Isolationsfurcht als Bestandteil der Theorie der Schweigespirale - Eine sozialpsychologische Annäherung


Seminararbeit, 2002

19 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das sozialpsychologische Konzept öffentlicher Meinung

3. Die Theorie der Schweigespirale

4. Die Isolationsfurcht
4.1 Die Rolle der Isolationsfurcht in der Theorie
4.2 Bedingungen für die Wirksamkeit von Isolationsfurcht
4.3 Biologische Ursache: der Geselligkeitstrieb?
4.4 Menschen ohne Isolationsfurcht

5. Vorgehensweisen beim Nachweis von Isolationsfurcht
5.1. Laborversuche von Asch und Milgram
5.2. Droh-Satzergänzungstest von Noelle-Neumann
5.3 Frageserien zum Indikator Peinlichkeitsempfinden von Hallemann

6. Kritik an der Schweigespirale im Hinblick auf die Isolationsfurcht
6.1 Einfluss von Bezugsgruppen und Persönlichkeitsmerkmalen
6.2 Alternative Handlungstheorien

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit einem wichtigen sozialpsychologischen Aspekt von Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale, mit der Isolationsfurcht. Bei der Literatursuche zeigte sich, wie auch Noelle-Neumann feststellte, dass dieses Thema bisher nicht zum Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung geworden war. Außer ihr hatten sich lediglich ihre Studenten damit beschäftigt; Hinweise findet man nur noch in der Sozialpsychologie.

Es soll im folgenden versucht werden, einen Einblick in die Bedeutung der Isolationsfurcht innerhalb der Schweigespirale zu geben. Zunächst wird der Begriff der öffentlichen Meinung aus sozialpsychologischer Perspektive definiert, dann folgt eine kurze Zusammenfassung der Theorie der Schweigespirale. Im dritten Teil gehe ich näher auf das eigentliche Thema, die Isolationsfurcht, auf ihre Rolle in der Theorie sowie auf Bedingungen und Ursachen für ihre (Nicht-) Wirksamkeit ein. Dem schließt sich die Erläuterung drei verschiedener Vorgehensweisen zum Testen der Isolationsfurcht an. Nachdem auf verschiedene zum theoretischen Konzept der Schweigespirale geäußerten Kritikpunkte eingegangen wurde, werden in einer Schlussbetrachtung einige abschließende Überlegungen (zu dieser Thematik) aufgestellt.

2. Das sozialpsychologische Konzept öffentlicher Meinung

Zunächst soll auf den Begriff der „öffentlichen Meinung“ eingegangen werden, der eine wichtige Rolle in der Theorie der Schweigespirale spielt. 1965 stellte der amerikanische Wissenschaftler Harwood Childs rund 50 Definitionen dafür zusammen, die er in der Literatur gefunden hatte.[1] Dies macht deutlich, wie wenig Überinstimmung über die Bedeutung dieses Begriffes sowohl in der Wissenschaft als auch in der Umgangssprache besteht[2]. Noelle-Neumann erstellte eine eigene Definition von „öffentlicher Meinung“. Danach muss zunächst auf die sozialpsychologische Bedeutung des Wortes „öffentlich“ eingegangen werden, von der im 20. Jahrhundert bis dahin nicht mehr gesprochen worden war. Gemeint ist damit der Mensch in seiner nach außen gewendeten Existenz, der in größter Offenheit der Gesellschaft ausgesetzt ist und seine Aufmerksamkeit gespannt auf die Umwelt richtet und zwar aus der Furcht vor Isolation und aus dem Bedürfnis nach Zustimmung durch die Umwelt; man kann daher von „Öffentlichkeit als Bewußtseinszustand“[3] sprechen. Die sozialpsychologische Bedeutung von „öffentlich“ meint nach Noelle-Neumann also „den Menschen in seiner Schwäche, seiner Abhängigkeit von der Urteilsinstanz seiner Umwelt [...], seine empfindliche soziale Haut, seine soziale Natur.“[4]

Ihre Definition von öffentlicher Meinung geht von den verschiedenen Aggregatszuständen aus, wie Tönnies sie 1922 beschrieben hat:[5] Im flüssigen Zustand, also im Bereich sich wandelnder Normen und Auffassungen, in dem sich auch der Prozess der Schweigespirale abspielt, besteht sie aus Meinungen und Verhaltensweisen, die man in der Öffentlichkeit äußern kann ohne sich zu isolieren. Im festen Aggregatszustand, also in dem Bereich, wo Sitten, Traditionen und Normen sich verfestigt und etabliert haben, meint öffentliche Meinung jene Meinungen und Verhaltensweisen, die man öffentlich zeigen oder einnehmen muss, wenn man Isolation vermeiden will.[6]

Öffentliche Meinung ist ein Prozess, der ständig in der Öffentlichkeit abläuft und den Konsens in werthaltigen Bereichen bewirkt und aufrechterhält. Dies erreicht sie durch den sozialen Druck der Isolationsdrohungen, den sie auf die Menschen ausübt, mit dem sie Zuwiderhandlungen unterbindet und sie zur Konformität mit den allgemein anerkannten Meinungen zwingt. Dadurch wird ein Gleichgewichtszustand zwischen verschiedenen Einstellungen und Verhaltensweisen hergestellt, die Funktion der öffentlichen Meinung ist also die soziale Kontrolle, die Integration in der Gesellschaft und damit ihre Erhaltung.[7]

3. Die Theorie der Schweigespirale

Um die Enstehung öffentlicher Meinung zu erklären stellte Noelle-Neumanns 1980 die Theorie der Schweigespirale auf, die aus der neueren Wirkungsforschung stammt. Um später die Rolle der Isolationsfurcht näher betrachten zu können, soll die Theorie zunächst einmal kurz dargestellt werden.

Sie geht davon aus, dass einerseits die Gesellschaft Individuen, die vom Konsensus der öffentlichen Meinung abweichen, mit Isolation bedroht, und dass andererseits die Individuen eine ihnen meint nicht bewusste und wahrscheinlich genetisch bedingte Isolationsfurcht haben. Dadurch werden sie veranlasst, ständig ihre Umwelt zu beobachten (über den sozialen Kontext und über die Massenmedien), um wahrzunehmen, welche Meinungen und Verhaltensweisen öffentlich gebilligt oder missbilligt werden und welche dieser Meinungen und Verhaltensweisen zu- oder abnehmen. Diese Fähigkeit des Menschen zur Abschätzung von Meinungen wird als „quasi-statistischer Sinn“[8] bezeichnet. Wer nun glaubt, die Mehrheitsmeinung (also die öffentliche Meinung) zu vertreten, der äußert diese auch selbstbewusst in der Öffentlichkeit und erweckt den Anschein von der Stärke dieser Auffassung. Wer glaubt, in der Minderheit zu sein, verschweigt seine Meinung, wodurch diese in der Öffentlichkeit noch schwächer erscheint und im weiteren Verlauf schließlich ganz untergehen kann. Den so zustande gekommenen Prozess nennt Noelle-Neumann die Schweigespirale, in der die Angst des Individuums vor Isolation eine entscheidende Rolle spielt.[9]

4. Die Isolationsfurcht

Die Isolationsfurcht bezeichnet nun die Reaktion des Menschen auf den sozialen Druck durch die Öffentliche Meinung. Die Isolationsdrohungen, mit denen diese Abweichungen vom gesellschaftlichen Konsens über Meinungen und Verhaltensweisen sanktioniert, hätten keine Wirkung, wenn Menschen keine Furcht vor Isolation hätten. Da sie aber auf solche Drohungen größtenteils mit Konformität reagieren, muss eine Angst vor Ablehnung durch die Gesellschaft und damit gleichzeitig das Bemühen, sich nicht zu isolieren, sondern mit seinen Meinungen akzeptiert zu werden, vorhanden sein.

4.1 Die Rolle der Isolationsfurcht in der Theorie

Weil sie die Menschen dazu bewegt, sich abzusichern, mit welchen Meinungen man sich nicht isoliert, ist die Isolationsfurcht ist also der Motor der ständigen Umweltbeobachtung und bringt damit die Schweigespirale erst in Gang.[10] Mit welchen Meinungen und Verhaltensweisen man sich isoliert, erkennen die Menschen durch eben diese genaue Umweltbeobachtung einerseits und andererseits durch Isolationsdrohungen, die von der Öffentlichkeit ausgehen. Dazu zählen vielfältige verbale und auch nonverbale Signale wie „Beschimpfen, Auslachen, Hänseln, völliger Abbruch des sozialen Kontakts, jemanden Schneiden, Hochziehen der Augenbrauen, Kopfschütteln etc.“[11] Menschen haben eine in ihrer sozialen Natur verankerte Tendenz, eben diese Isolationsdrohungen, welche die Missbilligung ihres Verhaltens und ihrer Einstellungen zum Ausdruck bringen, zu fürchten und deshalb zu vermeiden. Und es ist vor allem diese Isolationsangst, die Furcht vor negativen Sanktionen, welche die Menschen dazu verleitet, sich der Mehrheit anzuschließen und weniger das Bedürfnis nach Anerkennung. Aus der Angst vor dem Ausgestoßensein resultiert also ein starker Konformitätsdruck, die öffentliche Meinung wird stabilisiert.[12]

[...]


[1] vgl. Elisabeth Noelle-Neumann 1980: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsere soziale Haut, München, S. 84. Bezug nehmend auf Childs, Harwood L. 1965: Public Opinion. Nature, Formations, and Role. Princeton u.a., S.14-26.

[2] vgl. Michael Hallemann 1990: Peinlichkeit. Ein Ansatz zur Operationalisierung von Isolationsfurcht im sozialpsychologischen Konzept öffentlicher Meinung, Inaugural-Dissertation, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, S. 2.

[3] Elisabeth Noelle-Neumann 1980, S. 90.

[4] ebd.

[5] vgl. Ferdinand Tönnies 1922: Kritik der öffentlichen Meinung, Berlin, S. 137f.

[6] vgl. Elisabeth Noelle-Neumann 1980, S. 91f.

[7] vgl. Elisabeth Noelle-Neumann 1991, S. 323ff.

[8] Elisabeth Noelle-Neumann 1991: Öffentliche Meinung. Die Entdeckung der Schweigespirale, Frankfurt/M.; Berlin, S. 299.

[9] vgl. ebd., S. 298ff.

[10] vgl. Hallemann: a.a.O., S. 14.

[11] Elisabeth Noelle-Neumann 1991, S. 329.

[12] vgl. Hallemann: a.a.O., S.13f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Isolationsfurcht als Bestandteil der Theorie der Schweigespirale - Eine sozialpsychologische Annäherung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung)
Veranstaltung
Proseminar I: Theorien und Modelle der Massenkommunikation
Note
1.3
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V68246
ISBN (eBook)
9783638609098
ISBN (Buch)
9783638768436
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Isolationsfurcht, Bestandteil, Theorie, Schweigespirale, Eine, Annäherung, Proseminar, Theorien, Modelle, Massenkommunikation
Arbeit zitieren
Beatrix Deiss (Autor), 2002, Isolationsfurcht als Bestandteil der Theorie der Schweigespirale - Eine sozialpsychologische Annäherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68246

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