Um sich mit familialen und nichtfamilialen Lebensformen wissenschaftlich fundiert
auseinandersetzen zu können, sollte man sich zu Beginn mit den Hauptschlagwörtern in
diesem Themenfeld vertraut machen. Das erste wichtige Stichwort in diesem Zusammenhang
lautet „Ehe". Sie „ist im allgemeinen und juristischen Verständnis eine Lebensgemeinschaft
von Mann und Frau, die über die Form des Zusammenlebens hinaus nach traditionaler und
universaler Auffassung zwei grundlegende Funktionen hat: den Geschlechtsverkehr zu
legalisieren und an seine möglichen Folgen, die Geburt von Kindern, Verpflichtungen zu
knüpfen"; (Schäfers 1998, S. 127) so ist sie auch im BGB in ihren Voraussetzungen, Folgen
und Scheidungsmöglichkeiten gesetzlich geregelt.
Der zweite zu definierende Begriff ist die „Familie“, was gar nicht so einfach ist, zumal es
eine große kulturelle und historische Pluralität der Familienformen gibt. „Im weitesten Sinn
ist die Familie eine nach Geschlecht und Generationen differenzierte Kleingruppe mit einem
spezifischen Kooperations- und wechselseitigem Solidaritätsverhältnis, dessen Begründung
in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird." (Meyer: in Geißler 1996, S. 306) Familie
im engeren Sinn ist jene Lebensgemeinschaft, in der Erwachsene sich der Erziehung von
i.d.R. leiblichen Kindern und Jugendlichen widmen. (vgl. Schäfers 1998, S. 127) Im weiteren
Sinn zählen zu einer Familie auch die Großeltem. In modernen Industriegesellschaften
herrscht der Familientyp der Kern- bzw. der Kleinfamilie vor. „Diese wird gebildet aus der
auf der Ehe gründenden und auf zwei Generationen beschränkten Gefühlsgemeinschaft der
Eltern mit ihren Kindern.“ (Meyer: in Geißler 1996, S. 306) Allerdings entspricht dieser
Familientyp der sog. „Normalfamilie“ nicht mehr der gegenwärtigen Realität: Demografische
Werte zeigen, dass Ehe und Familie seit einiger Zeit einem Wandel unterworfen sind. Im
Folgenden soll genauer auf diesen Wandel und die verschiedenen nichtfamilialen
Lebensformen eingegangen werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Begriffsdefinitionen Ehe und Familie
2 Wandel der Familie in Struktur und Funktion
3 Bedeutung und Funktion der Familie
3.1 Übereinstimmung oder Auseinanderdriften in Ost- und Westdeutschland?
3.2 Bundesrepublik Deutschland
3.3 Deutsche Demokratische Republik
4 Demographischer Strukturwandel der Familie
4.1 Geburtenentwicklung
4.2 Ursachen des Geburtenrückgangs
4.3 Eheschließungen und –scheidungen
5 Pluralisierung der Ehe- und Familienformen
5.1 Alleinlebende und Singles
5.2 Nichteheliche Lebensgemeinschaften
5.3 Kinderlose Ehen
5.4 Eineltemfamilien
5.5 Andere alternative Lebensformen
6 Veränderungen innerhalb des Familienlebens
7 Erklärungsansätze
8 Bilanz und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den soziologischen Wandel von Familien- und Lebensformen in Deutschland unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklungen in den alten und neuen Bundesländern. Ziel ist es, die Ursachen für die Pluralisierung privater Lebensentwürfe sowie den demografischen Strukturwandel wissenschaftlich fundiert zu analysieren und theoretisch einzuordnen.
- Historischer Wandel der bürgerlichen Familie und deren Funktionsverlust.
- Analyse des demografischen Wandels und des Geburtenrückgangs.
- Untersuchung neuer Lebensformen wie Singles, nichteheliche Lebensgemeinschaften und Einelternfamilien.
- Vergleich der familienpolitischen Rahmenbedingungen zwischen der BRD und der ehemaligen DDR.
- Theoretische Einordnung durch Individualisierungsansätze und soziale Differenzierung.
Auszug aus dem Buch
4.2 Ursachen des Geburtenrückgangs
Mindestens folgende Ursachenkomplexe sind in verschiedenem Ausmaß für die sinkende Zahl der Geburten verantwortlich. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, seien die Gründe folgend nur kurz angerissen.
Einer der Hauptgründe ist sicher in der veränderten Funktion bzw. Struktur der Familie zu sehen. Der Rückgang der Familienbetriebe und das Aufkommen verschiedenster staatlicher Sozialeinrichtungen lässt die früher wichtige Funktion von Kindern, nämlich die als Arbeitskräfte und als Versorger der Eltern in Krankheit sowie im Alter, immer mehr schwinden. Zweitens gilt das gestiegene Konsumdenken und der Wunsch nach Luxus als eine Ursache des Geburtenrückgangs. Kinder kosten viel Geld, dazu kommt die Zeit und der Aufwand, der in sie investiert werden muss. Ein ungebundenes Leben ist somit auch nicht mehr möglich. Hier spielt auch die Scheu vor längerfristigen Planungen eine Rolle. (vgl. Geißler 1996, S. 341) Kinder stehen den heutigen Individualisierungstendenzen und Wahlmöglichkeiten ihrer Eltern in Bezug auf verschiedenste Dinge für einige Jahre im Weg. Nicht vergessen werden darf hier der Emanzipationsgedanke der Frauen, immer mehrere möchten nicht ausschließlich die Aufgaben im Haushalt übernehmen, sondern selbst einen Beruf ergreifen, eigenes Geld verdienen und sich selbst verwirklichen. Kinder werden in diesem Zusammenhang oft als störend empfunden. Weiter kam es in den letzten Jahrzehnten zu einer verbreiteten Akzeptanz der Kinderlosigkeit; Paare, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, werden immer weniger schief und diskriminierend angesehen. Auch lassen sich viele Paare durch die gestiegenen Ansprüche an die Elternrolle verunsichern und entscheiden sich deshalb, keine Kinder zu bekommen. Letztgenannt in diesem Kapitel seien die verbesserten Methoden der Empfängnisverhütung, die das Leben planbarer gemacht haben und viele ungewollte Schwangerschaften verhindern. (vgl. Geißler 1996, S. 341)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Begriffsdefinitionen Ehe und Familie: Einführung in die terminologischen Grundlagen und Differenzierung zwischen den Begriffen Ehe und Familie in ihrem soziologischen Verständnis.
2 Wandel der Familie in Struktur und Funktion: Darstellung des historischen Übergangs zur bürgerlichen Kleinfamilie im Zuge der Industrialisierung und der damit einhergehenden Funktionsverluste.
3 Bedeutung und Funktion der Familie: Analyse der gesellschaftlichen Bedeutung der Familie in Ost- und Westdeutschland sowie deren jeweilige staatliche Verankerung.
4 Demographischer Strukturwandel der Familie: Untersuchung der Geburtenentwicklung, der Ursachen des Rückgangs sowie der Trends bei Eheschließungen und Scheidungen.
5 Pluralisierung der Ehe- und Familienformen: Überblick über diverse Lebensformen wie Single-Dasein, nichteheliche Lebensgemeinschaften, kinderlose Ehen und Einelternfamilien.
6 Veränderungen innerhalb des Familienlebens: Betrachtung neuer Erziehungsstile und der veränderten Rollenbilder innerhalb der Familie.
7 Erklärungsansätze: Theoretische Einordnung der Veränderungen anhand der Individualisierungstheorie und der sozialen Differenzierung.
8 Bilanz und Ausblick: Zusammenfassende Einschätzung der künftigen Rolle der Kleinfamilie als zentrales Leitbild trotz zunehmender Pluralität.
Schlüsselwörter
Familie, Ehe, demografischer Wandel, Geburtenrückgang, Kleinfamilie, Pluralisierung, Lebensformen, Alleinerziehende, Individualisierung, Normalbiografie, Ehescheidung, Industrialisierung, DDR, BRD, Familienpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem soziologischen Wandel von Familien- und Lebensformen in Deutschland seit der Industrialisierung bis ins frühe 21. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind der Strukturwandel der Familie, die demografische Entwicklung, die Pluralisierung privater Lebensformen und der Vergleich zwischen ost- und westdeutschen Entwicklungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie und warum sich das Leitbild der „Normalfamilie“ gewandelt hat und welche alternativen Lebensformen heute existieren.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse soziologischer Standardwerke und der Auswertung statistischer Daten, um soziale Strukturveränderungen zu belegen.
Was umfasst der inhaltliche Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Begriffen, die historische Herleitung des Wandels, die Analyse demografischer Fakten und die detaillierte Vorstellung verschiedener familialer sowie nichtfamilialer Lebensstile.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den Kernbegriffen gehören Pluralisierung, demografischer Wandel, Kleinfamilie, Individualisierung und der Vergleich der Familienpolitiken in BRD und DDR.
Wie unterscheidet sich die Situation alleinerziehender Mütter in der ehemaligen DDR im Vergleich zum Westen?
Alleinerziehende in der DDR waren stärker in das Erwerbsleben integriert und genossen aufgrund staatlicher Förderungen und weniger Diskriminierung eine andere gesellschaftliche Akzeptanz als in der alten Bundesrepublik.
Welchen Einfluss hat das Konzept der „Wahlbiografie“ auf das Familienbild?
Das Konzept beschreibt, dass Heirat und Elternschaft nicht mehr zwangsläufige Lebensstationen sind, sondern zu bewussten Optionen unter vielen individuellen Möglichkeiten geworden sind.
Warum wird die „Commuter-Ehe“ als Lösungsansatz diskutiert?
Sie wird als moderne Strategie angesehen, um strukturelle Spannungen zwischen beruflichen Anforderungen, Mobilitätszwängen und dem Bedürfnis nach privater Partnerschaft zu bewältigen.
- Arbeit zitieren
- Barbara Walzner (Autor:in), 2002, Familiale und nichtfamiliale Lebensformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6822