychosomatischen Auffälligkeiten. Die Frauen hingegen prägten sehr lange das Bild des eigentlich schwachen Geschlechts. Zumindest verlangte das der gebräuchliche Rollenstereotyp, so Morschitzky.

Das zeigt die Vorstellung der Angst und auch gleichzeitig die Verteilung und Tabuisierung dieses Themas in der Vergangenheit.

Im Folgenden konnten sehr oft Ängste als Massenphänomene beobachtet werden. Diese traten besonders in geschlossenen Gesellschaften auf und zeigten, dass Angst buchstäblich ansteckend sein kann. Marks (1993) konnte beobachten, dass Menschen mit akuten Angstleiden sowie emotionaler Instabilität sehr oft Angst verbreiten. Der Kontakt mit diesen Menschen kann zu einer Ansteckung bei einer Person, die vorher angstfrei war, führen. Einige der schon erwähnten Anzeichen lassen sich offenbar in der Tat „erlernen“. Dieses geschieht oft durch ganz allgemeine Kommunikation, aber auch alleine durch die Macht der Vorstellung oder den Effekt der Massenpanik.

Für diese Behauptung gibt es Belege.

Ein typisches Beispiel für die epidemieartige Ausbreitung der körperlichen Angstreaktionen zeigt das Exempel einer britischen Mädchenschule. Marks (1993) beschreibt, dass in jeder Klasse zuerst die Mädchen von Symptomen der Angst erfasst wurden, die einen hohen Stellenwert in diesem Verbund hatten. Als diese nun erkrankten, wurde beobachtet, dass sich allgemeine Erschöpfung, Schwindel, Kälteschauer, Kopfschmerzen oder Hitzewallungen verbreitet auffällig wurden. Das Ergebnis war eine Erkrankung von ungefähr zwei Dritteln der in der Schule unterrichteten Mädchen. Immerhin waren das etwa 500 Schülerinnen, von denen auch eine kleinere Anzahl im Krankenhaus behandelt werden mussten.

Ein anderes Beispiel berichtet von einer ähnlichen Situation, bei der sich die Angst jedoch panikähnlich und unvermittelt ausbreitete. Grünn (1995) spricht von einem Vorfall, welcher sich in einem kalifornischen Stadion ereignete. In diesem Fall teilte der Stadionsprecher über Lautsprecher mit, dass er davor warne, Getränkedosen aus einem bestimmten Automaten zu ziehen, da diese verdorben seien. Bereits vier Personen litten unter Erbrechen. In Folge dessen erbrachen sehr viele der Stadionbesucher und klagten über Übelkeit. 191 Menschen wurden mit Verdacht auf eine Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus gebracht. Eine anschließende Laboruntersuchung brachte kein negatives Ergebnis.

Aus der Vergangenheit sind regelrechte Angstepidemien überliefert. Hauptsächlich wurden die Menschen zu dieser Zeit von Ängsten vor der Hölle, Verdammnis, Weltuntergang oder Teufel geplagt. In der folgenden Zeit, und ganz besonders in den Kriegsjahren im 20.Jahrhundert klagten viele Soldaten über Beklemmungen und Furcht. Jedoch hatte das den trivialen Hintergrund, eventuell eine Freistellung vom Kriegsdienst zu erhalten (MORSCHITZKY 1998).

Anhand dieser Ausführung erkennt man ebenso die vielfältigsten Formen der Angst oder der Furcht. Und man würde ganz sicher noch unzählige andere finden. Jedoch zeigt es auch, dass Angst nicht nur bei lebensbedrohlichen Situationen einen Ansatzpunkt findet, sondern auch in Alltagssituationen verankert ist und uns somit, eigentlich unnötig, das Leben schwer zu machen scheint. Viele Ängste haben auch nicht wirklich eine reelle Grundlage. Sie basieren, so scheint es, auf irrationalen Vorstellungen oder Gedanken, die sich offensichtlich unserem Augenmerk entziehen, trotzdem aber existent sind. So eben auch bei dem geschilderten Beispiel von „Lampenfieber“. Und das ist nun wirklich keine Angst oder auch Ängstlichkeit, die lebensgefährlich ist oder unsere Existenz gefährdet.

Der Umgang mit Angst kann allerdings ganz andere Dimensionen annehmen. Dann ist es gerechtfertigt, von einer realen Angst zu sprechen, welche sich im Gegensatz zu einer nichtrealen Angst durch das Vorhandensein einer lebensbedrohlichen Situation kennzeichnet.

Aus den Nachrichten hören wir ständig von Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen. Und das Tag für Tag. Auch einschneidende Katastrophen, wie zum Beispiel der 11.September 2001, als ein Terroranschlag die Welt veränderte, prägten unsere Befürchtungen. Solche Dinge machen vor der zivilisierten Welt nicht Halt und schüren Ängste in so vielen Menschen mehr als zuvor, die sich jetzt wirklich um ihr Leben ängstigen. Die Lebensfreude wird in einem besonderen Maße immens eingeschränkt. Es gibt kaum ein Gegenmittel oder eine Entspannungsübung, welche den Menschen in dieser Situation die Todesangst nehmen können.

Weitere Angstzustände sind als primäre Ängste beim Menschen vorhanden. Es ist erwiesen, dass Menschen auf bestimmte „Naturphänomene“ intensiver mit Angst reagieren. Zum Beispiel ist mit einem verstärkten Schutzbedürfnis während eines Gewitters oder bei einbrechender Dunkelheit zu rechnen. Ebenso verhält es sich bei großen Höhen. Doch auch hier gibt es unter den Menschen Sonderfälle.

Eine Gruppe dieser Ausnahmen sind die so genannten „Extremsportler“. Sie haben durchaus Angst. Jedoch beflügelt von dem Gefühl, die natürliche Angst überwinden zu können um positive Folgen, ganz neue Lebensumstände oder einfach nur Grenzüberwindung spüren zu können, begeben sie sich bewusst in Gefahr, auch in Lebensgefahr. Tatsächlich ist es möglich von einer direkten „Lust an der Angst“ zu sprechen (MORSCHITZKY 1998, S.10). In diesem Fall ist sie kein unangenehmes oder unerwünschtes Gefühl. Vielmehr könnte man diese Art der Furchtsamkeit als „lustvolle Anspannung des Körpers“ beschreiben. Viele dieser Menschen sehen eine Lösung der bewusst gesuchten Spannung als ein befreiendes Element. Ihnen macht es Spaß, mit dem Maximum an Sicherheit den Nervenkitzel zu suchen und gleichzeitig zu wissen, dass dieser „Kick“ letztendlich doch gut ausgeht. Dies ist genau auch das Prinzip, welches die Grundlage für Filme, Spiele oder Bücher ist. Und Ansätze sind schon in Medien zu finden, welche für Kinder und Kleinstkinder angelegt sind, nämlich den Märchen. Die Kinder fürchten sich gerne, weil sie wissen, dass diese Sache ein glückliches Ende nimmt.

Als grotesk stellt sich dennoch heraus, dass das eigentliche angstauslösende Element, in dem Fall das Risiko oder Wagnis, gleichzeitig auch eine hervorragendes Mittel gegen die Angst vor der Angst sein kann. Diese kann verharmlost werden und durch die Annahme, man könne Gefahrensituationen kontrollieren, verliert sie ganz ihren Schrecken.

Man sieht also, manche Ängste scheinen durchaus nützlich, andere eher völlig übertrieben oder sinnlos.

In der Praxis empfiehlt es sich, zwischen Angst und Furcht generell zu unterscheiden. Eine weitere Differenzierung muss hinsichtlich der Phobie, welche als Angst auf einen bestimmten Gegenstand, ein Tier oder eine Situation gerichtet ist, und den grundlegenden Ängsten gemacht werden. Zu den grundlegenden Ängsten zählt man Verlust- oder Existenzängste. Doch diese und andere Angststörungen werden Thema des nächsten Kapitels sein und dort genauer durchleuchtet.

Sehr oft trifft man auf Beispiele wie Arachnophobie oder Ophidiophobie (MORSCHITZKY 1998, S.65). Bei beiden Arten der Furcht kommen Tiere vor, in den Fällen Spinnen und Schlangen. Furchtreaktionen auf diese Tiere treten phasenweise auf und verschwinden wieder, sobald die Gefahr nicht mehr besteht. Der Mensch erkennt die Gefahr und sucht Wege zur Abwehr. Diese kann, wie schon erwähnt, durch Vermeiden, Flucht aber auch durch Widerstand erfolgen.

Weiterhin ist zu den Gefahrenquellen zu sagen, dass die Furcht hierbei entweder rational oder irrational sein kann. Das heißt, die Gefahrenquelle kann als richtig und falsch erkannt werden. Es gibt aber auch den Fall, dass die Gefahr richtig erkannt, aber falsch bewertet wird. Dieser Kasus macht sie dann zu einer irrationalen Furcht und im weiteren Verlauf zu einer Phobie (FAUST 2003, S.22).

Neben den Quellen einer Gefahr als ausschlaggebende Instanz stehen noch andere Faktoren, die eine Unterscheidung zulassen. So kann man offensichtlich gegen die Furcht vor etwas intervenierend einschreiten. Gegen Ängste, die gegen nichts gerichtet sind und auch kaum nach außen hin Nährboden scheinen zu haben, ist nur schwerlich etwas auszurichten. Dieser Fakt ist der Richtungsweisende (vgl. RACHMAN 2000, S.37).

Eine Trennung zwischen realer und nichtrealer Angst ist also recht schwer und oft nicht eindeutig. Es gibt dennoch Ängste, die als krankmachend anzusehen sind. Das sind Formen, welche unbewusst wahrgenommen werden und das Leben der Patienten beeinflussen. Es ist auffällig, dass Menschen, die unter Angststörungen leiden nicht über die Zusammenhänge bescheid wissen. Weiterhin vermeiden sie Situationen, in denen die Angst bisher aufgetreten ist. Angst weitet sich aus und neigt dazu, sich zu generalisieren. Unbewusst bewirkt Angst einen Rückzug aus dem Leben und ist nur noch durch psychotherapeutische Behandlung abwendbar.

2.2 Angststörungen

Die schon erwähnte Ängstlichkeit, sowie die Furcht sind alltägliche Gefühle, die es dem Menschen in vielen Situationen erlauben, überlebensfähig zu sein.

Es gibt die lebensnahe Angst, die im Vorfeld als lebenserhaltend eingestuft wurde und als Warn- oder Alarmsignal verstanden wird. Ein zweiter Ansatzpunkt in Sachen Angst ist die krankhafte Angst. Diese Ängste werden als klinisch auffällig betrachtet und sind somit Teil dieses Kapitels.

Die Angstsymptome, in Form von körperlichen Begleiterscheinungen, welche aus Gefühlen der Bedrohung resultieren, wurden bereits erwähnt und behandelt. Jedoch muss man sich nun auch darauf konzentrieren, die wirklichen Unterschiede zwischen einer Angst oder einer Depression von den normalen emotionalen Gefühlschwankungen, in dem Fall meint es den täglichen unangenehmen physischen und psychischen Zustand, zu unterscheiden. Eine emotionale Beeinträchtigung nämlich, wie sie im alltäglichen Leben vorkommt, ist in keiner Weise gleichzusetzen mit den Gemütserscheinungen der Angstpatienten. Um diese Unterscheidung zu treffen, ist es elementar, zu wissen, welches die Merkmale einer Angststörung sind.

Eine Angst wird anormal, wenn ihre Dauer und auch die Intensität dem Gefährdungspotential nicht angemessen ist. Sehr oft kann man auch beobachten, dass die betroffene Person keine Möglichkeit hat, sich diese Angst zu erklären. Daraus folgt schließlich, dass eine Verminderung oder gar eine Bewältigung nicht möglich ist und die Angst immer weiter in das Leben des Patienten vordringt und es in seiner Qualität reduziert. Sehr oft tritt die Angst in den harmlosesten Situationen auf, ohne das eine wahrnehmbare Bedrohung zu erkennen ist. In der Folge hält sie sehr lange an und wird somit chronisch.

In dem Fall eines normalen Verlaufs lässt sich eine gesunde Prüfungsangst oder negative Konsequenzen, wie schlechte Leistungen, den Kandidaten entsprechend vorbereiten und führt letztendlich zu einem guten Ergebnis. Im umgekehrten Fall, nämlich bei einer regelrechten Prüfungsphobie ist sehr oft zu beobachten, dass die Prüflinge trotz intensiver Vorbereitung schlechte Ergebnisse erzielen. Diese und andere Auswirkungen beziehen sich auf alle Bereiche des alltäglichen Lebens und machen die Angststörung zu einer behandelbaren Krankheit.

Der Begriff einer Störung, bevorzugt zu einer Krankheit, wird bewusst angewandt weil er kein biologisches Erklärungsmodell einbezieht (MORSCHITZKY 1998, S.17). Die Angststörungen gehören zur großen Gruppe der psychischen Störungen. Eine weitere Unterscheidung innerhalb dieser Hauptkategorie ist vorzunehmen in:

- psychiophysiologische
- affektive
- substanzinduzierte
- sexuelle Störungen,
- Persönlichkeitsstörungen
- Essstörungen und
- Schizophrenie

Angststörungen sind sehr intensive und irrationale Formen der Angst.

Sie werden unterschieden in:

- Panikstörungen
- Agoraphobie
- Phobien
- Generalisierte Angststörung
- Zwangsstörung und
- posttraumatische Belastungsstörung.

Im Verlauf der genaueren Betrachtung stellt sich heraus, dass auch Mischformen existieren, die der Verfasser jedoch bewusst außen vor lässt. Andere Literatur schließt Agoraphobie ganz aus und setzt diese in die Kategorie der Phobien (Vgl. DAVISON / NEALE 2002, S.148). Wiederum andere machen eine neue Gruppe auf, welche dann Soziale Angst benannt wird (Vgl. RACHMAN 2000, S.159). Der Autor beschränkt sich auf die eindeutig definierbaren Angststörungen, welche ganz klar die größte Gruppe darstellt und in jeder Literatur vorkommt. Dabei untersucht er die generalisierte Angststörung bewusst in einem eigenen Kapitel.

Um eine Störung eindeutig definieren zu können, ist es möglich Diagnosefragen zu stellen. Die Beantwortung lässt dann Rückschlüsse auf das Vorliegen jeweiliger Störungsbereiche zu. Diese Fragen sind nur als Einstieg zu verstehen und Erleichtern eine Diagnose. Der Wortlaut dieser Fragen wurde sehr sorgfältig ausgewählt, kann aber keine strukturierte Befragung ersetzen (FIEGENBAUM/ BRENGELMANN 1989, S.8).

Stellt man nun dem Patienten zum Beispiel die Frage: „Leiden sie manchmal an sehr plötzlichen und unerwarteten Angstanfällen, ohne das sie wirklich in Gefahr sind?“ und kann er diese mit „Ja“ beantworten, ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Paniksyndrom vorliegt. Das kann sich in einer Panikattacke äußern.

Eine Panikattacke ist ein abgrenzbarer Zeitabschnitt, der gekennzeichnet ist durch das Erleben intensiver Angst, einhergehend mit starken Unwohlsein. Huber (1992) beschreibt Panik als „[…] das Resultat einer pathologisch erniedrigten Schwelle zur Auslösung angeborener Alarmreaktionen […]“. Das heißt also, Panik bedeutet eine Überempfindlichkeit des Alarmsystems des menschlichen Körpers. Biologisch ist es so zu erklären, dass das entsprechende Kontrollsystem fälschlicherweise einen Mangel an Atemluft meldet (RACHMAN 2000, S.133).

Panik ergreift den Patienten sehr oft unerwartet, „wie aus heiterem Himmel“.

Die Ursachen sind nicht immer klar definierbar, haben jedoch den subjektiv erlebten lebensbedrohlichen Charakter. Körperlich zeigt sich eine Panikattacke durch zum Beispiel Herzrasen, Schwitzen, Schwindel, Beklemmungsgefühle oder Hitzewallungen. Diese am Anfang einer Attacke stehenden Merkmale steigern sich sehr schnell bis zu ihrem Höhepunkt und sind ebenso schnell wieder vorbei. Sie variieren zeitlich in der Regel zwischen einigen Minuten und einer halben Stunde. Morschitzky (1998) beschreibt den Zeitraum, welcher zwischen diesen Vorfällen liegt als angstfrei. Es ist eine gewisse Erwartungshaltung gegeben und Patienten rechnen somit ständig mit einer erneuten Heimsuchung. Häufigkeit, Schwere und Verlauf der Panikstörung können differenzieren.

Sehr oft kommt die erste Attacke unerwartet. Gründe hierfür können erhöhter Stress, Überbelastung oder chronische Konflikte sein.

Der Tod eines geliebten Menschen oder eigene schwerwiegende Erkrankung können ebenso eine Rolle spielen. Infolge dessen achten Patienten mehr auf ihren Körper und seine Erscheinungsformen. Sie gehen übermäßig vorsichtig mit ihm um. Betroffene Menschen wenden sich an Verwandte oder Freunde, um eine Rückkopplung zu erhalten, dass mit ihnen wirklich alles in Ordnung ist. Damit geht ein extremes Sicherheitsbedürfnis einher, welches die Bereitschaft, Risiken einzugehen, deutlich mindert.

Patienten haben Angst, an der Schwelle zum „Verrücktsein“ zu stehen oder die Kontrolle zu verlieren (FIEGENBAUM/ BRENGELMANN 1989, S.16). Letzteres meint neben dem eigenen physischen Kontrollverlust auch den Verlust der Persönlichkeit. Gemeint ist die Sicht der anderen auf die eigene Person. Es führt sehr häufig zum negativen eigenen Erleben des Sozialverhaltens. Dieses kann folgenschwere Veränderungen des Auftretens hervorrufen, zum Beispiel wenn Arbeitsplätze aus diesen Gründen gekündigt werden oder sich Konstellationen im familiären Bereich ändern. Weitere Folgen können Alkohol- und Drogenmissbrauch sein.

Eine Diagnose sollte rechtzeitig und schnell gestellt werden. Man kann oft beobachten, dass unter den geschilderten Symptomen leidende Menschen zuerst den Hausarzt aufsuchen, da die Merkmale physischer Natur zu sein scheinen. Nach gründlicher Untersuchung können organische Ursachen ausgeschlossen werden. Eine folgende richtige Diagnose gibt den Patienten die Gewissheit, nicht an einer unbekannten Krankheit zu leiden, sondern sie gibt dem Ganzen einen Namen. Gegenteiliges Verhalten führt zu einer Verschlechterung.

Mögliche Therapieformen sind:

- Konfrontationsmethoden
- Angstbewältigungstraining oder
- kognitive Restrukturierung (SARTORY 1997, S. 103).

Letztere meint nichts Anderes, als das hierbei logische oder rational erklärbare Gründe gefunden werden, welche die körperlichen Veränderungen in diesem Maße hervorrufen. Diese Möglichkeit lässt einen weiten Interpretationsrahmen offen und die Patienten erhalten die Möglichkeit des Testens dieser verschiedenen Möglichkeiten. Bei dieser Maßnahme spielt das Entkatastrophieren eine wichtige Rolle.

Um wieder an den Definitionsversuch von Huber (1992) anzuschließen, kann nur eine Behandlung dieser Störung im Heben eben dieser Schwelle bestehen. Daraus folgt eine zweite Möglichkeit der Behandlung.

Die medikamentöse Behandlung geschieht mit Antidepressiva. Eine Wertung über entsprechende Verträglichkeit kann nur soweit abgegeben werden, als das ebenso nachgewiesen ist, dass bei der Linderung durch Medikamente zwar eine rasche Symptomabnahme gewährleistet ist, jedoch eine hohe Rückfallquote besteht (BARLOW 1988 und HAND 1989 in HUBER 1992).

Gleich im Anschluss an die Panikstörung sollte die Agoraphobie genannt werden, welche nicht zu verwechseln ist mit der Klaustrophobie, die die Angst vor geschlossenen Räumen benennt. Die Gegenüberstellung mit dieser gegensätzlichen Form wird als veraltet angesehen. „ Vermeiden sie bestimmte alltägliche Orte oder Situationen aus Furcht vor Angstanfällen?“ ist hier als Diagnosefrage durchaus angebracht.

Das Interessante an der Agoraphobie ist, dass sie alleine als Hauptgruppe stehen kann, oder aber eben mit der Panik vermischt auftritt. Das im Vorfeld genannte Vermeidungsverhalten, welches aus der Panikstörung resultiert, ebenso die Entwicklung von Erwartungsängsten sind neben Symptomen der Panik auch Symptome der Agoraphobie. Wird also eine Vermeidungsreaktion generalisiert[2], ist es sehr wahrscheinlich, dass sich daraus eine Panikstörung mit einer Agoraphobie entwickelt. Tritt Agoraphobie ohne diagnostizierbare Anzeichen einer Panik auf, hat der Betroffene zwar Paniksymptome, aber keine Attacken (vgl.HUBER 1992, S.73)

Bei einer reinen Agoraphobie handelt es sich um eine Gruppe der Ängste, welche bei weiten Plätzen oder in Situationen ohne Fluchtmöglichkeiten auftreten. Als Beispiele können öffentliche Verkehrsmittel, Treffen mit anderen Menschen oder auch Aufenthalt im Freien genannt werden, allgemein auch das Entfernen von sicheren Orten (SARTORY 1997, S.73).

Im Griechischen heißt „agora“ auch Marktplatz (DAVISON / NEALE 2002, S.164). Wie man aus der Erklärung schon schließen kann, haben Betroffene vor großen Menschenansammlungen Angst. Viele trauen sich auch nicht, eine größere Reise anzutreten oder gar das Haus zum Einkaufen zu verlassen. Viele dieser Menschen meiden Situationen, in denen eine Panikattacke, die nicht immer auszuschließen ist, peinliche Folgen hätte.

Unter Agoraphobie leiden heißt aber auch Angst vor der Angst zu haben. Damit wird das Vermeidungsverhalten noch deutlicher dargestellt. Das meint im Grunde, dass nicht die Angst vor einem offenen Platz im Vordergrund steht, sondern eben die Angst vor einer Panikattacke. Gründe hierfür sind ähnlich denen der Panikattacken anzusiedeln. Es herrscht hier eine Überempfindlichkeit des Alarmsystems vor.

Was folgt ist meist ein Teufelskreis, welcher aus Furcht und der Angst vor einer erneuten Panikattacke besteht. Doch nicht nur das. Eine nichtbewältigte Agoraphobie wird nur allzu schnell zu einer Depression, die nun wieder die Phobie verstärkt. Ein eindeutig chronischer Verlauf zeichnet sich ab.

Viele Agoraphobiker können deshalb nicht auf ihre „Hilfsmittel“ verzichten und tragen deshalb zum Beispiel ein Handy, eine Wasserflasche oder in bestimmten Situationen auch Regenschirme oder Fahrräder bei beziehungsweise an sich. Auch die Nähe zu einem Krankenhaus oder ein Hund an der Leine kann ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Wirkungsvoll aber ebenso gefährlich ist das Mitführen von Medikamenten, die auch in oft zu großen Dosen eingenommen werden (MORSCHITZKY 1998, S.28).

Ebenso wie bei Panikstörungen werden Agoraphobiker über einen längeren Zeitraum mit Stress belastet oder traumatischen Situationen ausgesetzt, welche sich im weiteren Verlauf dahin gehend auswirken, dass das schon erwähnte, verstärkte Vermeidungsverhalten einsetzt.

Durch einen schwerwiegenden Unfall, der vielleicht auch noch durch eine Stresssituation entstanden ist, kann sich das Verhalten der betroffenen Person soweit ändern, das das Fahren eines Autos gar unterlassen und öffentlichen Verkehrsmitteln der Vorrang geboten wird.

Therapiemöglichkeiten umfassen die schon erwähnten. Hinzu kommen:

- eine schrittweise Desensibilisierung, wobei Attribute der Angst dargereicht werden,
- ein Entspannungstraining,
- ein Verhaltenstraining nach Ellis (1977),
- Bewusstmachen der Reize, welche die Panik auslösen
(DAVISON/ NEALE 2002, S.168) und
- medikamentöse Therapieformen.

Eine weitere auf Vermeidungsverhalten basierende Störung ist die Phobie. Der Name Phobie ist vom griechischen Gott „Phobos“ abgeleitet. Von diesem sagt man, dass er seinen Feinden in sehr starkem Maße Angst machen konnte. Viele Bezeichnungen für die verschiedensten Arten von Phobien leiten sich aus dem Griechischen ab. Am Bekanntesten ist wohl die Klaustrophobie oder die Phobophobie, die als Angst vor der Angst vermittelt wird (MORSCHITZKY 1998, S.65).

[...]


[1] Erwartung oder gedankliche Vorwegnahme eines Geschehnisses oder einer Entwicklung (d.V.)

[2] auf ein ganzes System bezogen, vgl. auch Drei- Stufen- Modell nach LANG & FALLER (1996) (d.V.)

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Die Möglichkeiten des Sportförderunterrichts zum Angstabbau bei Schülern mit generalisierten Angststörungen
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
86
Katalognummer
V68153
ISBN (eBook)
9783638594202
Dateigröße
1009 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Möglichkeiten, Sportförderunterrichts, Angstabbau, Schülern, Angststörungen
Arbeit zitieren
André Jucht (Autor), 2006, Die Möglichkeiten des Sportförderunterrichts zum Angstabbau bei Schülern mit generalisierten Angststörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68153

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