Hooligans: Fußballfans, missverstandene Jugendliche, Gewalttäter?


Diplomarbeit, 2006
95 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Der Hooliganismus und seine Entstehung
1.1 Vom Zuschauer zum Hooligan: die Entwicklung eines Phänomens bei Sportveranstaltungen
1.1.1 Fußball und seine Fans – die Geschichte einer „gewaltigen“ Zweierbeziehung
1.1.2 Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Hooligans“
1.1.3 „Die Geburt der Hooligans“
1.2 Stadionbesucher heute
1.2.1 Gängige Klassifikationen
1.2.2 „Normalos“
1.2.3 „Kutten“
1.2.4 „Ultras“
1.2.5 „Hools“
1.3 Zusammensetzung und Strukturierung von Hooliganmobs
1.3.1 Gruppengröße und –struktur
1.3.2 Hierarchisierung
1.4 Das äußere Erscheinungsbild der Hooligans
1.4.1 Kleidungsstil
1.4.2 Visualisierungen
1.5 Werte- und Normenstruktur des Hooliganismus
1.5.1 Der Verein – Identifikationsinstrument oder Mittel zum Zweck?
1.5.2 Gruppennormen und ihre Auswirkungen
1.6 Hooligangewalt
1.6.1 Ausformung der Gewalt
1.6.2 Bedeutung und Funktion der Gewalt
1.6.3 Die Funktionalität der Provokation
1.7 Ausgewählte Verhaltens- und Mentalitätsmuster
1.7.1 Alkohol- und Drogenkonsum bei Hooligans
1.7.2 Hooligans und politische Orientierungen
1.7.3 Die Bedeutung von Frauen im Hooliganismus
1.7.4 Ostdeutscher Hooliganismus

2. Hooliganismus – ein Jugendproblem?
2.1. Lebensbedingungen Jugendlicher und Gewalthandeln
2.1.1 Bedingungen der Jugendphase
2.1.2 Jugend im Zeitalter der Individualisierung
2.1.3 Hools – die „entwertete“ Jugend?
2.1.4 Hooligangewalt – die „misslungene“ Zivilisation?
2.1.5 „Hegemoniale Männlichkeit“ als Element des Hooliganismus
2.2. Jugendsubkulturen – Gruppendynamik und Identität
2.2.1. Theorie der Subkultur
2.2.2. Jugend und Subkultur
2.2.3. Hooliganismus – eine Jugend(sub)kultur?
2.2.4. Hooligangewalt – jugend(sub)kulturelle Gewalt?

3. Fußballfans und Kriminalisierung
3.1 Die Rolle der Medien
3.1.1 Darstellung von Fußballfans und Fangewalt in den Medien
3.1.2 Auswirkungen der Medienberichterstattung auf Fangewalt
3.2 Die Rolle der Polizei
3.2.1 Die Wechselwirkung von ordnungspolitischen Maßnahmen und Fangewalt
3.2.2 Kriminalisierung durch polizeiliches Eingreifen
3.3 Die Rolle von Vereinen und Verbänden
3.4 Von der besonderen Illegitimität jugendlicher Gewalt

4. Hooligans: Fußballfans, missverstandene Jugendliche, Gewalttäter?

5. Literatur

Einleitung

„Geil auf Gewalt“, der Titel des gleichnamigen Buches von Bill Buford, ist Programm. Zumindest für die allzeit bereiten jugendlichen Gewalttäter, die seit den 90er Jahren im Umfeld von Fußballspielen Einkaufpassagen zerstören, unschuldige Passanten halbtot prügeln, sich Straßenkriege mit Polizisten liefern, Fußballstadien und öffentliche Plätze gleichermaßen zu Schlachtfeldern mutieren lassen, ihre rechtsextreme Gesinnung frei ausleben, an Fußball nicht interessiert sind und sich deshalb Hooligans nennen. Die Liste derartiger (Vor-)Urteile ließe sich seitenfüllend verlängern, brächte letztlich aber nur eines zum Ausdruck: die weit verbreitete Vorstellung der deutschen Medien und Bevölkerung von einer „Kultur“, deren Herkunft vielen ebenso verborgen bleibt, wie Intentionen und (Hinter-)Gründe.

Das Thema der Diplomarbeit orientiert sich an diesem „Gewalttäterpostulat“, an der Frage, ob es sich bei Hooligans um Fußballfans, missverstandene Jugendliche oder Gewalttäter handelt. Ausgehend von der Idee, dass es nicht festlegbar ist, was das Abstraktum „Gewalttäter“ ausmacht und dass es so etwas wie den, universell und seine gesamte Persönlichkeit umfassenden „Gewalttäter“ nicht gibt, geht die vorliegende Diplomarbeit den Ursachenbeziehungen des Hooliganismus nach, die Hooligans und jugendliche Fußballfans dennoch als Gewalttäter erscheinen lassen. Tatsächlich zeigt sich, dass der Hooliganismus kein Phänomen der 90er Jahre darstellt. Gewalttätige Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Fußballspielen sind im Gegenteil so alt wie der moderne Fußball selbst. Der erste Teil der Diplomarbeit beschäftigt sich mit dieser Entstehungsgeschichte des Fußballs und stellt Verknüpfungen zwischen dem Fußball und dem Auftreten von Ausschreitungen bzw. der Genese des Hooliganismus dar. Eine phänomenologische Beschreibung der Kultur des Hooliganismus verdeutlicht erste Gewaltzusammenhänge. Diese werden im zweiten Teil vertieft und auf die Frage bezogen, inwieweit es sich bei den Anhängern des Hooliganismus um „missverstandene Jugendliche“ handelt. Anhand einiger Theorien werden hierzu die Lebensbedingungen Jugendlicher auf Ursachen für das gewalttätige Verhalten jugendlicher Fußballfans und Hooligans untersucht. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit der Rezeptionsebene der Gesellschaft. Über die Wechselwirkung aus Fan- bzw. Hooliganverhalten mit Maßnahmen der Polizei bzw. der Darstellung durch Massenmedien und der Aufnahme dieses Bildes durch die Öffentlichkeit wird das Bild vom „Gewalttäter“ Hooligan einer Prüfung unterzogen. Zusätzlich werden Wechselwirkungen zwischen Kontrollinstanzen, den Medien und gewalttätigem Verhalten jugendlicher Fußballfans und Hooligans näher beleuchtet.

1. Der Hooliganismus und seine Entstehung

„Hooliganismus“ – wo immer dieser Begriff in der Öffentlichkeit auftaucht, ist man sich über eines einig: „So etwas gab es früher noch nicht!“. Die heute als Hooliganismus bekannten Auseinandersetzungen, zwischen Zuschauergruppen im zeitlichen und örtlichen Rahmen von Fußballspielen, gelten als Phänomen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Passend zum konstatierten Werteverfall bei Jugendlichen in Zeiten der Postmoderne[1], handelt es sich bei der Anhängerschaft zumeist um junge Menschen. Die Argumentationslinie zwischen der heutigen Jugend ohne Werte und dem Auftreten von Hooligans bei Fußballspielen scheint perfekt. Dennoch sollte man sich vor zu voreiligen Schlüssen hüten.

Das folgende Kapitel wird zeigen, dass Gewalthandlungen im Zusammenhang von Fußballspielen keine Erscheinungsform des 20. Jahrhunderts sind. Vielmehr handelt es sich bei der Wechselwirkung von Fußball und Gewalt um eine Art Zweierbeziehung, die bis zu den Anfängen des Fußballspiels zurückreicht. Sie unterliegt in der Geschichte des Spiels enormen Wandlungen, wodurch der Fußball und seine Entstehungsgeschichte ihren Teil zur Entstehung des Hooliganismus beitragen. Sie liefern nicht nur das Medium, sondern auch Faktoren, warum Jugendliche auf aggressives Verhalten zurückgreifen.

1.1 Vom Zuschauer zum Hooligan: die Entwicklung eines Phänomens bei Sportveranstaltungen

1.1.1 Fußball und seine Fans – die Geschichte einer „gewaltigen“ Zweierbeziehung

Die Entstehung des Fußballs – vom Spieler zum Fan

„Am Anfang war nur der Ball. Als das runde Leder rollen lernte, gab es auf den Zuschauerrängen keine bengalischen Feuer, keine Fahnenschwenker, keine Trommler, keine Vereinshymnen und keine Hassgesänge. Es gab überhaupt keine Fans, nicht einmal Zuschauerränge“ (Schulze-Marmeling 1995: 11). Der Ausgangspunkt des heutigen Volkssports Fußball – damals noch eher dem heutigen Rugby ähnlich, bei dem auch die Hände eingesetzt werden dürfen – ist im heute als „Mutterland des Fußballs“ bekannten England zu suchen. Die ersten überlieferten Fußballspiele auf englischem Boden sind auf das zehnte Jahrhundert datiert. Der Fußball gilt in der Agrargesellschaft der damaligen Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes, zunächst als Massenveranstaltung, an der sich ganze Stadtviertel oder auch Dorfgemeinschaften beteiligen. Normen, im Sinne eines Regelwerks, existieren nicht. Die Spielzeit wird lediglich durch den Sonnenuntergang begrenzt, die Teilnehmerzahl überhaupt nicht und das Spielfeld kann z.B. den Raum zwischen zwei Stadttoren oder zwei Dörfern einnehmen. Diesen Eigenheiten des damaligen Fußballspiels kann man entnehmen, dass Zuschauer im Verständnis von passiv Beteiligten noch nicht existieren – und schon gar keine Fans. Trotzdem, oder gerade deswegen, sind Gewalttätigkeiten der involvierten Gruppen an der Tagesordnung. Es handelt sich mehr um einen spielerisch ausgetragenen Kampf, als um ein kampfbetontes Spiel, in dem jeder Beteiligte unter Einsatz seiner kompletten körperlichen Kräfte für seine „Mannschaft“ kämpft. „Die Betonung [der fußballerischen Auseinandersetzung, AdV (= Anmerkung des Verfassers)] lag unmissverständlich auf Kraft und Gewalt, nicht auf Geschicklichkeit“ (Schulze-Marmeling 1992: 15).

Daran ändert sich auch bis zum Ende des Mittelalters nichts. Die Fußball spielenden Menschenmengen sind bei der Obrigkeit gefürchtet, weshalb das Spiel 1314 in London verboten wird (vgl. Schulze-Marmeling 1992: 16). Spiele finden fortan fast ausschließlich in sogenannten „public schools“ oder an Universitäten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, statt (vgl. Hüther 1994: 7). Im Zuge schulinterner Reformen ändert sich dort das Fußballspiel. In der „public school“ von Rugby kommt es 1845 zur Genese erster Regeln, wodurch letztlich die Trennung zwischen aktiven Spielern und passiven Zuschauern möglich wird. Das Publikum rekrutiert sich bei den entstehenden Fußballvereinen des 19. Jahrhunderts aus den nicht spielenden Mitgliedern der Vereine (vgl. Schulze-Marmeling 1995: 11). Ihre Stellung im Gefüge des Fußballs ist von dem heutiger Fans jedoch noch weit entfernt, da „zwar Spieler und Zuschauer nicht mehr identisch [waren, AdV], wohl aber noch die Zuschauer und der Verein. Die Zuschauer übten auf die Vereinspolitik einen starken Einfluss aus“ (Schulze-Marmeling 1995: 11). Damit sind sie einerseits passive Konsumenten, andererseits aber auch noch aktive Beteiligte im System Fußball. Dies ändert sich mit dem Aufstieg des Fußballs zum Massenphänomen.

Das Regelwerk – die Abschaffung von Gewalt im Fußball?

Durch die Einführung von verbindlichen Regeln wird das Fußballspiel zivilisiert und für die Eroberung durch die breite Masse salonfähig gemacht. „Das Spiel wurde seiner allzu brutalen Züge entledigt, und anstelle eines realen Kampfes trat ein ‚Scheinkampf’, ein Wettkampf auf höherem Zivilisationsniveau“(Schulze-Marmeling 1992: 19). Man darf die Beschränkung der erlaubten Einsatzmöglichkeiten jedoch nicht fälschlicherweise mit einer Verbannung der Gewalt aus dem Fußball gleichsetzen. Vielmehr setzt ein Unterscheidungsmechanismus zwischen legitimer und illegitimer Gewalt ein, der sich auch auf das Fanverhalten auswirkt. Der Fußball unterliegt einer „Zivilisierung“[2] im Eliasschen Sinne (vgl. Elias 1997, Elias/Dunning 2003), d.h. er wird durch Regeln, deren Kontrolle und die Sanktionierung von Regelverstößen „entschärft“.

Legitime Gewalt, d.h. regelkonforme Härte, Kampf und körperlicher Einsatz gehören bis heute zu den Grundkomponenten des Fußballs. Bausenwein (2006: 126) konstatiert: „Fußball ist ein Kampfspiel zwischen zwei Mannschaften aus je elf Spielern.“ Dementsprechende Tugenden werden nicht nur stillschweigend akzeptiert, sondern häufig, nicht zuletzt von Vereins- und auch Zuschauerseite, lautstark gefordert. Illegitime Gewalt wird durch das Regelwerk eingeschränkt, sanktioniert und kontrolliert. Von der Festlegung erster Regeln, bis zum heutigen Zeitpunkt, unterliegt das Regelwerk selbst einer ständigen Veränderung, um sich der Entwicklung des Fußballspiels – z.B. das Aussprechen einer Verwarnung für das „Trikotziehen“ – anzupassen. Nichts desto trotz: „Zweikämpfe (…) gehören zur Faszination des Spiels und haben etwas Mitreißendes“ (2006: 126). Doch auch sie verändern sich. Taktische Fouls und die oft zitierte „Schauspielerei“ laufen der vormals harten, aber ehrlichen Spielweise den Rang ab. Bausenwein (2006: 135) folgert: „Zweifelsohne ist nach wie vor ein Grundgehalt von Gewalt mit im Spiel, doch über weite Strecken spielt sie nur noch zum Schein eine Rolle.“ Unabhängig davon, ob es sich um legitime oder illegitime Gewalt handelt muss man ihr eine Besonderheit unterstellen. Da sie nicht der Herstellung eines Macht- oder Herrschaftsver-hältnisses dient, kann sie nicht als Gewalt im herkömmlichen Sinne bezeichnet werden. Die bei Fußballspielen an den Tag gelegte körperliche Härte, wird von den Beteiligten häufig nicht als Gewalt, wie sie z.B. in einem Raubüberfall zum tragen kommt, angesehen. Durch die Zivilisierung des Spiels zählt körperliche Härte zum legitimen, von Vereinen, Spielern und Zuschauern anerkannten, Repertoire eines Fußballspiels.

Die zur Schau getragene Gewalt der Spieler wird von den Zuschauern, vor allem von den treuen Vereinsanhängern, antizipiert. „Das Fiebern angesichts einer nicht immer nur latenten Gewalttätigkeit, das Erschauern, wenn der Verteidiger dem Stürmer kraftvoll in die Parade fährt, der vieltausendkehlige Schrei nach Rache, wenn der zarte Spielmacher des eigenen Teams unfair von den Beinen geholt wurde, der mit unbändiger Wut quittierte Fehlpfiff des Schiedsrichters – von all dem sind auch die Gemüter ansonsten gesitteter Durchschnittszuschauer nicht frei“ (Bausenwein 2006: 392). Dafür spricht eine Untersuchung von Pilz (1982b: 63 f., 1994: 316), wonach er eine deutlich erhöhte Aggressionsbereitschaft bei Fans nach dem Erlebnis eines Fußballspiels feststellt, vor allem, wenn es sich um ein sehr emotional und hart umkämpftes Spiel handelt.

Beachtenswert für Zuschauergewalt bleibt die Tatsache, dass auch Verletzungen des Regelwerks hingenommen und sogar von Zuschauern erwartet werden. Den Erfolgsgedanken im Hinterkopf werden bewusste Missachtungen des Regelwerks als notwendig erachtet und von Fans gefordert. Die aufgebaute Aggression verstärkt sich, wenn Sportler der Erwartung eines Gewalteinsatzes um des Erfolges Willen nachkommen (vgl. Pilz 1994: 316). Als problematisch sieht Pilz (1988a: 162 ff.) die gestiegene Toleranz gegenüber bewussten Regelverletzungen in den Medien an. Sie bestärken die Auffassung, dass der Erfolgswille Regelüberschreitungen rechtfertigt. Unabhängig vom vorhandenen Maß an Aggressivität bei Zuschauern und dem konstatierten Anstieg bei Betrachtung eines Fußballspiels erklärt dieser Zusammenhang noch nicht, wann und warum Zuschauer dazu übergehen diese auszuleben und in gewalttätiges Verhalten umzusetzen.

Fußball als Massenphänomen und die Rolle der Zuschauer

Zum Volkssport Nummer eins wird Fußball durch die, zunächst in England, schließlich auch in Deutschland einsetzende Industrialisierung. Neben der Entstehung von Werksmannschaften erhöht sich die Freizeit der Arbeiter. Zusätzlich ist Fußball ein für die breiten Massen erschwinglicher Sport – man benötigt keine teure Ausrüstung (vgl. Schulze-Marmeling 1995: 12 f.). Fußball entsteht maßgeblich als Sport der Arbeiterschaft. Bereits für diesen Entstehungszeitraum, d.h. von 1895 bis 1915, errechnet Dunning (1988: 46 f.) über 250 Zuschauerkrawalle. Diese haben jedoch mit dem Spiel, bzw. der Unzufriedenheit über den Verlauf selbst, zu tun. Es handelt sich um Entladungen von aufgestauten Emotionen und Aggressionen, nicht um gezielte oder geplante Übergriffe. In Ermangelung der Anzahl von Zuschauern der Gastmannschaften richten sie sich gegen die Gastteams und den Schiedsrichter (vgl. Bausenwein 1995: 318). Die ersten nachweisbaren Zuschauerausschreitungen bei Fußballspielen in Deutschland sind auf das Jahr 1920 datiert (vgl. Ek 1996: 63).

Mit dem Aufstieg des Fußballs zum Massenphänomen kommt eine weitere Entwicklung in Gang, die Kommerzialisierung. Erste finanzielle Zusammenhänge entwickeln sich bereits vor der Popularisierung des Fußballs. Wirte stellen den Mannschaften Umkleidekabinen zur Verfügung und Unternehmer im Gastgewerbe gründen eigene Clubs, da sie die Umsatzmöglichkeiten des Fußballs erkennen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sorgen Fußballbilder in Zigarettenschachteln, Fußballzeitschriften und vor allem Sportwetten für die Verbreitung des Fußballs über die Stadiontore hinaus (vgl. Schulze-Marmeling 1992: 41 ff.).

Mit der Kommerzialisierung geht der Fußball eine Zweckehe mit dem Erfolgsprinzip ein. Rein ökonomische Regeln des Kommerzes erhöhen den Druck auf Vereine und Spieler Erfolg zu „produzieren“. Ihn im Auge wird unfaire Spielweise, die sich in gewalttätigem Verhalten der Sportler und einer Forderung eben derselben durch Funktionäre und Fans niederschlägt, zu einem entscheidenden Kriterium im Sport. Derlei „Sportsgeist“ schlägt sich aggressionsauslösend auf das Verhalten der Fans nieder. Einerseits schaukeln sich aggressive Erwartungen und die Erfüllung durch Spieler gegenseitig auf. Andererseits vermitteln sie ein zweckgerichtetes Kalkül, das aggressiv-gewalttätiges Verhalten als zweckdienlich schildert. Sowohl spontane Zuschaueraggressionen, als auch dauerhaft gewalttätige Dispositionen von Fans und Hooligans repräsentieren eine entsprechende Rezeption des „gewinnen um jeden Preis“, das sich im Fußball etabliert (vgl. Pilz 1994: 328 ff.).

Die Kommerzialisierung des Fußballs stellt für Fußballfans auch in anderer Hinsicht Segen und Fluch in einem dar. „Je mehr Fans durch die Stadiontore strömten, desto weniger Einfluss übten diese auf die Vereinspolitik aus. Dies klingt zunächst paradox. Aber die Masse der Fans hatte mit dem unmittelbaren Vereinsleben nichts zu tun“ (Schulze-Marmeling 1995: 12). Mit dem Massenzustrom der Fans – 1903 verfolgen 1200 Zuschauer das Endspiel um die deutsche Meisterschaft, 1920 bereits 35000 und 1922 58000 (vgl. Schulze-Marmeling 1992: 41) - setzt ein Mechanismus der „Entfremdung“ ein, der sich bis heute fortgesetzt hat und auch im Hooliganismus widerspiegelt (vgl. Heitmeyer/Peter 1988).

Der Fußball wird durch seine Kommerzialisierung „verbürgerlicht“, d.h. über die Schranken der Arbeiterschaft hinaus salonfähig. Einher mit dieser „Verwirtschaftlichung“ des Fußballs geht eine Professionalisierung, verbunden mit der Entstehung eines Transfermarkts, die Spieler zunehmend von ihrem Herkunftsmilieu, der Arbeiterschaft, löst. Vereine und deren Spieler, die ursprünglich die Repräsentanten der „Subkultur der Arbeiterschaft“ und deren Werte verkörpern, sind in schwindendem Maß an ihre „Eigner“ gebunden. Vereine werden zunehmend von wirtschaftlichen „Zwängen“ gesteuert und Spieler entstammen nicht länger der regionalen Arbeiterschaft, noch bieten sie ihr Identifikationsmöglichkeiten (vgl. Taylor 1975: 245 ff.). Die sinkende Identifikation und die Degradierung der Fans zu bloßen zahlenden Konsumenten schaffen ein Vakuum, das durch Belanglosigkeit und Kontrollverlust gekennzeichnet ist. Fans geraten unter Zugzwang, ihre Funktion als „Eigner“ der Fußballclubs, die sie und ihre Werte repräsentieren sollen, zu wahren. Aktive Zugehörigkeitsbekundungen werden jedoch als Randale gekennzeichnet und Fans ihrem Status als „wahre Fans“ zu Gunsten des passiv konsumierenden Bürgertums enthoben. „Kämpfen – Gewalttätigkeit in allgemeiner Bedeutung – und ‚Vandalismus’ werden hier als letzte Behauptung traditioneller Werte gesehen – als demokratische Antwort des ‚Kerns’ einer Fußballstruktur auf die Verbürgerlichung ihres Spiels“ (Taylor 1975: 262).

Als „Meilenstein“ in Bezug auf die Kommerzialisierung des Fußballs und die Weiterentwicklung von Fanaggressionen muss die Weiterentwicklung des Transportwesens, durch die sich rasch ausbreitenden Bahnlinien angesehen werden. Die entstehende Möglichkeit, seinem Verein auch zu Auswärtsspielen zu folgen, begründet erst das Aufeinandertreffen der gegnerischen Fangruppen (vgl. Schulze-Marmeling 1995: 13). Die negative Folge: „Seit sich die Mobilität erhöht hatte und Jugendliche regelmäßig zu den Auswärtsspielen ihrer Klubs fahren konnten, traten Fankämpfe immer häufiger auf“ (Bausenwein 1995: 319). Mit der Mobilität der Fußballfans setzt eine erste Veränderung von Aggressionen und Ausschreitungen der Fans ein, sie wird zum Multiplikator von Gewalt. Gegnerische Fans, mit denen die Chance einer Auseinandersetzung schon alleine zahlenmäßig ungleich höher ist, als mit Spielern oder dem Schiedsrichter, werden zu Adressaten von Auseinandersetzungen. Die Tür zu einer weiteren Dimension von Zuschauergewalt wird aufgestoßen. Das Aufeinandertreffen der Fans birgt die Möglichkeit in sich, Rivalitäten bis hin zu Feindschaften einzelner Fangruppen aufzubauen. Aggression kann sich damit – die späteren Ausführungen zum Hooliganismus werden dies zeigen – vom Spielgeschehen losgelöst entfalten.

Das Stadion und die Zuschauer

Dem Verhältnis zwischen den Fans und dem Stadion wohnt eine besondere, von Anfang an komplizierte, Beziehung inne. Zum einen stellt das Fußballstadion das Territorium der Fans dar. Es „ist ein spezieller Ort der Enthemmungen (…) [in dem, AdV] ein kollektiver emotionaler Ausstieg [stattfindet, AdV], bei dem Rollenzwänge und Verhaltensmaßregeln (…) aufgebrochen, ja abgelegt werden können“ (Bausenwein 2006: 18 f.). Tatsächlich fördert die zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasant gestiegene Begeisterung am Fußball, die Entstehung von Zuschauerrängen bzw. Fußballstadien. Zum anderen sind Fußballstadien Gegenstände marktwirtschaftlicher Interessen. „Die ersten baulichen Maßnahmen galten in Deutschland in der Regel nicht der Verbesserung des Komforts, sondern dem Kassieren von Eintrittsgeldern“ (Schulze-Marmeling 1995: 13).

In der Anfangszeit der „Fußballstadien“ bestehen die Gegengeraden noch aus simplen Stehbereichen ohne Dach und auch die Kurven hinter den Toren sind aufgehäufte Sandwälle, die von der Arbeiterschaft – der großen Masse der Zuschauer – genutzt werden. Sitzplätze sind rar und besonderem Publikum, z.B. den Vereinsfunktionären, vorbehalten. Die ökonomischen Unterschiede finden ihren räumlichen Ausdruck und führen zur Entstehung der (Fan-)Kurven (vgl. Dunning 1988: 185 f., Schulze-Marmeling 1995: 13 f.). Sie werden zumeist von jungen Anhängern besetzt und avancieren, durch eine sich entwickelnde „Kurven-Kultur“ (Schulze-Marmeling 1995: 14) der Anfeuerung des eigenen Vereins, zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil im System Fußballstadion.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts setzt eine bis heute fortschreitende „Versitzplatzung“ ein, die von offizieller Seite mit Sicherheitsaspekten gerechtfertigt wird. Effektiv bedeutet die Versitzplatzung allerdings eine Verdrängung der billigeren Stehplätze und des entsprechenden Klientels der Arbeiterschicht zu Gunsten eines zahlungskräftigeren und vor allem leichter zu kontrollierenden Publikums. „Sitzplatzstadien sollen angeblich weniger anfällig für Ausschreitungen sein. Diese Behauptung gibt nur einen Sinn, wenn man mit der Sitzschale auch ein anderes Publikum verbindet. Denn auf Sitzplätzen lässt sich genauso randalieren wie auf Stehplätzen. Und wenn die Randale losgeht, dann wird es auf Sitztribünen für Unbeteiligte ungleich gefährlicher als auf Stehterrassen, die wenigstens noch Fluchtmöglichkeiten bieten“ (Schulze-Marmeling 1992: 228 ff.).

„Versitzplatzung“ und Sicherheitsdiskussion halten bis heute an, verändern sich aber im Inhalt. War es früher der proletarische „Pöbel“, den man einzudämmen versuchte, sind es heute die treuen – daher häufig fanatischen – und vor allem die „erlebnisorientierten“[3] Fans. Im Zuge der Ausstaffierung mit Sitzplätzen zählen die verbliebenen Stehplatzblöcke zu den letzten „Reservaten“ der treuen Vereinsanhänger. Um dem erwünschten Sicherheitsaspekt nachzukommen unterliegen diese Bereiche einer enormen Kontrolle und Repression. Ein reges Bild liefert Armstrong (1998)[4] in einem Bericht über seine Erfahrungen im Stadion von Sheffield in den 1970er Jahren. Fußballfans, soweit sie sich nicht mit ihrer passiven Rolle abfinden wollen, unterliegen instrumenteller Gewalt durch Kontrollinstanzen. Sie werden vom Restpublikum isoliert und durch hohe Präsenz von Ordnungskräften und eine ausgedehnte Videoüberwachung zu konformem Verhalten, nach Auffassung der Funktionäre, gezwungen. Der eigentlich ihnen zugedachte Ort, das Fußballstadion und insbesondere die Fankurve, stehen längst nicht mehr zu ihrer freien Verfügung. Auf die Situation der Fußballfans, die sich eigentlich ihrem Verein zugehörig fühlen und ihn aktiv unterstützen wollen kann heute die Frage übertragen werden, die Schulze-Marmeling (1992) zu den baulichen Zuständen der Stehplatzbereiche stellt: „Selbstverständlich beeinflussen derartige Zustände auch das Verhalten von Fans. Wie kann man von Menschen, die ein Fußballspiel unter unwürdigen Bedingungen verfolgen müssen, ernsthaft verlangen, sich in würdiger Weise zu benehmen?“ (1992: 220).

Beeinflussung des Fanverhaltens kann in zweifacher Hinsicht angenommen werden. Einerseits erzeugen „Käfighaltung“ und universelle Repression Antipathien, die das Verhältnis zwischen Fans auf der einen und den Kontrollinstanzen bzw. dahinter stehenden Vereinen auf der anderen Seite negativ aufheizen. Es sollte also nicht verwundern, wenn Fans auf die ihnen begegnende instrumentelle Gewalt mit aggressivem Verhalten antworten. Andererseits spiegelt der Umgang von Vereinen und Kontrollinstanzen, gerade in Bezug auf die Stadiongestaltung, ein bestehendes Bild, nämlich das vom aggressiven, nur schwer zu kontrollierenden und zur Gewalt neigenden Fan, wider. Auch hier verwundert es nicht, wenn ein gewisser Anteil der entsprechend Behandelten die ihnen zugedachte Rolle, im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“[5] (Merton 1995: 401), annimmt und das eigene Verhaltensrepertoire danach ausrichtet (vgl. Dunning 1988: 10 f.). Eine entsprechende Wirkungskette sich selbst erfüllender Prophezeiungen entfaltet sich im Zuge von ordnungspolitisch und massenmedial angestoßenen „Labeling-Prozessen“[6] (vgl. Lamnek 2001).

Fanaggressionen in der „Sonderwelt“ Fußball

Das System Fußball begründet, nicht zuletzt durch die im Regelwerk festgelegte Trennung legitimer und illegitimer Gewalt, eine unter Umständen seltsam anmutende „Sonderweltlichkeit“. In ihr sind Körperverletzungen nicht nur an der Tagesordnung, sondern bleiben zumeist auch (strafrechtlich) ohne Folgen, während sie im Alltag zu Strafverfahren führen würden. Diese Sonderweltlichkeit wirkt sich auch auf die Zuschauer aus und dies nicht nur durch den oben erläuterten Zusammenhang zwischen Gewalt auf dem Rasen und der Aggressionsbereitschaft auf den Rängen. „Die Zuschauer-Parteien auf den Rängen, die mit ihrer Mannschaft bangen und hoffen, kämpfen im Geiste mit. ‚Unbedingte’ Fans kommen wie Krieger ins Stadion und wollen ihre Mannschaft zum Sieg treiben“ (Bausenwein 2006: 391).

Pilz (1982) spricht in seinem Buch „Sport und körperliche Gewalt“ von den Komponenten eines „Sensation-Seeking-Motives“ – „ein aktives, möglicherweise leistungsmotiviertes Auf-suchen von reizreichen Situationen, von Spannung, Abenteuer und Gefahr“ – bzw. eines „Leistungsmotives“. Fußballfans sehen sich als Teil der Sonderwelt Fußball und möchten zum Erfolg ihres Vereins beitragen. Auch wenn ihnen, als passive Konsumenten, objektiv die Hände gebunden sind, erleben sie doch, teilweise durch Reaktionen auf dem Platz bestätigt, „das subjektive Gefühl des aktiven Leisten-Könnens“ (Pilz 1982b: 69). Sieht man die Wechselwirkung aus Aggression auf und neben dem Platz in Zusammenhang mit der subjektiven Einschätzung der Fans, einen Beitrag zum Erfolg der Mannschaft leisten zu können, stehen diese unter einer Spannung, einer „ständigen Kampfbereitschaft“, für die kein entsprechendes Ventil geliefert wird. „Aktive Fanhandlungen (…) wirken auf den Beobachter meist aggressiv und sind doch oft nur die Überwindung eines Zustandes der Handlungsaktivierung, der in der traditionell konsumierenden Zuschauerrolle immer am Punkt der motorischen Handlungsauslösung abgebrochen werden muss – eine stressreiche Passivität“ (1982b: 69). Wie wir im Verlauf der Arbeit sehen werden, gehören gerade erlebnisorientierte Fans zu den, vom „Sensation-Seeking-Motiv“ betroffenen, Erlebnis, Spannung und Gefahr suchenden Zuschauern, für die derartige Diskrepanzen zwischen Handlungswunsch und Zurückhaltung gelten. Man muss davon ausgehen, dass es je nach persönlichen und/oder situativen Bedingungen dazu kommen kann, dass Fans – gerade erlebnisorientierte – ihre Passivität aufgeben und versuchen durch Aggressionen einen aktiven Beitrag zu leisten.

1.1.2 Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Hooligan“

Die Herkunft des Begriffs „Hooligan“ ist nicht unumstritten. Eine Version handelt von einer irischstämmigen Familie Namens „Houlihan“, deren Mitglieder durch ihre Leidenschaft für Alkohol und handgreifliche Auseinandersetzungen berüchtigt waren, eine zweite Version bezieht sich auf eine missverständliche Verwendung des Begriffs „Hooley’s gang“. Ungeachtet des Ursprungs findet der Begriff „Hooligan“ seine erste öffentliche Verwendung in einer englischen Tageszeitung im Jahr 1898 (vgl. Ek 1996: 31). Der Begriff Hooligan taucht ab 1900 auch in slawischsprachigen Ländern, z.B. in Russland auf. Fest steht die Bedeutung von „Hooligan“ zu dieser Zeit, als Bezeichnung „für Straßenkriminelle und für Männer, die durch starken Alkoholkonsum und rowdyhaftes Verhalten aufgefallen waren“ (Ek 1996: 31 bzw. Meier 2001: 9).

Im Lauf des folgenden Jahrhunderts kam es zur Veränderung und zur Spezifizierung des Begriffs. Ab den 1970er Jahren wurde „Hooligan“ in England und ab den 1980er Jahren in Deutschland – zuvor waren die Begriffe „Fußballrowdie“ und „Fußballrocker“ geläufig – in Zusammenhang mit Gewalt gegen Personen oder Sachen im Umfeld von Fußballspielen verwendet (Meier 2001: 9). Es handelt sich ab diesem Zeitpunkt um Personen, „die sich an gewalttätigen Ausschreitungen und Vandalismus anlässlich eines Fußballspieles beteiligen“ (Ek 1996: 31 f.).

1.1.3 „Die Geburt der Hooligans“

Im Lauf des 20. Jahrhunderts erlangt Fußball, als Sport der Massen und als mediales Vermarktungsinstrument, einen enormen Bedeutungsgewinn und wird, nicht nur in Deutschland, zum Volkssport Nummer eins. Fußball steht von Anfang an in einer prekären Zweierbeziehung mit Gewalt; anfänglich vor allem als Teil des Spiels, später als aggressive Reaktionen der passiv Beteiligten, die sich zunehmend von den Aktiven – Spieler und Schiedsrichter – auf die gegnerischen Fans verlagern (vgl. Dunning 1988: 6). Zuschauerkrawalle bilden seit der Entstehungszeit des heutigen Fußballs einen Teil der Maschinerie Fußball. „Die Gewalt war (…) nicht völlig abwesend, sie wurde jedoch in der Öffentlichkeit nicht als Problem wahrgenommen“ (Bausenwein 1995: 319). Bedingt durch das gesteigerte Interesse an Fußball rücken auch die sich um das Spielgeschehen ereignenden gewaltsamen Zusammenstöße von gegnerischen Fangruppen in den Blick der Öffentlichkeit: „der erste Vorfall, der eine große Presse bekommen hatte, war eine ‚Schlacht’ zwischen den katholischen Fans des F.C. Everton gegen die Protestanten der Glasgow Rangers (…) im Dezember 1963“ (1995: 315). Von da an stehen Zuschauerausschreitungen – gefördert durch massenmedial verbreitete Katastrophen à la Heysel[7] oder Hillsborough[8] – parallel zum Spiel im Interesse der Öffentlichkeit.

Einher mit diesem gezielten medialen Aufarbeiten von Krawallen, geht die Genese des Begriffs „Hooligan“ für die Verursacher bzw. Beteiligten. Bausenwein (1995: 320) konstatiert, „dass nicht die Zuschauergewalt, sondern die Art und Weise, wie sie stattfindet, neu ist.“ Ausschreitungen wandeln sich von emotionalen Reaktionen auf den Spielverlauf, hin zu gezielten und bewusst herbeigeführten Gewaltaktionen. Fans unterscheiden sich zwar schon seit längerer Zeit in ihrer Gewaltbereitschaft, jedoch wirkt das gemeinsame Interesse, die Unterstützung des eigenen Vereins, integrierend (vgl. Ek 1996: 70). Für einen Teil der Stadionbesucher werden Ausschreitungen zu einem integralen Bestandteil des Spieltags (vgl. Dunning 1988: 6). Die zunehmende Diskrepanz zwischen den Interessen der „Kurven-Fans“ am Stadionbesuch führt in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer Aufspaltung der Vereinsanhängerschaft in die gewaltbereiten Hooligans und die fußballzentrierten „Kutten“. „Diese gewaltbereiten Fans benutzten bald (…) einen selbstverliehenen Ehrentitel und bezeichneten sich (…) vermehrt als Hooligans“ (1996: 69 f.).

1.2 Stadionbesucher heute

Der Geschichtsabriss im vorangegangenen Kapitel 1.1.1 zeigt, dass der Fußball selbst und dadurch bedingt auch das Fußballpublikum eine stetige Veränderung miterlebt haben. Gewalt ist in diesem Entstehungs- und Entwicklungskontext stets präsent. Bei den frühen Fußballspielen handelt es sich noch um den sprichwörtlichen „Kampf um den Ball“. Mit der Genese des Regelwerks wird Fußball einerseits Zwar in Bezug auf Gewaltanwendung zivilisiert, andererseits wird die Legitimation bestimmter Gewaltformen aber etabliert. Zusätzlich fördern Regeln eine genaue Abgrenzung zwischen Akteuren und dem Publikum, wodurch sich Gewalt auch neben dem Spielfeld fortsetzt. Diese Zuschauergewalt ändert sich im Verlauf des Fußballs, von emotionalen Entladungen zu einer – bei einem Teil der Fans – schrittweise gezielteren Ausübung gegenüber gegnerischen Fans. Nicht nur die Beziehung zu Gewaltanwendung hat sich verändert, sondern auch das Vergnügen, das Fans aus einem Stadionbesuch ziehen. Während die einen lediglich an einem guten Spiel interessiert sind, ist für andere primär das positive Ergebnis für ihren Verein von Bedeutung.

Kriterien zur Einteilung heutiger Stadionbesucher orientieren sich dementsprechend am spezifischen Antrieb der Fans, einem Fußballspiel beizuwohnen und der Bedeutung, die sie dem Fußball beimessen. Mit anderen Worten stehen ihre subjektiven Motivationen für einen Stadionbesuch im Vordergrund heutiger Klassifikationen.

1.2.1 Gängige Klassifikationen

Je nach Betrachtungswinkel und Faktoren, die zur Unterscheidung herangezogen werden, ergeben sich diverse Klassifikationen für Stadionbesucher. Während ordnungspolitisch vor allem die Gewaltbereitschaft des jeweiligen Stadionbesuchers als Einteilungskriterium herangezogen wird, orientieren sich wissenschaftliche Klassifikationen zudem an der individuellen Motivation des Besuchers, einem Fußballspiel beizuwohnen.

Dementsprechend unterscheidet die Polizei als Kontrollinstanz zwischen Fußballfans der Kategorien A für „friedliche Fans“, B für „gewaltbereite/-geneigte Fans“ und C für „gewaltsuchende Fans“ (ZIS 2003/04: 2). Ebenfalls eine Dreigliederung stellt die Aufteilung in „konsumorientierte“, „fußballzentrierte“ und „erlebnisorientierte“ (Heitmeyer/Peter 1988: 56 ff. bzw. Kübert/Neumann 1994: 25 f.) Fußballfans dar. Sie sind mit den umgangssprachlichen und zumeist von Fans gebrauchten Begriffen „Normalos“ oder „Neckermänner“ (=konsumorientiert, friedlich), „Kutten“ (=fußballzentriert) und „Hools“ bzw. Hooligans (=erlebnisorientiert, gewaltsuchend) (Weigelt 2004:28ff.) gleichzusetzen. Als vierte Kategorie gesellen sich die „Ultras“ (=fußballzentriert) hinzu (vgl. Scheidle 2002). Sowohl Kutten, als auch Ultras, versammeln das Repertoire von friedlichen bis gewaltsuchenden Anhängern in ihren Reihen. Eine andere Einteilung findet sich bei Hüther (1994: 9), der zwischen vier Hauptgruppen von Zuschauern unterscheidet: den „distanziert-passiven“, den „engagiert-kontrollierten“, den „fanatisch-parteilichen“ und den „konfliktsuchend-aggressiven“ Zuschauern. Im Folgenden wird die von Heitmeyer/Peter bzw. Kübert/Neumann getroffene dreigliedrige Einteilung aufgegriffen, um „Normalos“, „Kutten“, „Ultras“ und „Hools“ als heutige Stadionbesucher näher zu klassifizieren.

1.2.2 „Normalos“

Die als „Normalos“ oder „Neckermänner“ bezeichneten konsumorientierten Fußballfans begeben sich nur gelegentlich – häufig bei besonderen Spielen, z.B. Derbys – ins Fußballstadion. Der Live-Besuch eines Fußballspiels ist für sie eine Freizeitaktivität neben vielen, ähnlich z.B. einem Kinobesuch (vgl. Heitmeyer/Peter 1988: 57 f.). Ihre spezifische Motivation ein Fußballspiel zu besuchen liegt im „Erleben von fußballsportlichen Spannungssituationen unter der Prämisse von Leistung“ (Kübert/Neumann 1994: 25). Dementsprechend identifizieren sie sich häufig nur wenig mit einem bestimmten Verein oder sind neutrale Beobachter, die dem besseren Team den Sieg wünschen. Der Vereinserfolg stellt für sie keine tiefergehende Sinnkategorie dar, da er nicht der Einordnung in ein spezifisches soziales Netzwerk von Gleichgesinnten dient. „Normalos“ gehören nur selten organisierten Fanclubs an (1994: 25 f.) und besuchen Fußballspiele mit wechselnden Begleitern, z.B. mit Arbeitskollegen oder Freunden. Als nicht gewaltbereites Publikum der polizeilichen Kategorie A lehnen sie die emotionsgeladene Vereinszentriertheit und Gewaltbereitschaft der „Kutten“ und „Hools“ ab. „Neckermänner“, denen sämtliche Altersgruppen von kleinen Kindern bis hin zum betagten Rentner angehören, belegen deshalb zumeist die Sitzplätze der Gegengeraden (vgl. Weigelt 2004: 28 ff.).

1.2.3 „Kutten“

Bei den als „Kutten“ bezeichneten fußballzentrierten Fans handelt es sich um treue Vereinsanhänger, die zumeist jedem Heimspiel – häufig in Verbindung mit einer Jahreskarte – und einer Vielzahl von Auswärtsspielen ihrer Mannschaft beiwohnen. Der Begriff „Kutte“ bezieht sich auf die, für diesen Fan typische Kleidung, bestehend aus einer mit Aufnähern besetzten, ärmellosen Jeansjacke (o.ä.) und einer Vielzahl anderer Vereinsutensilien, wie z.B. Trikots, Schals oder Fahnen. Als wesentlicher Bestandteil kommen Anti-Vereins-Aufnäher bzw. Schals gegen gegnerische bzw. verfeindete Mannschaften, hinzu (vgl. Weigelt 2004: 31). Auch für fußballzentrierte Fans steht „das Spannungserlebnis im Mittelpunkt, jedoch nicht unter Leistungsgesichtspunkten, sondern es ist vereinsorientiert“ (Kübert/Neumann 1994: 26). Der „Kutten-Fan“ identifiziert sich folglich zu 100% mit seinem Verein und ist diesem auch bei Misserfolgen treu. Das Verfolgen von Fußballspielen im Stadion stellt für ihn die Freizeitbeschäftigung dar und ist nicht durch andere Aktivitäten austauschbar (vgl. Heitmeyer/Peter 1988: 58 f.). Der fußballzentrierte Fan gehört zumeist organisierten Fanclubs, als Bezugsgruppe von Gleichgesinnten, an und bezieht Sinn und soziale Identität aus dem (Miss-) Erfolg seines Vereins – Fußball ist sein Leben (vgl. Kübert/Neumann 1994: 26). Aus diesem Antrieb heraus sorgt er in den Fanblocks der Stadien – seinem Territorium, bzw. dem seiner Bezugsgruppe – für das Anfeuern seiner Mannschaft (vgl. Weigelt 2004: 31). Unter den Kutten befinden sich Fußballfans der polizeilichen Kategorien A bis C, wobei der größte Teil den potenziell gewaltbereiten B-Fans zuzurechnen ist (vgl. Kirsch 2000: 89).

1.2.4 „Ultras“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Entstehung der Ultra-Szene ist in Italien zu suchen, wo erste Gruppierungen in den 60er und 70er Jahren entstehen. Sie verstehen sich als politische – zunächst vor allem linke – Aktivisten, die den Fußball nutzen, um sich Gehör zu verschaffen „gegen die fortschreitende soziale Ungerechtigkeit in Italien“ (Scheidle 2002: 93). Bis zum Ende der 80er Jahre findet allerdings eine immer stärkere Verlagerung hin zu rechten Ideologien statt. Ultras sind, da sie häufig die einzige Fangruppierung eines Vereins darstellen, als die Fankultur in Italien zu bezeichnen. Sie setzen sich aus Kuttenfans und Hooligans zusammen und beherrschen das Leben in den italienischen Fankurven[9] (vgl. Weigelt 2004: 87 ff.).

In Deutschland setzt der Trend hin zur Ultra-Bewegung in den 90er Jahren ein, im Gegensatz zur italienischen Szene jedoch als unpolitische Fanbewegung. Angehörige der Ultra-Szene sind vorwiegend „zwischen 16 und 23 Jahre alt“ (ZIS 2003/04: 2) und gruppieren sich, ebenso wie Kuttenfans, in den Fankurven ihres Heimatvereins. Sie unterscheiden sich aber in ihrer Art des Kleidungsstils und der Unterstützung ihrer Mannschaft von den traditionellen Kutten. Gemäß Gehrmann und Schneider (1998: 183) kleiden sich Ultras dezenter als die restlichen Vereinsanhänger und greifen zur Präsentation nach außen vorwiegend auf die Farbe schwarz, sowie „Totenköpfe, Kämpfer und mystische Figuren“ zurück.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus meinen eigenen Erfahrungen in der Fankurve des F.C. Bayern München kann ich diese Beschreibung nur teilweise bestätigen: die Ultras der Schickeria München tragen nach wie vor die Farben ihres Vereins, ohne jedoch offizielle Vereins- oder Fanutensilien zu verwenden. Sie fertigen sich eigene Kleidung und eigene Transparente an, mit denen sie ihren Verein und ihre Ultra-Gruppierung hochhalten. Zur Gestaltung wird auf für München stehende Symbole – z.B. das Münchner Kindl[10] -, aber auch auf Schriftzüge zurückgegriffen.

Neben dem veränderten Kleidungsstil zeichnet sich die Ultra-Bewegung in erster Linie durch ihre „Ideologie des Fandaseins“ aus. Sie verstehen sich als „extreme Fans, in dem Sinne, dass sie ihr Team bedingungslos unterstützen und dem Verein und ihrer Stadt mit allen Mitteln zur Seite stehen und das Liga- und auch erfolgsunabhängig“ (www.schickeria-muenchen.de[3]). Schneider und Farin (vgl. 2000: 50) relativieren diese bedingungslose Unterstützung, in dem sie bei Ultras eine schwindende Bedeutung des Vereins erkennen. In den Mittelpunkt rückt stattdessen die „Eigeninszenierung (…), [der Versuch, AdV] den eigenen Wert in der Gesamtinszenierung Fußball-Event zu entwickeln“ (2000: 50).

Zu diesem Zweck erfinden Ultra-Gruppen mehrstrophige Gesänge, die ein Vorsänger über Megaphon der Fankurve vermittelt. Sie feuern ihre Mannschaft, unabhängig vom Spielverlauf, das ganze Spiel über an und versuchen, den gesamten Fanblock einzubeziehen. Sie schwenken selbst gebastelte Fahnen, bereiten Stadion-Choreographien vor und beleben die Kurven mit bengalischen Feuern. Gerade diese ihnen eigene Art, im Stadion aufzutreten, verursacht für Ultras gleichzeitig ein großes Problem: durch die visuelle und akustische Auffälligkeit und die Verdrängung der Hooligans aus den Fanblöcken greift der Kontrollapparat vorwiegend auf sie zurück. Vor allem deshalb, weil ihre Form der Selbstinszenierung „mit den deutschen Stadionordnungen nicht kompatibel“ (Schneider/Farin 2000: 49) ist, haben sie mit Kriminalisierungen und ordnungspolitischen Maßnahmen zu kämpfen.

Nicht zuletzt aus dieser Repression heraus stehen Ultras ihrem eigenen Tun und dem ihres Vereins und der Ordnungskräfte kritisch gegenüber. Im Streben gegen Kommerz, (willkürliche) Ordnungsmaßnahmen und für die Freiheit der Eigeninszenierung im Fußballstadion zu kämpfen, kommt den Ultras zu Gute, dass sie, im Gegensatz zu allen anderen Stadionbesuchern, nicht einzeln auftretende Konsumenten darstellen, sondern einen hohen Grad an Organisation und Vernetzung aufweisen, der sich inzwischen auf die deutsche Fanszene ausweitet. Beispiele hierfür sind städtische und regionale Ultraorganisationen[11], wie die „Schickeria München“ als Ultraverband des F.C. Bayern München, und deutschlandweite Faninitiativen, wie das „Bündnis aktiver Fußballfans“ (B.A.F.F.) oder die Initiative „Pro Fans“. Die Not-wendigkeit einer innovativen Auseinandersetzung zwischen Vereinen, staatlichen Behörden und Fangruppierungen unterstreichen Schneider und Farin (vgl. 2000: 52), da sie in verallgemeinernden repressiven Ordnungsmaßnahmen, den daraus entstehenden Kriminalisierungen und Sanktionen – z.B. Stadionverbote – eine neuerliche Entwicklung hin zu aggressiven Fankulturen wie der des Hooliganismus fürchten.[12]

1.2.5 „Hools“

Hooligans oder „Hools“ repräsentieren den verbliebenen, Gewalt und Sensation suchenden Teil der Stadionbesucher bzw. Fußballfans. Da die Abschnitte 1.3 – 1.6. soll die Zusammensetzung, Strukturierung, äußerliche Erscheinung, Werte- und Normenstruktur, Bedeutung und Ausformung der Gewalt und weitere Verhaltens- und Mentalitätsmuster des Hooliganismus behandeln, wird hier nur ein allgemeiner Überblick gegeben.

Hooligans finden ihre Anhänger zumeist unter Jugendlichen, teilweise auch unter älteren, Fußballfans. Die Größe kann dabei je nach Stadt und Fußballverein zwischen wenigen dutzend und einigen hundert stark variieren (vgl. Ek 1996). Von der Schichtzugehörigkeit her sind diese Gruppen heterogen, wenngleich mittlere Schichten das Übergewicht bilden. Ein Großteil der Hooligans führt somit ein gesellschaftlich integriertes, im (beruflichen) Alltag eher angepasstes Leben, das sie am Wochenende hinter sich lassen (vgl. Lösel 2001). Die interne Hierarchisierung kann eher mit einer Rollenverteilung, denn mit einer tatsächlichen Hierarchie gleichgesetzt werden. Man kann allerdings von erfahrenen Hools, die einen Idol-, Anführer- und auch Vorbildstatus haben, über besonders aktive jüngere Hools bis zu reinen Mitläufern unterscheiden (vgl. Kirsch 2000, Farin 2002).

Das äußere Erscheinungsbild von Hooligans wird von der Kleidung und von symbolträchtigen Visualisierungen auf Fahnen und Transparenten bestimmt. Die Wahl der Kleidung orientiert sich zunächst am englischen Vorbild, um eine Brücke zu deren Image als „Vorzeigehooligans“ zu schlagen, dient aber auch funktionalen Zwecken. Dezente und teure Kleidung unterstreicht die Abgrenzung zu Kuttenfans, repräsentiert das Selbstbild als elitäre „In-Group“ und schützt Hooligans vor einer zu leichten Erkennbarkeit durch staatliche Kontrollinstanzen, da sie sich optisch unwesentlich von der breiten Masse der friedlichen Stadionbesucher abheben (vgl. Novak 1994, Ek 1996). Symbolik und Embleme drücken die primären Wert- und Orientierungsmuster des Hooliganismus aus – unter anderem Männlichkeit, Solidarität, Kampfkraft – bzw. spiegeln das darauf bezogene Selbstbild wider und stellen eine Verbindung zum englischen Vorbild her (vgl. Weigelt 2004, Gehrmann/Schneider 1998).

Als erlebnisorientierte Fans finden Hooligans ihre Motivation und Befriedigung als Stadionbesucher darin, „Action“ zu erleben bzw. mitzuerleben. Ihre Vorstellung von Spannung orientiert sich dabei nicht am Fußballspiel selbst. Im Mittelpunkt steht vielmehr das Erleben und Provozieren von Spannung durch eigene Aktivitäten. Dementsprechend schnell rückt das Spielgeschehen auf dem Platz in den Hintergrund, so bald sich Möglichkeiten für „eigene Action“ – Rangeleien mit anderen Fans oder Konflikte mit dem Sicherheitspersonal – bieten. Dennoch identifizieren sich Hooligans stark mit dem Fußball bzw. ihrem Verein. Sie kämpfen nicht nur für sich, sondern „im Namen ihres Vereins“, für dessen Ruhm und Ehre – und das unter Inkaufnahme physischer Gefahren und finanzieller Aufwendungen (vgl. Gehrmann/Schneider 1998, Heitmeyer/Peter 1988).

Der Hooliganismus ist geprägt von einer Werte- und Normenstruktur, die sich durch die Betonung von Männlichkeit, Solidarität und Anerkennung ausdrückt. Der Betonung des „Männlichen“ steht eine Herabwürdigung von allem, was als „weiblich“ angesehen wird, gegenüber. Die Kämpfe der „Mobs“ dienen dazu, Männlichkeit unter Beweis zu stellen, Anerkennung zu erlangen und können gleichsam als Grundstein und als aktives Ausleben von Solidarität angesehen werden (vgl. Findeisen/Kersten 1999, Bohnsack 1995).

Zu den spezifischen Ausprägungen des Hooliganismus gehört als zentrales Kriterium das offene Bekenntnis zur Gewaltanwendung. Es handelt sich jedoch nicht um zügellose Gewaltexzesse, wie in Massenmedien suggeriert, bei denen wahllos auf alles und jeden eingeprügelt wird. Vielmehr müssen Hooligankämpfe mit einem wettkampfartigen Kräftemessen verglichen werden, das von der Intention her nicht der Schädigung des Gegners, sondern einer geregelten Ermittlung der Überlegenen dient. Darüber hinaus fungiert Gewalt als aktive Umsetzung der Zurschaustellung von Männlichkeit, der Herstellung von Kollektivität, Solidarität und Anerkennung und der Bestätigung des Selbstbildes bzw. Anspruches „die Besten“ zu sein (vgl. Novak 1994). Um einen geregelten Ablauf zu garantieren, kennt der Hooliganismus seinen eigenen Ehrenkodex, der Kämpfe als fair legitimiert, wenn sie ohne Waffeneinsatz und Mann gegen Mann bzw. unter etwa gleichstarken Gruppen stattfinden (vgl. Ek 1996, Bohnsack 1995, Eckert 2001). Auf dieser öffentlich sichtbaren und bewussten Gewaltanwendung und vor allem dem öffentlichen Bild von Gründen und Abläufen von Hooligangewalt beruht letztlich auch das Bedrohungsimage des Hooliganismus und seiner Anhänger als Gewalttäter.

1.3 Zusammensetzung und Strukturierung von Hooliganmobs

1.3.1 Gruppengröße und –struktur

Die Gruppenstärke der Hooligangruppen innerhalb Deutschlands ist sehr variabel. Ek (1996: 137 ff.) beziffert sie je nach Stadt zwischen 30 und 800 Personen. Als häufigste Gruppengröße hält er bei 50 bis 150 Hooligans fest. Im ZIS – Jahresbericht (2003/2004:2ff.) wird von einem Aufkommen von ca. 6480 Personen Kategorien B- (4285) und C-Fans (2195) in der 1. und 2. Bundesliga berichtet. Diese Zahl entspricht einem rechnerischen Durchschnitt von 180 Personen beider Kategorien pro Bundesligaverein. Für die Regionalligen Nord und Süd wurden für den gleichen Zeitraum 3023 Personen – 2193 der Kategorie B und 830 der Kategorie C – ermittelt.[13]

Nach einem Boom um 1990 sieht Ek (1996: 137 ff.) die Hooliganszene bereits wieder im Rückgang begriffen. Schneider und Farin (2000: 48) bestätigen die sinkende Bedeutung des Hooliganismus zugunsten der „Ultra-Bewegung“. Gerade der Zulauf von unter 16jährigen hat nachgelassen, so dass sich das Alter der Mitglieder im Schnitt zwischen dem 18. und dem 25. Lebensjahr eingependelt hat (1996: 137 ff.). Dafür lassen sich vier Gründe festmachen: Erstens ging „der Spaßcharakter des Hooligandaseins“ durch das strenger gewordene Eingreifen von Polizei und Justiz – verbunden mit möglichen negativen Folgen für Schule und Beruf – verloren. Zweitens haben die Rechtsradikalen- und Skinheadszene in Sachen Möglichkeiten der Gewaltausübung dem Hooliganismus den Rang abgelaufen. Eine besondere Rolle in diesem Zusammenhang spielt die Medienberichterstattung, die ab 1990 zunehmend fremdenfeindliche Gewalttaten ins Rampenlicht rückte. Drittens fanden gerade die weniger am Fußball interessierten Gewaltsuchenden häufig nur geringe emotionale Befriedigung im Hooliganismus, da „der Hooliganalltag (.) [zumeist, AdV] nicht von vielen exzessiven Schlägereien gekennzeichnet war, sondern vielmehr von Ritualen, Rennereien und der permanenten Anwesenheit der Polizei“ (Ek 1996: 138 f.). Viertens gingen die überzeugten Gewalt-Hools selbst dazu über, die Gruppengröße überschaubar zu halten. Anfänglich als positiv beurteilte Zuwächse erweisen sich, auf Grund der leichten Sichtbarkeit durch die Polizei und den hohen Anteil von Mitläufern, aus Hooligansicht, bald als Nachteil. Kämpfe werden seltener und „qualitativ“ schlechter. Der Respekt vor quantitativ übermächtigen Gegnern verhindert sie zum einen und die zunehmende Missachtung des Ehrenkodex durch Mitläufer stellt sowohl ein Ärgernis, als auch eine gesteigerte Gesundheitsgefährdung dar (1996: 138 f.).

[...]


[1] Der Begriff der Postmoderne wurde 1968 durch Etzioni in die Soziologie eingeführt. Er bezeichnet allgemein die sich zum Ende des 20. Jahrhunderts hin beschleunigende Ausdifferenzierung und Pluralisierung sämtlicher Lebensbereiche. Neben einer erweiterten Palette der individuellen Lebensgestaltungsmöglichkeiten, nehmen auch Gestaltungskonflikte und Orientierungsschwierigkeiten zu. (vgl. Hillmann 1994: 682 f.)

[2] Die Funktionsweise der Zivilisation wird anhand der Theorien von Elias und Dunning im 2. Kapitel erläutert und ihre Bedeutung für den Hooliganismus disktuiert.

[3] Die Definition von „erlebnisorientierten“ Fans wird unter Kapitel 1.2 vorgenommen.

[4] „Two gates were built into the low perimeter fence, allowing police easier access to the crowd, and, at the back of the kop, a platform was built on which two policemen could stand, allowing a ‚bird’s eye’ view of the ‚mob’. At the same time police began to search fans as they entered the ground, which led to the banning of certain regalia, such as wooden poles supporting messages written on cloth banners, and heavy industrial footwear. At times (at some grounds), male adolescents under 16 without an accompanying adult were banned. Extra police were also used to control fans both inside and outside the ground, and from the mid-1970s their observations began to be supplement by Closed Circuit Television (CCTV)” (Armstrong 1998: 177).

[5] Die „self-fulfilling-prophecy“ stützt sich auf das Thomas-Theorem, gemäß dem die Folgen einer subjektiven, wenn auch falschen, Situationsdefinition reale Konsequenzen, im Handeln der Akteure, nach sich ziehen.

[6] Die Funktionsweise und Bedeutung von „Labeling-Prozessen“ in Bezug auf den Hooliganismus wird im 3. Ka-pitel erläutert.

[7] Beim Europapokalendspiel am 29. Mai 1985 zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion starben 39 Menschen, über 350 wurden verletzt. Bedingt durch die rege Nachfrage und den Schwarzhandel mit Karten befand sich eine große Zahl der Turin-Fans im Block neben den Liverpool-Fans. Diese griffen im Lauf des Spiels den benachbarten italienischen Block an, wodurch Panik ausgelöst wurde und auf der Gegenseite des Stadions die Turin-Fans ihrerseits englische Fans angriffen. Die letztliche Eskalation der Situation muss auf das Versagen der ordnungspolizeilichen Maßnahmen vor und während des Spiels zurückgeführt werden (vgl. Ek 1996: 45 ff.).

[8] Beim englischen FA-Cup-Halbfinale am 15. April 1989 zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forrest im Hillsborough-Stadion starben 96 Fans. Bedingt durch den starken Andrang zum Spiel (viele Personen ohne Karten) werden Personen an die Stadiontore gedrückt. Die Polizei öffnet einige Tore, um den Druck zu schmälern. Letztlich drängen aber zu viele Fans in einen Bereich des Stadions, sodass an den Fangzäunen zum Spielfeld eine große Anzahl von Personen zu Tode gequetscht wird. Auch hier muss die Schuld wohl eher bei baulichen Fehlern und dem Fehlverhalten der Ordnungskräfte gesucht werden. Eine aggressive Auseinandersetzung hat hier nicht stattgefunden. Als Reaktion wurden in englischen Stadien Stehplatzbereiche und Zäune zum Spielfeld abgeschafft (vgl. Weigelt 2004: 26 f.).

[9] Gehrmann/Schneider (1998:181) beziffern die Größe der Fossa de Leoni auf 15000 Mitglieder.

[10] „Seit dem 13. Jahrhundert führt die Stadt München den Mönch im Wappen, der im 16. Jahrhundert eine Verkindlichung erfuhr und sich so zum ‚Münchner Kindl‘ wandelte“ (Beschreibung unter www.schickeria-muenchen.de[4]).

[11] Die Schickeria München versteht sich als „Übervereinigung“ der vorhandenen Ultra-Gruppierungen des F.C. Bayern München (www.schickeria-muenchen.de[5]). Die B.A.F.F. (www.aktive-fans.de) und die Initiative Pro Fans (www.profans.de) setzen sich als deutschlandweite Organisationen, denen jeder Fußballfan beitreten kann, gegen Rassismus und Diskriminierung in den Stadien, die Kommerzialisierung des Fußballs, polizeiliche Repression und die Freiheit jeglicher Fußballfans, die eigene Mannschaft gewaltlos, aber gemäß der eigenen Vorstellung zu unterstützen, ein.

[12] Eine Reihe möglicher Zusammenhänge zwischen ordnungspolitischen Maßnahmen, Kriminalisierungen und Fangewalt wird im 3. Kapitel vorgenommen.

[13] Meier (2001:5) beziffert die bundesweite Gesamtzahl der Hooligans im Jahr 2001 auf ca. 3000 – 4000 Personen bei einem Besucherdurchschnitt von 250 000 bis 300 000 Personen pro Bundesligaspieltag der ersten und zweiten Fußballbundesliga.

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Hooligans: Fußballfans, missverstandene Jugendliche, Gewalttäter?
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
95
Katalognummer
V68511
ISBN (eBook)
9783638595803
ISBN (Buch)
9783638903301
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Diplomarbeit bezieht, auf Basis verschiedener soziologischer Theorien, Stellung zu den Entstehungs- und Wirkungszusammenhängen gewaltförmigen Verhaltens von Hooligans und jugendlichen Fußballfans.
Schlagworte
Hooligans, Fußballfans, Jugendliche, Gewalttäter
Arbeit zitieren
Marius Birnbach (Autor), 2006, Hooligans: Fußballfans, missverstandene Jugendliche, Gewalttäter?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68511

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