Pferd und Mensch. Zur Gegenwart eines Verhältnisses


Magisterarbeit, 2004

104 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

0. Wissenschaftlicher Rahmen
0.1 Zielsetzung
0.2 Vorgehensweise
0.3 Quellen

1. Geschichte der Beziehung Mensch – Pferd
1.1 Domestikation
1.2 Frühe Nutzung des Pferdes
1.3 Eignung des Pferdes
1.4 Beziehung Mensch – Pferd

2. Der Weg zum modernen Reiten
2.1 Anfänge: Reiter im Kampf
2.1.1 Nomadische Bogenreiter
2.1.2 Reiten im antiken Griechenland
2.1.3 Reiten bei den Germanen
2.1.4 Reiten im Mittelalter
2.2 Reitkunst im Barock
2.3 Neuerungen des 18. Jahrhunderts
2.4 Das 19. Jahrhundert
2.4.1 Kavallerieschulen
2.4.2 Reitlehren
2.4.3 Reiter und Pferde
2.5 Anfänge des Turniersports
2.5.1 Springsport
2.5.2 Dressursport
2.5.3 Organisation
2.5.4 Reiter und Pferde
2.6 Zusammenfassung

3. Umbruchphase
3.1 Ländliche Reitvereine
3.2 Der Wandel vom Arbeitstier zum Freizeitpartner
3.3 Wandel der Beziehung Mensch – Pferd

4. Situation in den 70ern
4.1 Entstehung des Freizeitreitens
4.2 Folgen
4.2.1 Landwirtschaft und Gesetzgebung
4.2.2 Pferdehaltung
4.2.3 Recht und Gesetz
4.3 Anforderungen an Pferd und Reiter
4.3.1 Der Freizeitreiter
4.3.2 Das Freizeitpferd
4.3.3 Probleme
4.4 Beziehung Mensch – Pferd
4.5 Zusammenfassung

5. Gegenwart: Bestandsaufnahme
5.1 Pferd im Forstbetrieb
5.2 Pferd in der Landwirtschaft
5.3 Pferd und Unterhaltung
5.4 Pferd im Sport
5.5 Pferd und Medizin
5.6 Mensch und Pferd in der Gegenwart

6. Das Freizeitreiten heute
6.1 Der Freizeitreiter
6.2 Reitstile
6.2.1 Dressur und Springen
6.2.2 Geländereiten
6.2.3 Westernreiten
6.2.4 Klassische Dressur
6.2.5 Zusammenfassung
6.3 Das Freizeitpferd
6.3.1 Verleihpferd
6.3.2 Freizeitpferd im Privatbesitz
6.3.3 Reitbeteiligung
6.4 Ausbildung im Freizeitreiten heute
6.5 Haltung des Freizeitpferdes
6.6 Mensch – Pferd Beziehung

7. Wirtschaft rund ums Freizeitreiten
7.1 Landwirtschaft
7.2 Stall- und Weidebedarf
7.3 Ausrüstung
7.4 Gesundheit
7.5 Hufbearbeitung
7.6 Turniersport
7.7 Reitschulbetriebe
7.8 Ausbildungsberufe
7.9 Pferdepensionsbetriebe
7.10 Reisebranche
7.10.1 Reiterferien für Kinder
7.10.2 Reiturlaub für Erwachsene
7.11 Vereinswesen
7.12 Zusammenfassung

8. Organisationen
8.1 Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN).
8.2 Vereinigung der Freizeitreiter und –fahrer in Deutschland e.V. (VFD).

9. Frauen und Pferde
9.1 Historische Betrachtung
9.2 Heute

10. Aktuelle Beobachtungen
10.1 Erwachsenen-Fördermodell der FN
10.2 Reiten als Schulsport
10.3 Freizeitreiten und Internet

11. Mensch – Pferd in der Gegenwart

Schlussgedanken

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die Idee zu dieser Arbeit entsprang zunächst meiner persönlichen Affinität zum Thema Pferd und Reiten. Durch meine Beobachtungen als langjährige Reiterin und mittlerweile Pferdebesitzerin wuchs der Wunsch, dieses Thema auch inhaltlich näher zu betrachten. Durch die Lektüre von zahlreichen Sachbüchern bildete ich mich nicht nur persönlich weiter, sondern registrierte über die Jahre hinweg auch die verschiedensten neuen Strömungen in der Reiterszene. Dies brachte mich zu der Frage, wie die heutige Situation überhaupt entstanden ist, welche historische Geschichte sich dahinter verbirgt und wie das Verhältnis von Mensch und Pferd in den unterschiedlichen Epochen aussah.

0. Wissenschaftlicher Rahmen

0.1 Zielsetzung

In dieser Arbeit soll vor allem die gegenwärtige Beziehung von Mensch und Pferd betrachtet werden. Um diese hinsichtlich ihrer Bedeutung besser einordnen zu können, werden frühere Formen der Mensch – Pferd Beziehung aufgezeigt und auf Qualität und Intensität untersucht. Um die Gegenwart des Mensch – Pferd Verhältnisses zu erarbeiten, soll durch eine Gesamtdarstellung und detailliertere Betrachtung der wichtigsten Komponenten ein möglichst umfassendes Bild der modernen Situation geschaffen werden.

0.2 Vorgehensweise

Im Vordergrund dieser Arbeit soll die Situation der Mensch – Pferd Beziehung der Gegenwart stehen. Doch diese ist ohne die Vergangenheit nicht zu verstehen und deswegen wird der Moderne die historische Betrachtung vorangestellt, um Sachverhalte klarer darstellen und Entwicklungen aufzeigen zu können. Hierbei werden nur die geschichtlichen Ereignisse oder Neuerungsphasen herausgegriffen, die in dem Zusammenhang der Arbeit wichtig sind, wobei auch diese nicht in ihrer Vollständigkeit betrachtet werden können, um den Rahmen nicht zu sprengen oder zu sehr vom Hauptthema abzuweichen. Neben den entscheidenden Entwicklungen soll auch deren wechselseitige Wirkung auf die Mensch – Pferd Beziehung herausgearbeitet werden.

Ab dem 20. Jahrhundert werden einzelne Sachverhalte konkretisiert, die für die Gegenwart von Bedeutung sind und wichtige Umbruchs- bzw. Entstehungsphasen markieren. Die Betrachtung der Gegenwart beginnt mit einer allgemeinen Bestandsaufnahme, die in eine detaillierte Beschreibung ihrer wichtigsten Ausformung – dem Freizeitreiten – mündet. Hierbei werden nicht nur einzelne Faktoren innerhalb des Freizeitreitens, sondern auch die Folgen für andere Bereiche betrachtet, um die Bedeutung zu unterstreichen. Hierauf folgen die wichtigsten Organisationsorgane, um die Abgrenzung innerhalb des Freizeitreitens zu konkretisieren. In einer Einzelbetrachtung der Beziehung zwischen Frauen und Pferden soll eines der interessantesten Phänomene des modernen Freizeitreitens hervorgehoben und analysiert werden. Die abschließende Betrachtung aktueller Erscheinungen soll einen Blick auf die Zukunft der Mensch – Pferd Beziehung erlauben und die anhaltende Wirkung des Phänomens Freizeitreiten bestätigen.

0.3 Quellen

Da es kaum einen wissenschaftlichen Bereich gibt, der sich explizit mit der Beziehung von Menschen und Tieren beschäftigt[1], sind konkrete Quellen äußerst selten. Auch durch die Einzelbereiche – die Soziologie und die Veterinärmedizin bzw. Biologie oder Veraltensforschung – schafft kaum größere Klarheit, da sich diese fast ausschließlich mit den Beziehungen der einzelnen Objekte (Soziologie ® Mensch, Verhaltensforschung ® Pferd) untereinander beschäftigen. So beschränkt sich die wissenschaftliche Fachliteratur auf wenige Arbeiten, die vor allem die kulturelle, wirtschaftliche oder soziologische Bedeutung der Mensch – Pferd Beziehung für den Menschen aus historisch-gesellschaftlicher Sicht sieht.

Es gibt jedoch zahlreiche populäre Sachbücher, die sich in selbstreflektierender Weise mit dem Thema Mensch und Pferd auseinander setzen, wenn auch nicht unbedingt immer im wissenschaftlichen Kontext. Unter Beachtung der nötigen Quellenkritik, die sowohl den Erscheinungszeitraum, wie auch die Leserzielgruppe berücksichtigt, kommen für diese Arbeit passende, ausgewählte Sachbücher zum Einsatz. Für die Betrachtung der Gegenwart und zur Abdeckung aktueller Themen wird auch das Internet herangezogen, wobei hier ebenfalls eine umfassende Quellenkritik notwendig ist, da einige Texte den Ansprüchen wissenschaftlicher Arbeits- und Präsentationsweise nicht genügen. Wo es möglich war, wurden Quellen im Umkreis großer Dachverbände oder andere rechtswirksame Organisationen vorgezogen, da diese für die Inhalte ihres Online-Angebotes verantwortlich sind und dementsprechend auch auf korrekte Darstellungen Wert legen.

1. Geschichte der Beziehung Mensch – Pferd

1.1 Domestikation

Um die heutige Situation der Mensch – Pferd Verbindung verstehen und deuten zu können, ist es wichtig die Vergangenheit zu kennen. Ich beginne hier mit der Betrachtung, als das Pferd vom wildlebenden Jagdtier[2] zum ’Haustier’ wurde, da sich mit der Domestikation die Bedeutung des Pferdes für den Menschen verändert hat. Die Domestikation des Pferdes vollzog sich, nach Otte, in Europa und Asien in der Jungsteinzeit (Neolithikum) um etwa 3500 – 3000 v. Chr.[3] * Otte hierzu:

„Vorrausetzung für die Domestikation wildlebender Tiere waren Veränderungen in der Lebensweise der Menschen. Als nomadisch lebende Jäger und Sammler zu seßhaften Ackerbauern wurden und feste Wohnstätten errichteten, ergaben sich daraus Bedingungen für eine intensive Haltung und Züchtung von bis dahin wildlebenden Tieren. [...] Die Tierhaltung machte die Menschen von zufälligen Jagdbeuten weitgehend unabhängig und Opfertiere waren ständig verfügbar.“[4] *Otte13

Dadurch veränderte sich auch das Verhältnis zu den Tieren – die Distanz, aus der ein Jagdtier von weitem beobachtet werden musste, um den Jagderfolg sicher zu stellen, wurde überwunden und der Mensch musste sich mit dem Tier vorerst so auseinandersetzen, dass keine der beiden Parteien ernsthaft zu Schaden kam. Denn auch wenn die Tiere eventuell später zum Verzehr dienten, mussten doch einige von ihnen überleben, um durch ihre Nachkommen immer wieder neue Nahrung zu ’produzieren’. Im Verhalten des Menschen dem Tier gegenüber, trat der akute Tötungsgedanke zugunsten einer nachhaltigen Überlebenssicherung zurück.

Meyer zitiert Hancar, der zwischen Zähmung und Domestikation unterscheidet:

„[...] als Aufhebung der Fluchttendenz erstreckt sie [die Zähmung, d.Verf.] sich immer nur auf das Einzeltier, erlischt mit seinem Tode und ist nicht hereditär. Die Domestikation [...] bezieht sich in der Regel auf eine Art oder ihre Untergliederung und vererbt sich als Variation der Art aufgrund von Mutation und Selektion.“[5]

Damit gehört zur Domestikation nicht nur das Zähmen der Tiere, die anschließende Haltung in begrenzten Weideflächen oder Stallungen und die Nutzung durch den Menschen, sondern auch eine gezielte Auswahl besonders geeigneter Tiere und deren kontrollierte Vermehrung, sodass die für den jeweiligen Zweck optimalen Eigenschaften besonders hervortreten. Diese veränderten sich im Laufe der Zeit, je nach den spezifischen Nutzungswünschen der Menschen und der damit verbundenen Zuchtauswahl.

1.2 Frühe Nutzung des Pferdes

Als das Pferd noch wildlebendes Jagdtier war, war es vor allem Fleischlieferant.

Doch „mit der Zähmung und Domestikation ergaben sich die Vorraussetzungen für einen Einsatz, der nicht den Tod des Pferdes impliziert [...], sondern die Verwendung des Tieres durch eine spezielle Behandlung und Fürsorge auszubilden und auf Dauer zu stellen sucht. Der erste Typus [...] liegt vor in der Verwendung des Pferdes als Transporttier.“[6]

Das Pferde wurde, wie auch schon das Rind (Domestikation etwa 6500 – 6000 v.Chr.[7] ), vor allem als Zugtier eingesetzt. Das Tragen von Gütern auf dem Rücken des Pferdes (sog. Saumlast) kam wegen der labilen Lagerung des Transportguts und der eingeschränkten Tragkraft weniger in Frage.[8] Pferde zogen vor allem die Stangenschleife[9], wobei der Lenker des Pferdes sowohl nebenher ging, als auch auf dem Rücken des Pferdes Platz nahm. Diese ’Frühform’ des Reitens wird von Basche eher als eine Form der Bequemlichkeit angesehen, die auch noch heute zu beobachten wäre.[10]

Die Transportnutzung des Pferdes im Zug wurde durch eine entscheidende Erfindung – dem Kummet- oder Brustgeschirr – erheblich vereinfacht. Vorher trug das Pferd einen Halsriemen, der bei schwereren Lasten auf die Luftröhre des Pferdes drückte und es damit nur für den leichten Zug einsetzbar machte. Das Kummet[11] machte es dem Pferd möglich, schwerere Lasten zu ziehen und so konnte seine Transportnutzung effektiver werden.[12]

1.3 Eignung des Pferdes

Es ist bemerkenswert, wie weit die Art der Nutzung des Pferdes damals bereits ging. Das Pferd als Opfertier mit ausgeprägtem Fluchtinstinkt zeigt üblicherweise große Angst vor Dingen, die sich hinter oder auf ihm befinden. Dies lässt sich damit begründen, dass Pferde natürlicherweise von großen Raubtieren angegriffen werden, die ihnen von hinten bzw. von der Seite auf den Rücken springen, sich dort festkrallen und versuchen, das Pferd durch Bisse in den Hals zu töten. Die einzigste Möglichkeit zur Abwehr gegen derartige Manöver sind im Anfangsstadium die bereits angesprochene Flucht, und, bei Näherkommen des Raubtieres, das gezielte Ausschlagen mit den Hinterhufen in Richtung des Angreifers.

Der Mensch hat es geschafft, dass das Pferd nun genau an den Stellen, wo es sich instinktiv gegen Berührung wehren bzw. von wo es in der Natur angegriffen würde (also auf dem Rücken und direkt hinter ihm) verschiedene Gegenstände, Lasten und sogar den Menschen selbst, duldet. Da dieser Gewöhnungsprozess auch noch heute bei jungen Pferden notwendig ist, die mit Sattel, Geschirr und schließlich auch mit dem Reiter und/oder der Kutsche vertraut gemacht werden sollen, zeigt, wie tief diese Angst im Instinkt des Pferdes verwurzelt ist. Die damit verbundenen Schwierigkeiten wären eine Erklärung dafür, warum das Pferd erst relativ spät domestiziert wurde.[13]

1.4 Beziehung Mensch – Pferd

Zum Umgang mit wilden Pferden gehörte nicht nur eine gute Beobachtungsgabe und das richtige Maß an Gewalt und Vorsicht, sondern auch das Experimentiervermögen, erfolgreiche Konzepte zur Haltung, Ausbildung und Nutzung bereits domestizierter Arten, wie dem Rind, auf das Pferd zu projizieren.[14] Zudem übernimmt der Mensch die Verantwortung für das Leben der Pferde, die sich in seinem Besitz befinden. Die Notwendigkeit, für Futter und Wasser zu sorgen, und darüber hinaus auch die langfristige Gesundheit der Pferde zu sichern, stellte den Menschen vor neue Aufgaben. Die Bereiche Tierhaltung/Tierzucht und Transportwesen durch Tiere sind eng miteinander verknüpft – die Pferde verbrauchen einerseits große Mengen Gras und Heu, doch ihr Einsatz im Futtermitteltransport machte gleichzeitig die Beschaffung dieser Futtermittel einfacher.

Meyer weist außerdem darauf hin, dass auch die, sich zu dieser Zeit entwickelnden, Metallherstellung auf den Vertrieb, und damit auf die Bewältigung von Transportaufgaben, angewiesen war.[15] Das Pferd eignete sich dafür besser als das Rind, denn, obwohl es – eingeschränkt durch den Halsriemen – weniger Last ziehen konnte, war es schneller und wendiger, was für den Transport über längere Strecken von wesentlichem Vorteil war. Derartige Vertriebsaufgaben bedeuteten für den Menschen mehr Kontakt zu weiter entfernt lebenden Menschen. Dennoch wird dem Pferd im Transportwesen eine nicht so große Bedeutung zugeschrieben, wie es sie später im militärischen Einsatz haben sollte.[16]

2. Der Weg zum modernen Reiten

Heute sieht man das Pferd vor allem unter dem Sattel, also als Reittier. Dass das nicht immer so war, versuchten die vorangegangenen Kapitel herauszuarbeiten. Im Folgenden soll nun der Weg zum Reiten näher erläutert werden, da sich der jeweilige Reitgrund auf die umstandsspezifische Mensch – Pferd Beziehung zurückführen lässt oder diese begründet.

2.1 Anfänge: Reiter im Kampf

Der Einsatz des Pferdes für militärische Zwecke bildet einen großen und vielschichtigen Themenbereich, der im Rahmen dieser Arbeit nicht zu bewältigen ist. Daher muss ich mich auf wenige, bedeutende Beispiele beschränken. Nachdem der Streitwagen um 1600 v.Chr. das wohl wichtigste Kampfmittel war, wurde das Reiten immer wichtiger.[17] Es gibt Belege für eine Form der berittenen Infanterie – bei den Assyrern sollen die Soldaten zum Kampfplatz geritten oder geführt und dort dann abgestiegen sein, um den Gegnern zu Fuß gegenüberzutreten, da der Sitz auf dem Pferd zu unsicher war.[18]

2.1.1 Nomadische Bogenreiter

Zur ersten Kavallerie gehören die nomadisch lebenden, berittenen Bogenschützen, die mit einer interessanten Taktik, die nur zu Pferd durchführbar war, ihre Feldzüge erfolgreich bestreiten konnten. Otte bezeichnet diese Taktik als „’verstellte Flucht’“[19], bei der die Angreifer zuerst die Gegner angriffen, dann zur Verfolgung lockten und dann mit rückwärtsgewandten Bogenschuss wieder angriffen. „Sie gingen dem Nahkampf systematisch aus dem Weg.“[20] Zum Erfolg gehörte vor allem ein fester Sitz, um den Bogen möglichst zielsicher abschießen zu können und geschicktes, freihändiges Manövrieren der galoppierenden Pferde, um dem Gegner nicht zu nahe zu kommen.

Durch das Wandern mit der Pferdeherde lernten die nomadisch lebenden Menschen bereits in frühester Kindheit reiten. Dadurch bildeten sie einen besonders sicheren Sitz, auf den damals noch ungesattelten Pferden, aus und dieser ermöglichte es ihnen überhaupt den zweihändig zu führenden Bogen[21] benutzen zu können. Diese Art des Angriffs war so erfolgreich, dass es sich nach den Anfängen bei den Skythen (Blütezeit 700-300 v.Chr.) bis zu den Hunnen (bis 400-500 n.Chr.) in verschiedenen Völkern wiederfinden lässt.[22] Mit der Zeit wurden verschiedene Kopfstücke zum Lenken des Pferdes und Sattelkonstruktionen mit unterschiedlichen Steigbügel-Formen entwickelt, um den Sitz sicherer zu machen.[23] Die damit einher gehenden Veränderungen des Reitersitzes und dessen Einwirkung auf das Pferd spielen für die nachfolgenden Reitstile eine große Rolle.

2.1.2 Reiten im antiken Griechenland

Im antiken Griechenland war das Reiten weit weniger vom akuten Kriegszustand oder Plünderungszügen bestimmt, sondern begann sich bereits als eigenständige Kunstform zu verselbstständigen. Die Pferdehalter des antiken Griechenlands waren vor allem reiche Adlige und diese ritten hauptsächlich zu Repräsentationszwecken. Der Einsatz des Pferdes im realen Kampf war gegenüber anderen Völkern (z.B. Perser) relativ gering.[24] An dieser Schwellenstufe zwischen Kriegs- und Kunstreiterei entstanden die ersten Schriften der antiken Reitkunst, von denen die wichtigste – ’Peri hippikes’ (’Über die Reitkunst’) von Xenophon (430 – 354 v.Chr.) – heute als der Grundstein der europäischen Hippologie gilt.[25]

Obwohl dieses Werk, zusammen mit dem ’Hipparchikos’ (’Der Reitoberst’) vor allem für Pferde und Reiter im militärischen Einsatz gedacht war, sind besonders die ethischen Aspekte im Umgang mit dem Pferd interessant.[26]

„Xenophon betrachtete das Pferd als Individuum und erstrebte eine Harmonie zwischen Reiter und Pferd: >Was unter Zwang erreicht wurde, [...] ist ebenso unschön wie das Peitschen [...] eines Tänzers.< Oder: >Verliere beim Umgang mit Pferden nie die Beherrschung, dies ist die wichtigste Regel für jeden Reiter.<“[27]

Dies spiegelt die Loslösung des Reitens vom ausschließlichen Gebrauchsreiten im Kampf wider, denn im kriegerischen Umfeld sind ästhetische Komponenten, wie die von Xenophon geforderte Harmonie, Zwanglosigkeit und Geduld im Umgang mit Pferden, kaum von Bedeutung. Inwieweit seine Ausführungen auch in die Praxis umgesetzt wurden bleibt allerdings im Unklaren, da ja auch die Bildquellen aus dieser Zeit ihrerseits bestimmten ästhetischen Anschauungen unterworfen waren, und daher ist zu vermuten, dass sie nicht die Realität abbildeten.[28] Dennoch sind die Schriften des Xenophon ein beeindruckender Beweis dafür, dass damals über die reine körperliche Leistungserhaltung des Pferdes hinaus auch eine gewisse psychische ’Gesundheit’ ins Bewusstsein rückte. Das Pferd wird nicht mehr nur als absolut instinktgesteuertes Tier wahrgenommen, sondern ihm wird eine Seele zugesprochen, die auch verletzt werden kann. Doch diese Auffassung verbreitete sich kaum über die Grenzen Griechenlands. Im restlichen Europa (und später wohl auch wieder in Griechenland) hielt sich noch sehr lange die Vorstellung von der gewaltbestimmten ’Brechung’ der Pferde.

2.1.3 Reiten bei den Germanen

„Bei den Germanen galten die Pferde als heilige Wesen und [...] waren als Opfertiere den Göttern geweiht und wurden als Gefährten der Götter angesehen. [...] Die Pferde verfügten nach germanischen Glauben über hellseherische Fähigkeiten [...]“[29]

Diese Verehrung entspringt einer engen Verbindung zum Pferd, die vom täglichen Umgang vieler nomadisch lebender Stämme mit den Tieren herrührt. Daher werden die Pferde auch vielseitig genutzt – für den Bauernstand als Fleischlieferant und als Last- bzw. Zugtier und für den Adel als Reittier im Kampf. Nach Otte entwickelte sich im Rahmen der großen germanischen Völkerwanderung (ab 375 n.Chr.) eine neue Form der Kriegstechnik, in der die gepanzerte Reiterei im Vordergrund stand.[30] Mit der Zeit wurden die Waffen und Rüstungen immer schwerer, und so mussten die Pferde vermehrt in Richtung Größe und Kraft gezüchtet werden. Im Mittelalter war der Reiter schließlich durch die Ganzkörperrüstung so in der Bewegung eingeschränkt, dass er einen besonders sicheren Sattel mit Steigbügeln benötigte, um sich überhaupt auf dem Pferd halten zu können.

2.1.4 Reiten im Mittelalter

Das Reiten im Mittelalter war zunächst geprägt von den kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen die stark gepanzerten Ritter auf ihren ebenfalls gepanzerten Streitrössern lange Zeit die erfolgreichste Waffe im Kampf darstellten. Doch schließlich entwickelte sich neben dieser ursprüngliche Kampfreiterei an den fürstlichen Höfen des Hoch- und Spätmittelalters eine Repräsentationsreiterei, die zu besonderen Anlässen – den Turnieren (altfranz.: ’tourneier’ = das Pferd drehen, wenden[31] ) – in Form von Kräftemessen vor großem Publikum stattfand. Dabei unterscheidet man zwischen ’buhurt’ – einem mehrtägigen Gruppenkampf mit stumpfen Waffen, der noch eher mit einer Übung für den Ernstfall gleichzusetzen war und wo es um Geschicklichkeit und die sichere Handhabung der Waffen ging; der ’tjost’ war dagegen ein Zweikampf, bei dem zwei Ritter versuchten den jeweils anderen mit angelegter Lanze im Galopp aus dem Sattel zu stechen.[32] In beiden Fällen wurde das Pferd hauptsächlich als ein ’Gebrauchsgegenstand’ verstanden, welches vor allem stark genug sein musste, um die schweren Rüstungen tragen zu können und keine besondere Ausbildung, im Sinne der Reitkunst, durchzulaufen hatte. Erst im 16. Jahrhundert begann eine Entwicklung, in der das Reiten erstmals als private Freizeitbeschäftigung der Adligen betrieben wurde.

2.2 Reitkunst im Barock

Im Italien der Hochrenaissance (16. Jahrhundert) wurden verschiedene Reitakademien gegründet, darunter einer der bedeutendsten von Frederico Grisone in Neapel, welche lange großen Einfluss auf die Reitkunst in Europa hatte. Die Akademien beriefen sich zwar immer noch auf den militärischen Wert ihrer Übungen, aber der Nahkampf zu Pferd wurde bereits deutlich durch die Verbreitung der Feuerwaffe als neues Kampfmittel verdrängt.[33] Schließlich verselbstständigten sich die Ausbildung der Pferde und die zu lernenden Figuren zu Repräsentationszwecken.

Im Europa des 17. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt von Italien nach Frankreich, wo sich verschiedene Schulen herausbildeten – darunter die sog. ’Gewaltschule’ des Franzosen Salomon de la Broue und der wesentlich gemäßigtere Rittmeister Antoine de Pluvinel, der, ähnlich wie Xenophon, die natürliche Veranlagung und Psyche des Pferdes zu beachteten versuchte.[34] Das Verhältnis zum Pferd war aber dennoch generell bestimmt von dem Grundsatz des absoluten Gehorsams des Tieres gegenüber dem Menschen. Basche hierzu: „bedenkt man [...] das recht geringe Ansehen, das das Tier zu Anfang der Neuzeit in Europa [...] genoß, so werden Vorrausetzungen deutlich, die eine aus heutiger Sicht ziemlich harte Behandlung der Pferde verständlich machen.“[35]

Die vorherrschenden Übungen bei allen Reitlehren dieser Zeit bezogen sich auf die sog. Lektionen über der Erde. Der Schwerpunkt lag hierbei bei verschiedenen Formen des Steigens (Anheben der Vorderbeine) und des Springens der Pferde in der Reitbahn, weil diese früher für den militärischen Nahkampf äußerst sinnvoll waren. Da aber, wie oben schon erwähnt, der Fernkampf mit Feuerwaffen immer mehr an Bedeutung gewann, veränderten sich die Aufgaben der Kavallerie und damit auch die Ausbildung der Pferde. Schließlich wurden die Lektionen über der Erde vom militärischen Zusammenhang gelöst und „zweckfrei als Ziel der Ausbildung des Pferdes in der Hohen Schule gesehen.“[36]

2.3 Neuerungen des 18. Jahrhunderts

1733 erschien das Werk ’Ecole de Cavalerie’ des französischen Hofstallmeisters Francois Robinchon de la Guérinière, welches, nach Otte, für eine Reform des gesamten Reitsystems sorgte.[37] Der Schwerpunkt lag nun vor allem auf der Grundausbildung der Pferde für die ’neue’ Fernkampf-Kavallerie, wobei die Hohe Schule, mit den Lektionen über der Erde, als kunstvolle Weiterführung neben dieser militärischen Grundausbildung angesehen wurde. Im Vordergrund stand eine logisch aufgebaute, sanfte und den natürlichen körperlichen Gegebenheiten von Pferd und Reiter angepasste Ausbildung für alle Sparten der Reiterei – Jagdreiten, Kavallerie und Schulreiterei.

Dazu gehörte auch die Entwicklung von weniger schmerzhaften Gebissen (Gebiss = Mundstück des Pferdes) und eines Sattels, der im Gegensatz zu den vorher gebräuchlichen Sätteln, einen ungezwungeneren Sitz zuließ. Insgesamt zeichnete sich sein Werk „durch Einfachheit und Verständlichkeit in der Beschreibung der anzuwendenden Methoden“[38] und dem sanfteren, von der Logik bestimmten Umgang mit dem Pferd, aus. Die Pferde wurden nicht mehr als Wesen angesehen, die man vor allem durch Gewalt gefügig machen musste, sondern die vielmehr im Sinne ihrer natürlichen Veranlagung ausgebildet werden mussten, um eine „Vervollkommnung der Natur“[39] zu schaffen.

In Frankreich verlor die höfische Reitkunst nach der Französischen Revolution 1789 ihr Ansehen, doch die Spanische Hofreitschule in Wien (1572 erstmals erwähnt[40] ) hatte die Lehre de la Guérinières bereits kurz nach Erscheinen des Werks übernommen und erhält sie bis heute – in modifizierter Form[41] – am Leben. In Deutschland tat man sich anfangs recht schwer mit der Guérinière’schen Schule, aber als Ludwig Hünersdorf um 1800 die Lehren Guérinières zur Ausbildung von Campagnepferden (= Pferde in der Kavallerie) heranzog, wurde diese Lehrmethode bald richtungsweisend für die Zukunft.

2.4 Das 19. Jahrhundert

2.4.1 Kavallerieschulen

Im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts verloren die privaten Reitakademien und die dort gelehrte Schulreiterei immer mehr Ansehen. Dagegen entstanden überall in Europa Kavallerieschulen zur Ausbildung von Pferd und Reiter für den militärischen Einsatz. Hierbei spielte nicht nur die Ausbildung in der Reitbahn eine wichtige Rolle, sondern auch das Reiten im Gelände mit der Überwindung von verschiedenen Naturhindernissen (Wälle, Gräben, Hecken, Baumstämme etc.). Damit versuchte man die französisch-deutsche Dressurreiterei und das englische Jagdreiten sinnvoll zu verbinden, denn schließlich fanden kriegerische Auseinandersetzungen meist auf freiem Feld, und nicht in der Reitbahn, statt.

Im Gegensatz zu den kompakten, kräftigen Pferden, die in den Lektionen der Hohen Schule, geritten wurden, kam nun auch ein neuer Pferdetyp[42] auf, der sich besonders durch Ruhe und Gehorsam auszeichnen sollte. Die Aufgabe der Kavallerieschule bestand darin „ein leicht dirigierbares und gehorsames Pferd für einen nur durchschnittlich begabten Reiter auszubilden,“[43] sodass es dem Soldaten ein möglichst sicherer, bequemer und ausdauernder Gefährte sein konnte. Die bedeutendsten Kavallerieschulen befanden sich im französischen Saumur und in Hannover. Die deutsche Kavallerieschule ging aus dem 1817 von Friedrich Wilhelm II. in Berlin gegründeten Lehreskadron hervor, welches schließlich 1867 als Militär-Reitinstitut nach Hannover kam.[44] Ihre Führungsposition im Zusammenhang mit dem modernen Reitsport nahm die Schule in Hannover erst ab etwa 1900 ein.

2.4.2 Reitlehren

In den Jahren davor waren es verschiedene Zivilreiter, die in mehreren Lehrbüchern teils sehr unterschiedliche, teils sich ähnelnde Sitz- und Ausbildungsstile vorstellten, die dann von Lehrmeistern der Kavallerieschulen je nach Gebrauchswert für die Militärausbildung übernommen oder nach kurzer Zeit wieder verworfen wurden. Verworfen wurde beispielsweise das Ausbildungssystem von Francois Bauchers (1776-1873), der die Pferde vor allem im Stehen an verschiedenen Körperteilen nach einem standardisierten Zeitplan bearbeitete. Diese äußerst statische Methode erwies sich als unbrauchbar für das Bewegungstier Pferd und fand daher nach anfänglicher Begeisterung in Frankreich und Deutschland keinen Zuspruch mehr.

Dagegen setze sich die Lehre durch, vertreten von Louis Seeger (1798-1865) und Gustav Steinbrecht (1808-1885), die vor allem auf Bewegung und Leichtigkeit durch Gymnastizierung des Pferdes beruhte. Außerdem propagierten sie, wie auch Karl Kegel in seiner Reitlehre von 1842[45], neue Lehrmethoden für den Reiter. Diese sollten sich kennzeichnen durch praktisch und theoretisch geschulte Lehrer, die dem Reitschüler das angstfreie, lockere Reiten möglichst leicht verständlich und auf den jeweiligen Ausbildungsstand abgestimmt, beibringen sollten.

2.4.3 Reiter und Pferde

Noch wurde das Reiten hauptsächlich in den Kavallerieschulen gelehrt, daher waren die Schüler vor allem Soldaten, die für die Kavallerie ausgebildet wurden. Louis Seeger eröffnete zwar bereits 1844 die erste Reitbahn in Berlin, inwieweit jedoch welche Gesellschaftsschicht dort ritt oder reiten lernte bleibt Spekulation und lässt sich wohl vor allem aus den damals herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen ableiten. Nur wenige Privatpersonen, hauptsächlich der oberen Gesellschaftsschicht oder dem Adel angehörig, konnten sich Pferde leisten und ritten diese dann auch, weil sie die finanziellen Möglichkeiten hatten, sich eigene Reitlehrer auf ihren privaten/fürstlichen Höfen und Reitbahnen zu unterhalten.

Das Reiten blieb nur wenigen Privilegierten vorbehalten – dagegen war die Nutzung des Pferdes als Zugtier allgegenwärtig. In den Städten und an de Höfen fand man edle Kutschen und elegante Pferde als standesgemäßes Fortbewegungsmittel der Oberklasse. Die große Zahl der unteren Schichten in der Stadt kam mit der Vielzahl der einfachen Wagen in Kontakt, die als Beförderungsmittel für unterschiedlichste Waren dienten, wie Bierfässer, Milch, Mehlsäcke – kurz: alles, was heute Lieferautos oder Lastwagen transportieren.[46] Auf dem Land zog das Pferd der reicheren Bauern Ackergeräte und Erntewägen, ärmere Bauern nutzen dagegen Ochsen oder sogar Milchkühe, denn auch auf dem Land war die Haltung von Pferden teuer und daher nicht für jeden Bauern möglich. Dass die Bauern und die Landwirtschaft für die Entwicklung der Pferdehaltung in Deutschland noch eine sehr wichtige Rolle spielen sollte, war damals noch nicht zu erahnen.

2.5 Anfänge des Turniersports

Da die Betrachtung der Geschichte des Reitturnierwesens den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde, beschränke ich mich auf die Entwicklung des Turniersports in Deutschland ab dem 20. Jahrhundert.[47] Maßgeblicher Träger dieser Entwicklung war die Kavallerieschule in Hannover, in der Reiter und Pferde, durch die Konzentration auf die drei wichtigsten Disziplinen des Reitsports – Dressur, Springen und Vielseitigkeit (auch Military genannt) – speziell ausgebildet wurden.

2.5.1 Springsport

Besonders das Springen erfuhr eine regelrechte Revolution durch den ab 1894 an den italienischen Kavallerieschulen Tor di Quinto und Pinerolo wirkenden Offizier Federico Caprilli. Er erfand den sogenannten ’leichten Sitz’ über dem Sprung, bei dem sich der Reiter mit vorgeneigtem Oberkörper aus dem Sattel erhebt, um das Pferd möglichst wenig im Bewegungsablauf zu stören.

„Die Anhänger dieser Methode verbuchten auf den Springturnieren große Erfolge und waren [...] weit überlegen. Die Deutschen Turnierreiter erlitten 1902 beim Turnier in Turin einen Leistungseinbruch, da sie an dem alten militärischen Dressur-Springsitz [mit aufrechtem Sitz im Sattel, d. Verf.] festhielten.“[48]

Nach anfänglichem Zögern setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg auch in Deutschland der leichte Springsitz durch, wenn auch in modifizierter Form.[49] In der Frühphase des Springsports waren vor allem Hoch- und Weitsprung Wettbewerbe verbreitet. Die uns auch noch heute bekannte Form des Springturniers mit mehreren Hindernissen, die in einer bestimmten Reihenfolge und Zeitvorgabe bewältigt werden müssen (= sog. Spring-Parcours), setzte sich um die Zeit der Olympischen Spiele in Stockholm 1912 durch.

2.5.2 Dressursport

Die Dressurreiterei war anfangs noch sehr stark mit der Überprüfung der korrekten Ausbildung – sogenannte Rittigkeitsprüfung – eines Kavalleriepferdes verbunden. Deswegen gab es neben den Dressuraufgaben in den drei Grundgangarten des Pferdes (Schritt, Trab, Galopp) auch noch ein paar Sprünge zu überwinden. Später fielen diese Sprünge im Zuge der Spezialisierung der Pferde ganz weg und es waren nur noch Dressuraufgaben gefordert. Bei der Olympiade in Stockholm 1912 wurde erstmals ein Preisreiten auf Grundlage der oben erwähnten Rittigkeitsprüfung (ohne Springen) für Kavalleristen durchgeführt, wobei die Schweden und die Deutschen eindeutig dominierten.[50]. Im Laufe der Zeit gab es immer wieder verschiedene Änderungen im Ablauf und in der Gestaltung der Dressurprüfung. Besonders umstritten war immer wieder die Bewertungsform durch mehrere Richter, die teilweise recht subjektiv über Stil und ähnlich schwer zu fassende Kriterien entscheiden müssen.

2.5.3 Organisation

Die Aufnahme der Reiterwettbewerbe in die Olympischen Spiele ist, „der Initiative und Hartnäckigkeit des schwedischen Grafen Clarens von Rosen [...] zu verdanken“[51], der damit argumentierte, dass „die Olympische Idee durch die Einbeziehung des Militärs [...] auf eine breitere Basis gestellt würde.“[52] Nach der Olympischen Spielen in Stockholm 1912 wurde 1916 in Deutschland das Deutsche Olympiakomitee für Reiterei (kurz: DOKR) gegründet. Damit gab es eine Instanz für den kontrollierten Aufbau und die gezielte Ausbildung geeigneter Pferde und Reiter für den Sport. Außerdem entschied ein internationales Abgeordnetenkomitee im Mai 1921 während des olympischen Kongresses in Lausanne, durch die hohen Teilnehmerzahlen an der Olympiade angeregt, die Gründung eines internationalen Dachverbandes – die Geburtsstunde der Fédération équestre Internationale (kurz: FEI), dem Deutschland noch im gleichen Jahr beitrat.

2.5.4 Reiter und Pferde

Da sich die meisten Prüfungen, wie oben gezeigt, aus der Militärreiterei ableiteten, waren es vor allem Kavalleristen, die an den Prüfungen teilnahmen. Aber im Laufe der Zeit gab es immer mehr Zivilreiter, die in eigenen Ställen und mit eigenen Pferden trainierten und in den Turniersport drängten. Nach Otte hielt die Dominanz der Militärreiter bis zum Zweiten Weltkrieg an – nach 1945 wurde der Turniersport zunehmend durch Zivilreiter beherrscht.[53] Als Grund lässt sich die „Auflösung kavalleristischer Einheiten in den Armeen der meisten europäischen Länder“[54] ausmachen, die durch den verstärkten Einsatz von motorisierten Truppen, bzw. der Luftwaffe überflüssig wurden.

Bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki waren schließlich erstmals Frauen in der Dressur startberechtigt, die sich allerdings schon in den 20er Jahren in sog. Amazonen-Wettbewerben außerhalb der Olympischen Spiele untereinander messen konnten.[55] Im Dressursport nahmen sie auch sofort die Führungsposition ein, und halten diese bis heute. Der Springsport ist dagegen weiterhin, bis auf wenige Ausnahmen, eine Männerdomäne geblieben. Inwieweit das auf die, den jeweiligen Geschlechterrollen mehr oder weniger zugesprochene, Risikobereitschaft zurückzuführen ist, kann nur vermutet werden – der Springsport ist wesentlich gefährlicher und belastender für den menschlichen Körper – dagegen erfordert der Dressursport besonderes Einfühlvermögen, Geduld und Sensibilität.

Die Pferde waren besonders am Anfang des Turniersports ausgesprochen vielseitig – als Kavalleriepferd mussten sie im Dressurviereck ruhig und gehorsam sein, aber auch mutig und gewandt genug für Sprünge aller Art. Mit der Auflösung der Kavallerie begann eine immer stärkere Spezialisierung der Pferde, und so konnten auch, besonders im Springsport, die Anforderungen erhöht werden. Höhere, schwierigere Sprünge und anspruchsvollere Wege zwischen den Sprüngen erforderten aber auch wiederum Spezialisten im und unterm Sattel, die sich nur durch gezieltes, langes und aufwändiges Training auf derartige Prüfungen vorbereiten können. Und so entstand mit der Zeit ein kompliziertes Geflecht von Geldgebern, Pferdebesitzern und Berufsreitern, die durch professionelles Training und regelmäßiger Turnierteilnahme auf die ausgeschriebenen Preisgelder hoffen und sich damit ihr Leben finanzieren – doch dazu später mehr – vorerst eine Zusammenfassung über den Weg des Reitens bis heute.

2.6 Zusammenfassung

Von der Zähmung und Domestikation der ersten Pferde durch Menschenhand durchlief diese Beziehung immer wieder verschiedene Stadien. Je nach Gebiet und Verbreitung der Pferde gab es unterschiedliche Nutzungsformen, sei es als Fleischlieferant, Zugtier oder schließlich auch als Reittier. Die Nutzung im Kampf hatte wohl die größte Bedeutung, wie Alexander Rüstow treffend beschreibt:

[...]


[1] Vgl. Meyer, Heinz: Mensch und Pferd. Zur Kultursoziologie einer Mensch-Tier-Assoziation. Hildesheim 1975. S. 2.

[2] Ausführliche Informationen über das Pferd als Jagdtier in: Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S. 13ff.

[3] Otte, Michaela: Geschichte des Reitens von der Antike bis zur Neuzeit. Herausgegeben von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e.V. (FN) – Abteilung Ausbildung. Warendorf 1994. S.14.

[4] Otte, Michaela: Wie Anm. 3. S. 13.

[5] Zitiert nach Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S.19.

[6] Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S. 33.

[7] Vgl. Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 14.

[8] Vgl. Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S. 33 und Basche, Arnim: Geschichte des Pferdes. Unter Mitarbeit von Hans-D. Dossenbach, Heinz Meyer und Werner Schockemöhle. 2. Auflage Würzburg 1991. S. 36.

[9] Bei der Stangenschleife handelt es sich um zwei lange Holzstangen, jeweils links und rechts des Pferdes verliefen und im Brustbereich mit Stricken am Pferd befestigt wurden. Die Stangenenden schleiften dabei am Boden auf und zwischen Boden und den Hinterbeinen des Pferdes wurde an den Stangen eine Ladefläche aus Fell oder Tuch befestigt, worauf das Transportgut gelegt wurde und so vom Pferd gezogen werden konnte.

[10] Vgl. Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 66

[11] Kummet: Hierbei handelt es sich um ein mit Leder gepolstertes Holzgeschirr, welches um den Hals des Pferdes gelegt wird und die Kraft des Zugwagens auf die Schultern überträgt.

[12] Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S. 40.

[13] Vgl. Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 14.

[14] Heinz Meyer weist in diesem Zusammenhang auf die zunächst für Rinder entwickelte Geschirrarten, die der Mensch nach der Domestikation des Pferdes auf diese übertrug. Vgl. hierzu Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S. 34/37.

[15] Vgl. Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S. 39.

[16] Vgl. hierzu Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S. 41 und Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 70.

[17] Mehr hierzu in: Meyer, Heinz: Wie Anm. 1. S. 41ff.

[18] Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 83.

[19] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 20.

[20] Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 95.

[21] Vor der Erfindung des leichten Bogens, den man auch auf dem Pferderücken und in der Bewegung benutzen konnte, waren sog. Standbogen verbreitet, die vor den Bogenschützen auf den Boden gestellt wurden und wegen der eingeschränkten Flexibilität des Schützen hauptsächlich als Fernwaffe bzw. in der Verteidigung eingesetzt wurden.

[22] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 20-21.

[23] Mehr zu den unterschiedlichen Zäumungen, Sätteln und Reitstile in 95-105 in: Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 95-105 und in:

[24] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 26.

[25] Nach Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 27.

[26] Wie modern die Auffassung Xenophons waren, zeigen die heutigen „Ethischen Grundsätze des Pferdefreundes“: §3 „Der physischen wie psychischen Gesundheit des Pferdes ist unabhängig von seiner Nutzung oberste Bedeutung einzuräumen“ und §8 „[...] Die Beeinflussung des Leistungsvermögens durch medikamentöse sowie nicht pferdegerechte Einwirkung des Menschen ist abzulehnen und muß geahndet werden.“ Die kompletten „Ethischen Grundsätze“ sind nachzulesen in: Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (Hg.): Richtlinien für Reiten und Fahren. Band 1. Grundausbildung für Reiter und Pferd. Warendorf 1994. S. 4.

[27] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S.28.

[28] Basche weist im Zusammenhang mit dem Einsatz des Pferdes vor dem Streitwagen auf die ästhetisierende Seite der Darstellungen (z.B. am Griechischen Parthenonfries) hin. In: Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 69. Möglicherweise kann man diese Darstellungsweise auch auf die Reiterdarstellungen übertragen, wodurch der Blick auf die historische Realität getrübt wird.

[29] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 46.

[30] Vgl. hierzu Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 47.

[31] Nach Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 50.

[32] Vgl. Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 52.

[33] Nach Trench, Charles Chevenix: Geschichte der Reitkunst. München 1970. S. 102f.

[34] Mehr zu den Methoden der genannten Ausbilder in: Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 67ff.

[35] Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 116.

[36] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 78.

[37] Vgl. Ebd.

[38] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 79.

[39] De La Guérinière zitiert nach Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 79.

[40] Genauere Geschichte der Spanischen Hofreitschule in Wien in: Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 452.

[41] Mehr hierzu in: Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 84.

[42] Durch Einkreuzung von leichteren Pferden entstand aus den schweren Kaltblutrassen ein neuer Pferdetyp – das Warmblut. Dieses sollte sowohl das ruhige, gelassene Gemüt des Kaltblüters als auch die Wendigkeit und Leistungsfähigkeit der leichten Pferde in sich tragen. Heute gehört besonders das deutsche Warmblut zu der wichtigsten Sportpferderasse. Vgl. Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 458ff.

[43] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 91.

[44] Nach Ebd.

[45] Mehr hierzu in Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 98.

[46] Vgl. hierzu: Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 202-206.

[47] Mehr hierzu in: Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 118ff. und Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 149ff.

[48] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 111-112.

[49] Mehr hierzu in: Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 145.

[50] Vgl. Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 129.

[51] Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 125.

[52] Zitiert nach Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 125.

[53] Nach Ebd.

[54] Basche, Arnim: Wie Anm. 8. S. 262.

[55] Mehr hierzu in: Otte, Michaela: Wie Anm. 2. S. 188.

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Pferd und Mensch. Zur Gegenwart eines Verhältnisses
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
104
Katalognummer
V68366
ISBN (eBook)
9783638594493
ISBN (Buch)
9783668147959
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pferd, Mensch, Gegenwart, Verhältnisses
Arbeit zitieren
Kim Thiel (Autor), 2004, Pferd und Mensch. Zur Gegenwart eines Verhältnisses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68366

Kommentare

  • Dorothea Sutor am 17.10.2012

    Hochinteressantes Thema! Ich überlege, meine Bachelorarbeit zu einem ähnlichen Thema zu schreiben...
    Was waren denn die Kritikpunkte, dass es keine 1,0 gegeben hat, wenn ich fragen darf?!

  • Kim Rollig am 19.10.2012

    ich muss ehrlich zugeben, ich hatte damals die Kritikpunkte nicht hinterfragt ;-) ich habe die Note so hingenommen. Heute würde ich das eine oder andere etwas anders schreiben bzw. herausarbeiten.

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