„Geil auf Gewalt“, der Titel des gleichnamigen Buches von Bill Buford, ist Programm. Zumindest für die allzeit bereiten jugendlichen Gewalttäter, die seit den 90er Jahren im Umfeld von Fußballspielen (...) Fußballstadien und öffentliche Plätze gleichermaßen zu Schlachtfeldern mutieren lassen, (...) an Fußball nicht interessiert sind und sich (.) Hooligans nennen. Die Liste derartiger (Vor-)Urteile (...) [zeigt] die weit verbreitete Vorstellung der deutschen Medien und Bevölkerung von einer „Kultur“, deren Herkunft vielen ebenso verborgen bleibt, wie Intentionen und (Hinter-)Gründe.
Das Thema der Diplomarbeit orientiert sich an diesem „Gewalttäterpostulat“, an der Frage, ob es sich bei Hooligans um Fußballfans, missverstandene Jugendliche oder Gewalttäter handelt. Ausgehend von der Idee, dass es nicht festlegbar ist, was das Abstraktum „Gewalttäter“ ausmacht und dass es so etwas wie den, universell und seine gesamte Persönlichkeit umfassenden „Gewalttäter“ nicht gibt, geht die vorliegende Diplomarbeit den Ursachenbeziehungen des Hooliganismus nach, die Hooligans und jugendliche Fußballfans dennoch als Gewalttäter erscheinen lassen.
Tatsächlich zeigt sich, dass der Hooliganismus kein Phänomen der 90er Jahre darstellt. Gewalttätige Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Fußballspielen sind im Gegenteil so alt wie der moderne Fußball selbst. Der erste Teil der Diplomarbeit beschäftigt sich mit dieser Entstehungsgeschichte des Fußballs und stellt Verknüpfungen zwischen dem Fußball und dem Auftreten von Ausschreitungen bzw. der Genese des Hooliganismus dar. Eine phänomenologische Beschreibung der Kultur des Hooliganismus verdeutlicht erste Gewaltzusammenhänge. Diese werden im zweiten Teil vertieft und auf die Frage bezogen, inwieweit es sich bei den Anhängern des Hooliganismus um „missverstandene Jugendliche“ handelt. Anhand einiger Theorien werden hierzu die Lebensbedingungen Jugendlicher auf Ursachen für das gewalttätige Verhalten jugendlicher Fußballfans und Hooligans untersucht. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit der Rezeptionsebene der Gesellschaft. Über die Wechselwirkung aus Fan- bzw. Hooliganverhalten mit Maßnahmen der Polizei bzw. der Darstellung durch Massenmedien und der Aufnahme dieses Bildes durch die Öffentlichkeit wird das Bild vom „Gewalttäter“ Hooligan einer Prüfung unterzogen. Zusätzlich werden Wechselwirkungen zwischen Kontrollinstanzen, den Medien und gewalttätigem Verhalten jugendlicher Fußballfans und Hooligans näher beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Hooliganismus und seine Entstehung
1.1 Vom Zuschauer zum Hooligan: die Entwicklung eines Phänomens bei Sportveranstaltungen
1.1.1 Fußball und seine Fans – die Geschichte einer „gewaltigen“ Zweierbeziehung
1.1.2 Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Hooligans“
1.1.3 „Die Geburt der Hooligans“
1.2 Stadionbesucher heute
1.2.1 Gängige Klassifikationen
1.2.2 „Normalos“
1.2.3 „Kutten“
1.2.4 „Ultras“
1.2.5 „Hools“
1.3 Zusammensetzung und Strukturierung von Hooliganmobs
1.3.1 Gruppengröße und –struktur
1.3.2 Hierarchisierung
1.4 Das äußere Erscheinungsbild der Hooligans
1.4.1 Kleidungsstil
1.4.2 Visualisierungen
1.5 Werte- und Normenstruktur des Hooliganismus
1.5.1 Der Verein – Identifikationsinstrument oder Mittel zum Zweck?
1.5.2 Gruppennormen und ihre Auswirkungen
1.6 Hooligangewalt
1.6.1 Ausformung der Gewalt
1.6.2 Bedeutung und Funktion der Gewalt
1.6.3 Die Funktionalität der Provokation
1.7 Ausgewählte Verhaltens- und Mentalitätsmuster
1.7.1 Alkohol- und Drogenkonsum bei Hooligans
1.7.2 Hooligans und politische Orientierungen
1.7.3 Die Bedeutung von Frauen im Hooliganismus
1.7.4 Ostdeutscher Hooliganismus
2. Hooliganismus – ein Jugendproblem?
2.1. Lebensbedingungen Jugendlicher und Gewalthandeln
2.1.1 Bedingungen der Jugendphase
2.1.2 Jugend im Zeitalter der Individualisierung
2.1.3 Hools – die „entwertete“ Jugend?
2.1.4 Hooligangewalt – die „misslungene“ Zivilisation?
2.1.5 „Hegemoniale Männlichkeit“ als Element des Hooliganismus
2.2. Jugendsubkulturen – Gruppendynamik und Identität
2.2.1. Theorie der Subkultur
2.2.2. Jugend und Subkultur
2.2.3. Hooliganismus – eine Jugend(sub)kultur?
2.2.4. Hooligangewalt – jugend(sub)kulturelle Gewalt?
3. Fußballfans und Kriminalisierung
3.1 Die Rolle der Medien
3.1.1 Darstellung von Fußballfans und Fangewalt in den Medien
3.1.2 Auswirkungen der Medienberichterstattung auf Fangewalt
3.2 Die Rolle der Polizei
3.2.1 Die Wechselwirkung von ordnungspolitischen Maßnahmen und Fangewalt
3.2.2 Kriminalisierung durch polizeiliches Eingreifen
3.3 Die Rolle von Vereinen und Verbänden
3.4 Von der besonderen Illegitimität jugendlicher Gewalt
4. Hooligans: Fußballfans, missverstandene Jugendliche, Gewalttäter?
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Ursachenbeziehungen des Hooliganismus vor dem Hintergrund der Frage, ob Hooligans als Fußballfans, missverstandene Jugendliche oder Gewalttäter zu klassifizieren sind. Dabei wird analysiert, inwiefern gesellschaftliche Prozesse, die Rolle der Medien und staatliche Kontrollinstanzen zur Entstehung und Stigmatisierung dieses Phänomens beitragen.
- Entstehungsgeschichte und soziologische Einordnung des Hooliganismus
- Struktur und Normenbild der Hooligan-Subkultur (Männlichkeit, Solidarität)
- Bedeutung der Jugendphase und Individualisierung als Einflussfaktoren
- Wechselwirkung zwischen Fanverhalten, Medienberichterstattung und Kriminalisierung
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Fußball und seine Fans – die Geschichte einer „gewaltigen“ Zweierbeziehung
Die Entstehung des Fußballs – vom Spieler zum Fan
„Am Anfang war nur der Ball. Als das runde Leder rollen lernte, gab es auf den Zuschauerrängen keine bengalischen Feuer, keine Fahnenschwenker, keine Trommler, keine Vereins-hymnen und keine Hassgesänge. Es gab überhaupt keine Fans, nicht einmal Zuschauerränge“ (Schulze-Marmeling 1995: 11). Der Ausgangspunkt des heutigen Volkssports Fußball – damals noch eher dem heutigen Rugby ähnlich, bei dem auch die Hände eingesetzt werden dürfen – ist im heute als „Mutterland des Fußballs“ bekannten England zu suchen. Die ersten überlieferten Fußballspiele auf englischem Boden sind auf das zehnte Jahrhundert datiert. Der Fußball gilt in der Agrargesellschaft der damaligen Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes, zunächst als Massenveranstaltung, an der sich ganze Stadtviertel oder auch Dorfgemeinschaften beteiligen. Normen, im Sinne eines Regelwerks, existieren nicht. Die Spielzeit wird lediglich durch den Sonnenuntergang begrenzt, die Teilnehmerzahl überhaupt nicht und das Spielfeld kann z.B. den Raum zwischen zwei Stadttoren oder zwei Dörfern einnehmen. Diesen Eigenheiten des damaligen Fußballspiels kann man entnehmen, dass Zuschauer im Verständnis von passiv Beteiligten noch nicht existieren – und schon gar keine Fans. Trotzdem, oder gerade deswegen, sind Gewalttätigkeiten der involvierten Gruppen an der Tagesordnung. Es handelt sich mehr um einen spielerisch ausgetragenen Kampf, als um ein kampfbetontes Spiel, in dem jeder Beteiligte unter Einsatz seiner kompletten körperlichen Kräfte für seine „Mannschaft“ kämpft. „Die Betonung [der fußballerischen Auseinandersetzung, AdV (= Anmerkung des Verfassers)] lag unmissverständlich auf Kraft und Gewalt, nicht auf Geschicklichkeit“ (Schulze-Marmeling 1992: 15).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Hooliganismus und seine Entstehung: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung des Fußballs und wie sich daraus Gewaltphänomene und spezifische Stadionkulturen entwickelten.
2. Hooliganismus – ein Jugendproblem?: Hier wird untersucht, ob der Hooliganismus als Antwort auf die spezifischen Herausforderungen der Jugendphase, wie Individualisierung und Identitätssuche, verstanden werden kann.
3. Fußballfans und Kriminalisierung: Das Kapitel analysiert die Rolle von Medien, Polizei und Vereinen sowie deren Einfluss auf die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Fußballfans.
4. Hooligans: Fußballfans, missverstandene Jugendliche, Gewalttäter?: Das abschließende Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen und ordnet das Phänomen Hooliganismus kritisch ein.
Schlüsselwörter
Hooliganismus, Fußballfans, Jugendkultur, Gewalt, Individualisierung, Männlichkeit, Solidarität, Kriminalisierung, Medien, Stigmatisierung, Sozialisation, Subkultur, Stadion, Identität, Gewalttäter-Theorem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich soziologisch mit den Ursachen und Wirkungszusammenhängen des Hooliganismus im Umfeld des Fußballs.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Entstehungsgeschichte des Fußballs, die Struktur der Hooligan-Subkultur, die Lebensbedingungen Jugendlicher sowie die gesellschaftliche Kriminalisierung von Fans.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Klärung der Frage, ob Hooligans primär als Fußballfans, missverstandene Jugendliche oder klassische Gewalttäter zu betrachten sind.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse soziologischer Konzepte, wie das Habitusmodell von Bourdieu, die Zivilisationstheorie von Elias und den Labeling-Approach.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen der Jugendphase auch die spezifischen Verhaltens- und Mentalitätsmuster von Hooligans sowie die Rolle von Polizei und Medien bei der Etikettierung dieser Gruppen beleuchtet.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem hegemoniale Männlichkeit, Distinktion, Entwertung, Sensation-Seeking und die Rolle der Sozialisationsinstanzen.
Warum ist der Begriff „Gewalttäter“ laut Autor problematisch?
Der Autor argumentiert, dass eine pauschale Bezeichnung als „Gewalttäter“ die hintergründigen Ursachen und den zweckrationalen Charakter der Handlungen ausblendet und zur Stigmatisierung beiträgt.
Welche Bedeutung hat der „Ehrenkodex“ innerhalb der Hooligan-Szene?
Der Ehrenkodex dient als Regulierungsmechanismus, um Gewalt in einen sozialen, „fairen“ Rahmen zu zwingen und Exzesse zu begrenzen.
Wie beeinflussen Medien die Wahrnehmung von Fangewalt?
Medien dramatisieren Fangewalt durch eine marktorientierte Berichterstattung, was zur Folge hat, dass Fangruppen stärker stigmatisiert und als Bedrohung wahrgenommen werden.
Welche Rolle spielt die „hegemoniale Männlichkeit“?
Das Konzept erklärt, wie Hooligans versuchen, ihren gesellschaftlichen Status durch körperliche Überlegenheit und Risikobereitschaft zu festigen, um so ein traditionelles Männlichkeitsbild zu erfüllen.
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- Marius Birnbach (Author), 2006, Hooligans: Fußballfans, missverstandene Jugendliche, Gewalttäter?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68511