Im 7. und Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr. befand sich die Bürgergemeinschaft der pólis Athen in einer schweren inneren Krise. Die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten über ihre wirtschaftliche Notlage führte zu Aufruhr (stásis) und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Der Athener Solon (ca. 640-560 v.Chr.) soll seinen Mitbürgern geholfen haben, diese Krise zu überwinden und galt besonders im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. als großer Reformer und "Gesetzgeber" (nomothétes). Sein Reformwerk umfaßte neben der sogenannten "Lastenabschüttelung" (seisáchtheia) auch die schriftliche Fixierung von Rechtssatzungen (thesmoí); diese Maßnahme wird von den antiken Quellen und der modernen Forschung als nomothesía bezeichnet. Die Solonischen thesmoí behandeln eine Vielzahl von Bereichen des antiken Straf- und Familienrechts sowie des öffentlichen Rechts. Daneben wird Solon von den Quellen auch eine Münz-, Maß- und Gewichtsreform und die Ordnung der Bürgerschaft nach Klassen (téle) zugesprochen; beides dürften Bestandteile seiner nomothesía gewesen sein.
Da Solon von der Geschichtsschreibung des 4. Jahrhunderts v. Chr. häufig als volksfreundlicher Begründer einer demokratischen pátrios politeía charakterisiert wird, soll in der vorliegenden Arbeit erörtert werden, inwieweit er auch das politisch-institutionelle System der sich noch in der Konsolidierungsphase befindenden pólis Athen neu konstituierte. Reformierte er die überkommene politische Ordnung oder sanktionierte er sie nachträglich? Ausgehend von einer Untersuchung der zugehörigen Überlieferung soll geklärt werden, inwieweit der dem Solon von Clemens von Alexandrien zugesprochene Sinnspruch Medén ágan - "Nichts zu sehr" tatsächlich als Charakteristikum seines Reformwerkes gelten kann. Verteilte er die politische Macht neu oder veränderte Solon "nichts zu sehr"? Wie wirkte sich die politische Reform auf die Teilhabe der einzelnen Bevölkerungsschichten an der pólis aus und welchen Beitrag leistete Solon für die Entwicklung Athens zum demokratischen Bürgerstaat?
Inhaltsverzeichnis
A. EINLEITUNG
B. VORBETRACHTUNGEN
I. Die soziale Krise um 600 v.Chr.
1. Die Ursachen
2. Die Erscheinungsformen
II. Die kurzfristige Lösung der sozialen Krise durch die seisáchtheia
III. Die langfristige Lösung durch die nomothesía
IV. Die institutionsrechtlichen Bestimmungen in der Solonischen nomothesía
C. DIE EINTEILUNG DER BÜRGERSCHAFT IN KLASSEN
I. Zur Bedeutung der Klassenbezeichnungen
II. Bürger ohne Grundbesitz
1. Die Äquivalente in den Quellen und die metrologische Reform Solons
2. Zur Glaubwürdigkeit der Ernteerträge in der Athenaíon politeía
III. Der Zweck der Solonischen Bürgerordnung
IV. Zwischenergebnis: Besitz statt Herkunft
D. DIE PENTAKOSIOMÉDIMNOI UND DIE IHNEN ZUKOMMENDEN FUNKTIONEN
I. Das Archontat
1. Zur Historizität des Wahl-Los-Verfahrens
2. Die Wahl der Archonten
3. Die Kompetenzen der neun Archonten
4. Amtsgewalt und Machtpotential der Archontate
II. Der Areopag
III. Zwischenergebnis: Tradition statt Innovation
E. DIE INSTITUTIONEN DER BÜRGERSCHAFT UND DIE POLITISCHE TEILHABE DER HIPPEÎS, ZEUGÎTAI UND THÊTES
I. Der Rat der Vierhundert (boulé)
1. Zur Frage der Historizität
a. Die Quellenlage
b. Die möglichen Kompetenzen und Funktionen des Rates
2. Die Mitglieder und die politische Bedeutung des Gremiums
II. Die Volksversammlung (ekklesía)
III. Das Volksgericht (heliaía)
1. Berufungsgericht oder Gericht erster Instanz?
2. Zur Identität von helaía und ekklesía
IV. Zwischenergebnis: Die Demokratie auf den Weg gebracht?
F. RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wirken des Athener Reformers Solon um 600 v.Chr., mit dem Ziel zu klären, inwieweit er das politisch-institutionelle System Athens neu konstituierte oder lediglich die bestehende Ordnung sanktionierte. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob Solons Reformen als rein restitutiv einzustufen sind oder ob sie tatsächliche, innovative Impulse zur Entstehung des demokratischen Bürgerstaats gaben.
- Soziale und wirtschaftliche Krisenursachen im archaischen Athen
- Die Funktion der Solonischen Lastenabschüttelung (seisáchtheia)
- Die Bedeutung der Klassenordnung (téle) für die politische Teilhabe
- Die Analyse der institutionellen Reformen (Archontat, Areopag, Rat der Vierhundert, Volksversammlung, Volksgericht)
- Kritische Quellenanalyse zur Darstellung Solons in der antiken Historiographie
Auszug aus dem Buch
1. Die Ursachen
Im 7. Jahrhundert befand sich Athen in einer schweren Krise, welche die Gemeinschaft bedrohte. Kontrovers diskutiert die Forschung sowohl die Faktoren, die diese Krise bedingten, als auch die Formen, in denen sie sich innerhalb der archaischen pólis äußerte. Auch wann sie ausbrach, ist nicht eindeutig festzustellen. Aristoteles ordnet ihr Erscheinen zeitlich nach dem Versuch Kylons, eine Tyrannis zu errichten (ca. 632), dem anschließenden Gerichtsverfahren gegen die Alkmeoniden und nach der Entsühnung der Stadt durch Epimenides ein. Athen muß sich schon einige Jahre in dieser Situation befunden haben, als Drakon seine Gesetzgebung anstrengte (ca. 621/20); der Putschversuch Kylons kann als das früheste Anzeichen einer politischen „Unordnung“ gewertet werden. Ihren Höhepunkt erreichte die tumultuarische Lage nicht lange vor Solons Berufung zum diallaktés.
Obwohl Aristoteles und Plutarch Auskunft über die Zustände und Auswirkungen der Situation in der pólis geben, sagen sie nichts über die Ursachen. Mit Hilfe der Solonischen Gedichte wird jedoch rekonstruierbar, welche Umstände die pólis in diese Krise brachten. Dem sogenannten „Eunomiagedicht“, das Solon vor seiner Berufung öffentlich rezitiert haben muß, sind folgende Worte zu entnehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. EINLEITUNG: Hinführung zur Fragestellung, inwieweit Solon das politisch-institutionelle System Athens neu gestaltete und ob er als "restitutiver" oder "innovativer" Reformer zu bewerten ist.
B. VORBETRACHTUNGEN: Untersuchung der sozialen und wirtschaftlichen Ursachen der Krise, der seisáchtheia sowie der schriftlich fixierten Rechtssatzungen als Mittel zur Stabilisierung.
C. DIE EINTEILUNG DER BÜRGERSCHAFT IN KLASSEN: Analyse der vier Solonischen Klassen hinsichtlich ihrer Bedeutung, der Rolle des Besitzes und der Frage, ob sie eine tatsächliche Zensus-Ordnung darstellten.
D. DIE PENTAKOSIOMÉDIMNOI UND DIE IHNEN ZUKOMMENDEN FUNKTIONEN: Untersuchung der exklusiven politischen Rolle der ersten Klasse, insbesondere im Archontat und Areopag, und der Frage nach politischer Kontinuität.
E. DIE INSTITUTIONEN DER BÜRGERSCHAFT UND DIE POLITISCHE TEILHABE DER HIPPEÎS, ZEUGÎTAI UND THÊTES: Detaillierte Analyse von Rat der Vierhundert, Volksversammlung und Volksgericht hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und der Teilhabemöglichkeiten der unteren Klassen.
F. RESÜMEE: Abschließende Einordnung Solons als "Mann der Mitte", der zwar Institutionen schuf, aber das aristokratische Monopol auf hohe Ämter beibehielt, ohne die sozialen Stasiskämpfe dauerhaft lösen zu können.
Schlüsselwörter
Solon, Athen, Archaische Zeit, Polis, Nomothesia, Seisachtheia, Klassenordnung, Bürgerstaat, Demokratie, Archontat, Areopag, Rat der Vierhundert, Volksversammlung, Volksgericht, Stasis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die institutionellen Reformen des Solon in Athen und untersucht, ob diese als Begründung einer Demokratie zu verstehen sind oder eher eine konservative Restauration darstellten.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die soziale Krise Athens, die Lastenabschüttelung, die Einführung der Zensusklassen und die Analyse der verschiedenen politischen Institutionen wie Archontat, Rat und Volksgericht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu erörtern, ob Solon durch seine Gesetzgebung das politisch-institutionelle System der Polis Athen neu konstituierte oder ob er die überkommene Machtstruktur nachträglich sanktionierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine quellenkritische Analyse, bei der antike Zeugnisse (besonders Solons Gedichte und Aristoteles’ "Athenaion politeia") unter Einbeziehung der modernen Fachliteratur auf ihren historischen Gehalt und etwaige Anachronismen geprüft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Klassenordnung, die Privilegien der Pentakosiomedimnoi, die Funktionen der Kollektivgremien für die breitere Bürgerschaft sowie eine detaillierte Prüfung der antiken Quellenlage zu diesen Themen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Solon, Polis, Nomothesia, Seisachtheia, Klassenordnung, Bürgerstaat, Demokratie und die spezifischen Institutionen wie Areopag, Rat und Volksversammlung.
Wird die Existenz des Rates der Vierhundert als bewiesen angesehen?
Die Arbeit bleibt hier kritisch und betont, dass die Errichtung einer zweiten boulé durch Solon in der Forschung umstritten ist und möglicherweise eine spätere, anachronistische Rückprojektion darstellt.
Welche Rolle spielte das Volksgericht (heliaía)?
Die heliaía wird als ein bedeutender Schritt zur Übertragung richterlicher Kompetenzen auf das Volk gewertet, wobei die Arbeit einschränkt, dass sie im 6. Jahrhundert noch nicht als voll entwickeltes Berufungsgericht der klassischen Zeit zu verstehen ist.
Warum konnte Solon die Stasiskämpfe nicht beenden?
Die Arbeit argumentiert, dass Solons Reformen das aristokratische Monopol auf hohe Ämter im Wesentlichen unangetastet ließen und das politische System nicht genügend konsolidiert war, um den Machtstreben der rivalisierenden Adelsfamilien wirksam entgegenzuwirken.
- Citar trabajo
- Magistra Artium Silvia Bielert (Autor), 2006, "Nichts zu sehr"? Die Institutionen der Polis Athen in der Solonischen Nomothesie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68154