Farben gehören zu der Oberfläche der Dinge, sie sind Teil des Offensichtlichen, wie es Jacques Le Rider in der Einleitung zu seinem Werk „Les couleurs et les mots“ schreibt. Zum Verständnis eines literarischen Textes beizutragen, der sich einem genauen Lesen vor allem über seine Tiefenstruktur erschließt, scheinen Farben also kaum dienlich – oberflächlich gesehen. Doch auch ‚hinter‘ Farben sind Dinge verborgen, über die Oberflächlichkeit kann man in die Tiefe vorstoßen: Es ist die große Symbolkraft der Farben, die wohl in jeder Kultur eine wichtige Rolle spielt und also auch in der Literatur eine bedeutende Stellung einnehmen kann. Dabei ist Autoren freigestellt, ob sie sie nach der überlieferten Symbolik verwenden oder ihnen (teilweise) eine neue Bedeutungsebene zuweisen oder gar mehrere, möglicherweise gegenläufige Bedeutungen mit ihnen verbinden. Die Erzählung „Der Hochwald“ des österreichischen Malers und Autors Adalbert Stifter weist in einer ganz besonderen Fülle Farben auf, die die unmittelbare Erzählsituation, die Figuren, ihre gegenseitige Konstellation oder die Handlung zu charakterisieren vermögen oder zukunftsweisend verwandt sind, indem sie auf Geschehnisse im späteren Verlauf der Erzählung hindeuten. Dabei begegnen dem Leser unterschiedliche Farbengruppen, die einander gegenüberstehen, und auch aus dieser Spannung heraus die Erzählung lebendig werden lassen. Die Farben, die der Mensch mit seinem Gesichtssinn wahrnimmt, bilden eine enge Verbindung mit Stifters Malerei; so treten auch Begriffe, die mit dem Sehen und der Malkunst in Verbindung stehen, vermehrt in Stifters „Hochwald“ auf. Zunächst beginnt die Arbeit mit einer Untersuchung der Farben in der die Untersuchungsgrundlage bildenden Erzählung und ihrer Bedeutung für ihre Interpretation. Dabei ist u.a. Ehrkes Dissertation wichtig. Im Hinblick auf den Rahmen dieser Arbeit beschränke ich mich in der detaillierten Untersuchung im Wesentlichen auf das erste Kapitel und auf die darin auftretenden Figuren, nicht ohne festzustellen, ob sich die so gewonnenen Erkenntnisse auf den Rest der Erzählung übertragen lassen. Sodann werden kurz die Leitbegriffe vorgestellt und auf ihre Funktion in der Erzählung untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 „Der Hochwald“
3 Farben im „Hochwald“
3.1 Kapitel „Waldburg“
3.1.1 Farbverteilung
3.1.2 Funktion und Bedeutung der Farben
3.2 Farben in den anderen Kapiteln
3.2.1 Schwarz, Weiß, Rot
3.2.2 Blau
4 Begriffe im „Hochwald“
4.1 Bilder, Gemälde und Spiegel
4.2 Augen, Blicken und Sehen
5 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die symbolische Bedeutung und funktionale Verwendung von Farben sowie zentralen Begriffen in Adalbert Stifters Erzählung „Der Hochwald“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Stifter durch eine nuancierte Farbgebung und malerische Wortwahl Charaktere, Handlungsverläufe und die unheimliche Atmosphäre der Natur charakterisiert und auf kommende Ereignisse vorausdeutet.
- Symbolik der Farben (insbesondere Schwarz, Blau, Weiß, Rot)
- Die Erzählung „Der Hochwald“ als Kunstwerk
- Malerische Verfahrensweisen in Stifters Prosa
- Funktion von Begriffen aus den Bereichen Sehen und Malerei
- Charakterisierung von Figuren durch Farbattribute
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Funktion und Bedeutung der Farben
[J]ede Falte der Schleppe liegt bewußtvoll, jede Schleife sitzt wohlberechtigt, und jede Buffe gilt […]. (936-101)
Es soll nun untersucht werden, welche Funktion und welche Bedeutung die dominierenden Farben in der Einleitung haben. Der Farbe Blau kommen zwei Funktionen zu: Zum einen dient sie der sprachlichen Ausgestaltung des Landschaftsgemäldes, das Stifter schildert. Es gehört zu den Verfahren der Malerei, durch in den Bildhintergrund gestaffelte Benutzung heller werdender Blautöne wachsende Entfernung z. B. von Bergen darzustellen. Stifters Gemälde seines Heimatstädtchens Oberplan (im Anhang) weist genau diese Strategie auf: Das Blau des Himmels hellt sich auf, je mehr es gegen den Horizont geht. In dieser Funktion steht besonders die folgende Textstelle:
Der Punkt, von dem aus man fast so weit als es hier beschrieben, den Lauf dieser Waldestochter [d. i. der Moldau] übersehen kann, ist eine zerfallene Ritterburg, von dem Tale aus wie ein luftblauer Würfel anzusehen, der am obersten Rande eines breiten Waldbandes schwebet. (75-79)
Ebenfalls die Formulierung „westlich blauet Forst an Forst“ (97) eröffnet beim Leser die Möglichkeit, sich die breite Deskription als Gemälde vorzustellen. Andererseits hängt mit der Farbe Blau auch traditionell eine sehr positiv besetzte Vorstellung zusammen:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der Farben als symbolträchtige Tiefenstruktur literarischer Texte ein und skizziert den methodischen Ansatz der Arbeit.
2 „Der Hochwald“: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Entstehungsgeschichte sowie den inhaltlichen Handlungsverlauf von Stifters Erzählung.
3 Farben im „Hochwald“: Dieser Abschnitt analysiert detailliert die statistische Farbverteilung sowie die spezifischen Funktionen und Bedeutungsnuancen der Farben im ersten und den folgenden Kapiteln.
4 Begriffe im „Hochwald“: Hier wird die sprachliche Anlehnung an die Malerei untersucht, wobei Begriffe wie Bilder, Spiegel, Augen und Sehen als Schlüssel zur Interpretation der Erzählung fungieren.
5 Schluss: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass Stifter Farben und Begriffe bewusst als künstlerische Mittel einsetzt, um die Vielschichtigkeit und die verborgenen Bedeutungsebenen seines Werkes zu konstruieren.
Schlüsselwörter
Adalbert Stifter, Der Hochwald, Farbsymbolik, Literaturanalyse, Schicksalsfarben, Gegenfarben, Landschaftsmalerei, Literaturtheorie, Bildlichkeit, Erzählstruktur, Blau, Schwarz, Weiß, Rot, Sehen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der zentralen Rolle von Farben und Begriffen in Adalbert Stifters Erzählung „Der Hochwald“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Symbolkraft von Farben, die malerische Ausgestaltung der Prosa sowie die Analyse von Begriffen, die mit Sehen und Bildlichkeit verknüpft sind.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Stifter durch eine bewusste Verwendung von Farbattributen und spezifischen Begriffen Tiefe erzeugt und auf die Handlung vorausdeutet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textanalytische Methode angewandt, die statistische Erfassungen von Farbworten mit einer qualitativen Interpretation der Symbolik und der erzählerischen Funktion verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Farbverteilung und deren Bedeutung sowie eine Analyse von Begriffen aus den Bereichen Malerei und Sehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Adalbert Stifter, Farbsymbolik, Bildlichkeit, Schicksalsfarben, Gegenfarben und Erzählstruktur.
Wie werden die Farben Schwarz und Blau im Text unterschieden?
Schwarz wird als Schicksalsfarbe mit negativen Konnotationen wie Tod und Bedrohung verknüpft, während Blau als Gegenfarbe sowohl für Reinheit und Himmelsmächte als auch für Leere stehen kann.
Welche Rolle spielen „Spiegel“ in der Analyse?
Spiegel dienen als Metapher für die Verbindung zwischen der Oberfläche der Erzählung und einer dahinter liegenden, oft unheimlichen oder anderen Wirklichkeit.
Warum wird das erste Kapitel besonders intensiv untersucht?
Das erste Kapitel dient als Basis, da hier die für die gesamte Erzählung relevanten Farben und Figuren eingeführt und die „malerische“ Grundstruktur etabliert werden.
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- Jens Olschewski (Author), 2005, Der malerische 'Hochwald' - Farben und Begriffe einer Stiftererzählung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68340