Die Alpwirtschaft im Kleinwalsertal - Segen oder Fluch für Mensch und Natur ?!


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das Klima und die natürliche Vegetation im Kleinwalsertal

3 Die Entwicklung der Alpwirtschaft im Kleinwalsertal

4 Die Beeinflussung des Naturhaushaltes durch die Alpwirtschaft

5 Der Rückgang der Alpwirtschaft und seine Folgen

6 Die Förderung des Erhalts von Alpflächen

7 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Die Landschaft des Kleinwalsertals hat sich seit Beginn der Besiedlung durch den Menschen in weiten Teilen stark verändert. Bewaldete Hänge wurden gerodet, Siedlungen errichtet, Böden durch Straßenbau und andere Maßnahmen versiegelt. Großen Anteil an der Umgestaltung der Landschaft hatte die Alpwirtschaft, denn der Flächenbedarf für diese Form der Landwirtschaft ist sehr hoch. Dadurch wurde ein großer Teil der natürlichen Vegetation zerstört, die Landschaft wandelte sich von einer Natur- zu einer Kulturlandschaft. Einige dieser Eingriffe in die Landschaft und ihre Nebenwirkungen erhöhten das Gefährdungspotential durch so genannte Naturgefahren, wie etwa Hochwässer, Murenabgänge, Lawinen und Felsstürze.

Seit einigen Jahren verliert die klassische Alpwirtschaft im Sinne der Versorgung der ansässigen Bevölkerung zunehmend an Bedeutung; der Tourismus wird immer mehr zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor. Viele Alpen werden aufgegeben. Dadurch entstehen neue Probleme. Daher unterstützt der österreichische Staat die Erhaltung von Alpen finanziell. Ob dies nur für die Touristen geschieht, welche sich die traditionelle Lebensweise der Bergbauern anschauen möchten oder ob es für den Erhalt der Alpen noch ganz andere Gründe gibt, dies soll in dieser Arbeit diskutiert werden.

2 Das Klima und die natürliche Vegetation im Kleinwalsertal

Das Klima (von griech. klinein = neigen) wird durch verschiedene Klimaelemente charakterisiert. Dies sind Luft- und Bodentemperatur, Niederschlag, relative und spezifische Feuchte, Bewölkung, Wind, Taupunkt, Nebel, Wolkenbedeckung, fühlbare Wärme, Verdunstung und Transpiration (STRAHLER & STRAHLER 2002:179). Das Klima resultiert aus dem Zusammenwirken der lokalen Klimafaktoren und den von der allgemeinen Zirkulation der Atmosphäre und der Ozeane gesteuerten Konvektions- und Advektionsbewegungen (BAUER 2005:1). Als Klimafaktor wird neben Höhenlage, Hangneigung (d.h. genauer gesagt die Exposition des Standortes), Lage zum Meer, Lage zu Gebirgen, Vegetationsdecke und Bodenbeschaffenheit vor allem die geographische Breite des Standortes angesehen, denn die letzt Genannte entscheidet, wie hoch die Solarstrahlung an dem Standort ist (ALEAN 2005:2).

In Gebirgen treten zweidimensional gesehen auf geringer Fläche verschiedene Klimate zutage. Dies hängt mit der unterschiedlichen Höhenlage zusammen. Das Relief beeinflusst das Klima vor allem durch die Temperaturabnahme mit der Höhe. Das Klima, welches die schon genannten Klimaelemente umfasst, wirkt sich wiederum auch auf die Bodenbildung und die Vegetation aus (HENDL & LIEDTKE 2002:840).

Die Vegetation und die Bodenbildung zeigen dabei einen charakteristischen höhenbedingten Formenwandel (HENDL & LIEDTKE 2002:838). Aufgrund markanter Unterschiede in der Art und Weise der Vegetation unterscheidet man in Mitteleuropa folgende Höhenstufen:

- Die Planar-Kolline Stufe: Sie wird auch als Ebenen- und Hügellandstufe bezeichnet und erstreckt sich in den Alpen in Höhen von 300m - 500m. Bevor der Mensch diesen Bereich in Kulturland umgewandelt hat, herrschten hier Eichenmischwälder, EichenHainbuchenwälder und Kiefernwälder vor. Zum Teil lassen sich Trockenrasen und Steppen finden (SITTE ET AL. 1991:922).
- Die submontane Stufe: Sie wird auch als unterste Bergwald-(Übergangsstufe-)Stufe bezeichnet. Sie liegt in den Alpen zwischen Höhen von 500m und 1000m. Man findet auch in dieser Stufe häufig Ackerflächen und Fichtenforste. Diese haben die ursprünglichen Wälder, namentlich Buchen-/Eichen-/Hainbuchenwälder verdrängt (SITTEL ET AL. 1991:922).
- Die montane Stufe: Sie wird auch als Bergwaldstufe bezeichnet. Sie liegt in den Alpen bei etwa 1400m bis 1600m über NN. Man kann diese noch in unter-, ober- und hochmontan unterteilen. Unter natürlichen Bedingungen, d.h. ohne anthropogene Beeinflussung, wäre diese Stufe durch Buchen-Tannen-Fichten-Mischwälder geprägt, mit zunehmender Kontinentalität wären auch Fichten-Lärchen-Wälder anzutreffen (SITTE ET AL. 1991:922).
- Die Subalpine Stufe: Sie wird auch Krummholz- und Kampfwaldstufe genannt. Sie liegt in den Alpen in Höhen zwischen 1900m und 2400m. Der Name Krummholz rührt von der niederliegenden Wuchsform der Baum- und Strauchvegetation her, die unter den harten klimatischen Bedingungen mit hohen Niederschlägen von rund 2200mm/Jahr und Jahresdurchschnittstemperaturen um den Gefrierpunkt (NACH HENDL & LIEDTKE 2002:840,841) für das Überleben der Pflanzen wichtig ist. Neben der Wuchsform und dem ‚Anschmiegen’ der Sträucher und Bäume an den Fels, bieten auch Mulden ausreichend Schutz um einen geeigneteren Platz für das Wachsen von

Bäumen zu ermöglichen (PAULSCH ET AL. 2003:20). Als wichtigste Vertreter seien hier die Legföhre (auch Latschenkiefer, Krummholz oderPinus mogu) und die Grünerle (Alnus viridis) genannt.

- Die alpine Stufe: Sie wird auch Zwergstrauch- und Grasheidenstufe genannt. In ihrem unteren Bereich (~2500m) dominieren geschlossene Zwergstrauchheiden. Es lassen sich vorwiegend Individuen der Pflanzenarten Heidelbeere (Vaccinium myrtillus), Preiselbeere (Vaccinum vitis-idea), Rauschbeere (Vaccinium gaultherioides) und Rostblättrigen Alpenrose (Rhododendron ferrugineum) finden (SITTE ET AL. 1991:922). Diese wachsen in der Regel jedoch nicht durcheinander, sondern besetzen getrennte Standorte.
- Die subnivale Stufe: Auf dieser ist die Vegetation sehr stark aufgelockert. Sie reicht in Höhen von bis zu 3300m. Man findet hier vor allem polster- und teppichbildende Pflanzen (SITTE ET AL. 1991:922).
- Die nivale Stufe: Sie wird auch als Schneestufe bezeichnet. Es ist die höchste Stufe, man findet hier nur an extrem geschützten Standorten Gefäßpflanzen, Moose und Flechten. Im ewigen Schnee findet man auch Kryoplankton (SITTE ET AL. 1991:922).

Nicht nur die Vegetation ändert sich mit der Höhe, auch die Böden verändern mit der Höhe ihr Erscheinungsbild. Auf der planar-kollinen und untermontanen Stufe herrschen Rendzinen und Terra fusca vor. Die montane Stufe ist durch Tangelrendzinen, deren Humusauflage als Tangelhumus bezeichnet wird geprägt. Die subalpine Stufe und die alpine Stufe weisen Rendzinen in verschiedenen Ausprägungen auf, wobei auf der alpinen Stufe auch alpine Ranker zu finden sind. Diese treten noch vereinzelt in der subnivalen Stufe auf, hier allerdings mosaikartig an geeigneten Stellen. Auf der nivalen Stufe sind nur noch Rohböden aus Fels- und Frostschutt anzutreffen.

Für die hier vorgenommene Betrachtung sind nur die Stufen bis etwa 2500m relevant. Zum einen, da die höchste Erhebung im Kleinwalsertal - der Große Widderstein - nur etwa 2536m zählt und zum Anderen, da die Alpwirtschaft nur bis in Höhen von etwa 2500m betrieben wird.

3 Die Entwicklung der Alpwirtschaft im Kleinwalsertal

Die Besiedlung des Kleinwalsertals begann etwa um 1270. Zu diesem Zeitpunkt begannen auch die ersten Rodungen zum Zwecke der Bau- und Brennholzgewinnung und zur Schaffung von Weideflächen. Die Alpwirtschaft konzentrierte sich zunächst auf die höheren Lagen der montanen Stufe, dies führte im Laufe von Jahrhunderten zu einer Verschiebung der Waldgrenze nach unten. Mancherorts kann diese Verschiebung bis zu 300m betragen (PAULSCH ET AL. 2003:7,15). In den letzten rund 750 Jahren breitete sich die Alpwirtschaft bis in die planar-kolline Stufe Richtung Tal und in die subalpine Stufe Richtung Gipfel aus. Der Mensch hat unter anderem durch die Ausübung der Alpwirtschaft tief greifende Veränderungen in der Landschaft vorgenommen. Eine Naturlandschaft im Sinne einer vom Menschen gänzlich unberührten Natur lässt sich kaum noch finden, so muss man, die Landschaft im Kleinwalsertal betrachtend, von einer Kulturlandschaft sprechen. Abbildung 1 zeigt das Ausmaß der Rodungsmaßnahmen. Die Flächen, die Wiesen und Weiden aufweisen, wären unter natürlichen Bedingungen nahezu vollständig bewaldet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.: Blick von der Walmendingerhornbahn auf Mittelberg. (Quelle: Gemeinde Mittelberg / Kleinwalsertal Tourismus 2006)

4 Die Beeinflussung des Naturhaushaltes durch die Alpwirtschaft

Der Mensch greift durch die Alpwirtschaft vielfältig in die Natur ein. So werden Wege erschlossen, Gebäude errichtet und Wälder gerodet um Weideflächen zu erhalten. Weideflächen beeinflussen den Wasserhaushalt anders als Wälder. Andere Einflüsse die auftreten sind Viehgangeln und Verbiss. PENZ (1978:106) weist darauf hin, dass auf Standweiden durch den Viehtritt eine starke Bodenverdichtung auftritt. Dies führt dazu, dass die Gefahr von Hochwasserkatastrophen steigt, denn bei Starkregenereignissen fließt deutlich mehr Niederschlag oberflächlich ab (BÄTZING 1991:151). Unter natürlichen Bedingungen ohne menschliche Eingriffe infolge von Siedlungstätigkeit wäre die Anzahl an Erosion, Muren, Lawinen und Felsstürzen weniger hoch. Die vor allem durch Wälder geprägte natürliche Vegetation im Kleinwalsertal etwa wäre ein natürlicher Lawinenschutz. Hätte es gar keine Besiedlung des Kleinwalsertales gegeben, würde vermutlich kaum Notiz von solchen - dann auch seltener auftretenden - Naturereignissen genommen werden - erst durch den Menschen werden Naturereignisse zu Naturkatastrophen (BÄTZING 1991:54).

So wurde im August des Jahres 2005 ein außergewöhnliches Starkregenereignis zu einer Naturkatastrophe im Kleinwalsertal. An der Messstation am Walmendinger Horn wurde, im Zeitraum von 15.00 Uhr am 22.8.2005 bis 7.00 Uhr am 23.8.2005, eine Niederschlagsmenge von 162,5 mm gemessen (AMT DER VORARLBERGER LANDESREGIERUNG 2005a:1). Diese plötzlichen Wassermaßen sorgten für eine sehr schnelle Wassersättigung des Bodens vor allem an den Stellen, wo kein Wald mehr vorhanden ist, der durch Interzeption für eine Verringerung der den Boden erreichenden Wassermenge hätte sorgen können. Dadurch stiegen zunächst die Pegel der kleineren Bäche Turabach, Derrenbach, Bärguntbach, Wildenbach, Zwerenbach, Schmiedebach und Schwarzwasserbach an. Das Kleinwalsertal ist komplett von Gebirgszügen umgeben, die als Wasserscheide fungieren, dadurch entwässern alle diese Bäche in die Breitach, welche als Zufluss der Iller letzten Endes ihr Wasser in die Donau abgibt. Die Breitach war nicht im Stande, die gewaltigen Wassermengen, die aus den Zuflüssen und direkt durch den Oberflächenabfluss kamen, aufzunehmen und trat über die Ufer. Es wurden im Kleinwalsertal und seinen Seitentälern 25 Murenabgänge gezählt (ALLGÄUER ANZEIGENBLATT 2005:O.S.) Die Schäden, die im Bereich der Breitach dadurch entstanden sind, beziffert das Landesvermessungsamtes Feldkirch auf rund 1,4 Mio. Euro. Wobei in diese Berechnung nur Schäden an öffentlichen Einrichtungen Eingang fanden. Die Schäden sind vor allem durch Geröll und Holzeintrag entstandene Uferanrisse. Zudem wurde eine Brücke schwer beschädigt (AMT DER VORARLBERGER LANDESREGIERUNG 2006A:19).

Die Alpwirtschaft kann nicht allein für die Ausmaße der Hochwasserkatastrophe verantwortlich gemacht werden, aber ihre direkten und indirekten Auswirkungen haben zu einer Erhöhung des Gefährdungspotentials beigetragen.

Wäre dies nicht Grund genug, teilweise oder in Gänze, die in Weideflächen umgewandelte Naturlandschaft einer Selbstregulierung zu überlassen? Es gibt Prognosen, die davon ausgehen, dass sich nach einer Sukzessionsreihe ein Klimaxstadium der Vegetation einstellt,

wobei für das Kleinwalsertal zwei vorherrschende Vegetationseinheiten (Pflanzengesellschaften) als wahrscheinlichste potentielle natürliche Vegetation angenommen werden:

- Zum einen „Waldmeister-, Zahnwurz-, Heckenkirschen- und Blaugras-Buchenwälder des höheren Berglandes und der Randalpen“, meist mit natürlichen Nadelbaumbeimischungen aus Tannen und Fichten und zum anderen
- „alpine und subnivale Vegetation: Rasen, Zwergstrauchvegetation , Fels - und Schuttfluren der Alpen“ (BUNDESAMT FÜR NATURSCHUTZ 2002:O.S.).

Die potentielle natürliche Vegetation entspräche somit beinahe vollständig der natürlichen Vegetation. Wie lange die Regeneration dauern würde, darüber gibt es keine genauen Angaben. Daher werden Untersuchungen betrieben, wie man standortgerechte, d.h. potentielle natürliche, Vegetation in Hanglagen wieder ansiedeln kann. MARKERT (1988:118-120) hat zu diesem Zweck Testreihen am Walmendinger Horn im Kleinwalsertal durchgeführt. Er brachte in Renaturierungsmaßnahmen standortgemäße Vegetation aus, um die natürliche Sukzession zu beschleunigen. Dabei muss die ausgebrachte Vegetation laut LOHMANN (1991:101) möglicherweise während einer längeren Übergangszeit technisch gesichert oder zumindest überwacht werden, was Kosten produziert.

Allerdings weist die vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft im tierischen und pflanzlichen Bereich eine höhere Biodiversität auf als die (potentielle) natürliche Vegetation.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Alpwirtschaft im Kleinwalsertal - Segen oder Fluch für Mensch und Natur ?!
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Geographie - Didaktik)
Veranstaltung
Exkursion: Kleinwalsertal - Österreich
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V68337
ISBN (eBook)
9783638609586
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alpwirtschaft, Kleinwalsertal, Segen, Fluch, Mensch, Natur, Exkursion
Arbeit zitieren
Henning Mertens (Autor), 2006, Die Alpwirtschaft im Kleinwalsertal - Segen oder Fluch für Mensch und Natur ?!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68337

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