In der Medien- und Kommunikationswissenschaft werden Fernsehsendungen traditionellerweise in Information und Unterhaltung getrennt. Der ersteren werden etwa Vorabendserien zugeordnet, der letzteren Nachrichtensendungen oder Reportagen. Diese Unterscheidung erweist sich aber zunehmend als problematisch. Denn einerseits können Informationssendungen auch als Unterhaltung genutzt werden, andererseits wird durch klassische Unterhaltungssendungen wie Quiz-Shows oder auch in fiktionalen Sendungen durchaus Information vermittelt.
Und nicht nur das: Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Information werden immer schwieriger auszumachen, weil beide Genres miteinander vermischt werden und Information zunehmend mit unterhaltenden Elementen präsentiert wird.
Die Gründe hierfür sind in der Etablierung der privaten Fernsehsender in Deutschland zu suchen. Damit wurde der Grundstein zu einer neuen Fernsehkultur gesetzt, die in vielerlei Hinsicht an die amerikanische anlehnt. Die Privatsender sind auf Werbeeinnahmen und damit auf hohe Einschaltquoten angewiesen und präsentieren deshalb den Zuschaueransprüchen gemäß vorwiegend Unterhaltungsprogramme. Aber auch die Informationssendungen werden mit Elementen der Unterhaltung „aufgepeppt“. Durch die Konkurrenzsituation passten sich auch die öffentlich-rechtlichen Sender nach und nach diesem Trend an. Information wird zunehmend als Unterhaltung verpackt, das Schlagwort, das im Zusammenhang mit dieser Veränderung der Fernsehlandschaft häufig fällt, ist der Begriff „Infotainment“. Er wird für verschiedenste Sachverhalte benutzt und die Definitionen gehen weit auseinander. Meist wird diese Veränderung, eine Annäherung der Informationsvermittlung an Unterhaltungsformate, der zunehmende Einsatz von Infotainment, negativ gesehen. Doch es gibt auch Erkenntnisse, dass die Auswirkungen dieser Entwicklung durchaus positiv sein können und Unterhaltungsorientierung die Informationsaufnahme beim Rezipienten verbessern kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff Infotainment
3. Die Ursprünge des Infotainment: Das US-Fernsehen
4. Entwicklung des Infotainment im deutschen Fernsehen
5. Infotainmentelemente nach Wittwen
6. Auswirkungen von Infotainment auf die Rezipienten
6.1 Positive Auswirkungen und Chancen
6.2 Negative Auswirkungen und Gefahren
6.3 Positives und negatives Infotainment
7. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Phänomen Infotainment im Fernsehen, insbesondere dessen Einfluss auf die Informationsaufnahme beim Rezipienten. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob die Vermischung von Information und Unterhaltung den Wissenserwerb fördert oder durch eine zu starke Reizüberflutung beeinträchtigt.
- Definition und konzeptionelle Einordnung von Infotainment
- Historische Entwicklung des Infotainment in den USA und Deutschland
- Analyse spezifischer Infotainmentelemente in Nachrichtensendungen
- Diskussion positiver Chancen und negativer Gefahren für die Rezeption
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Informationsvermittlung und Dynamik
Auszug aus dem Buch
6.2 Negative Auswirkungen und Gefahren
Aber es gibt auch genügend Argumente gegen Infotainment. Die Gefahren liegen im Glaubwürdigkeitsverlust von Informationen, der allgemeinen Programmverflachung, der Betonung der Bilder und Vernachlässigung der eigentlich wichtigen Textinformationen, der Verhinderung eines effektiven Wissenstransfers durch das Aneinanderreihen von Unterhaltungseffekten und nicht zuletzt in einer Rezeptionshaltung, die primär spaß- und unterhaltungsorientiert ist, und so der Informationsaufnahme entgegensteht.
Durch sehr reizintensive Fernsehbilder und rasante Schnitte kann die Information nicht mehr effektiv aufgenommen und verarbeitet werden, weil die Reize zu schnell auf den Rezipienten einstürmen. Auch Hintergrundmusik ist hinderlich, wenn es um das Behalten verbaler Informationen geht.
Diese negativen Auswirkungen des Einsatzes von Infotainmentelementen können theoretisch untermauert werden. So besagt die Filtertheorie von Broadbent (1958), dass sich der Zuschauer beim Fernsehen auf eine Darbietungsschiene (Bild oder Text) festlegt und diese mit dem größten Teil seiner Aufmerksamkeit verfolgt. Eine sehr reizintensive Bildebene bindet die meiste Aufmerksamkeit und die eigentlich wichtige Textinformation wird schlechter wahrgenommen. Andere Theorien gehen von einer insgesamt begrenzten Verarbeitungskapazität aus, wobei die Art der Reize bestimmt, was bevorzugt, nachrangig oder womöglich überhaupt nicht mehr verarbeitet wird. Und auch die oben erwähnte Orientierungsreaktion kann sich nachteilig auswirken, wenn der auslösende Reiz formaler Natur ist und von den Inhalten ablenkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert den zunehmenden Trend der Vermischung von Information und Unterhaltung im Fernsehen, der durch privaten Konkurrenzdruck entstand und mittlerweile auch öffentlich-rechtliche Sender beeinflusst.
2. Der Begriff Infotainment: Verschiedene wissenschaftliche Definitionen werden diskutiert, wobei Infotainment primär als eine Rezeptionskategorie verstanden wird, bei der Unterhaltungsmittel der emotionalen Bindung an Informationsprogramme dienen.
3. Die Ursprünge des Infotainment: Das US-Fernsehen: Das Kapitel zeichnet die Entstehung von Infotainment durch Formate wie Tabloids, Reality-TV und Trash-TV in den 1980er Jahren in den USA nach.
4. Entwicklung des Infotainment im deutschen Fernsehen: Die Einführung des dualen Rundfunksystems in Deutschland forcierte eine Amerikanisierung des Programms, wodurch auch deutsche Informationssendungen zunehmend Infotainment-Stilelemente übernahmen.
5. Infotainmentelemente nach Wittwen: Auf Basis einer quantitativen Studie werden spezifische verbale und nonverbale Gestaltungsmittel identifiziert, die eine Sendung zu Infotainment transformieren.
6. Auswirkungen von Infotainment auf die Rezipienten: Dieses Kapitel erörtert die Debatte um die Wirkung, wobei sowohl das Potenzial zur Steigerung der Aufmerksamkeit als auch die Gefahr einer oberflächlichen Informationsaufnahme gegenübergestellt werden.
6.1 Positive Auswirkungen und Chancen: Es wird argumentiert, dass Unterhaltungselemente die Aufmerksamkeit erhöhen, den Zugang für bestimmte Zielgruppen erleichtern und die Identifikation mit Inhalten fördern können.
6.2 Negative Auswirkungen und Gefahren: Hier wird dargelegt, wie zu hohe Reizdichte und schnelle Schnittfolgen die Informationsverarbeitung blockieren und zu einem Glaubwürdigkeitsverlust führen können.
6.3 Positives und negatives Infotainment: Basierend auf Untersuchungen wird ein Kontinuum identifiziert, bei dem Infotainment bis zu einem gewissen Punkt den Wissenserwerb unterstützt, bevor ein „Umkippeffekt“ eintritt.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass Infotainment nicht pauschal negativ ist, aber die Qualität der journalistischen Berichterstattung gewahrt bleiben muss.
Schlüsselwörter
Infotainment, Fernsehen, Informationsvermittlung, Unterhaltung, Nachrichtensendungen, Rezipientenforschung, Medienwirkung, Fernsehjournalismus, Dynamik, Wissenserwerb, Zuschauerbindung, Programmgestaltung, Medienkonsum, journalistische Qualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept des Infotainments, also die Vermischung von informativen Inhalten mit unterhaltenden Elementen im Fernsehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung der Fernsehformate, die ästhetischen Gestaltungsmittel von Nachrichten und die psychologische Wirkung auf den Zuschauer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, ob der Einsatz von Infotainment-Elementen eher positiv durch eine erhöhte Aufmerksamkeit oder negativ durch eine Störung der Informationsaufnahme wirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse, die zentrale Theorien und empirische Studien zur Medienwirkung, wie etwa die Untersuchung von Früh und Wirth, synthetisiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition, der Historie des US- und deutschen Fernsehens, der Systematisierung von Infotainmentelementen nach Wittwen und der differenzierten Analyse der Wirkungsweisen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Infotainment, Fernsehen, Medienwirkung, Nachrichtensendungen, Rezipientenforschung, Wissenserwerb und journalistische Qualität.
Was besagt der sogenannte „Umkippeffekt“?
Der Umkippeffekt beschreibt, dass Infotainment bis zu einem moderaten Grad den Wissenserwerb fördern kann, bei zu hoher dynamischer Reizdichte jedoch die Aufnahme von Informationen deutlich abnimmt.
Welche Rolle spielen die Rezipienten laut der Autorin?
Die Autorin betont, dass Zuschauer nicht als hilflose Opfer der Medienmacher zu sehen sind, sondern eigene Rezeptionsmotive besitzen, wenngleich die Verantwortung für journalistische Standards bei den Sendern bleibt.
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- Beatrix Deiss (Author), 2004, Infotainment und seine Auswirkungen auf die Rezipienten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68240