Wie lässt sich der Familie helfen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Familie im sozialen Wandel
2.1 Definition der ‚Normalfamilie’
2.2 Strukturwandel der Familie
2.3 Bedeutungswandel der Familie
2.3.1 In der modernen Industriegesellschaft
2.3.2 In der postmodernen Risikogesellschaft

3 Probleme der heutigen Familie und Lösungsansätze
3.1 Wie muss staatliche Familienhilfe grundsätzlich angelegt sein?
3.2 Kulturelle und strukturelle Aspekte und ihre Lösungsmöglichkeiten
3.2.1. Individuelle Erwartungen an die Familie
3.2.2 Die Rolle des Kindes in der Familie
3.2.3 Die Rolle der Frau in der Familie

4 Resumee und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang:

1 Einleitung

Als ich mich für die Teilnahme am Hauptseminar „Familie: Theorie, Geschichte und aktuelle Probleme“ entschied hatte ich zugegeben nur eine vage Vorstellung von den thematischen Inhalten, die mich erwarten würden. Vor allem hatte ich aber keine Vorstellung davon, welchen enormen Stellenwert die Institution Familie in einer Gesellschaft und für das einzelne Individuum einnimmt. Thöni und Winner sprechen in diesem Zusammenhang, wie ich finde sehr treffend, von der „zentralen Rolle als Trägerin wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Leistungen“ (Thöni/Winner 1996:1). Familie ist also wesentlich mehr, als die offenkundige Funktion der (biologischen) Reproduktion verrät. Sie ist durch ihre vielfältigen Leistungsbezüge zu verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen – so z.B. der Wirtschaft - ein konstituierender Teil der Gesellschaft.

Trotz dieser zentralen Rolle von Familie scheint es so, als ob sie mit ihren Belangen und Bedürfnissen ins Abseits gerät. Vermittelt wird dieser Trend des ‚Niedergangs der Familie’ durch die Abnahme von Eheschließungen, die Zunahme der Scheidungen, den Rückgang der Kinderzahlen und die Ausweitung des Spektrums familialer Lebensformen in den letzten Jahrzehnten. Es muss also eine Erosion der Lebensausgestaltung weg von der Kernfamilie mit Ehepartner und Kindern, hin zu alternativen Lebensformen diagnostiziert werden. Es stellt sich die Frage wodurch dieser Wandel und das heutige schlechte Abschneiden der Familie – d.h. der Wunsch sich auf Dauer in einer Ehe zu binden und Kinder aufzuziehen –, als Form des menschlichen Zusammenlebens, bedingt wurde und in welcher Weise sich diese, die negative Entwicklung fördernden, Bedingungen positiv für die Familien in Deutschland verändern lassen.

In der folgenden Hauptseminararbeit werde ich folglich Gründe für die Erosion der ‚Normalfamilie’ in Deutschland suchen und daraus Möglichkeiten ableiten wie sich der Familie helfen lässt. Ich werde hierbei auf persönliche Einflussmöglichkeiten eines jeden Individuums, als auch auf politische und wirtschaftliche Faktoren für eine Verbesserung der Lage der Familie eingehen.

2 Familie im sozialen Wandel

Wie in der Einleitung bereits angeklungen ist hat die Familie in den letzten Jahrzehnten einen enormen Wandel durchgemacht. Im folgenden Kapitel soll diese Entwicklung kurz skizziert werden. Bevor dies geschehen kann muss jedoch geklärt werden welche personelle und rechtliche Zusammensetzung unter Familie zu verstehen ist.

2.1 Definition der ‚Normalfamilie’

Karl-Heinz Hillmann sieht Familie grundsätzlich durch „das Zusammenleben von mindestens 2 Generationen in einer (Primär-)Gruppe“ (Hillmann 1994:212ff) charakterisiert. Sie zeichnet sich durch die Funktionen „biologische Reproduktion, ökonomische Versorgung des Nachwuchses, soziale Plazierung, Sozialisation und ‚tension management’“ (Thöni/Winner 1996:9) aus. Die möglichen Formen erstrecken sich dabei von der Kern- oder Kleinfamilie bis hin zur Mehr-Generationen-Großfamilie. Weiterhin möglich ist zusätzlich die ‚Ein-Eltern-Familie durch Tod, Scheidung, Trennung oder nichteheliche Mutterschaft’ (Hillmann 1994:212ff). Diese weit gestreuten Formen familialen Zusammenlebens genügen jedoch nicht, um das in dieser Arbeit betroffene Familienbild heraus zu filtern. Familie soll deshalb bedeuten: eine Lebensgemeinschaft bestehend aus einem verheirateten (gegengeschlechtlichen) Paar und mindestens einem erziehungspflichtigen Kind. Es ist also von der in der Gesellschaft als ‚Kern- oder Normalfamilie’ bezeichneten Lebensform die Rede, an welche sich meine Untersuchung von Hilfsmöglichkeiten richten soll.

Die Gegengeschlechtlichkeit stellt hierbei den wie ich denke auch heute noch – trotz der Ermöglichung gleichgeschlechtlicher Ehen - gesellschaftlich normierten und großteils ‚erwünschten’ Standard der familialen Lebensgemeinschaft dar. Diese Eigenschaft ist allerdings kein Kriterium (vor allem in Hinblick auf strukturelle Probleme), das eine vordergründige Bedeutung für die schlechte Situation von Familien in Deutschland hat. Sehr wohl kommt der Homosexuellen-Ehe eine kontroverse Rolle hinsichtlich der Reproduktions- und Sozialisationsfunktion von Familien zu.

Derartige Probleme stellen wie ich meine ein interessantes und vor allem in seiner Relevanz in Zukunft zunehmendes Thema dar, rücken für meine Fragestellung jedoch eher in den Hintergrund.

2.2 Strukturwandel der Familie

Nachdem geklärt ist, dass sich Familien aus verheirateten Paaren mit ihren Kindern zusammensetzen ist zu klären wie sich die Zahlen zu den dementsprechenden ‚Faktoren’ Eheschließungen, Scheidungen und Kinderzahlen im letzten Jahrhundert entwickelt haben. Ein Niedergang der Familie wäre in Bezug auf empirische Daten mit einem Rückgang der Eheschließungen, einer Zunahme der Scheidungen und einem Rückgang der Kinderzahlen – d.h. Rückgang der Anzahl von Kindern in den einzelnen Familien und die Zunahme der kinderlosen Paare - gleichzusetzen. In der Tat weisen Thöni und Winner auf eine entsprechende Entwicklung hin, wobei der Startpunkt hierfür zwischen 1960 und 1970 zu finden ist.

Nachdem der Anteil der Ehen an den gesellschaftlichen Lebensformen von Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1970 kontinuierlich anstieg und damit 55,4% der Frauen und 66,5% der Männer umfasste sank er innerhalb der nächsten zwanzig Jahre um 4% bei den Frauen und 8% bei den Männern. Parallel dazu stieg die Scheidungsrate von 13,9% im Jahr 1960 auf 33,7% in 1992. Zurückzuführen ist diese Entwicklung in starkem Maß auf das in den 70er Jahren geänderte Scheidungsrecht weg vom Schuld- und hin zum Zerrüttungsprinzip. Betrachtet man die Geburtenzahlen, so ist festzustellen, dass die Zahl der Geburten in den letzten hundert Jahren stark zurückgegangen ist, die Unehelichenquote jedoch nach einem Tiefpunkt 1960 (11%) bis 1991 mit 24,8% auf den Wert von 1900 stieg (Thöni/Winner 1996:9-15). Es kommt jedoch nicht zum Rückgang der Familie als Lebensform, sondern zu einer Ausdifferenzierung familialer Lebensformen mit „allein erziehenden Männern und Müttern, Ehen ohne Trauschein und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften“ (Thöni/Winner 1996:25).

Die Veränderungen im Aufbau der Gesellschaft in Bezug auf familial relevante Merkmale zeigt also die Erosion der Kernfamilie in den letzten 30 Jahren. Um eine Diagnose der heutigen Probleme von Familien zu erstellen muss jedoch der hinter den aufgezeigten Daten stehende Wandel in der Bedeutung und der Stellung von Familien in der deutschen Gesellschaft betrachtet werden. Als grundlegend sind bei dieser Betrachtung die kulturellen und strukturellen Bedingtheiten die zur Entscheidung für oder gegen den Aufbau einer Familie führen. Ich werde im folgenden Punkt zunächst auf den Bedeutungswandel (der in enger Verbindung zu kulturellen Bedingungen steht) der Familie von der Agrargesellschaft über die moderne Industriegesellschaft hin zur postmodernen Risikogesellschaft eingehen. Im anschließenden Kapitel sollen einige der heutigen strukturellen und kulturellen Bedingtheiten der Entscheidung für bzw. gegen die Gründung einer Familie benannt werden.

2.3 Bedeutungswandel der Familie

Der Bedeutungswandel der Familie spielt sich vor allem im Bereich der Funktionen, Aufgaben und Bedeutungen der einzelnen Familienmitglieder für die Familie ab, aber auch in der Bedeutung der Familie für die Mitglieder. In besonderer Weise stellt die sich verändernde Rolle der Frau einen zentralen Punkt im allgemeinen Bedeutungswandel der Familie als Gesamtheit dar.

2.3.1 In der modernen Industriegesellschaft

In der Entwicklung von der Agrar- zur modernen Industriegesellschaft ist es zunächst auffällig, dass die vorher komplexen Anforderungen an eine Familie stark abnehmen, es kommt zu einer Verlagerung von der Produktions- auf eine Sozialisationsfunktion. Thöni und Winner nennen hier beispielhaft die Abgabe der Funktionen „Erziehung, Produktion, Politik und Altersversorgung“ (Thöni/Winner 1996:17). Es kommt folglich zu einer Entlastung (vor allem der Frau) in der Familie, wodurch sich Spielraum ergibt um andere Faktoren familialen Zusammenlebens zu etablieren. Durch den zusätzlichen Wegfall von anderen Bindungsgründen, wie religiöse oder ständische Verpflichtungen sowie politische oder wirtschaftliche Motive findet die emotional gefärbte ‚Liebesehe’ ihren Nährboden. Diese neu gewonnene Freiheit und die Lösung der Bindung von z.B. wirtschaftlichen Zwängen beschränkt die Ehebeziehung jedoch auf dieses Moment der Liebe bzw. der emotionalen Bindung. Es entsteht das Problem, dass die Ehe, sollte die Emotionalität vergehen, durch keine weiteren Zusammengehörigkeitsfaktoren aufgefangen werden kann.

Es handelt sich also um den Wandel zu einer zerbrechlichen und ungesicherten Form der Beziehungsstabilisierung. Hinzukommt die „Emanzipation der Zivilehe vom Ehesakrament, verbunden mit der prinzipiellen Aufkündbarkeit der ehelichen Beziehung“ (Thöni/Winner 1996:17). Es nehmen also nicht nur die Bindungsfaktoren quantitativ ab, sondern auch die Legitimation von Trennung nimmt zu. Durch die Verlagerung der Produktion aus dem Haus in die Fabriken und die Forderung der Unternehmer nach einer „vollverfügbaren Arbeitskraft“ (Thöni/Winner 1996:17) kommt es zu einer Zementierung der Rollenverteilung zwischen Mann (als Produzent und Familienernährer) und Frau (als Hausfrau und Mutter). Gerade dieses starke Rollenbild bringt im späteren Übergang zur postmodernen Risikogesellschaft mit Emanzipation, Bildungsbeteiligung und Berufstätigkeit der Frau starke Probleme, welche noch zu erörtern sein werden, mit sich.

2.3.2 In der postmodernen Risikogesellschaft

Führt man diese ‚Evolutionslinie’ fort in die Zeit der postmodernen Industriegesellschaft, so sieht man einen Teil der neu gewonnenen Anforderungen an Familien und ihre Mitglieder bereits wieder bröckeln. Es ergeben sich neue Anforderungen, wiederum durch die Wirtschaft eingeleitet. Stabilität in der Arbeitswelt und die damit verbundene Rolleneinteilung weichen der zunehmenden Flexibilisierung und Mobilität ohne dabei vom Wunsch voll verfügbarer Arbeitskraft abzuweichen, wodurch Beziehungsverbindungen (vor allem auf Dauer und starr angelegt) erschwert werden. Diese Erschwernis familialer Bindungen darf allerdings nicht mit einem Verlust an Attraktivität (wie ich später noch zeigen werde) gleichgesetzt werden. Durch den Bedeutungsgewinn von „Selbstverwirklichungswerten“ gegenüber den traditionellen „Pflicht- und Akzeptanzwerten“ und der parallel laufenden Emanzipation der Frau mit Bildungsexpansion und zunehmender Erwerbsbeteiligung kommen traditionelle Rollenbilder bzw. die Einhaltung einer traditionellen Rollenverteilung in der Familie in Bedrängnis. Probleme ergeben sich hier sowohl in Bezug auf die Wertung der intrafamilialen Aufgaben, als auch im Hinblick auf die zu investierende Zeit. „Die Frauen sind nicht mehr vom Einkommen des Mannes abhängig und andererseits nicht mehr bereit und in der Lage, die Funktion der privaten Reproduktion alleine zu erfüllen.“ (Thöni/Winner 1996:22). Wie man hier sieht hängen viele Probleme des Erhalts der Kernfamilie mit dem veränderten Lebenslauf der Frau zusammen.

Trotz dieser Schwierigkeiten deutet die Verlagerung der Beziehungen auf andere Formen des familialen Zusammenlebens (z.B. Ehen ohne Trauschein) darauf hin, dass das Interesse in und die Bedeutung von Familie (in welcher Form auch immer) dennoch Bestand hat. In Erwartung eines derartigen grundlegenden individuellen Bedürfnisses auf Zugehörigkeit zu einer ‚intimen’ Bezugsgruppe kann man davon ausgehen, dass sich die derzeit sichtbaren Probleme der Familie sich in der Gesellschaft und gegenüber Subsystemen wie der Wirtschaft zu etablieren nicht auf einen Verlust der Wertigkeit (und damit auf individuelle psychische Faktoren), sondern großenteils auf äußerliche kulturelle und strukturelle Bedingungen zurückführen lässt. Eine Bestätigung für diese Vermutung wäre allerdings noch zu erbringen. (Thöni/Winner 1996:18-26).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wie lässt sich der Familie helfen?
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Die Familie: Theorie, Geschichte und aktuelle Probleme
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V68514
ISBN (eBook)
9783638610612
ISBN (Buch)
9783638914031
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Stellung und den Problemen der Institution Familie in unserer heutigen Gesellschaft und zeigt mögliche Lösungsansätze zu einer Sicherung des Fortbestehens der Institution Familie.
Schlagworte
Familie, Theorie, Geschichte, Probleme
Arbeit zitieren
Marius Birnbach (Autor), 2004, Wie lässt sich der Familie helfen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68514

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