Die globale Ausbreitung der Demokratie und ihre Begünstigungsfaktoren - Eine Bewertung anhand der empirisch-analytischen Demokratietheorie


Magisterarbeit, 2007

123 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

A. Einleitung

B. Die globale Ausbreitung der Demokratie
I. Messtheoretische Grundlagen
1. Das Problem: Demokratie bellt nicht
2. Die Konsequenz: Indikatoren als Korrelate
3. Die Güte der Messung
3.1 Validität als Maßstab
3.2 Beurteilungsrelevante Leitfragen
4. Die Polyarchietheorie als Bezugspunkt
4.1 Demokratie als Grenzwert
4.2 Regimespektrum und Kategorisierungsschwellen
II. Demokratieindizes
1. Der Demokratisierungsindex nach Vanhanen
1.1 Messaufbau
a) Demokratiebegriff
b) Operationalisierung
c) Indexbildung
d) Kategorisierungsschwelle
1.2 Datenanalyse
a) Auswertungsverfahren
b) Messergebnis
1.3 Bewertung
a) Empirische Kritik
α) Verzerrungen durch zeitvariable Bewertungen
β) Ergebnisanpassung durch Konzeptmodifikation
b) Rein konzeptionelle Kritik
2. Der Polity-Index nach Jaggers und Gurr
2.1 Messaufbau
a) Demokratiebegriff
b) Operationalisierung
c) Indexbildung
d) Kategorisierungsschwelle
2.2 Datenanalyse
a) Auswertungsverfahren
b) Messergebnis
2.3 Bewertung
a) Empirische Kritik
b) Rein konzeptionelle Kritik
α) Messung durch subjektiven Entscheid
β) Erhöhung der Reliabilität durch Seriosität
γ) Beeinträchtigungen der Validität
III. Kritische Würdigung
1. Das Ausmaß weltweiter Demokratisierung
2. Die Bedeutung valider Demokratiemessung
3. Die empirische Immunität der Demokratiemessung – eine Metareflexion

C. Die Begünstigungsfaktoren der Demokratie
I. Einige allgemeine Vorüberlegungen
1. Die Sprungstelle
2. Der systematische Gleichlauf zweier Größen
2.1 Messwerte
2.2 Konstrukte
3. Die Demokratie als abhängige Variable
3.1 Grundprinzip der Regressionsanalyse
3.2 Hypothese und Kausalität
3.3 Anpassungsgüte
3.4 Signifikanztests
II. ökonomischer Wohlstand
1. Der quantifizierte Zusammenhang
1.1 Ausgangshypothese
1.2 Hypothesenprüfung
1.3 Modifikationen
a) Einschränkung des Wirkzusammenhangs
b) N-kurvenförmiger Zusammenhang
c) Wohlstandsindikator
d) Zeitverzögerte Wirkung
2. Der qualitative Zusammenhang
2.1 Modernisierungstheorie
2.2 Plausibilitätsüberlegungen
a) Wirkrichtung
b) Wirkzusammenhang
3. Der gegenwärtige Forschungsstand
III. Weitere Begünstigungsfaktoren
1. Die Dispersion gesellschaftlicher Machtressourcen
1.1 Hypothese
1.2 Hypothesenprüfung
1.3 Bewertung
2. Die Religion
2.1 Hypothese
2.2 Hypothesenprüfung
2.3 Bewertung
3. Ein Forschungsabriss
IV. Kritische Würdigung

D. Schlussfolgerungen
I. Demokratie als Globalkonzept staatlicher Organisation
II. Aussagekraft der empirisch-analytischen Demokratietheorie

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Allgemeine Bestandteile einer Messung

Abb. 2: Allgemeines Operationalisierungsschema

Abb. 3: Kategorisierungsschwellen bei Dahl

Abb. 4: Operationalisierung nach Vanhanen

Abb. 5: Entwicklung der Anzahl demokratischer Staaten nach Vanhanen

Abb. 6: Entwicklung des Anteils demokratischer Staaten nach Vanhanen

Abb. 7: Operationalisierung nach Jaggers und Gurr

Abb. 8: Entwicklung der Anzahl demokratischer Staaten (Jaggers/Gurr)

Abb. 9: Entwicklung des Anteils demokratischer Staaten (Jaggers/Gurr)

Abb. 10: Entwicklung des Anteils demokratischer Staaten (Jaggers/Gurr)

Abb. 11: Streudiagramm mit Regressionsgerade und Residuum

Abb. 12: Zerlegung der Gesamtabweichungen

Abb. 13: N-kurvenförmiger Zusammenhang nach Lipset, Seong und Torres

Abb. 14: Modernisierungstheoretischer Wirkzusammenhang

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Demokratieweltrangliste 2002 nach Vanhanen

Tab. 2: Teilergebnisse der Regressionsanalyse von Lipset, Seong und Torres

Tab. 3: Trenngüte der IPR-Werte für das Jahr 1993

“The trend towards democracy now widely

visible, is a natural trend, due to a general law of social progress.“

James Bryce[1]

A. Einleitung

Dieser Satz des berühmten britischen Politikers und Rechtsgelehrten Sir James Bryce entstammt dem Jahre 1921 und eröffnet auch heute noch den Zugang zu einem der vielleicht spannendsten Fragenkomplexe innerhalb der Politischen Wissenschaften:[2]

(B) Besteht tatsächlich ein weltweiter Trend zur Demokratisierung politischer Systeme?
(C) Lassen sich Begünstigungsfaktoren des beobachteten Verlaufs benennen? Können möglicherweise sogar Zusammenhänge und Bedingungen einer globalen Demokratisierung funktional formalisiert werden?
(D) Und sind diese derart universell, dass Demokratie zumindest potentiell als Globalkonzept staatlicher Organisation denkbar ist, die Ausbreitung der Demokratie in manchen Teilen der Welt also nicht aufgrund spezifischer Faktoren von vorneherein aussichtslos, gar unmöglich erscheint?[3] Ist ein allgemeines Gesetz der politischen Entwicklung überhaupt vorstellbar?

Oder entstand obiges Urteil letztlich nur vorschnell unter dem Eindruck einer demokratischen Entwicklung, deren Ende bereits ein Jahr danach durch Mussolinis Marsch auf Rom eingeleitet werden sollte? Zeugt deshalb die über 50 Jahre später geäußerte Ansicht des renommierten Soziologen und ehemaligen brasilianischen Staatspräsidenten Fernando Henrique Cardoso von einer tieferen geschichtlichen Erkenntnis? Dieser gelangte infolge umfangreicher Forschungsarbeiten zu der gerade entgegengesetzten Einschätzung hinsichtlich der Robustheit globaler Demokratieausbreitung: „(…) democracy has been more an exotic plant than the expected result of a long-term trend.”[4]

Nun mag man die Unternehmung, sich diesen fundamentalen Fragen zu stellen durchaus wagemutig, möglicherweise übermütig nennen. Die alternative Nichtbeachtung selbiger wird dadurch jedoch nicht schmeichelhafter. In diesem Sinne will sich die vorliegende Arbeit dieser Herausforderung annehmen, wobei ihr als Rüstzeug die empirisch-analytische Demokratietheorie (eaD) dienen soll, deren Heranziehung zumindest bezüglich der ersten Ausgangsfrage alternativlos erscheint.

Jedenfalls ist nicht ersichtlich, wie eine zufrieden stellende Überprüfung des im einleitenden Zitat behaupteten Trends zur Demokratisierung ohne Konzentration auf das erfahrungswissenschaftlich bestimmbare, positive Wissen, dessen Erfassung und Auswertung ja gerade das Ziel empirisch-analytischer Demokratieforschung darstellt,[5] überhaupt geleistet werden kann. Zumal ein Trend die „Grundrichtung einer Entwicklung“[6] bezeichnet und sich somit kraft Natur der Sache eines theoretischen, insbesondere eines rein normativen Bewertungsinstrumentariums entzieht. So, wie die Untersuchung globaler Erderwärmung oder die Feststellung weltwirtschaftlichen Wachstums geeigneter Messverfahren bedürfen, ist für die gewählte Aufgabenstellung ein Instrumentarium zur Quantifizierung der weltweiten Ausbreitung von Demokratie unverzichtbar. Aus diesem Grunde werden im anschließenden Teil B der vorliegenden Arbeit unterschiedliche Konzepte zur Messung von Demokratie dargestellt und bezüglich ihrer Aussagekraft geprüft, sodass eine abschließende Entscheidung bezüglich der obigen Meinungsverschiedenheit getroffen werden kann.

Im darauf folgenden Teil C gilt es dann, die Begünstigungsfaktoren der beobachteten Entwicklung zu diskutieren. Diese Vorgehensweise darf allerdings nicht als vorweggenommener Beleg für die Existenz eines Demokratisierungstrends missverstanden werden, da die Annahme einer derart gerichteten Kausalbeziehung zwischen den Teilen B und C unzulässig ist. Zwar ließe ein Trend zur Demokratie deren globale Kompatibilität vermuten, tatsächlich belegen kann er sie jedoch nicht, denn die bloße Diagnose eines Trends enthält keinerlei Informationen über seine Voraussetzungen. So lassen sich bspw. aus der Messung der bereits angesprochenen Erderwärmung keine ihre Entwicklung beeinflussenden Faktoren extrahieren.

Analog besitzen auch die Ergebnisse aus Teil B keinerlei Wert für die in Teil C zu bearbeitende Frage nach den Begünstigungsfaktoren der Demokratie – die dort diskutierten Messverfahren hingegen schon. Erst sie ermöglichen eine empirische Überprüfung der unterstellten Wirkzusammenhänge und bilden damit die Grundlage aller Studien der eaD zu dieser Thematik. Dass auch in Teil C der Arbeit einzig auf Arbeiten der eaD zurückgegriffen wird, obwohl fast jede normative Demokratietheorie Bedingungs- oder Begünstigungsfaktoren der Demokratie diskutiert,[7] ist auf die angestrebte Erkenntnis möglichst allgemeiner Zusammenhänge zurückzuführen, welche sich zwar zufällig in Plausibilitätsüberlegungen und Einzelfallbetrachtungen offenbaren mögen, dann aber nicht als solche zu identifizieren sind.

In Teil D soll auf Grundlage der in Teil C gewonnen Einsichten abschließend die potentielle Geeignetheit der Demokratie als Globalkonzept staatlicher Organisation beurteilt und kurz auf die Denkbarkeit eines allgemeinen Gesetzes politischer Entwicklung eingegangen werden, wobei auch die erkenntnistheoretischen Grenzen der eaD abgesteckt werden müssen.

B. Die globale Ausbreitung der Demokratie

Existiert ein weltweiter Trend zur Demokratisierung politischer Systeme?

I. Messtheoretische Grundlagen

Bevor im Folgenden verschiedene Konzepte zur Messung von Demokratie dargestellt werden, erscheint es ratsam, vorab die ihrer Beurteilung dienlichen Begriffe und Kriterien herauszuarbeiten und auf allgemeine Grundproblematiken hinzuweisen.

1. Das Problem: Demokratie bellt nicht

Gemäß einer allgemein anerkannten Definition bedeutet Messung im weitesten Sinn die Zuordnung von Zahlen zu Objekten oder Ereignissen nach bestimmten Regeln.[8] Die Möglichkeit des Messens erfordert demzufolge ein quantifizierendes System und zu erfassende Objekte oder Ereignisse, welche allerdings nicht direkt, sondern mittelbar anhand der Ausprägungen ihrer Eigenschaften gemessen werden.[9] Üblicherweise wird die jeweilige Eigenschaft als Variable, ihre Ausprägung als der zu ihr gehörige Wert bezeichnet. Die folgende Abb. 1 verdeutlicht diese für das Verständnis von Messverfahren wichtige Dreiteilung noch einmal graphisch:

Abb. 1: Allgemeine Bestandteile einer Messung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wendet man obige Struktur (in Anerkennung eines erstmalig positiven Nutzens dieser Lebensform) exemplarisch auf das Objekt „Nachbarshund“ an, so erscheinen bspw. die Variablen „Geschlecht“ (V1), „Rasse“ (V2) oder „Lautstärke“ (V3) zur Messung desselbigen denkbar, wobei die Auswahl der Variablen prinzipiell stets hinsichtlich des Ziels der jeweiligen Messung erfolgt.[10] In Abhängigkeit von den anzunehmenden Werten (ωi) lassen sich Variablen darüber hinaus in diskrete und kontinuierliche Variablen unterteilen. Erstere zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur bestimmte, zwischen Sprungstellen isolierte Werte annehmen können,[11] wobei man diskrete Variablen mit nur zwei möglichen Ausprägungen (z.B. das Geschlecht) als dichotom, solche mit n möglichen Werten (wie etwa die Rasse) als polytom bezeichnet.[12] Zweitere können hingegen in einem bestimmten Bereich von ω31 bis ω3m jeden beliebigen Wert annehmen (wie z.B. die Lautstärke); ihre zugrunde liegende Dimension beschreibt ein Kontinuum frei von Sprungstellen (hier von 0 (im Falle eines stummen Hundes) bis ca. 120dB).[13]

Sollten diese Einteilungen am Beispiel des Nachbarhundes auch noch so unkompliziert erscheinen, der Versuch ihrer analogen Anwendung auf die eigentliche Aufgabenstellung gestaltet sich weitaus schwieriger. So wirft bereits die erste Stufe der Kategorisierung, genauer die Identifikation des Untersuchungsobjektes Fragen auf: Ist nun der Staat an sich, sein Regierungssystem oder die Demokratie Gegenstand der Messung? Angesichts der gewählten Formulierung mag man spontan dazu neigen, den Staat als Objekt, das Regierungssystem als Variable und die Demokratie als dazugehörigen Wert zu klassifizieren. Diese reflexartige Ordnung resultiert jedoch mehr aus der Wahl der Begriffe als aus einer logischen Notwendigkeit, ließe sich die Demokratie doch ebenso gut als Objekt, und z.B. die Wahrung der Menschenrechte als Variable, die Demonstrationsfreiheit als deren Wert festlegen. Entscheidend für die jeweilige Einteilung ist nämlich einzig die Wahl der Perspektive bzw. des Abstraktionsniveaus, was sich auch am Beispiel des Nachbarhundes zeigt. Ließe sich dieser vormalige Untersuchungsgegenstand je nach emotionaler Eingebundenheit doch gleichermaßen als Ausprägung der Variable „Familienmitglieder“ oder „Haustiere“ erfassen.

Eine Variable ist demzufolge ein bloßer Oberbegriff, welcher perspektivisch ein bestimmtes Wirklichkeitsmerkmal erfasst.[14] Aufgrund dieser Relativität der Kategorien erscheint für die vorliegend vorzunehmende Perspektivenwahl das Kriterium der Zweckmäßigkeit plausibel. Unter Berücksichtigung der Aufgabenstellung und der nachfolgenden Messverfahren soll deshalb fortan der Demokratiegehalt von Regierungssystemen als Gegenstand der Messung gelten, was wiederum direkt einen neuen Problemkreis eröffnet: Denn im Gegensatz zu Nachbarhunden hört man Demokratie nicht bellen. Demokratie ist physisch dimensionslos und infolgedessen allenfalls mittelbar messbar. Rein intuitiv erscheint dieser Befund äußerst trivial, ja geradezu unbedeutend angesichts obiger Definition von Messung, wonach sowieso niemals das Objekt an sich gemessen wird (s. S. 3), und des nahe liegenden Gedankens an vermeintliche Variablen der Demokratie, welche sich sehr wohl physisch manifestieren können wie etwa Demonstrationen oder Wahlverfahren.

2. Die Konsequenz: Indikatoren als Korrelate

Bei genauerer Betrachtung ermöglicht diese vermeintlich triviale Erkenntnis jedoch eine für das Verständnis von Demokratiemessung ungemein wichtige Einsicht, welche der vorangegangene Gedankengang aufgrund einer unzulässigen Kohärenzannahme gänzlich übersieht: Die Demokratie ist ein rein theoretisches Konzept. Denkbare Variablen wie z.B. die Wahrung der Menschenrechte oder die Souveränität des Volkes können deshalb streng logisch auch nur theoretisch und somit nicht messbar sein. Man bezeichnet solche rein theoretischen Variablen auch als Konstrukte.[15] Sie markieren allgemein die Bruchstelle zwischen Theorie und empirischer Realität. Wie aber lässt sich ein theoretisches Konzept angesichts dieser Bruchstelle dann überhaupt messen?

Die untenstehende Abb. 2 verdeutlicht den hierfür notwendigen Prozess. Zunächst müssen die Konstrukte (V1 bis V3) des theoretischen Konzeptes, hier der Demokratie bestimmt werden. Anschließend sind diese aufgrund der Unmöglichkeit ihrer direkten Messung auf beobachtbare Dimensionen oder manifeste Variablen (υ1 bis υ3) zurückzuführen. Die Werte dieser manifesten Variablen dienen dann als Indikatoren (I1 bis I6) für die Werte der Konstrukte,[16] wobei Konstrukt und Indikator nicht identisch sind.[17] Während die Konstrukte also aufgrund rein theoretischer Erfordernisse ausgewählt werden, erfolgt die Auswahl der Indikatoren unter dem praktischen Gesichtspunkt, die Variable einer empirischen Untersuchung zu erschließen.[18]

Abb. 2: Allgemeines Operationalisierungsschema

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Knepel (1993), S. 625.

Die Messung eines theoretischen Konzeptes macht somit den Rückgriff auf Surrogate in Form von Indikatoren unausweichlich, welche mutmaßliche Korrelate der ursprünglich interessierenden Variablen darstellen. Doch wie geistreich diese auch sein mögen, sie können niemals einen vollständigen Ersatz für die eigentlich zu messenden Variablen und deren Ausprägungen darstellen.[19] Bestimmte man bspw. die Souveränität des Volkes als Konstrukt der Demokratie, das allgemeine Wahlrecht als abgeleitete Dimension und den Bevölkerungsanteil der Wahlberechtigten als Indikator derselbigen, so bestünde die Gefahr der Fehleinstufung eines demokratischen Landes mit einem extrem hohen Anteil von Menschen im nicht wahlfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung. „Da jeder Indikator sein Ziel verfehlen kann, stützt man sich tunlichst auf mehrere Indikatoren (…)“,[20] deren gewichtete Zusammenfassung als Maßzahl man als Index bezeichnet.[21]

3. Die Güte der Messung

Den vorstehend geschilderten und in Abb. 2 veranschaulichten Prozess der Übersetzung von theoretischen Konzepten in Forschungsoperationen bezeichnet man auch als Operationalisierung.[22] Die Güte seiner Durchführung ist entscheidend für die Qualität der gesamten Untersuchung.[23] Die an ihn zu stellenden Anforderungen bilden deshalb zugleich allgemeine Gütekriterien der Messung.

3.1 Validität als Maßstab

Ein erstes Kriterium ergibt sich bereits unmittelbar aus dem Ablauf der Operationalisierung. Es betrifft die Gültigkeit, die sog. Validität des Verfahrens, welche sich auf die Frage bezieht, ob auch tatsächlich gemessen wird, was gemessen werden soll.[24] Ihre Überprüfung bedarf bei vorliegender Aufgabenstellung aufgrund der Bruchstelle zwischen theoretischer Konzeption und empirischer Messung besonderer Sorgfalt. Wenn Indikatoren ihr Ziel grundsätzlich verfehlen können, ihre Verwendung für die Messung von Demokratie aber sachnotwendig ist, dann ist der Konstruktion dieser Instrumente besondere Beachtung zu schenken, will man angestrebte Ergebnisse nicht schon von vorneherein jeglicher Aussagekraft berauben. Die grundlegende Frage lautet also: Messen die nachfolgend dargestellten Demokratieindizes tatsächlich, was sie messen sollen, bzw. was sie zu messen vorgeben? Mit Blick auf Abb. 2 ergeben sich hieraus drei programmatische Teilfragen:

(1) Ermöglichen die gewählten Konstrukte (V1 bis V3) eine verlässliche Erfassung demokratischer Regierungssysteme?
(2) Erfolgt eine sinnige Ableitung der sie beschreibenden Dimensionen (υ1 bis υ3)?
(3) Und spiegeln die einen Index konstituierenden Indikatorenwerte (I1 bis I6) diese Derivate umfassend wider?

Die Beurteilung der Validität des jeweiligen Verfahrens ist jedoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, „(…) weil sie die Kenntnis eines externen gültigen Kriteriums voraussetzt. Da wiederum die Gültigkeit anderer Kriterien ebenfalls problematisch ist, bedeutet das fast immer Bewertung zweier oder mehrerer unsicherer Kriterien gegeneinander.“[25] Wer beurteilen will, ob ein Verfahren zur Messung von Demokratie gültig ist, ob es also Regierungssysteme „richtig“ einordnet, der müsste zur Feststellung von Fehlklassifikationen ein objektiv gültiges Messinstrument besitzen, dessen bloße Existenz aber die Suche nach anderen Verfahren zum sinnlosen Zeitvertreib degradierte. Die Konstruktion eines solch wahrhaft dominierenden Instrumentes erscheint für theoretische Konzepte allerdings ausgeschlossen, da die Überwindung der Bruchstelle zwischen Theorie und Empirie stets die Bemühung menschlichen Geistes erfordert, und damit zwangsläufig unvollkommen und streitbar bleibt. Die Validität der nachfolgenden Messverfahren kann aus diesem Grunde nur approximativ bestimmt werden.

Ziel ist es demnach, offensichtliche Widersprüchlichkeiten der Messung auf logischer, nur der argumentativen Diskussion zugänglicher, sowie auf empirischer, faktisch belegbarer Ebene aufzudecken,[26] wobei letzteren aufgrund ihrer starken argumentativen Durchschlagskraft besondere Bedeutung zugemessen werden muss. Identifiziert bspw. ein Messinstrument die Volksrepublik Nordkorea eindeutig als Demokratie, so scheinen Zweifel an der Gültigkeit dieses Verfahrens angebracht. Hingegen lässt sich über die Tauglichkeit einzelner Bestandteile der Messung vortrefflich streiten, solange diese insgesamt keine empirisch widerlegbaren Ergebnisse liefert.

Der bewusste Verzicht einer weitergehenden, allgemein üblichen Differenzierung des Kriteriums der Validität in Inhalts-, Kriteriums- und Konstruktvalidität[27] ist der Übersichtlichkeit und steten Problemorientierung der vorliegenden Einführung in die Grundlagen der Messtheorie geschuldet. Nicht nur verspräche ihre Ausführung keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, sie erforderte zudem konsequenterweise eine letztlich fruchtlose Diskussion bezüglich ihrer generellen Sinnhaftigkeit.[28]

3.2 Beurteilungsrelevante Leitfragen

Neben der Validität werden zudem die Kriterien der Objektivität und Reliabilität eines Messverfahrens als ausschlaggebend für dessen Qualität angesehen. Während erstere die Unabhängigkeit der Ergebnisse vom jeweiligen Anwender des Messinstrumentes anzeigt, gilt zweitere als Maß für die Reproduzierbarkeit von Messergebnissen.[29]

Da jedoch reproduzierbare Messergebnisse ihrem Wesen nach immer auch unabhängig von der durchführenden Person der Messung sind, stellt Objektivität streng genommen kein eigenständiges Gütekriterium, sondern vielmehr einen Teilaspekt der Reliabilität dar.[30] Und auch die Reliabilität selbst erweist sich bei genauer Betrachtung als hierarchisch nachrangiges Kriterium. Denn eine Messung kann nur Gültigkeit besitzen, wenn sie auch zuverlässig ist. Die Reliabilität ist eine logisch notwendige Bedingung der Validität.[31] Für die Beziehung der drei Gütekriterien gilt somit folgender Satz: Eine valide Messung ist immer auch reliabel,[32] und damit automatisch objektiv.

Die Validität stellt aus diesem Grund das fundamentale Gütekriterium und eigentliche Ziel jeder Konstruktion von Messinstrumenten dar.[33] Sie ist der Maßstab, den es an die folgenden Konzeptionen zur Messung von Demokratie zu legen gilt. Ist sie nicht gegeben, so ist eine weitergehende Untersuchung ob einer möglicherweise vorhandenen Reliabilität oder Objektivität bedeutungslos. Wenn ein Instrument zur Messung von Demokratie nicht tatsächlich demokratische Regierungssysteme zu erfassen vermag, so ist dessen etwaige Fähigkeit zur reliablen Kategorisierung des Wirtschaftssystems im vorliegenden Kontext nicht von Belang. Fußend auf dieser Einsicht lassen sich die zuvor allgemein formulierten Fragestellungen (s. S. 7) zu einem Katalog themenspezifischer Leitfragen bündeln, welche für die Evaluierung der nachfolgend dargestellten Konzepte zur Messung von Demokratie ausschlaggebend sind:[34]

(1) Welches Demokratieverständnis liegt den unterschiedlichen Konzeptionen zugrunde? Wird es ausreichend erläutert, wie präzise ist es, und wie viele Dimensionen weist es auf?
(2) Wie erfolgt die Operationalisierung? Welche Indikatoren werden hierzu verwendet? Wie valide hinsichtlich einzelner Indikatoren und der gesamten Konstrukte ist die Messanlage? Wie erfolgt die Indexbildung?
(3) Als wie aussagekräftig ist der empirische Befund hinsichtlich der Unterscheidung von autokratischen und demokratischen Regimen einzuschätzen?

4. Die Polyarchietheorie als Bezugspunkt

Bevor nun aber die einzelnen Demokratieindizes beurteilt und hinsichtlich eines weltweiten Demokratisierungstrends untersucht werden, soll das Kapitel über die allgemeinen messtheoretischen Grundlagen mit einer Darstellung jener Theorie beschlossen werden, welche wohl unzweifelhaft den Ausgangspunkt in der Entwicklung von Demokratiemessverfahren markiert[35] – der Polyarchietheorie von Robert Dahl.

Dieses 1971 veröffentlichte Werk war nicht nur „(…) bahnbrechend“[36] im Sinne eines innovativen, die Arbeiten Dritter stimulierenden Reizes, sondern übte darüber hinaus auch in seiner konkreten Ausgestaltung beträchtlichen materiellen Einfluss auf die ihm nachfolgenden Arbeiten aus;[37] wenn es auch nur bei zwei Untersuchungen von internationalen Regierungssystemen direkt angewendet wird.[38] Da es sich bei beiden Messungen um sog. Querschnittsanalysen handelt, welche sich lediglich auf einen Zeitpunkt bzw. eine kurze Zeitspanne beziehen,[39] und die Art der Messung zudem leicht divergiert,[40] lässt sich auf Grundlage dieser Studien keine Aussage über die Existenz eines weltweiten Demokratisierungstrends ableiten. Hierzu erscheinen lediglich einheitliche Längsschnittanalysen (1) brauchbar, welche sich über einen längeren Zeitraum erstrecken (2) und keinen geographischen Fokus besitzen, die bestehenden Nationalstaaten also in möglichst großer Zahl untersuchen (3).

4.1 Demokratie als Grenzwert

Trotzdem erscheint eine kurze Darstellung der Polyarchietheorie nicht nur angesichts ihres unbestreitbaren Einflusses auf die Demokratiemessung angebracht, vielmehr gestattet sie auch die exemplarische Ausarbeitung einiger nachfolgend wichtiger, bislang jedoch unberücksichtigter Aspekte.

So wurde bspw. eine Diskussion über die eigentliche Bedeutsamkeit der Demokratiemessung gänzlich ausgespart und die Anfertigung der vorliegenden Arbeit einzig auf dem vom Autor empfundenen Reiz der Aufgabe begründet. Dieses Vorgehen ist jedoch keinesfalls einem Mangel objektiver Argumente, sondern vielmehr der Auffassung geschuldet, dass ein solcher Diskurs fruchtbarer gestaltet werden kann, wenn die tatsächliche Leistungsfähigkeit der gegenwärtigen Demokratiemessung ausgelotet ist. Auch wenn eine ausführliche Abhandlung aus diesem Grunde erst weiter unten erfolgt, sei aufgrund der gleich im ersten Satz vorgegebenen Zielsetzung der Polyarchietheorie bereits an dieser Stelle eine kurze Anmerkung gestattet. Die eigentliche Intention dieses Werkes besteht entgegen zahlreicher Rezeptionen[41] nicht vorrangig in der Entwicklung eines Verfahrens zur Messung von Demokratie. Dahl geht es nämlich vielmehr um die Ergründung jener Faktoren, welche die Transformation eines Staates in eine Demokratie begünstigen oder erschweren.[42] Die Einordnung von Regierungssystemen ist in diesem Kontext also bloß notwendiges Mittel zum Zweck. Dahl sucht nicht auch Antworten auf die Funktionsvoraussetzungen von Demokratien,[43] sondern ausschließlich. In diesem Sinne lässt sich als ein erster objektiver Beleg für die Bedeutung von Demokratiemessverfahren deren Förderlichkeit für die Entwicklung darauf aufbauender Forschungszweige wie etwa der empirischen Transformationsforschung anführen. Obwohl also Dahl nur angesichts seines eigentlichen Forschungsvorhabens gewissermaßen zur Konstruktion eines Demokratiemessverfahrens genötigt war, setzte er den Maßstab für alle Folgestudien auf diesem Gebiet. Vor allem der von ihm geprägte Demokratiebegriff wurde für die Konzeption nachfolgender Forschungsdesigns wegweisend.[44]

Dahl assumes „… that a key characteristic of a democracy is the continuing responsiveness of the government to the preferences of its citizens, considered as political equals.”[45] Desweiteren geht er davon aus, dass eine Regierung über einen längeren Zeitraum nur dann tatsächlich empfänglich für die Bedürfnisse ihrer Bürger sein kann, wenn diese die Möglichkeit besitzen, ihre jeweiligen Präferenzen ungestört zu formulieren und durch individuelle oder kollektive Handlungen zu artikulieren. Außerdem müsse dafür Sorge getragen werden, dass die so geäußerten Bedürfnisse gleichberechtigt in die Regierungsarbeit eingehen und insbesondere keine Diskriminierung aufgrund des Inhalts oder der Herkunft selbiger erfolgt.[46] Die Existenz dieser drei notwendigen Voraussetzungen der Demokratie kann laut Dahl jedoch nur vermittels mindestens acht staatlicher Garantien gewährleistet werden, die da lauten: (1) Freedom to form and join organizations, (2) Freedom of expression, (3) Right to vote, (4) Eligibility for public office, (5) Right of political leaders to compete for support and for votes, (6) Alternative sources of information, (7) Free and fair elections, (8) Institutions for making government policies depend on votes and other expressions of preference.[47]

Da jedoch nach Dahls Ansicht keine menschliche Organisation von der Größe eines Nationalstaates jemals all diese Bedingungen erfüllt hat und sie wahrscheinlich auch niemals erfüllen kann, erachtet er eine begriffliche Differenzierung als notwendig. Demnach sollen jene Staaten, welche dem oben beschriebenen Idealzustand genügend nahe kommen, nicht als Demokratien, sondern als Polyarchien bezeichnet werden.[48] Demokratie bezeichnet nach Dahls Definition einzig einen nie zu erreichenden Grenzwert.[49] Der Polyarchie-Terminologie kommt damit eine kritisch-aufklärerische Funktion zu – sie soll signalisieren, dass auch die verfassungsrechtlichen Demokratien in Nordamerika und Westeuropa nicht identisch mit dem Ideal einer vollständigen Demokratie sind.[50]

4.2 Regimespektrum und Kategorisierungsschwellen

Während Dahl in seinem früheren Werk „Vorstufen zur Demokratietheorie“[51] die institutionellen Garantien noch als „… die oberen Grenzwerte von acht gleitenden Skalen …“[52] verstanden wissen will, deren konkrete Messung, wie er erst im Anhang bemerkt, allerdings stellenweise „… gewaltige Probleme aufwerfen würde“[53], formuliert er in der Polyarchietheorie den folgenden Ratschlag:

”Now from examination of the list of eight institutional guarantees, it appears that they might provide us with a theoretical scale along which it would be possible to order different political systems. Upon closer examination, however, it appears that the eight guarantees might be fruitfully interpreted as constituting two somewhat theoretical dimensions of democratization.”[54]

Dass im Zuge dieser Reduktion des Demokratiebegriffs zugleich inkonsistente Maßnahmen vollzogen werden, bspw. ignoriert Dahl die vierte institutionelle Garantie unkommentiert, mag zwar durch die notwendige Anpassung der Theorie an das verfügbare Datenmaterial erklärt werden,[55] entschuldigt ist dieses Vorgehen dadurch keineswegs. Glücklicherweise kann darüber jedoch hinweggesehen werden, da der direkten Anwendung des Polyarchiekonzeptes aus oben genannten Gründen (s. S. 9) vorliegend sowieso keine Beachtung widerfährt. Verfolgt man also dessen ungeachtet die oben nahe gelegte Lesart weiter, gelangt man zu einem abstrakteren, jedoch für die nachfolgenden Messverfahren bedeutsameren Demokratiebegriff: „Suppose, then, that we think of democratization as made up of at least two dimensions: public contestation and the right to participate.“[56] Erinnert man sich zurück an Abb. 2 (s. S. 5), so bedeutet diese Definition nichts anderes als die Festlegung der Dimensionen politischen Wettbewerbs und politischer Teilhabe als Konstrukte des theoretischen Demokratiekonzeptes, deren Beziehung untereinander durch untenstehende Abb. 3 verdeutlicht wird.

Demnach lässt sich ein Staat erst als Polyarchie klassifizieren, wenn ein gewisser politischer Wettbewerb (≥ δ*) existiert und die politische Teilhabe seiner Bürger ausreichend groß (≥ ε*) ist. Unter politischem Wettbewerb versteht Dahl hierbei das Ausmaß erlaubter Opposition und unter Partizipation die Möglichkeit an ihrer Teilhabe,[57] wobei vor allem das Konstrukt des politischen Wettbewerbs auch ohne expliziten Hinweis eindeutig auf Schumpeter zurückzuführen ist, der die Demokratie auf rein prozessualer Ebene als diejenige Ordnung der Institutionen definierte, „(...) bei welcher einzelne die Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfes um die Stimmen des Volkes erwerben.“[58]

Abb. 3: Kategorisierungsschwellen bei Dahl

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Dahl (1971), S.7.

Aufgrund welcher Indikatoren diese beiden Konstrukte nun quantifiziert werden, bleibe an dieser Stelle aus bereits genannten Gründen unberücksichtigt. Ein anderer, angesichts Abb. 3 offensichtlicher Problempunkt kann jedoch nicht ebenso unerwähnt bleiben, zumal er sämtliche Verfahren zur Messung von Demokratie betrifft.

Gemeint ist die Bestimmung von δ* und ε* oder allgemeiner die Festlegung der Kategorisierungsschwellen, deren Notwendigkeit unmittelbar aus der allen Messverfahren impliziten Annahme eines Kontinuums von totalitären hin zu demokratischen Regimen, dem sog. Regimekontinuum resultiert,[59] wobei dieser Begriff fortan angesichts der Existenz zweier das Kontinuum begrenzender Pole durch den präziseren des Regimespektrums ersetzt werden soll. Die Frage, ob die Annahme eines solchen Regimespektrums vernünftig ist,[60] kann im Rahmen der quantitativen Demokratieforschung allerdings überhaupt nicht gestellt werden, denn jede Messung bedeutet eine Zuordnung von Zahlen zu Objekten nach bestimmten Regeln.[61] Weil Zahlen aber immer ein bestimmtes Kontinuum aufspannen, ist nicht ersichtlich wie eine Messung von Demokratie ohne die Annahme eines Regimespektrums erfolgen kann.

Auch der Versuch, diesem Problem durch die Definition vermeintlich diskreter Regierungstypologien zu entgehen, kann hierüber nicht hinwegtäuschen,[62] setzt er doch auf der völlig falschen Ebene an. Denn die eigentliche Wurzel des Problems bilden die verwendeten Indikatoren. Sind diese (wie bei allen gesichteten Messverfahren) zumindest polytom, so muss zwangsläufig auf irgendeiner Mess- oder Aggregationsebene eine Entscheidung über die Bedeutung des jeweiligen Wertes, d.h. über die Einordnung des Regierungssystems getroffen werden. Um hierbei Inkonsistenzen zum Wohle der Reliabilität der Messung auszuschließen, bedarf es der Festlegung von Schwellenwerten, welche die Gleichstellung zweier politischer Systeme mit identischen Messwerten sicherstellen. Die Frage, ob die Bestimmung dieser Kategorisierungsschwellen wiederum selbst völlig willkürlich erfolgt und durch nichts zu rechtfertigen ist,[63] sei an dieser Stelle als weiterer Diskussionspunkt für die nun folgende Bewertung verschiedener Messkonzepte registriert.

II. Demokratieindizes

Die Ausgangslage für die Auswahl verschiedener Demokratiemessverfahren erscheint auf den ersten Blick nicht gerade ermutigend: „In fact nearly all researchers who have attempted to measure democracy have used different indicators. The situation is confusing.”[64] In Anbetracht einer wahrhaften Datenflut von gegenwärtig ca. 45,[65] wissenschaftlich ernst zu nehmenden Studien zur Demokratiemessung erweist sich die Anwendung der drei oben formulierten Auswahlkriterien (s. S. 9), welche bereits die Nichtbeachtung der Dahl’schen Messung bewirkten, als besonders hilfreich.

So erfüllen lediglich zwei Messungen die Grundvoraussetzungen einer Längsschnittanalyse über einen längeren Zeitraum mit umfangreicher Erfassung von Nationalstaaten: der Demokratisierungsindex von Vanhanen und der Polity-Index nach Jaggers und Gurr. Dass in diesem Zusammenhang gelegentlich auch die Eignung des Freedom House Index (FHI) für globale Veränderungsanalysen behauptet wird,[66] ist einzig durch dessen häufige Verwendung zu erklären. Der zugehörige Datensatz reicht jedenfalls nur bis ins Jahr 1972 zurück und ist damit im Vergleich zu den beiden anderen, 200 Jahre umfassenden Langzeitstudien zur Erzielung aussagekräftiger Resultate unbrauchbar. Inwiefern sich letztere auch tatsächlich aus den beiden Monumentalmessungen extrahieren lassen, wird der nun folgende Teil der Arbeit zeigen.

1. Der Demokratisierungsindex nach Vanhanen

Als erstes soll der Index of Democratization (ID) von Tatu Vanhanen diskutiert werden. Der Finne zählt selbst nach Meinung seiner Kritiker zu einem der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet der quantitativen Demokratiemessung in Anbetracht der beachtlichen Rezeption seiner Arbeiten.[67] Allerdings ist die exponierte Stellung seines Messverfahrens als Ouvertüre dieses zweiten Kapitels nicht auf diesen akademischen Einfluss zurückzuführen. Auch die Tatsache, dass die Anfänge des von Vanhanen entwickelten Messverfahrens bis in die späten 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreichen und der ID somit der ältere der beiden Indizes ist,[68] war für diese Auswahl allenfalls von nachrangiger Bedeutung. Ausschlaggebend war vielmehr der Anreiz zu inhaltlicher Geschlossenheit; ausgelöst durch Vanhanens expliziten Bezug auf die Polyarchietheorie von Robert Dahl.

1.1 Messaufbau
a) Demokratiebegriff

”I think that Dahl’s two theoretical dimensions of democracy: public contestation and the right to participate encapsulate the most important characteristics of democracy. I have called these dimensions competition and participation.”[69]

Vanhanens Demokratieverständnis fußt demnach unmittelbar auf den Überlegungen Dahls. For Vanhanen ”Democracy is a political system in which different groups are legally entitled to compete for power and in which institutional power holders are elected by the people and are responsible to the people.”[70] Anders als Dahl, welcher die Demokratie nur im Zuge eines seinem Forschungsziel dienenden Pragmatismus auf diese beiden Dimensionen reduziert wissen will,[71] meint Vanhanen jedoch, scheinbar ungeachtet des eigenen Eingeständnisses ob der Unvollkommenheit beider Konstrukte an späterer Stelle des Werkes,[72] die Demokratie auf diese Weise weitestgehend zu erfassen: ”My basic argument is that they [the two dimensions (Anm. d. Verf.)] represent the most crucial aspects of democracy and that, therefore, their combination may constitute the most realistic measure of democratization.“[73] Nun mag diese, vorsichtig als selbstbewusst zu bezeichnende Verwendung des Superlativs angesichts obiger Einsicht in die Unmöglichkeit der Konstruktion eines dominierendenen Verfahrens zur Messung theoretischer Konzepte (s. S. 7) wohl berechtigte Zweifel wecken, doch sollen solche erst in einer abschließenden Kritik Ausdruck finden. In diesem weitestgehend deskriptiven Abschnitt lautet deshalb die an vorstehende Demokratiedefinition anschließende Frage, wie die Operationalisierung der beiden Konstrukte erfolgt.

b) Operationalisierung

”I try to measure two crucial dimensions of democracy (…) by two simple quantitative indicators. The smaller parties’ share of the votes cast in parliamentary or presidential elections, or both, is used to indicate the degree of competition (Competition). It is calculated by subtracting the percentage of the votes won by the largest party from 100. The percentage of the total population who actually voted in the election concerned is used to measure the degree of electoral participation (Participation).”[74]

Zum besseren Verständnis lässt sich die geschilderte Operationalisierung mittels einer abgewandelten Form von Abb. 2 (s. S. 5) wie folgt veranschaulichen:

Abb. 4: Operationalisierung nach Vanhanen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um ein besseres Gefühl für diese beiden Indikatorenwerte zu erlangen, erscheint eine exemplarische Berechnung für Deutschland auf Basis der Ergebnisse der letzten Bundestagswahl hilfreich.[75] Für den Wettbewerbsindikator (C) ergibt sich dabei zunächst ein Wert von 64.8, für den Partizipationsindikator (P) von 58.235. So einfach die Kalkulation der Indikatorenwerte auch der vorstehenden Einschätzung entsprechend ist, ein von Vanhanen selbst angemerkter Aspekt sollte an dieser Stelle keinesfalls übersehen werden: Entgegen dem äußeren Anschein setzt diese objektive Berechnung zwangsläufig ein Werturteil voraus und unterliegt damit dem subjektiven Einfluss des Messenden, da im Falle verschiedenartiger Wahlen eine Entscheidung über deren jeweilige Gewichtung getroffen werden muss.[76]

Vanhanen unterscheidet hierbei zwischen politischen Systemen mit parlamentarischer oder exekutiver Dominanz, für deren Messung einzig die jeweiligen Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen ausschlaggebend sind, und solchen des relativen Gewaltenausgleichs, welche auf Basis beider Wahlergebnisse quantifiziert werden, wobei nur im Ausnahmefall eine Ungleichgewichtung erfolgen soll.[77] Ein derartiges Vorgehen ist zwar notwendig, sofern man sich wie vorliegend für die Integration von Wahlergebnissen in die Messung entscheidet, und durchaus plausibel, aber deshalb nicht unbedenklich, da es als zusätzlicher Quell möglicher Inkonsistenzen potentiell die Validität der Messung bedroht. Vor allem, wenn in Systemen der relativen Machtbalance die Bewertung der einen Wahl die der anderen konterkariert. In diesem Zusammenhang ist in der später erfolgenden empirischen Kritik auch die Behandlung indirekter Wahlsysteme zu diskutieren, welche Vanhanen folgendermaßen festlegt: ”When a president is elected by indirect elections, usually by the parliament, only the number of actual electors is taken into account (D) which means that the degree of participation drops to zero.“[78]

In seiner neuesten Studie, welche vielleicht bezeichnender-, wenn auch überraschenderweise den Titel „Polyarchy Dataset“ trägt, modifiziert Vanhanen diesen ursprünglichen Operationalisierungsprozess erstmalig: Für die Messungen der Jahre 1999 und 2000 fließen nun auch Referenden in die Berechnung von P mit ein, weil diese die wichtigste Form der direkten Demokratie in der heutigen Staatenwelt darstellten und aus diesem Grunde nicht unberücksichtigt bleiben dürften.[79] Unabhängig von der grundsätzlichen Frage, ob diese Form der politischen Partizipation nicht schon früher hätte integriert werden müssen, sofern sie tatsächlich die Validität der Messung erhöht, kann auch Vanhanens Vorgehen diesbezüglich nicht frei von Kritik bleiben, schlägt er doch vor, den Wert von P infolge jedes nationalen Referendums im Jahre der Durchführung pauschal um 5 Punkte[80] zu erhöhen, wobei der mit der Wahlbeteiligung kombinierte Wert die Obergrenze von 70 aber nicht übersteigen dürfe.[81]

c) Indexbildung

Wie aus obigem Fragenkatalog (s. S. 9) bereits hervorgeht, bedarf der Prozess der Indexbildung besonderer Beachtung, da sich dieser keineswegs in einer rein technischen Entscheidung erschöpft, sondern tief greifende Auswirkungen auf das Endresultat der Messung entfaltet.[82] Er gilt zu Recht als kritischer Moment bei der Konstruktion von Messverfahren.[83] Auch Vanhanen ist sich der Bedeutung dieses Forschungsschrittes bei der Gestaltung seines ID durchaus bewusst:

”They [the two indicators (Anm. d. Verf.)] could be combined in many ways, depending on how we weight the importance of Competition and Participation. Because I do not have any theoretical grounds to consider one of them more important than the other, I have weighted them equally in the construction of an index of democratization. They are combined … by multiplying the two percentages and dividing the outcome by 100.”[84]

Dies trägt der obigen Annahme Rechnung, dass ein politisches System nur dann als annähernd demokratisch bezeichnet werden soll, wenn die Kriterien auf beiden Dimensionen zu einem gewissen Grade erfüllt sind. Im Gegensatz zur Addition beider Werte oder etwa der Bildung eines Durchschnitts verhindert diese von Vanhanen gewählte Vorgehensweise nämlich die Kompensation einer niedrigen Indikatorenausprägung durch eine hohe.[85] Nimmt auch nur einer der beiden Indikatoren eine Ausprägung nahe null an, so kann der ID keinen hohen Wert mehr erreichen, d.h., dass ein niedriger Wert für das Niveau politischen Wettbewerbs oder politischer Teilhabe unmittelbar einen niedrigen Demokratiegehalt des jeweiligen Regierungssystems anzeigt.[86] Angesichts dieser reflektierten und konsequenten Vorgehensweise Vanhanens[87] erscheint der Vorwurf der theoretisch unbegründeten Indexbildung[88] nicht gerechtfertigt.

Für Deutschland ergibt sich nach der zuvor beschriebenen Art der Berechnung ein aktueller ID-Wert von 37.736.[89] Allerdings besitzt dieser Wert an sich noch keinerlei Aussagekraft. Denn wie jede andere Maßzahl lässt sich auch der ID-Wert nur innerhalb eines zugehörigen Beziehungssystems deuten. Ein solches kann bspw. durch die Ermittlung und Rangordnung weiterer Messergebnisse oder im Falle besonderer Eigenschaften der Messung durch die Bestimmung von Ober- und Untergrenzen gewonnen werden. Da die Verhältniszahlen C und P, auf deren Grundlage der vorliegende Index berechnet wurde, nur zwischen 0 und 100 liegen können, und diese Eigenschaft durch die vorgenommenen Rechentransformation nicht beeinträchtigt wird, ist der ID als resultierende Maßzahl offensichtlich denselben Beschränkungen unterworfen wie die ihn konstituierenden Indikatoren. Auch er kann folglich nur Ausprägungen im genannten Zahlenbereich annehmen, wobei der Wert von 100 dem maximal möglichen Demokratiegehalt entspricht. Allerdings muss hierbei berücksichtigt werden, dass Abweichungen von den Maximalwerten der Indikatoren durch die Multiplikation einen überproportional negativen Einfluss auf den Gesamtindex entfalten.

Liegen z.B. beide Indikatorenwerte mit 90 nur jeweils 10 Zähler unterhalb ihres Maximalwertes, so liegt der ID mit einem Wert von 81 bereits 19 Zähler unter 100. Dieser Effekt wird umso größer, je stärker die einzelnen Indikatoren von ihrem Maximalwert abweichen. Weisen bspw. beide Indikatoren einen Wert von 50 auf, dann erreicht der ID mit 25 nur noch die Hälfte der Einzelwerte. Im Vergleich dazu würde ein das arithmetische Mittel oder die jeweilig niedrigere Indikatorenausprägung ausweisender Gesamtindex denselben Wert wie die Einzelindikatoren (hier 50) annehmen. Der Grund hierfür liegt in der multiplikativen Verknüpfung der Einzelindikatoren und der damit verbundenen potenzierten Auswirkung jeweilig linearer Abweichungen. Wie lässt sich nun aber der deutsche ID-Wert aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse einordnen?

d) Kategorisierungsschwelle

Vor allem angesichts der letzten mathematischen Ausführungen erscheint die intuitiv nahe liegende Lösung einer symmetrischen Kategorisierungsschwelle von 50 für den ID überzogen. Dieser Überlegung entspräche wohl eher ein Schwellenwert von 25, was im Falle Deutschlands mit einem ID-Wert von ca. 38 die Einstufung als Demokratie bedeuten würde. Wie das Beispiel jedoch zeigt, erweist sich selbst die Klassifikation eines scheinbar offensichtlich demokratischen Staates als keineswegs eindeutig. Ließe sich doch ebenso gut ein anderer ID-Wert als Kategorisierungsschwelle behaupten.

Diese Freiheit nutzt auch Vanhanen, indem er C = 30 und P = 15 als Schwellenwerte auf Indikatorenebene proklamiert.[90] Obwohl sich daraus rein rechnerisch ein ID-Wert von 4.5 ergibt, erklärt er 5 als weiteren Schwellenwert und bestimmt das folgende Prinzip: ”If a country remains below any of the three threshold values, it is classified as a non democracy.“[91] Die zur Schau gestellte Leichtigkeit dieser Entscheidung erscheint zunächst durch die Schwere ihrer Folgen konterkariert, zumal das Ergebnis der Messung je nach Festlegung der Kategorisierungsschwelle variiert. Diese Willkürlichkeit der Messergebnisse ist aber nur vordergründig. Tatsächlich hat Vanhanen Recht mit seinem Urteil: ”The selection of threshold values is of necessity, to some extent arbitrary, but not completely so.”[92] Denn die Auswahl der Kriterien vollzieht sich keineswegs im luftleeren Raum. Vielmehr ist sie mit Bedacht zu treffen, da durch sie gegebenenfalls Fehlbewertungen hervorgerufen werden, welche die Validität der Messung in Frage stellen.[93]

Auch wenn der von Vanhanen verwendete Begriff der Anomalie in diesem Zusammenhang erläuterungsbedürftig ist[94] – schließlich setzt die Identifikation einer solchen, wie aus dem Wortstamm unschwer hervorgeht, die Kenntnis einer allgemein gültigen Norm voraus, deren Existenz im vorliegenden Fall jedoch bereits verneint wurde (s. S. 7) – scheint er trotz seiner Ungenauigkeit nicht unangebracht, weil tatsächlich anzunehmen ist, dass der augenscheinlichen Willkür in speziellen Fällen gewisse Grenzen gesetzt sind. Diese entspringen allerdings einem allgemein akzeptierten Konsens über die demokratische Verfasstheit einzelner Regierungssysteme. Zwar existieren derartige Einschränkungen damit lediglich kraft einer außerhalb der Messanlage getroffenen Konvention und sind folglich nicht innerhalb derselben logisch begründbar, sie sind aber trotzdem wirksam. So sind bspw. niedrigere Schwellenwerte in gleichem Maße zu rechtfertigen, dennoch würde der Messung wohl sofort jegliche Validität abgesprochen, sofern diese eine Einordnung Nordkoreas als Demokratie zur Folge hätte. Unbestreitbar ist infolgedessen eine begrenzte Freiheit bei der Wahl von Kategorisierungsschwellen – streitbar bleibt hingegen ihr Ausmaß. In diesem Sinne ist wohl auch die folgende Einschränkung Vanhanens zu verstehen:

”The three political variables [C, P and ID (Anm. d. Verf.)] constitute continua, so that political systems slightly above or below the threshold of democracy do not necessarily differ from each other drastically. These variables are better suited for indicating significant differences between political systems … than more detailed differences among democracies or non-democracies.”[95]

Wie bereits aus diesem Zitat ersichtlich und an anderer Stelle explizit erwähnt, verzichtet Vanhanen auf die Einführung weiterer Kategorisierungsschwellen und belässt es bei der Unterscheidung von Demokratien und Nicht-Demokratien.[96]

1.2 Datenanalyse
a) Auswertungsverfahren

Durch diese letzte Festlegung ist das Messverfahren nun derart hinreichend beschrieben, dass eine an vorliegender Aufgabenstellung orientierte Auswertung des vorhandenen statistischen Materials erfolgen kann. Dieses umfasst infolge neuester Studien[97] alle unabhängigen Nationalstaaten mit mehr als 50.000 Einwohnern im Zeitraum zwischen ihrer Gründung (frühestens aber ab 1810) und 2000, sowie zahlreiche ehemalige Staaten wie etwa die UdSSR oder auch die DDR;[98] einzig die deutschen und italienischen Fürstentümer, sowie einige untergegangene Staaten des 19. Jahrhunderts bleiben unberücksichtigt.[99] In Anbetracht der vorliegenden Datenfülle sind hierbei grundsätzlich zwei Methoden zur Zählung demokratischer Staaten denkbar, welche sich nicht in einem unübersichtlichen Detailreichtum verlieren.

Die eine erfolgt auf Grundlage von Durchschnittswerten für die einzelnen Staaten.[100] Die andere basiert auf in festen zeitlichen Abständen ermittelten Jahreswerten und spiegelt somit lediglich die jeweilig letzten Wahlergebnisse wider.[101] Offenkundig besitzen beide Zählweisen Nachteile aufgrund ihres niedrigeren Informationsgehaltes. So kommt es möglicherweise zu Zeitverzögerungen bis zur sachgemäßen Einordnung von Staaten bei Verwendung mehrjähriger Durchschnitte[102] oder zu eventuell nicht repräsentativen Darstellungen von Ausnahmesituationen in Folge einer Zeitpunkterfassung. Dass die Wahl im vorliegenden Fall auf die zweite Vorgehensweise entfiel, liegt hauptsächlich in deren niedrigeren Rechenaufwand begründet, welcher mit einer weitaus höheren Transparenz und einer viel geringeren Fehleranfälligkeit einhergeht.

Dementsprechend wurden die zur Verfügung stehenden Daten in zehnjährigen Intervallen, ausgehend vom aktuellsten Datensatz ausgewertet. Die Zählung demokratischer Staaten gleicht damit zwar formell der von Vanhanen, unterscheidet sich aber materiell von dieser, da erstmalig Daten des Jahres 2000 einbezogen werden, was zugleich eine eigenständige Ermittlung der korrespondierenden Intervallwerte erfordert.[103] Überraschenderweise sollte sich der aus diesem Mehraufwand resultierende Ertrag jedoch nicht nur in einer größeren Aktualität der vorliegenden Arbeit erschöpfen. Lieferte die selbständige Auswertung der Daten doch zudem ein äußerst anschauliches Beispiel für den fragwürdigen Umgang Vanhanens mit den von ihm proklamierten Schwellenwerten und für die daraus resultierende Variabilität des Messergebnisses. Denn erst nach Abgleich beider Zählungen und intensiver Ergründung der dabei zu Tage tretenden Differenzen, wurde eine von Vanhanen vorgenommene Änderung des Messverfahrens, nämlich die Absenkung des Schwellenwertes für P von 15 auf 10, offenkundig, welche er eher beiläufig mit nur einem einzigen Satz kundtat: ”Now, I would prefer a 10 % threshhold value for Participation, because it has historically been difficult for many countries to reach the 10 % level of electoral participation.“[104]

Da diese kurze Begründung jeglicher Logik entbehrt, muss spekuliert werden, ob Vanhanen mit der zweiten Prozentzahl tatsächlich 10 % oder doch eher 15 % im Sinn hatte. Eindeutig erscheint in diesem Falle wohl einzig die Inkonsistenz in Vanhanens Argumentation. Hatte er in seinem früheren Werk den P-Schwellenwert mit 15 % schon ausdrücklich als niedrig bezeichnet und mit der Bevölkerungsstruktur zahlreicher Entwicklungsländer gerechtfertigt,[105] so setzt er ihn plötzlich aufgrund unerklärter historischer Gründe noch weiter herab. Abgesehen davon, dass sich Geschichte im Wesentlichen durch ihren bereits erfolgten Vollzug auszeichnet, und die angegebenen Gründe somit auch schon drei Jahre zuvor existierten, bestand die „historische Schwierigkeit“ bei der Überschreitung des alten Partizipationsschwellenwertes von 15 % zumeist nicht in der Kompensation bestimmter Bevölkerungsstrukturen, sondern vielmehr in der Gleichstellung von finanziell Minderbemittelten, Frauen oder Sklaven.

b) Messergebnis

Als Beispiel für diesen letzten Einwand lässt sich das Jahr 1848 anführen. Die Absenkung des Schwellenwertes bewirkt in diesem Falle nämlich nur eine einzige Veränderung: die Kategorisierung der USA als Demokratie – welche bei Anwendung des alten Kriteriums erst im Jahre 1872 nach Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts erfolgt.[106] Die quantitativen Auswirkungen der Aufweichung des Partizipationskriteriums lassen sich hingegen besser am Beispiel des Jahres 1908 verdeutlichen. Für dieses ermittelt Vanhanen bei Anwendung des neuen Kriteriums elf demokratische Regierungssysteme.[107] Behält man hingegen die ursprüngliche Verfahrensweise bei, welche sich tatsächlich nur durch den höheren P-Schwellenwert unterscheidet, so zählt man statt elf Demokratien nur noch sechs, nämlich Australien, Belgien, Kanada, Frankreich, Neuseeland und die USA.[108] Anstelle des von Vanhanen mit 21,2 % errechneten Anteils demokratischer Regierungssysteme an den weltweit existierenden Nationalstaaten[109] ergibt sich damit ein bedeutend niedrigerer Wert von 11,5 %. Das Messergebnis für das Jahr 1908 reagiert also besonders stark auf die Absenkung des Schwellenwertes.

Trotz der berechtigten Kritik wurden auch die nachfolgend erläuterten Ergebnisse unter Einbezug des jüngsten Partizipationskriteriums ermittelt. Einerseits stehen diese damit im völligen Einklang zu den aktuellsten Studien von Vanhanen, was letztlich Voraussetzung einer seriösen Auseinandersetzung mit selbigen ist. Andererseits wird auf diese Weise die kaum zu rechtfertigende Bevorzugung eines Schwellenwertes im Wissen um die graduell stets verbleibende Willkür vermieden bzw. die notwendige Distanz zum Untersuchungsgegenstand aufrechterhalten. Bei Anwendung des neuerdings modifizierten Messverfahrens offenbart das verfügbare Datenmaterial schlussendlich die in Abb. 5 dargestellte Entwicklung.[110] Diese folgt augenscheinlich zweierlei Grundbewegungen: Erstens hat die Zahl der (untersuchten) Nationalstaaten in den letzten 190 Jahren von unter 20 bis knapp 200 deutlich zugenommen, und zweitens ist der Anteil demokratischer Regierungssysteme im selben Beobachtungszeitraum signifikant angestiegen.

Abb. 5: Entwicklung der Anzahl demokratischer Staaten nach Vanhanen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Letztere Entwicklung wird durch Abb. 6 noch einmal verdeutlicht, welche den Anteil der Demokratien an den weltweit unabhängigen Staaten im Zeitablauf darstellt. Demnach hat sich der Anteil demokratischer Staaten in nur hundert Jahren von unter 11 % im Jahre 1900 auf über 60 % im Jahre 2000 vervielfacht.

Abb. 6: Entwicklung des Anteils demokratischer Staaten nach Vanhanen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Markant sind hierbei vor allem die drei regelrechten Demokratisierungsschübe nach den beiden Weltkriegen und zu Beginn der 1990er Jahre, welche immer auch mit dem Zerfall bestehender Staaten einhergingen, wie die Zunahme der absoluten Staatenzahl (vgl. Abb. 5) in den jeweiligen Zeiträumen belegt. Abb. 6 veranschaulicht damit auf sehr eindrückliche Weise den von Huntington mit dem Begriff der “three waves “[111] betitelten Verlauf der globalen Demokratieentwicklung.

Gemäß diesem ersten Messergebnis scheint es, als habe Bryce mit seiner Einschätzung bezüglich der weltweiten Demokratieentwicklung (s. S. 1) Recht behalten, was mit Blick auf Abb. 6 durchaus bemerkenswert erscheint, war der Anteil demokratischer Staaten im Jahre 1921 noch vergleichsweise niedrig. Allerdings stellt sich hierbei unweigerlich die Frage, ob eine solche Aussage auf Grundlage der ermittelten Ergebnisse überhaupt getroffen werden kann. Denn bislang ist unklar, wie valide das Verfahren nach Vanhanen eigentlich ist, bzw. ob es tatsächlich misst, was es zu messen behauptet.

Statt einer auf der Zahl der Nationalstaaten beruhenden Darstellung ließe sich die globale Verbreitung der Demokratie in einer weiterführenden Studie generell auch anhand der Zahl der in demokratisch regierten Ländern lebenden Menschen erfassen.[112] Die Beschreibung einer solchen Kennzahl im Zeitablauf bedeutet zwar einen immensen Arbeitsaufwand, verspräche aber zusätzliche Erkenntnisse im Vergleich zu der hier gewählten Darstellung.

[...]


[1] Bryce (1921), S. 24.

[2] Die Aufzählungszeichen entsprechen den Teilen der vorliegenden Arbeit, welche sich mit dem jeweiligen Fragenkomplex auseinandersetzen.

[3] Es sei bereits an dieser frühen Stelle der Arbeit darauf hingewiesen, dass die Nichtexistenz eines Begünstigungsfaktors im Umkehrschluss ein Hemmnis für die Demokratisierung eines Landes darstellt. Die Diskussion über Begünstigungsfaktoren der Demokratisierung ist also immer auch eine über deren Hinderungsgründe.

[4] Cardoso (1979), S. 33.

[5] Vgl. Naßmacher (2002), S. 502.

[6] Duden (1996), S. 750.

[7] Vgl. Schmidt (2000a), S. 438.

[8] Vgl. Stevens (1959), S. 19.

[9] Vgl. Heidenreich (1993), S. 342.

[10] Vgl. Schaich et al. (1993), S. 2.

[11] Vgl. Benninghaus (1994), S. 14.

[12] Vgl. Diekmann (2002), S. 102.

[13] Vgl. Benninghaus (1994), S. 13.

[14] Vgl. Patzelt (1986), S. 145.

[15] Vgl. Diekmann (2002), S. 200.

[16] Vgl. Patzelt (1986), S. 147.

[17] Vgl. Kromrey (1986), S. 64.

[18] Vgl. Lauth (2004), S. 233 f.

[19] Vgl. Laatz (1993), S. 52.

[20] Benninghaus (1994), S. 16.

[21] Vgl. Knepel (1993), S. 630.

[22] Vgl. Kromrey (1986), S. 84.

[23] Vgl. Opp (1993), S. 57.

[24] Vgl. Friedrichs (1983), S. 100.

[25] Laatz (1993), S. 75.

[26] Vgl. Laatz (1993), S. 75 f.

[27] Vgl. Heidenreich (1993), S. 356.

[28] Vgl. Lauth (2004), S. 232.

[29] Vgl. Diekmann (2002), S. 216 f.

[30] Vgl. Laatz (1993), S. 59.

[31] Vgl. Kromrey (1986), S. 127.

[32] Vgl. Friedrichs (1983), S. 102.

[33] Vgl. Diekmann (2002), S. 227.

[34] Vgl. Lauth (2004), S. 237.

[35] Vgl. Berg-Schlosser (2000), S. 298.

[36] Lauth (2004), S. 237.

[37] Vgl. Foweraker/Krznaric (2000), S. 774.

[38] Vgl. Dahl (1971), App. A, S. 231-234, sowie Coppedge/Reinicke (1993), App. B, S. 59-66.

[39] Vgl. Diekmann (2002), S. 267.

[40] Vgl. Coppedge/Reinicke (1993), S. 49.

[41] Vgl. z.B. Schmidt (2000a), S. 397 oder Lauth (2004), S. 238.

[42] Vgl. Dahl (1971), S. 1.

[43] Vgl. Schmidt (2000a), S. 397.

[44] Vgl. Munck/Verkuilen (2002), S. 9.

[45] Dahl (1971), S. 1.

[46] Vgl. Dahl (1971), S. 2.

[47] Vgl. Dahl (1971), S. 2 f.

[48] Vgl. Dahl (1976), S. 67-69.

[49] Vgl. Dahl (1976), S. 60.

[50] Schmidt (2000a), S. 393.

[51] Um jegliche Verwirrung zu vermeiden, sei kurz angemerkt, dass die Jahreszahl 1976 die Erscheinung der deutschen Übersetzung markiert. Das Original entstammt dem Jahre 1956.

[52] Dahl (1976), S. 70.

[53] Dahl (1976), S. 79, Anhang B.

[54] Dahl (1971), S. 3 f.

[55] Vgl. Lauth (2004), S. 239.

[56] Dahl (1971), S. 5.

[57] Vgl. Dahl (1971), S. 4.

[58] Schumpeter (1993), S. 428.

[59] Vgl. Lauth (2004), S. 11.

[60] Vgl. Dahl (1971), S. 235.

[61] Vgl. Stevens (1959), S. 19.

[62] Vgl. Gasiorowski (1995), S. 885.

[63] Vgl. Gasiorowski (1995), S. 885.

[64] Vanhanen (1997), S. 31.

[65] Vgl. Foweraker/Krznaric (2000), S. 762-764. Die Übersicht findet sich auch in App. A.

[66] Vgl. Lauth/Pickel/Welzel (2000), S. 10.

[67] Vgl. Traine (2000), S. 207.

[68] Vgl. Vanhanen (2000), S. 186.

[69] Vanhanen (2000), S. 188.

[70] Vanhanen (1990), S. 11.

[71] Vgl. Dahl (1971), S. 4.

[72] Vgl. Vanhanen (1997), S. 157 f.

[73] Vanhanen (2000), S. 188.

[74] Vanhanen (1997), S. 34.

[75] Die genaue Kalkulation findet sich in App. B.

[76] Vgl. Vanhanen (1997), S. 34.

[77] Vgl. Vanhanen (2000), S. 190.

[78] Vanhanen (2000), S. 189.

[79] Vgl. Vanhanen (2002), S. 1.

[80] Entgegen der herrschenden Konvention Zahlen bis zwölf auszuschreiben werden diese im Folgenden als Ziffern verwendet, sofern dies im vorliegenden Rahmen geboten erscheint.

[81] Vgl. Vanhanen (2002), S. 1 f.

[82] Vgl. Lauth (2004), S. 309 f.

[83] Vgl. Foweraker/Krznaric (2000), S. 766.

[84] Vanhanen (1997), S. 35.

[85] Vgl. Gaber (2000), S. 119.

[86] Vgl. Vanhanen (1997), S. 35.

[87] Vgl. Lauth (2004), S. 309.

[88] Vgl. Munck/Verkuilen (2002), S. 25 f.

[89] Die detaillierte Berechnung dieses Wertes findet sich ebenfalls in App. B.

[90] Vgl. Vanhanen (1997), S. 41.

[91] Vanhanen (1997), S. 41.

[92] Vanhanen (1997), S. 41.

[93] Vgl. z.B. Dix, (1994), S. 102.

[94] Vanhanen selbst verwendet ihn hingegen unreflektiert; vgl. Vanhanen (1997), S. 158.

[95] Vanhanen (2000), S. 193.

[96] Vgl. Vanhanen (1997), S. 41 f.

[97] Die Übersicht in App. A aus dem Jahre 2000 ist bzgl. Vanhanens Datensatz nicht mehr aktuell.

[98] Aufgrund ihres Umfanges befinden sich die bearbeiteten Datensätze Vanhanen (1999) und Vanhanen Data (2002) nicht im Anhang, sondern liegen der Arbeit auf CD-ROM gebrannt bei.

[99] Vgl. Vanhanen (1999), S. 23 f.

[100] Vgl. z.B. Vanhanen (1997), App. 5, S. 251-270.

[101] Vgl. z.B. Vanhanen (2000), S. 194 f.

[102] Vgl. Bollen (1991), S. 13.

[103] Vgl. Vanhanen (2000), S. 194 f.

[104] Vanhanen (2000), S. 193.

[105] Vgl. Vanhanen (1997), S. 41.

[106] Vgl. Vanhanen (1999), United States.pdf, sowie Vanhanen Data (2002).

[107] Vgl. Vanhanen (2000), S. 195, Tabelle 1.

[108] Vgl. Vanhanen (1999), Australia.pdf, Belgium.pdf, Canada.pdf, France.pdf, New Zealand.pdf, United States.pdf, sowie Vanhanen Data (2002).

[109] Vgl. Vanhanen (2000), S. 195, Tabelle 1.

[110] Die dem Schaubild zugrunde liegenden Daten können der Tabelle in App. C entnommen werden.

[111] Huntington (1991), S. 16.

[112] Vgl. Diamond (1992a), S. 31.

Ende der Leseprobe aus 123 Seiten

Details

Titel
Die globale Ausbreitung der Demokratie und ihre Begünstigungsfaktoren - Eine Bewertung anhand der empirisch-analytischen Demokratietheorie
Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
123
Katalognummer
V68208
ISBN (eBook)
9783638594301
Dateigröße
1144 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausbreitung, Demokratie, Begünstigungsfaktoren, Eine, Bewertung, Demokratietheorie
Arbeit zitieren
Florian Jung (Autor), 2007, Die globale Ausbreitung der Demokratie und ihre Begünstigungsfaktoren - Eine Bewertung anhand der empirisch-analytischen Demokratietheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68208

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