Interkulturelles Training im Gesundheitswesen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kultur und Krankheit
2.1 Kulturspezifische Syndrome
2.2 Medizinsysteme
2.2.1 Medizinsysteme in Deutschland
2.2.2 Volksmedizin
2.3 Auswirkungen auf die Behandlung

3. Interkulturelles Training
3.1. Ziele des Trainings
3.2 Trainingsmethoden
3.2.1 Kulturgenerelle didaktische Methoden
3.2.2 Kulturgenerelle erfahrungsbasierte Methoden
3.2.3 Kulturspezifische didaktische Methoden
3.2.4 Kulturspezifische erfahrungsbasierte Methoden

4. Trainingskonzept für den Gesundheitsbereich
4.1 Allgemeines Design
4.2 Trainingsinhalte und -methoden
4.2.1 Bereich 1: Allgemeiner Teil zum Konzept Kultur
4.2.2 Bereich 2: Kulturelle Durchdringung von Gesundheit und Krankheit
4.2.3 Bereich 3: Transfer durch Fallbeispiele
4.3 Mögliche Schwierigkeiten
4.4 Situation im Gesundheitsbereich

5. Ausblick: Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheitswesens für Migranten
5.1 Politisch
5.2 Strukturell
5.3 Institutionell

Literatur

1. Einleitung

In den 60er Jahren warb Deutschland Millionen Gastarbeiter vor allem aus Italien, Griechenland, Portugal, aus Jugoslawien und später der Türkei an. Viele kehrten nicht in ihre Heimatländer zurück, sondern blieben im Land, und ihre Kinder und Enkel wurden in Deutschland geboren und wuchsen hier auf.

Dies hatte Auswirkungen auf alle Gesellschaftsbereiche, darunter auch der Bereich der gesundheitlichen Versorgung. Die Zusammensetzung der Patienten in den Krankenhäusern und Arztpraxen hat sich verändert. Mehr und mehr Menschen mit nicht-deutschem kulturellen Hintergrund werden dort behandelt und gepflegt.[1]

Dabei kann es zu Verständigungs- und Verständnisschwierigkeiten kommen, die von den Beschäftigten des Gesundheitswesens oft der anderen Kultur der Patienten zugeschrieben werden. Welche Kulturstandards und welche Konzepte von Krankheit, Gesundheit und medizinischer Versorgung den Erwartungen, Einstellungen und dem Verhalten der Patienten allerdings zugrunde liegen, darüber ist meist kein Wissen vorhanden. Interkulturelle Trainings im Gesundheitsbereich könnten hier Abhilfe schaffen und die Situation von Migranten nicht nur der ersten sondern auch der Folgegenerationen stark verbessern. Vereinzelt haben sich sogenannte Ethnomediziner, die aus Medizin, Psychologie oder Ethnologie kommen, des Problems angenommen und solche Trainings entwickelt.

Im Folgenden soll zunächst ein theoretischer Überblick über den Zusammenhang von Kultur und Krankheit gegeben werden, dann wird allgemein erläutert, was unter interkulturellem Training zu verstehen ist, bevor spezielle Trainingskonzepte für den medizinischen Bereich erklärt werden. Abschließend werden in einem Ausblick mögliche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Migranten im übergeordneten Kontext von Politik und Gesundheitswesen dargestellt.

2. Kultur und Krankheit

Gesundheit und Krankheit sind Phänomene, die alle Gesellschaften und Kulturen gleichermaßen betrifft, aber ihre Einordnung geschieht nicht gleichartig, sondern wird wie alle anderen Lebensbereiche auch von kulturellen Wertvorstellungen, Normen, Gefühlsmustern und Verhaltensprogrammen geprägt. Die Vorstellungen davon, was als Krankheit gesehen wird oder wie und von wem sie zu behandeln ist, unterscheiden sich von Kultur zu Kultur und sind mit weiteren kulturellen Bereichen wie Religion, Sozialorganisation oder Kosmologie verbunden.[2]

Im industriell geprägten westlichen Kulturkreis überwiegt ein naturwissenschaftlich geprägtes Verständnis von Krankheit. Sie wird als „Abweichung von einer objektivierbaren Größe bzw. einer wissenschaftlichen Norm verstanden.“[3] Allerdings vertrauen auch hierzulande viele Menschen auf alternative Heilmittel wie Homöopathie oder Methoden aus anderen Kulturen wie die traditionelle chinesische Medizin oder indisches Ayurveda.

2.1 Kulturspezifische Syndrome

In anderen Regionen und Kulturen der Welt gibt es Krankheitskonfigurationen, die in ihrer Symptomzusammenstellung und Bedeutung nur bedingt oder überhaupt nicht westlich-wissenschaftlichen Krankheitsbildern entsprechen.[4] Mit dem Begriff kulturspezifische oder kulturgebundene Syndrome werden „uns fremd erscheinende Wahrnehmungen, Erklärungszusammenhänge und Ausdrucksformen von Schmerzen und Krankheiten umrissen.“[5] In der Literatur werden etwa die Beispiele des „Mamma-Mia-Syndroms“[6] genannt, mit dem allgemein Schmerzäußerungen bei Patienten aus dem Mittelmeerbereich bezeichnet werden oder „Susto“, „ein mit Schreckerlebnissen und Seelenverlust in Verbindung gebrachtes Krankheitsbild aus Lateinamerika.“[7] Susto wird häufig als Depression in die westlichen Klassifikationssysteme eingeordnet, obwohl die Krankheit nach Aussage der Betroffenen verschiedene Ursachen und Folgen hat und damit auch jeweils unterschiedliche Heilungsmethoden erforderlich sind.[8]

Der Begriff des kulturgebundenen Syndroms ist eine „Art Kunstgriff des amerikanisch-europäischen Denkens“[9], um bislang Unerklärlichem zu begegnen und es zu deuten; er zeigt eine deutlich ethnozentrische Sichtweise, da er impliziert, dass die eigenen Krankheitsbilder kulturfrei seien und damit westliche Krankheitsbilder auf fremdkulturelle Kontexte übertragen werden könnten.[10] Viola Hörbst folgert, dass das Modell der kulturgebundenen Syndrome seinem eigentlichen Ziel im Wege stehe, andersartige Auffassungen von Krankheiten, andere Erklärungszusammenhänge und Herangehensweisen besser zu verstehen. Fremdkulturelle Erklärungen, die „Aufschluß über Körperwahrnehmung, Bewertung von Symptomen, Krankheitsauffassungen und ihren Ausdruckskomponenten sowie Heilungserwartungen geben könnten, werden mehr oder minder außen vorgelassen oder als bloße Glaubenssache oder abergläubische Einstellungen mißachtet.“[11]

2.2 Medizinsysteme

„Allgemeine Körper-, Krankheits- und Behandlungsvorstellungen können also von Kultur zu Kultur variieren. Alle um diese Bereiche mittel- oder unmittelbar kreisenden Vorstellungen und Handlungen werden Medizinsystem genannt.“[12] Aus diesem ergeben sich die jeweils relevanten Formen des Umgangs mit Krankheit und Gesundheit, Krankheitsursachen und Krankheitsbilder, welche Krankheiten akzeptiert und wie sie sozial bewertet werden. Die Umgangsformen des Umfeldes mit kranken Personen unterscheiden sich stark, wenn man beispielsweise die vorherrschenden Normen zwischen orientalischen und westlichen Kulturkreisen vergleicht: Im Orient wird das Bett des Kranken ins Wohnzimmer gestellt, er steht im Mittelpunkt und wird von zahlreichen Familienmitgliedern, Verwandten und Freunden besucht. Wer nicht zu Besuch kommt, riskiert, dass dies als Beleidigung und mangelnde Anteilnahme aufgefasst wird. Im Westen dagegen möchte jemand, der krank ist, eher allein sein, wird kaum besucht und empfindet Besuche möglicherweise sogar als soziale Kontrolle.[13]

In einer Gesellschaft existieren meist mehrere Medizinsysteme nebeneinander, die sich auch gegenseitig widersprechen können. Dadurch ergibt sich ein Wechselspiel zwischen dem offiziell etablierten und institutionalisierten System und weiteren Systemen, etwa volksmedizinischen oder indigenen. Während in westlichen Ländern die wissenschaftliche Medizin die offizielle Gesundheitsversorgung darstellt, ist in Indien beispielsweise auch die ayurvedische Medizin Teil des institutionalisierten Angebots.

2.2.1 Medizinsysteme in Deutschland

In Deutschland ist das dominante Medizinsystem die westlich-wissenschaftliche Medizin mit Hausärzten, Fachärzten, Paramedizinern und Psychologen. Außerhalb dieses Systems stehen Heilpraktiker und Homöopathen sowie Hellseher, Handaufleger und Gesundbeter. Die Patienten kombinieren oft mehrere Behandlungsebenen miteinander und greifen je nach Krankheitssituation auf unterschiedliche Medizinsysteme zurück. Jedes System hat spezielle Erklärungsmodelle, die „in unterschiedlichem Maße Antworten auf Fragen zu Ursache, Zeit und Art des Auftretens der Symptome, Art der Krankheit und deren Verlauf sowie zu angezeigten Behandlungsformen“[14] geben. Am deutschen Beispiel zeigt sich auch, dass Medizinsysteme ebenso wenig wie Kulturen abgeschlossene unveränderbare Systeme sind: Die Akupunktur, die lange außerhalb der westlich-wissenschaftlichen Medizin stand, wird heute zunehmend von Schulmedizinern als Therapie angewandt und teilweise auch von den Krankenkassen bezahlt.[15]

2.2.2 Volksmedizin

Die meisten Migranten kommen aus ländlich und traditionell geprägten Heimatländern, wo Krankheitskonzepte eher volksmedizinisch ausgerichtet sind. Die Patienten fühlen sich von ihrem Leiden „ganzheitlich, d.h. sowohl psychisch als auch somatisch und sozial betroffen. Krankheit bedeutet in diesem Erleben immer eine soziale und gesellschaftliche Krise, die der Umwelt deutlich zum Ausdruck gebracht wird, beispielsweise durch für westliche geprägte Menschen ungewohntes, übersteigertes Klagen und Jammern.“[16] Bei Diagnostik und Behandlung kommt es daher oft zu gegenseitigen Missverständnissen. In der Volksmedizin spielt für die Erhaltung von Gesundheit bzw. die Entstehung von Krankheit immer die „Interaktion und die Wechselwirkung von Körper, Umwelt und Seele“[17] eine Rolle. Krankheiten dringen von außen in den Körper ein und befallen ihn ganzheitlich. Symptome lassen sicher daher kaum eindeutig definieren und lokalisieren, sondern mit einem allgemeinen Schwächegefühl oder Schmerzsyndromen umschreiben.[18]

[...]


[1] vgl. Schulze-Rostek 2002, S. 151.

[2] vgl. Atik-Yildizgördü 2002, S. 59; Hörbst/Lenk-Neumann (2002), S. 25f.

[3] Atik-Yildizgördü 2002, S. 59.

[4] vgl. Hörbst/Lenk-Neumann 2002, S. 27.

[5] Hörbst 2002b, S. 45.

[6] vgl. Becker/Wunderer 1998, S. 9.

[7] ebd.

[8] vgl. ebd.

[9] ebd.

[10] vgl. Hörbst/Lenk-Neumann 2002, S. 27.

[11] Hörbst 2002b. S. 51f.

[12] Hörbst/Lenk-Neumann 2002, S. 28.

[13] vgl. Tuna/Salman 1999, S. 181, mit Bezug auf Peseschkian 1998.

[14] Hörbst/Lenk-Neumann 2002, S. 30.

[15] vgl. ebd.

[16] Atik-Yildizgördü 2002, S. 59.

[17] ebd. S. 60.

[18] vgl. Tuna/salman 1999, S. 184.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Interkulturelles Training im Gesundheitswesen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Interkulturelle Kommunikation)
Note
1.3
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V68234
ISBN (eBook)
9783638607018
ISBN (Buch)
9783638768429
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelles, Training, Gesundheitswesen
Arbeit zitieren
Beatrix Deiss (Autor), 2006, Interkulturelles Training im Gesundheitswesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68234

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