Diese Arbeit setzt sich mit Goethes Hymnen "Prometheus" und "Ganymed" auseinander, die als lyrische Höhepunkte des Sturm und Drang gelten und programmatisch die Selbstermächtigung des Subjekts, die Selbstvergöttlichung des Genies, das sich von veralteten Autoritäten lossagt, ein neues Selbstbewusstsein und eine lebensbejahende Menschheit fordern. Auf den ersten Blick erscheinen die beiden Gedichte als vollkommene Gegensätze von Gottesverachtung und Hingabe an Gott, denn "Prometheus" steht als "Kulturstifter" für das aufklärerische Bestreben ein, sich gegen die angestammten "Vater-Autoritäten" die Freiheit zum Selberdenken, Selberhandeln und Selberdichten zu erstreiten. In "Ganymed" äußert sich die Erkenntnis, dass der Mensch in einer vollkommenen Einheit mit der Natur und dem Göttlichen existiert. Dieses Bewusstsein von Geborgenheit, dem Aufgehobensein in der Einheit mit Gott und der Natur, treibt die schon in "Prometheus" geforderte neue Lebensbejahung auf die Spitze und verwirklicht sie.
Diese Arbeit liefert eine ausführliche Interpretation beider Hymnen, die neben dem Inhalt, der Form und der Sprache auch auf die Entstehung und den zugrunde liegenden Mythos eingeht und sich in einem abschließenden Vergleich die Gedichte auf das Programm der Stürmer und Dränger bezieht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Interpretation von „Prometheus“ und „Ganymed“
2.1 „Prometheus“
2.1.1 Entstehung und Mythos
2.1.2 Interpretation
2.1.3 Die Autonomie-Erklärung auf der politischen und persönlichen Ebene
2.2 „Ganymed“
2.2.1 Entstehung und Struktur
2.2.2 Interpretation
2.2.3 Der Mythos und Goethes Lebensgefühl
3. Resümee und Vergleich der Hymnen als Zeugnisse des Sturm und Drang
3.1 Die Gottesvorstellung und der Genie-Gedanke
3.2 Prometheus und Ganymed als Sturm und Drang-Lyrik unter dem Aspekt von Form und Sprache
3.3 Resümee
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis der Goethes Hymnen „Prometheus“ und „Ganymed“ zueinander. Dabei wird analysiert, wie beide Gedichte als komplementäre Ausdrücke von Goethes Weltbild und als programmatische Höhepunkte der Epoche des Sturm und Drang fungieren, wobei besonders der unterschiedliche Umgang mit dem Gottesbegriff und die Darstellung der Subjektivität im Zentrum stehen.
- Analyse von Prometheus als Ausdruck der Selbstermächtigung und Revolte.
- Untersuchung von Ganymed als Ausdruck pantheistischer Hingabe und Einheit.
- Gegenüberstellung der unterschiedlichen Gottesbilder: Transzendenz vs. Immanenz.
- Betrachtung der lyrischen Form und Sprache als Mittel zur Autonomieerklärung.
- Einordnung beider Werke als Zeugnisse des Sturm und Drang.
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Interpretation
Herausfordernd, verspottend, selbstbewusst und triumphierend rebelliert in Goethes Hymne das lyrische Ich in der Rolle des Menschenschöpfers Prometheus gegen den Herrschergott Zeus. Hier geht es jedoch nicht um die Wiederbelebung der Antike, denn die Prometheusfigur dient dem Genie des Sturm und Drang als Sprachrohr, das, stolz auf die eigene Leistung, bisherige Autoritäten von sich weist. Die Lossagung von Zeus meint Lossagung von Autoritäten schlechthin und zwar auf allen Gebieten, auf religiösem, politischem, persönlichem und sogar auf poetischem.
Die Lossagung von Autorität, die Prometheus ausspricht, vollzieht sich unausgesprochen in der Form der Hymne als poetische Autonomie-Erklärung. Die Form der traditionellen Hymne, die die Struktur der Anrufung der Gottheit bewahrt, wird in ihrer Intention verkehrt: Anbetung und Bitte werden zu Blasphemie und Gleichgültigkeit. Die freien Rhythmen verweigern sich mit ungleichen Versen und Strophen und Wortschöpfungen wie „Knabenmorgen Blütenträume“(50f) den verbindlichen Metren der Tradition, den Normen der Poetik. Goethe formt seine Rhythmen nicht nach dem abgestaubten väterlich traditionellen, sondern nach „seinem Bilde“. Den Regeln der Grammatik zum Trotz und wider den Sprachgebrauch „glüht das Herz Rettungsdank“(Vgl. V. 34-36) und malt so die Stärke individuellen Gefühls. Alle poetischen Zwänge sind aufgehoben, das geballte genialisch schöpferische Gefühl kann sich frei entfalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Hymnen als komplementäre Ausdrücke von Goethes damaligem Weltbild ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die Beziehung der Gedichte untereinander zu untersuchen.
2. Interpretation von „Prometheus“ und „Ganymed“: Dieser Hauptteil analysiert die Entstehung, Struktur und inhaltliche Bedeutung der beiden Hymnen sowie ihre politische und persönliche Relevanz für Goethe.
3. Resümee und Vergleich der Hymnen als Zeugnisse des Sturm und Drang: Der letzte Teil vergleicht die unterschiedlichen Gottesvorstellungen, analysiert die lyrische Form als Ausdruck der Epoche und zieht ein zusammenfassendes Fazit über die Bedeutung der Werke.
Schlüsselwörter
Sturm und Drang, Johann Wolfgang von Goethe, Prometheus, Ganymed, Hymne, Genie-Gedanke, Selbstermächtigung, Gottesbegriff, Pantheismus, Autonomie, Lyrik, Literaturanalyse, Subjektivität, Religiöse Erfahrung, Epoche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die beiden Hymnen „Prometheus“ und „Ganymed“ von Johann Wolfgang von Goethe und untersucht deren Verhältnis zueinander als komplementäre Seiten von Goethes Weltbild während der Sturm und Drang-Periode.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Selbstermächtigung des Subjekts, die Bedeutung des Genies, der Gegensatz zwischen Transzendenz und Immanenz im Gottesbild sowie die innovative lyrische Form der Epoche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Prometheus und Ganymed als programmatische Höhepunkte des Sturm und Drang fungieren und dabei die Ambivalenz von individueller Selbstbehauptung und pantheistischer Hingabe verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl die Entstehungsgeschichte, eine Interpretation des Inhalts als auch einen komparatistischen Vergleich der Form und Thematik umfasst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Interpretation der beiden Gedichte und einen vergleichenden Teil, in dem die Gottesvorstellungen und die formale Gestaltung unter dem Aspekt der Sturm und Drang-Lyrik diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Sturm und Drang, Genie-Gedanke, Autonomie, Gottesbegriff, Pantheismus sowie die Analyse von Prometheus und Ganymed als zentrale literarische Zeugnisse Goethes.
Wie wird das Verhältnis von Prometheus zu Zeus in der Hymne gedeutet?
Prometheus wird als rebellisches, sich von Autoritäten lossagendes Genie dargestellt, das Zeus als transzendenten Herrschergott ablehnt, um eine eigene schöpferische Autonomie und Lebensbejahung zu verwirklichen.
Warum ist die Form der Hymne für die Argumentation der Autorin wichtig?
Die Form ist entscheidend, da Goethe durch die Verkehrung der traditionellen hymnischen Struktur (Anrufung wird zu Blasphemie oder leidenschaftlicher Hingabe) seine Autonomie gegenüber poetischen Zwängen und religiösen Konventionen demonstriert.
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- Heike Esser (Author), 2004, 'Prometheus' und 'Ganymed' als Höhepunkte des Sturm und Drang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68250