Die Niederlande und der Holocaust


Hausarbeit, 2006

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung „Verfolgung“
2.1. Kann man den Holocaust mit Terrorismus gleichsetzen?

3. Vorbedingungen für den Holocaust

4. Die Situation der Niederlande in der NS-Besatzungszeit

5. Endlösung der europäischen Judenfrage in den Niederlanden
5.1. Judenverfolgung und „Arisierung“
5.2. Der „Joodse Coördinatiecommissie“ und der „Joodse Raad“
5.3. Deportation

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Betrachtet man den Holocaust in Europa während des Zweiten Weltkrieges, ist es nahezu unglaublich wie viele Menschen durch Deportationen und Massenvernichtungen ums Leben gekommen sind. Hierbei stellt sich die Frage wie es möglich war, in so vielen verschiedenen Ländern, so viele Menschen in so kurzer Zeit zu vernichten. Ebenfalls stellt sich die Frage, ob die Deutschen dies alleine geschafft haben oder ob sie vielleicht Unterstützung aus den einzelnen Ländern bekommen haben. Auf diese Fragen möchte ich am Beispiel der Niederlande während der NS-Besatzungszeit näher eingehen und versuchen eine Antwort zu finden.

2. Begriffsklärung „Verfolgung“

Bevor ich jedoch mit meiner Ausarbeitung beginne, möchte ich den Begriff der Verfolgung klären. Dabei handelt es sich um eine aktive Politik staatlicher oder halbstaatlicher Institutionen zur Unterdrückung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Dazu zählen unter anderem die totale Entrechtung und Enteignung, physische Attackierung bis hin zur Deportierung und Ermordung von Bevölkerungsgruppen. Der Begriff Verfolgung geht also über den Begriff der Diskriminierung hinaus. Diskriminierung bedeutet lediglich die rechtliche Ungleichheit oder soziale Benachteilung. Zwar ist es möglich, dass auch diese staatlich wird, jedoch ist sie in gleichen Maßen gesellschaftlich bedingt.[1]

2.1 Kann man den Holocaust mit Terrorismus gleichsetzen?

Besonders in der heutigen Zeit kommt bei dem Gedanken der Verfolgung und des Massenmordes in der NS-Zeit schnell der Vergleich zum Terrorismus. Hierzu ist jedoch anzumerken, dass man im Dritten Reich nicht von Terrorismus sprechen kann, da der Terror in der Regel nicht zielgerichtet ist, sondern zur Durchsetzung politischer Ziele und hauptsächlich zur Einschüchterung der Gegner dient. Da die nationalsozialistische Verfolgungspolitik eindeutig die Vernichtung der europäischen Juden als Ziel hatte, kann man nicht von Terrorismus im Dritten Reich sprechen.[2]

3. Vorbedingungen für den Holocaust

Der Ursprung für die Verbrechen im Dritten Reich liegt im „[…]radikalisierten Glauben an die Ungleichwertigkeit von Menschen.“[3] Seit dem es den Glauben gibt, dass Menschen mit bestimmter Religion, Abstammung oder ähnlichem, weniger wert seien als andere Menschen, also der Rassismus „erfunden“ wurde, wurde ebenso der erste Schritt für den Holocaust gelegt. Das Zentrum der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik im Zweiten Weltkrieg war der Antisemitismus.[4]

„Erst die Bündelung verschiedener Vorurteilsstrukturen in einer Rassenideologie, ihre Verbindung mit einem modernen kontinental imperialistischen Staat und der Wille zur radikalen Umgestaltung von Gesellschaften sorgten im Zweiten Weltkrieg dafür, dass so viele Menschen im Reich, in den besetzten und verbündeten Gebieten Opfer von Verfolgung wurden.“[5]

Wie die Geschichte beweist, ist die rassistische Einstellung also keine Erfindung des Nationalsozialismus. Schon seit dem Mittelalter gab es in weiten Teilen der Bevölkerung Vorurteile gegenüber Juden. Häufig kam es dadurch schon damals zu Restriktionen, Vertreibungen und andere Formen der gewalttätigen Verfolgung gegen Juden. Seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert begann die Eugenik und die Rassenbiologie immer mehr an Popularität dazu zu gewinnen. Man war der Ansicht, vermeintliche menschliche Fehlentwicklungen rassisch erklären zu können. Des Weiteren war man der Meinung, dass eine Tendenz zur Kriminalität vererbbar und angeboren sei.[6] Mit dem Versailler Vertrag, in dem es unter anderem um das Rückgängigmachen der Ostgrenzziehung der Deutschen im Ersten Weltkrieg ging, gewann die „rassistische Variante des Nationalismus“ die Oberhand.[7]

Ein weiterer Motivationsfaktor für den Holocaust, vor allem in Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges, war der Antislawismus.[8] Dieser besagte, dass das Leben eines Osteuropäers nicht so viel wert sei als das eines Westeuropäers. Der Antislawismus ist, ähnlich wie der Antisemitismus, ein Gemisch aus verschiedenen Vorurteilsstrukturen. Beim Antislawismus richten sich die Vorurteile gegen Osteuropäer.[9]

Die von mir oben aufgeführten Ideologeme waren zwar wichtige Voraussetzungen, jedoch sind sie keine ausreichenden Bedingungen für den Massenmord, der in der NS- Besatzungszeit durchgeführt wurde. Dieser kam erst durch spezifische Bedingungen zustande, auf welche ich in meiner weiteren Ausführung am Beispiel der Niederlande noch eingehen werde.

4. Die Situation der Niederlande während der NS-Besatzungszeit

Am 10. Mai 1940 begann der Westfeldzug der Wehrmacht und somit auch der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Niederlande.[10]

Zu diesem Zeitpunkt lebten in den Niederlanden über 140 000 Juden und ca. 20 000 so genannte „Halb- und Vierteljuden“. Des Weiteren lebten ungefähr 22 000 ausländische Juden in den Niederlanden, worunter etwa 15 000 Flüchtlinge aus Deutschland waren.[11] Durch den Urbanisierungsprozess, der im 18. Jahrhundert einsetzte lebten alleine 80 000 Juden in Amsterdam, rund 16 000 in Rotterdam, jeweils 2 000 in Haarlem und Utrecht und 2 600 im nördlich gelegenen Groningen.[12]

Nur drei Tage nach der Besetzung flohen das niederländische Königshaus und die Minister nach London. Am 14. Mai 1940 kapitulierten die niederländischen Streitkräfte.[13] Die Bevölkerung der Niederlande verhielt sich zum größten Teil den niederländischen Juden gegenüber und außenpolitisch neutral. Umso größer war die Verzweiflung und das Entsetzen, welches durch die militärische Kapitulation bei der niederländischen Bevölkerung, vor allem bei den niederländischen Juden, ausgelöst wurde.[14]

Es folgten etliche Fluchtversuche der Juden nach England und in den Süden der Niederlande. Weiterhin begingen Dutzende von ihnen aus Angst vor politischer Verfolgung Selbstmord.[15]

Anders als in Belgien und Frankreich wurde in den Niederlanden anstatt einer Militär- eine deutsche Zivilverwaltung ins Leben gerufen. Diese setzte sich aus Generalkommissaren zusammen, die unter der Leitung des Reichskommissars Arthur Seyß-Inquarts standen.[16]

In den ersten Monaten der Besatzungszeit verhielten sich die deutschen Bestatzungstruppen in den Niederlanden eher zurückhaltend. Die Leiter der niederländischen Verwaltung ließen sich in ihrer „Sorge wegen der Judenfrage“ von dem deutschen Generalkommissar Friedrich Wimmer beruhigen, indem er versicherte dass „für die deutschen Behörden das jüdische Problem [in den Niederlanden] nicht existiere“.[17] Seyß-Inquart versicherte, dass „die Besatzer alle niederländischen Gesetze so weit wie möglich respektieren würden.“[18] Später rechtfertigte er, hinsichtlich der Erlassung der Gesetze zur Diskriminierung und Verfolgung der Juden, dass Juden keine Niederländer seien und der Respekt der niederländischen Gesetze sich nur auf Niederländer bezogen.[19]

Die Erklärungen führten dazu, dass die niederländischen Beamten kaum noch Bedenken hatten, die deutschen Behörden darin zu unterstützen die ersten administrativen Maßnahmen gegen die Juden des Landes durchzuführen. In Einzelfällen trugen die niederländischen Beamten sogar die Mitverantwortung für antijüdische Maßnahmen.[20]

5. Endlösung der europäischen Judenfrage in den Niederlanden

5.1 Judenverfolgung

Im September 1940 begannen auch in den Niederlanden die ersten Verbote zur Diskriminierung von Juden in Kraft zu treten. Es wurden alle jüdischen Zeitungen, mit Ausnahme der Wochenzeitung Het Joodse Weekblad, verboten. Gleichzeitig wurde es Juden verboten in der niederländischen Regierung zu arbeiten und es wurde die „arische“ Abstammung von Beamten überprüft. Nur wenige Beamten widersetzten sich dieser Überprüfung.[21]

Am 4. November 1940 wurden auf Grund eines Befehls alle jüdischen Beamten aus dem Dienst erlassen. Die niederländischen Verwaltungschefs äußerten hierzu grundsätzlicheBedenken und wiesen auf einen Artikel im niederländischen Verfassungsgesetz hin. Außerdem machten sie deutlich, dass die Öffentlichkeit kein Verständnis für die Trennung von Juden und Nicht-Juden hat. Trotzdem versicherten die niederländischen Verwaltungschefs, vorläufig keine jüdischen Beamten befördern zu wollen.[22] Dieses Gesetz führte ebenfalls zu Protesten von Studenten, die besonders gegen die Entlassung jüdischer Professoren an Universitäten protestierten. In Delft und Leiden wurde sogar gestreikt, was zur Folge hatte, dass die Universitäten geschlossen wurden.[23] Nachdem am 10. Oktober 1940 das Gesetz zur Erfassung aller jüdischer Betriebe oder Unternehmen mit jüdischen Führungspersonen erlassen wurde, war der erste Schritt zur „Arisierung“ in den Niederlanden gemacht.[24]

Am 10.Januar 1941 hatten sich alle Juden und Menschen mit jüdischer Abstammung der Großeltern zu melden. Dies führte im Februar 1941 zu der Gründung des „Joodse Raad“, auf den ich später näher eingehen werde.[25]

Im Rahmen der allgemeinen Erfassung der Juden in den Niederlanden, erließ man ein Gesetz, in dem jeder Ausweis eines Juden mit einem schwarzen „J“ für „Jude“ gekennzeichnet wurde.[26]

Das erste Ziel zur Endlösung der Judenfrage war die Isolation der Juden von dem Rest der Bevölkerung der Niederlande. Daher wurde 1941 ein Gesetz erlassen, dass Juden verbot öffentliche Plätze zu betreten und ihnen eine Ausgangssperre zwischen 20:00 - 6:00 Uhr auferlegte. Außerdem durften Juden nur noch zwischen 15:00 und 17:00 Uhr einkaufen gehen.[27]

Weitere Maßnahmen zur größtmöglichen Isolation der Juden von der niederländischen Bevölkerung folgten durch ein Gesetz, nach dem Juden nur noch mit besonderer Erlaubnis öffentliche Verkehrsmittel nutzen und ab September 1941 keine öffentlichen Veranstaltungen, Museen, Büchereien, die Börse u.a. besuchen durften. Es war den Juden nur noch erlaubt in bestimmten Geschäften, Pensionen und Hallen zu verkehren. Ebenfalls wurden sie aus jeglichen Gewerkschaften ausgeschlossen. Lediglich die Mitgliedschaft in wirtschaftlichen Vereinigungen blieb ihnen gestattet.[28]

[...]


[1] Pohl, D.: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933 - 1945. S. 1

[2] Vgl. ebd. S. 2

[3] Vgl. ebd. S.3f.

[4] Vgl. ebd. S.4

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd. S.5

[7] Vgl. ebd. S.3

[8] Anmerkung: In meiner Ausführung werde ich nicht weiter auf den Holocaust in Osteuropa und den Antislawismus eingehen, sondern mich nur auf Westeuropa bzw. auf die Niederlande beschränken.

[9] Vgl. Pohl, D.: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933 - 1945. S.5f.

[10] Vgl. Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 2. S.599

[11] Vgl. Benz (Hg.): Lexikon des Holocaust. S.159

[12] Vgl. Hirschfeld: Niederlande. In: Benz (Hg.): Dimension des Völkermords - Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. S.138

[13] Vgl. Gutman (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Band 2. S.999

[14] Vgl. Hirschfeld: Niederlande. In: Benz (Hg.): Dimension des Völkermords - Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. S.139

[15] Vgl. Gutman (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Band 2. S.999f.

[16] Vgl. Zeugin/Sandkühler: Die Schweiz und die Lösegelderpressungen in den besetzten Niederlanden.

Vermögensentziehung, Freikauf, Austausch1940-1945. Beitrag zur Forschung. In: Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg, Bd. 24. S.33

[17] Zitiert nach der Versicherung, die der Bürgermeister von Den Haag S.J.R. de Monchy (Twee ambtsketens, Arnheim 1946, S. 253) erhielt, in Hirschfeld: Niederlande. In: Benz (Hg.): Dimension des Völkermords - Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. S.139

[18] Fühner: Die Judenverfolgung in den Niederlanden.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. Hirschfeld: Niederlande. In: Benz (Hg.): Dimension des Völkermords - Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. S.139

[21] Vgl. Gutman (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Band 2. S.1000

[22] Vgl. Hirschfeld: Niederlande. In: Benz (Hg.): Dimension des Völkermords - Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. S.140

[23] Vgl. Gutman (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Band 2. S.1000

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. ebd.

[26] . Benz (Hg.): Lexikon des Holocaust. S.159

[27] Vgl. Gutman (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Band 2. S.1002

[28] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Niederlande und der Holocaust
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Europa und der Holocaust
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V68195
ISBN (eBook)
9783638609005
ISBN (Buch)
9783638782876
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niederlande, Holocaust, Europa, Holocaust
Arbeit zitieren
Anne Posselt (Autor), 2006, Die Niederlande und der Holocaust, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68195

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