Zwischen Kochdienst und Katheder: Christoph Martin Wielands literaturkritische Maßstäbe und Positionierungen in seiner Vorrede zum Teutschen Merkur


Hausarbeit, 2006

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Inhaltliche Konzeption des Teutschen Merkur: zwischen Literatur, Politik und Geschichte – der Entwurf einer kulturpolitischen Zeitschrift

2. Der gesamte „lesende[...] Teil[...] der Nation“: das anvisierte Publikum

3. Rolle und Zielsetzung literarischer Kritik im Merkur:
3.1. Wielands literaturkritische Maßstäbe
3.2. Metakritik: der Merkur als „literarisches Revisionsgericht“
3.3. Einheitlichkeit von Geschmack und literarischem Werturteil
3.4. Publikum als Richter? - Wielands Positionierungen gegenüber seiner Leserschaft

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Als im April des Jahres 1773 das erste Heft des von Christoph Martin Wieland herausgegebenen Teutschen Merkur erschien, erstreckte sich der Zeitraum zwischen der ersten Idee zur Herausgabe eines eigenen Journals und ihrer damit erfolgten Realisierung auf bereits beinahe fünfzehn Jahre[1]. Der Prozess, in dessen Verlauf sich gegen Ende des 18. Jh. „aus der Verschränkung [von literarischer und politischer Öffentlichkeit] die „’bürgerliche Öffentlichkeit’ konstituiert“[2], wird von Literaturzeitschriften rege begleitet: sie übernehmen die beiden Aufgaben, „einmal [...] im Konsensus mit ihren Lesern Träger des öffentlichen Räsonnements zu sein, zum anderen, diese erst einmal zum Räsonnement zu erziehen“[3]. Literaturkritik stellt sich in diesem Prozess als „Mittel zu beidem“[4] dar. Der Strukturwandel des Lesepublikums[5], von dem das letzte Drittel des 18. Jh. gekennzeichnet war, verlangte jedoch eine Ausweitung der inhaltlichen Schwerpunktsetzung: eine reine Literaturzeitschrift, die der Tradition der Gelehrtenzeitschriften folgte, oder gar bloßes, über Neuerscheinungen informierendes Rezensionsorgan sollte der Merkur nicht werden – Wieland schwebte ein kulturpolitisches[6] Magazin vor, das eine breitere Themenpalette bieten und damit auch die Chance auf höheren Wirkungsradius einer weiter gefächerten Leserschaft erhalten sollte.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, anhand Wielands Vorrede zum Teutschen Merkur die Programmatik und ursprüngliche Zielsetzung des Herausgebers genauer zu untersuchen. Hierbei soll auf die Zusammenhänge zwischen den angestrebten Inhalten, den der Auswahl zugrunde liegenden ästhetischen Maßstäben sowie den divergierenden Vorstellungen vom Publikum als richterliche Instanz und unzureichend aufgeklärte, einer Lenkung bedürftige Leserschaft einerseits und den Veränderungen in der publizistischen Landschaft Deutschlands im 18. Jh. andererseits näher eingegangen werden.

1. Inhaltliche Konzeption des Teutschen Merkur : zwischen Literatur, Politik und Geschichte – die Konzeption einer kulturpolitischen Zeitschrift

Bereits im ersten Absatz seiner Vorrede zum Teutschen Merkur deutet sich in der Formulierung, mit der Wieland sein Publikum adressiert, eine Reaktion auf die veränderte Zusammensetzung der Leserschaft[7] und die Ausweitung der Publikumsschichten im 18. Jh. sowie damit auch die Begründung für eine breitere Themenpalette des Merkur an: es ist der gesamte „lesende Teil[...] der Nation“[8], an den das Organ sich richtet. Die Vorstellung einer zu erreichenden schichten- und geschlechtsübergreifenden Leserschaft, die dem Merkur bald den Vorwurf von Beliebigkeit, Durchschnittlichkeit und den Stempel des „Allerweltsjournal[s]“[9] einbringen sollte, wurde somit zur

„erste[n] Spekulation auf das [...] literarisch allgemein interessierte Lesepublikum, eine Spekulation, deren demokratisierende Wirkung mit dazu beitrug, eine neue Einheit [...] außer den Gesellschaftsklassen zu schaffen“[10]

Der „Umschichtungsprozeß im Lesepublikum“[11], dem hier Rechnung getragen wird, hat zur Folge, dass der ständespezifische Charakter literarischer Produktion in diesem Zeitraum zusehends verloren geht[12] und die Entstehung eines lesenden Mittelstands sich abzuzeichnen beginnt. Das „Aufkommen einer bürgerlichen Nationalliteratur“[13] als Ergebnis dieser Entwicklung verlangt eine breitere Themen- und Rubrikenwahl, will sie den Erwartungen und Bedürfnissen einer sich langsam konstituierenden, zusehends auch nach politischer Information fragenden Öffentlichkeit Rechnung tragen. So kündigt Wieland im Merkur an, es werde „von den politischen Begebenheiten in Europa [...] das Neueste und Wichtigste in einer zusammenhängenden Erzählung“ einen besonderen Platz als „zusammenhängender Artikel“ in jedem Band erhalten[14]: eine Entscheidung, die jenen Prozess verdeutlicht, in dessen Zuge nun die „literarische in eine politische Öffentlichkeit“[15] überzugehen beginnt.

Doch ist es eben diese literarische Öffentlichkeit, welche die Grundlage zu dieser Bewegung stellt. Auch vertraut das Projekt vorrangig auf die Reputation des Herausgebers als Autor belletristischer Literatur[16] - so soll folgerichtig der Anteil literarischer Veröffentlichungen einen inhaltlichen Schwerpunkt der Zeitschrift bilden. Eine programmatische Konkretisierung der zu erwartenden Veröffentlichungen erfolgt jedoch nur insofern, als sie nur durch die angekündigten kritischen Maßstäbe formuliert werden kann: der Herausgeber eröffnet diesen Abschnitt zunächst mit der Einladung zur Einsendung von Veröffentlichungen, wobei sich seine an die Leserschaft wendende Einladung nicht nur an Autoren wendet, die „bereits im besitz der allgemeinen Hochachtung sind“, sondern auch an „angehende Schriftsteller“, denen im Teutschen Merkur ein „Schauplatz [...] eröffne[t]“ werden soll[17]. Dabei hofft er zwar, „ein hier oder da noch schlummerndes Genie aufzuwecken“[18], warnt jedoch gleich im nächsten Satz: „Indessen können wir doch nicht umhin, voraus zu erklären, dass wir von den etwan einlaufenden Beiträgen nicht ohne Prüfung und Auswahl Gebrauch machen können“[19].

Wieland versucht hier deutlich, von vornherein einem etwaigen Vorwurf der Wahllosigkeit, Beliebigkeit und Anspruchslosigkeit durch eine anschließende Abgrenzung gegenüber dem französischen Mercure de France zu begegnen, der, wiewohl nicht nur in der Planungsphase trotz Unterschieden in der Gewichtung einzelner Ressorts tatsächliches Vorbild der Wielandschen Zeitschrift[20], in der Vorrede als ein Organ bezeichnet wird, „dem alles willkommen sein muss, was man ihm zuwirft, weil er jährlich sechzehn Bände, sei es nun, womit es wolle, auszufüllen hat“[21]. Alleine die Entscheidung für die zunächst vierteljährliche Erscheinungsweise versetze den Teutschen Merkur in den Stand eines sich wählerischer und exklusiver versprechenden Journals. Die zu erwartenden primärliterarischen Beiträge sollen ergänzt werden durch „literarische Neuigkeiten, kurze Nachrichten [und] Todesfälle, an welchen die Nation Anteil nimmt“[22] – die Konzeption einer „universellen, komplexen Kommunikation mit dem Publikum“[23], welche die „Bündelung dieser publizistisch-thematischen Kategorien“[24] ermöglichen sollte, zeichnet sich hier deutlich ab.

[...]


[1] Wielands Pläne reichen bis auf das Jahr 1759 zurück. Den ersten Anstoß gab hierbei Zimmermann mit einem Brief an Wieland im April 1759, in dem er ihm den Vorschlag zu einem selbständigen Journal unterbreitete. Wieland griff den Gedanken auf und antwortete am 4. Mai mit einer Aufforderung an Zimmermann, ihm bei der Umsetzung den Plans behilflich zu sein; wobei das Periodikum zu diesem Zeitpunkt noch als Wochenschrift mit vorwiegend philosophischem und historischem Inhalt geplant war: vgl. zur Vorgeschichte des Teutschen Merkur z.B. die Darstellung bei Wahl 1914, S. 6., Stoll 1978, S. 52-53, Handke 1996, S. 150 sowie Nowitzki 2003, S. 74-76.

[2] Stoll 1978, S. 4.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] zur Veränderung in der strukturellen Zusammensetzung der Leserschaft gegen Ende des 18.Jh. und der damit zusammenhängenden beginnenden Konstitution einer bürgerlichen Öffentlichkeit vgl. Stoll 1978, S. 5-12. Sie fasst hier die Veränderungen zusammen, in deren Verlauf sich das Publikum von einem schwerpunktmäßig Gelehrten- zu einem breiteren, bürgerlichen Lesepublikum wandelt. Vgl. hierzu auch Anm. 6 auf der folgenden Seite.

[6] Zu den begrifflichen Varietäten, die die wissenschaftlichen Beiträge zum Teutschen Merkur durchziehen, vgl. Anm. 58 der vorliegenden Arbeit.

[7] Ermöglicht durch das Aufkommen einer nunmehr rasch wachsenden Zahl von Lesegesellschaften, -zirkeln und ersten Leihbüchereien, befreit sich Buch wie auch Zeitschrift schrittweise von der Barriere, welche die damals hohen Herstellungs- und somit auch Anschaffungskosten einer Zunahme der Leserzahlen in den Weg legte. Das literarisierte – und lesende – Publikum erfasste nun auch ärmere Schichten und reichte vom Beamtenadel über die Geistlichkeit bis zu Händlern und Kaufleuten und schloss zusehends auch weibliche Leser mit ein. Vgl. hierzu u.a. Stoll 1978, A.a.o. Zum Strukturwandel des literarischen Lebens siehe zusammenfassend auch den gleichnamigen Kapitel von Ungern-Sternberg in seinem Beitrag „Schriftsteller und literarischer Markt“: Ungern-Sternberg 1980, S. 133-134, zum veränderten Rezeptionsverhalten und der standesauflösenden Rolle von Lesegesellschaften vgl. v.a. die Seiten 136-147.

[8] Wieland 1984, S. 15.

[9] Wilke 1978, S. 134. Jürgen Wilke fasst in seinem Beitrag zum Merkur die „ambivalente Einstellung“ [ebd.] von Rezensenten und Monographen gegenüber dem Merkur zusammen. Auffällig ist hierbei, dass die Kritiker des Merkur diesen häufig an Qualitätsvorstellungen messen, die auf Vergleichen mit reinen Literaturzeitschriften basieren. Die Leserschaft letzter bestand im 18. Jh. aus einem beinahe ausnahmslos männlichen Gelehrten- und Intellektuellenpublikum; diese Periodika mit Exklusivcharakter spielten mithin eine dadurch zwingend geringere Rolle beim Entstehen bürgerlicher Öffentlichkeit. Nicht selten lassen sich die geäußerten Kritiken am von Wieland hier skizzierten Zielpublikum somit auf eine Traditionslinie zurückführen, die bis auf Goethes vielzitierten Ausspruch vom „Trödelkrämer“ und „Sau-Merkur“ zurückreicht. Wilke relativiert in seiner kurzen Darstellungen die kritischen Äußerungen und merkt auch die Positionswechsel vieler kritischen Stimmen an, nicht zuletzt auch diejenige Goethes (vgl. S. 133-135).

[10] Wahl 1914, S. 47.

[11] Ungern-Sternberg 1980, S. 137.

[12] vgl. Ungern-Sternberg 1980, A.a.o.

[13] Eine zunehmende Politisierung von Monats- und literarischen Zeitschriften war in den Folgejahren bei vielen Periodika v.a. im Zuge des Ausbruchs der Französischen Revolution zu beobachten. Begleitet von der Tatsache, dass Lesegesellschaften wie auch Bibliotheken zu Beginn nur Zeitschriften, keine Zeitungen abonnierten (vgl. Stoll 1978, S. 9), reagierten sie auf das wachsende politische Interesse und Informationsbedürfnis ihres Publikums. Vgl. hierzu auch Ungern-Sternberg 1980, S. 142

[14] Wieland 1984, S. 17.

[15] Stoll 1978, S. 4.

[16] Wieland verweist auf seine eigene Autorschaft in der Vorrede bei der Erwähnung der zu erwartenden Beiträge aus seiner eigener Feder: vgl. hierzu Anm. 25.

[17] Wieland 1984, S. 15.

[18] Ebd.

[19] Wieland 1984, S. 16.

[20] Die unmittelbare Vorbereitung zur Publikation setzt 1772 mit einem Briefwechsel zwischen Wieland und Friedrich Heinrich Jacobi ein, in dem ihm Jacobi ein Periodikum nach dem Vorbild des französischen „Mercure de France“ vorschlägt, was von Wieland, dem zuvor noch eine Gelehrtenzeitschrift vorgeschwebt hatte, aufgegriffen wird. Vgl. hierzu Wahl 1914, S. 9 sowie zu den Parallelen zwischen dem Teutschen Merkur und seinem französischen Vorbild die Seiten 39-42.

[21] Ebd.

[22] Wieland 1984, S. 17.

[23] Seifert 2003, S. 44.

[24] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zwischen Kochdienst und Katheder: Christoph Martin Wielands literaturkritische Maßstäbe und Positionierungen in seiner Vorrede zum Teutschen Merkur
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Germanistik)
Veranstaltung
Mediengeschichte (Medienentwicklung und literarischer Formenwandel im 19. und frühen 20. Jahrhundert)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V68573
ISBN (eBook)
9783638600255
ISBN (Buch)
9783638820233
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Kochdienst, Katheder, Christoph, Martin, Wielands, Maßstäbe, Positionierungen, Vorrede, Teutschen, Merkur, Mediengeschichte, Formenwandel, Jahrhundert)
Arbeit zitieren
Anna Panek (Autor), 2006, Zwischen Kochdienst und Katheder: Christoph Martin Wielands literaturkritische Maßstäbe und Positionierungen in seiner Vorrede zum Teutschen Merkur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68573

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