Bürgertum in Russland in der Puschkinzeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung: Bürgertum und Russland
a) Vom Bauer zum Bürger?
b) Die schwache Entwicklung

II. Hauptteil: Bürgertum und Adel
a) Was zeichnet die Mittelschicht aus?
b) Wurden Kaufleute adelig?
c) Der Adel zwischen Bürgertum und Feudalismus
d) Die Oberschicht in „Eugen Onegin“ von A. S. Puschkin

III. Zusammenfassung

IV. Literaturangabe

I. Einleitung: Bürgertum und Russland

"Verstehen kann man Russland nicht,

Und auch nicht messen mit Verstand.

Es hat sein eigenes Gesicht.

Nur glauben kann man an das Land."

F. I. Tjutschew, 1866.

Die Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Bürgertum in Russland am Anfang des 19. Jahrhunderts. Mit ihr soll der Fragestellung nachgegangen werden, wie sich das Bürgertum in Russland entwickelte, was war die Voraussetzung dafür, ob es sich auch vollständig entwickelt hat und wenn nicht, warum. Weiterhin versuche ich den höheren Stand des Adels heranzuziehen und zu untersuchen, ob der Stand des Adels in Russland zum Bürgertum gehörte, oder ob er sich unabhängig vom Bürgertum herausgebildet hat. Aus dieser Frage entwickelt sich in dieser Arbeit das Ziel zu veranschaulichen, wie die Verhältnisse zwischen dem Bürgertum und Adel waren. Besonderen Wert legt die Arbeit also auf die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen und der Mobilität zwischen dem Bürgertum und dem Adel, nachdem Katharina II. die Konstituierung des „mittleren Standes“ veranlasste. Die andere Aufgabe besteht darin, verschiedene Quellen heranzuziehen, um die Lebenswirklichkeit der Bürger, ihren sozialen Status und ihr Arbeitsumfeld zeitgenössisch zu verdeutlichen. Einen wichtigen Aspekt in meiner Arbeit bildet die kaufmännische Tätigkeit in Russland, weil sie sehr viel zur Herausbildung des russischen Bürgertums beigetragen hat. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt bei mir also neben adliger Oberschicht auch in der Kaufmannschaft Russlands, die ich versuche, als sozialen Typus zu beschreiben, sowie deren „Wandel im Kaufmannstand als Folge des Zustroms bäuerlicher „Fabrikanten“ aus den Dörfern […]“[1]. Als eine der Quellen habe ich den Versroman „Eugen Onegin“ von A. S. Puschkin genommen, mit dessen Hilfe ich versuche, ansatzweise das Verhältnis der oberen Schicht, die im Roman sehr ausführlich dargestellt ist, zum russischen Bürgertum zu analysieren. Den Roman als Quelle habe ich aus dem Grund gewählt, weil er, wie kein anderer Roman mehr, eine objektive Darstellung des russischen Lebens hat. Puschkin gelang gerade mit „Eugen Onegin“ der Durchbruch zum Realismus. Daher könnte man den Onegin „eine Enzyklopädie des russischen Lebens und ein ganz und gar dem Volksgeist entsprungenes Werk“[2] nennen. Ein anderer Grund für die Entscheidung für den Versroman war, dass erstens A. S. Puschkin ein bedeutender Klassik der russischen - und auch Weltliteratur war, zweitens, dass der Roman genau in der Zeit entstanden ist, die ich hauptsächlich in der Arbeit behandeln will. Andere Quellen über das Bürgertum in Russland, die ich genommen habe, stammen von verschiedenen bedeutenden Zeitgenossen, die ich natürlich später erwähnen werde.

a) Vom Bauer zum Bürger?

In privaten Zirkeln bei Tee und Zigaretten sammelte sich die russische Intelligenz im 18. und 19. Jahrhundert und redete über das Schicksal Russlands. Das war die „kritisch denkende Jugend, aus der die Dekabristen hervorgegangen sind“[3]. In diesen Kreisen herrsche der Gedanke, dass „Russland eine eigene […] Kulturtradition nicht besitze“, daher ist es gezwungen „in die Fußtapfen des europäischen Westens zu treten“[4]. Doch später gab es auch einige positiven Ansichten, die A. S. Puschkin z.B. in seinen Reisegedanken vertrat: „Lesen Sie die Klagen der englischen Fabrikarbeiter, und es werden Ihnen vor Entsetzen die Haare zu Berge stehen. Wie viel abscheuliche Folterqualen![…]“. Weiterhin schrieb er: „…Schauen Sie sich den russischen Bauer an: ist denn eine Spur knechtischer Demütigung in seinem Benehmen, seiner Rede zu bemerken? […] …In Russland gibt es keinen Menschen, der nicht sein eigenes Haus besäße. […]“[5] Hier werden also die Zustände in Russland in einem günstigen Licht gesehen. Doch Puschkin vergisst zu berücksichtigen, dass die meisten Häuser, die jeder besitzt, sich in einem erbärmlichen Zustand befanden. Er versucht Russland, trotz der Leibeigenschaft, zu idealisieren, wobei gerade das, was Puschkin als „glückliche Bauern“ bezeichnet, die Entwicklung des Bürgertums bremst, während in Westen dieses Phänomen schon längst existiert.

Bis an die Schwelle des industriellen Zeitalters waren Bürgertum und Stadt nicht die Stärke der Sozial-, Wirtschafts- und Herrschaftsverfassung des Zarenreiches. Es gab mehrere Ursachen, warum die Entwicklung des Bürgertums in Russland rückständig blieb. Der Spielraum dafür, wegen der bestehenden Aristokratie und der Leibeigenschaftsordnung, war nicht so groß. Wenige Städte konnten als bedeutende Zentren von Handel und Gewerbe gelten. Man kann sogar sagen, dass sehr viele Städte einen agrarischen Charakter hatten und auch äußerlich den ärmlichen Dörfern ähnlich waren. Die landwirtschaftliche Beschäftigung war da noch sehr verbreitet, die gewerblich- kommerzielle dagegen spielte keine gravierende Rolle. Was die Bewohner dieser dem Dorf ähnlichen Städten zu „Bürgern“ machte, war ihre rechtliche, aufs engste mit der Art der Steuerleistung verknüpfte Lage. Dieser Gedanke lässt sich mit folgendem Zitat aus einer Briefsammlung von Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke (*26. Okt. 1800 in Parchim; † 24. Apr. 1891 in Berlin), der ein preußischer Generalfeldmarschall war[6], bestätigen: „ … Dieser Zins, Obrok[7], wurde sehr mäßig normiert und konnte nicht gesteigert werden, weil sonst die Zahler verarmten, das landwirtschaftliche Inventar zugrunde ging und die Zahlung ganz unterblieb…“ (Quelle I). Bauern hatten also im ausgehenden 18. Jahrhundert viele Privilegien. Es gab während der Regierungszeit von Katharina II. Bestimmungen, die es den Staatsbauern zunächst weitgehend freistellten, der Bürgerschaft beizutreten, wie es man der folgenden Quelle entnehmen kann: „So entstand zuerst der Gedanke dass man einen Leibeigenen zu jeder beliebigen Leistung verwenden könne. - Ein Leibeigener erhält die Erlaubnis zu wandern, er wird ein gefeierter Künstler, ein Kaufmann und Millionär.“ (Quelle I). Allerdings wurden dieser Freizügigkeit enge Grenzen gesetzt. Zum einen konnte die Erlaubnis zum Standeswechsel für Adelsbauern nicht gelten. Zum anderen stellte sich heraus, dass die dörflichen Zuwanderer oft eher eine Last denn eine Bereicherung für die Städte bedeuteten, was auch Graf Moltke betonte: „ Wollte man 24 Millionen Adelsbauern plötzlich die Freizügigkeit wiedergeben, so würde in den minder fruchtbaren Teilen des Reiches der Ackerbau ganz zugrunde gehen.“ (Quelle I). Ohne solides ökonomisches Fundament konnte das Bürgertum im Zarenreich seine rechtliche Stellung nur in sehr begrenztem Maße sozial zu verteidigen. Der Staat folgte immer noch dem Prinzip der Ständetrennung. Es gab also sehr wenig Freiheit und Selbständigkeit, die für die Entfaltung des Bürgertums notwendig waren. Die politische Macht wurde ihm auch entzogen, deswegen konnte es seine Interessen gegen die Vorherrschaft des Adels nicht durchsetzen.

b) Die schwache Entwicklung

Das städtische Bürgertum blieb im vorindustriellen Russland als Gesamterscheinung weitgehend eine sozial äußerst heterogene, wirtschaftlich wenig gefestigte, von der Zentralgewalt geschaffene und abhängige Kategorie der Rechts-, verwaltungs- und Steuerordnung.[8] An der Notwendigkeit der Veränderungen war also nicht zu zweifeln, weil der Staat auch das Elend der Städte und die mangelnde Leistungsfähigkeit des Handels spürte: Industrie und Handwerk entwickelten sich nur langsam. Vom bürgerlichen Wohlstand zeigte sich kaum eine Spur. Diese schwache Entwicklung des Bürgertums war schlecht für die Regierung, weil laut Bjelinskij „Staaten, die keinen Mittelstand haben, zu ewiger Nichtigkeit verurteilt sind, […]“ (Quelle III). W. G. Bjelinskij (*30. Mai 1811 in Sveaborg bei Helsinki; † 26. Mai 1848 in Sankt Petersburg) war ein russischer Literaturkritiker, Publizist, Linguist und Philosoph.[9] Er war überzeugt, dass die Industrie „eine Quelle großer Wohltaten für die Gesellschaft ist…“ (Quelle III). Er kritisierte auch solche Persönlichkeiten, wie „Deutscher – M“ (vermutlich Marx) und auch Louis Blanc (ein französischer, utopischer Sozialist und Gründer der Sozialdemokratie), die laut Bjelinskij behaupten, dass „die Bourgeoisie ein Übel sei, dass sie vernichtet werden müsse und dass, wenn sie nicht mehr existiert, alles gut kommen werde“. An dieser Stelle kann man sagen, dass Bjelinskij mit seiner Kritik Recht hatte, weil die Entwicklung des Bürgertums und somit auch die Entwicklung der Industrie, die sich mit wenig städtischer Bevölkerung nur schwer durchsetzten kann, sehr wichtig für das allgemeine Wohl des Staates ist.

Die Zahl der Obrok- Bauern, denen es gestattet wurde, beliebiger Erwerbstätigkeit nachzugehen, war beträchtlich. Sie verließen oft das heimatliche Dorf und wanderten einzeln oder in Gruppen große Distanzen durch, um als Gelegenheitsarbeiter Beschäftigung zu finden. Manche ließen sich dauernd in Städten wie Saratow oder Astrachan nieder, blieben aber Mitglieder der Dorfgemeinde. Nicht selten waren Obrok- Leibeigene auch als Architekten oder Kunstmaler tätig. Einige von ihnen hatten oft Bargeld, das sie den Not leidenden Dorfbewohnern liehen und dann gegen hohe Zinsen oder Fronarbeit wieder zurückverlangten. Das waren die Kulaken („Kulak“ Û Bezeichnung für den russischen Mittel- und Großbauern[10]), die später als „agrarische Kapitalisten”, als Volksfeinde und Ausbeuter diskreditiert wurden[11]. In einer der hier schon erwähnten Schrift von Bjelinskij kann man nicht umsonst schon am Anfang des 19. Jahrhunderts ähnliche Gedanken wie „der Krämer ist seiner Natur nach ein gemeines, lumpiges, niedriges, verächtliches Geschöpf…, ein Wesen, dessen Lebenszweck nur im Profit besteht“ treffen, die Bjelinskij selber allerdings, wie schon oben erwähnt, kritisiert. Anfänge solchen Wuchers und Kulakentums unter Leibeigenen sind für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts nachweisbar.

[...]


[1] Hildermeier, Manfred: Bürgertum und Stadt in Russland 1760- 1870, S. 31.

[2] Düwel, Wolf (Hrsg.): Geschichte der klassischen russischen Literatur, S. 218.

[3] Gitermann, Valentin (Hrsg.): Geschichte Russlands, S. 122.

[4] Ebenda, S. 122.

[5] A. S. Puschkin, Werke, Ausgabe von Anskij, 1882, Bd. V, S. 222/223.

[6] vgl. Wikipedia, 24.06.06

[7] Zinsen- und Steuerzahlung der Bauern an den Herrn, zuerst in Naturalien, später zunehmend in Geld.

[8] Hildermeier, Manfred: Bürgertum und Stadt in Russland 1760- 1870, S. 1.

[9] Vgl. Wikipedia, 24.06.06.

[10] Ebenda.

[11] Vgl. „Kulak“, Microsoft ® Encarta ® Enzyklopädie 2005 ©.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Bürgertum in Russland in der Puschkinzeit
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Bürgertum in Deutschland 1750- 1850
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V68295
ISBN (eBook)
9783638609418
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bürgertum, Russland, Puschkinzeit, Bürgertum, Deutschland
Arbeit zitieren
Katharina Mertens (Autor), 2006, Bürgertum in Russland in der Puschkinzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68295

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