Im Hinblick auf die überwiegend ungewollten Schwangerschaften junger Mädchen, spielt vor allem die Entwicklung im Sinne des psychologischen Begriffs der Adoleszenz eine wichtige Rolle. Dieser wurde durch Dieter Bürgin sehr anschaulich definiert. ,,Der Adoleszente in dieser mehrjährigen Übergangszeit lässt sich mit einem Trapezkünstler vergleichen, der seinen schwingenden Halt losgelassen hat, nun frei durch die Luft wirbelt und die gegenüberliegenden Trapezteile noch nicht gefasst hat. Eine Phase höchster Verletzlichkeit, in welcher Erscheinungen wie Suizidversuche, Anorexie, Depression, psychotische Zustände, sexuelle Abartigkeiten, Drogenkonsum und Delinquenz unvermittelt gehäuft auftreten." Andererseits ist die Adoleszenz im Wesentlichen eine Entwicklungsaufgabe, die Herausforderungen wie die Ablösung von den Eltern, die Schaffung einer reifen Sexualität, den Abschluss der kognitiven Entwicklung und die Bildung einer stabilen Identität mit einem eigenständigen Über-Ich an die Jugendlichen stellt. Als entscheidenden Entwicklungsschritt möchte ich an dieser Stelle ,,die Fähigkeit, den Verlust der Primärobjekte zu betrauern", herausgreifen, die bei adoleszenten Müttern nicht erreicht wird. Diese Mädchen sind unfähig ihre eigene Identität, aber auch ihre Rolle in der Gesellschaft aufzubauen und zu akzeptieren. Das Kind wird als Substitut für die abgebrochene Beziehung zu den eigenen Eltern oder früheren Bezugpersonen genutzt und ist lediglich eine Attrappe für so viele bewusste und unbewusste Wünsche der Adoleszentin.
Im folgenden wird der Zusammenhang zwischen der Sozialisation der jungen Frauen und ihrer ungewollten Schwangerschaft beziehungsweise Mutterschaft erörtert, um diese Vermutungen und Rückschlüsse in empirischer Vorgehensweise zu überprüfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung einer ungewollten Schwangerschaft
2.1 Herkunft und das soziale Umfeld
2.2 Die Pubertät
2.3 Weibliche Sexualität und Verhütung
2.4 Weitere Gründe
3. Mutterschaft in der Adoleszenz
3.1 Die familiäre und außerfamiliäre Sozialisation
3.2 Die besondere Rolle adoleszenter Mütter in der Gesellschaft
3.3 Spezifische Problemstellungen für junge Mütter
3.4 Die Rolle des Kindsvaters
3.5 Zukunftsperspektiven
4. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychosozialen Hintergründe ungewollter Schwangerschaften bei jungen Mädchen zwischen 14 und 23 Jahren sowie die spezifischen Herausforderungen, denen diese jungen Mütter in der Gesellschaft gegenüberstehen. Es wird analysiert, inwieweit familiäre Sozialisationsdefizite, pubertäre Entwicklungsaufgaben und unzureichendes Kontrazeptionsverhalten zu dieser Lebenssituation beitragen.
- Sozialisation und Herkunft als prägende Faktoren
- Die Rolle der Adoleszenz und Pubertät bei der Lebensplanung
- Sexualverhalten und Hindernisse bei der Empfängnisverhütung
- Soziale und ökonomische Herausforderungen junger Mütter
- Die marginalisierte Rolle des Kindsvaters in der gesellschaftlichen Wahrnehmung
Auszug aus dem Buch
3.2 Die besondere Rolle adoleszenter Mütter in der Gesellschaft
Obwohl die Mädchen mit der Schwangerschaft gehofft hatten eine klar definierte Rolle annehmen zu können, befinden sie sich nach der Geburt real in einer ambivalenten Stellung, die einige offensichtlich negative Beeinträchtigungen mit sich bringt. In der Öffentlichkeit drückt das Bild einer sehr jungen Mutter gleichzeitig unterschwellig aus, dass diese schon mindestens einmal Geschlechtsverkehr hatte und des weiteren, ihr der Umgang mit Kontrazeptiva wohl noch nicht zuzutrauen ist. Durch die bereits beschriebene soziale Verpflichtung zum Empfängnisschutz wird vor allem über das mangelnde Verantwortungsbewusstsein, aber auch über die nicht nachvollziehbaren und vor allem unvernünftigen Gründe einer frühen Mutterschaft oftmals ein unangemessenes Urteil über die Mädchen gefällt. Verständlich wird deren Situation jedoch erst durch die Betrachtung im biographischen Kontext, der jedoch der Gesellschaft meist verborgen bleibt und somit die anmaßenden Meinungsbilder selten verhindern kann.
Verbreitet ist auch die entscheidende gesellschaftliche Schuldzuweisung an die junge Mutter. Ihr allein wird die Schuld an der ungewollten Schwangerschaft zugeschoben, sie wird als ihr individuelles Problem betrachtet, ganz besonders dann, wenn sie auch schon zuvor durch Problematiken wie Drogenabhängigkeit, psychische Krankheit, Arbeitslosigkeit oder ein zerrüttetes Elternhaus belastet war. Auffällig wird dabei wie der Kindesvater bei der Situationsbeurteilung in den Hintergrund rückt und zum Statisten ohne besondere Verantwortung wird. Aus dieser Diskriminierung heraus lässt sich erkennen, dass wir selbst im 21. Jahrhundert die doppelte Sexualmoral immer noch nicht hinter uns lassen konnten. Ganz besonders von den Frauen wird heute eine planende, zurückhaltende und verantwortungsbewusste Sexualität erwartet, während sie gleichzeitig verführerisch und ansprechend sein sollten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die schwierige Lebenssituation junger Mütter und setzt diese in den Kontext der psychologischen Entwicklungsphase der Adoleszenz.
2. Entstehung einer ungewollten Schwangerschaft: Dieses Kapitel analysiert die Ursachen ungewollter Teenagerschwangerschaften, wobei insbesondere soziale Herkunft, pubertäre Krisen und Probleme der Verhütung betrachtet werden.
3. Mutterschaft in der Adoleszenz: Die Autorin untersucht die belastende Realität junger Mütter, ihre gesellschaftliche Stigmatisierung, die Rolle der Kindsväter und die Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung.
4. Schluss: Zusammenfassend wird festgestellt, dass die Bewältigung der Mutterschaft für adoleszente Mädchen eine enorme Krisensituation darstellt, die oft nur durch professionelle Unterstützung (z.B. Mutter-Kind-Heime) erfolgreich bewältigt werden kann.
Schlüsselwörter
Adoleszenz, ungewollte Schwangerschaft, Teenagermütter, Sozialisation, Empfängnisverhütung, Mutterschaft, Identitätsfindung, Jugendhilfe, Mutter-Kind-Heim, Rollenbilder, Sozialer Status, Familienplanung, Beziehungsdynamik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den Ursachen und den psychosozialen Folgen ungewollter Schwangerschaften bei jungen Mädchen sowie den daraus resultierenden Herausforderungen für die Mütter.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Sozialisation, der Pubertät, dem Kontrazeptionsverhalten und der gesellschaftlichen Stellung adoleszenter Mütter.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Entstehungsbedingungen früher Mutterschaft zu verstehen und aufzuzeigen, wie Jugendliche durch dieses Lebensereignis in eine komplexe Krise geraten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die sich auf fachwissenschaftliche Literatur und empirische Studien zur Adoleszenz und Jugendhilfe stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Ursachenanalyse (Kapitel 2) und die Darstellung der spezifischen Probleme junger Mütter nach der Geburt (Kapitel 3).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Adoleszenz, ungewollte Schwangerschaft, soziale Deprivation, Mutter-Kind-Heime und gesellschaftliche Diskriminierung.
Warum wird der Kindsvater laut Autorin häufig vernachlässigt?
Die Gesellschaft neigt dazu, die Verantwortung für Verhütung und Schwangerschaft einseitig der Frau zuzuschreiben, wodurch der Mann in der sozialen Betrachtung oft als bedeutungsloser Statist wahrgenommen wird.
Welche Rolle spielen Mutter-Kind-Heime bei der Unterstützung?
Diese Einrichtungen bieten den Müttern nicht nur praktische Hilfe im Alltag, sondern oft auch den ersten Ort der Anerkennung und Sicherheit, der für ihre weitere Entwicklung essenziell ist.
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- Tina Weil (Author), 2001, Sozialisationsstörungen infolge von ungewollter Schwangerschaft in der Adoleszenz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/681