Die Moralentwicklung Jugendlicher im Kontext von Familie, Schule und Peers


Bachelorarbeit, 2006
48 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Moralentwicklung im Jugendalter
2.1 Der Lebensabschnitt Jugend
2.2 Moralische Anforderungen an Heranwachsende
2.3 Die Entwicklung von Werten als Identitätsfindung
2.4 Die Bildung des moralischen Urteils nach der kognitiven Entwicklungstheorie Lawrence Kohlbergs
2.5 Die Bedeutung der Adoleszenz für die Moralentwicklung

3. Die Wirkung der Familie auf die Norm- und Wertebildung Heranwachsender
3.1 Der Einfluss des Erziehungsstils auf die Moralentwicklung
3.2 Die Bedeutung von Geschwisterbeziehungen auf die moralischeEntwicklung
3.3 Die Ablösung des Jugendlichen von der Familie als Weiterentwicklung des Moralbewusstseins

4. Die Bedeutung der Peers für die Moralentwicklung
4.1 Peers als Unterstützung für die Entwicklung einer „reifen Moral“
4.2 Normen und Normvermittlung unter Gleichaltrigen

5. Die Frage nach dem Auftrag der Schule als moralische Erziehungsinstanz
5.1 Überlegungen zur Notwendigkeit der Moralerziehung innerhalb der Institution Schule
5.2 Grundgedanken Kohlbergs zur Förderung der Moralentwicklung innerhalb der Schule
5.3 Die Dilemmadiskussion als Förderung moralischer Urteilsfähigkeit im Unterricht

6. Schlussfolgerungen

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1 Einleitung

Für das gesellschaftliche Zusammenleben trägt das Moralbewusstsein der Menschen eine wichtige Bedeutung. Moralische Normen und Werte sind notwendig, um die Ordnung unseres Gesellschaftssystems zu erhalten. Kinder werden im alltäglichen Leben schon früh mit moralischen Konflikten konfrontiert und müssen daher lernen mit diesen umzugehen und gesellschaftsfähige Lösungen zu finden. Eine moralische Reife zu erlangen kann jedoch einen lebenslangen Prozess darstellen.

Ich möchte mich in dieser Arbeit mit der Umwelt der Jugendlichen beschäftigen und die Kontexte Familie, Schule und Peers und ihr Zusammenwirken auf die Moralentwicklung Heranwachsender beschreiben.

In der Jugendphase werden die in der Kindheit bereits erlernten Werte und Normen noch einmal oder auch häufig zum ersten Mal reflektiert und schließlich in die eigene Identität eingebaut. Grundlagen der Jugendphase und die Bedeutung der Adoleszenz für die Moralentwicklung werden im ersten Kapitel dieser Arbeit dargestellt. Dazu werde ich zuerst die Jugendphase darstellen und die daraus resultierenden Anforderungen an die Heranwachsenden aufzeigen. Grundlage für diese Darstellungen sind entwicklungspsychologische Theorien, da ich mich auch im folgenden Kapitel mit Lawrence Kohlberg beschäftigen werde, dessen Modell der moralischen Urteilsfähigkeit auf Erkenntnissen zur kognitiven Entwicklung basiert. Kohlberg ist im Bereich der Moralforschung der bekannteste und bedeutendste Wissenschaftler. Dadurch, dass seine Theorie viele Kritiker und Anhänger hat, die sich mit ihm beschäftigt haben und beschäftigen, wurde seine Theorie immer weiterentwickelt und häufig zum Untersuchungsgegenstand. Es gibt daher viele empirische Studien zu seinen Arbeiten, die eine Auseinandersetzung mit ihm erleichtern können. Da diese Arbeit speziell die Moralentwicklung Jugendlicher behandelt, ist das Entwicklungsmodell Kohlbergs, der sich in seinen Forschungen, im Gegensatz zu anderen Theoretikern, nicht ausschließlich mit Kindern beschäftigt hat, maßgebend. Die Begriffe der Moral und der Moralentwicklung werden dementsprechend nicht nur allgemein, sondern für diese Arbeit auch nach dem Verständnis Kohlbergs definiert. Abschließend möchte ich in diesem ersten Teil meiner Arbeit zur Jugendphase die Frage beantworten, welche Bedeutung gerade die Adoleszenz neben der Kindheit für die Moralentwicklung hat; sozusagen als Legitimierung für meine Einschränkung des Themas.

Die Moralentwicklung von Jugendlichen wird durch verschiedene Kontexte beeinflusst. In der Kindheit kann die Familie als entscheidende Instanz gesehen werden, die den Sozialisationsprozess determiniert. In der Jugendphase lösen sich die Heranwachsenden jedoch von ihrer Familie und die Peers werden zu einer neuen Bezugsgruppe. Ich werde mich in zwei weiteren Kapiteln den jeweiligen Kontexten widmen und das Verhältnis zwischen Peers und der Familie aufzeigen. Das dritte Kapitel soll der Darstellung der Familie dienen und darüber hinaus Aufschluss geben, warum die Familie in der Jugendphase überhaupt noch eine Rolle für die Moralentwicklung spielt. Außerdem werde ich den Einfluss der Geschwister, anhand von Untersuchungen, auf die Moralentwicklung aufzeigen und beschreiben, warum die Ablösung von der Familie als Weiterentwicklung des Moralbewusstseins gesehen werden kann, um schließlich in Kapitel 4 auf den hinzukommenden Einfluss der Jugendlichen – den Peers – zu kommen. Dabei stellt sich wieder eine, die beiden Kontexte verbindende, Frage: Können die Peers wirklich als hauptsächliche Einflussquelle der Jugendlichen gesehen werden, inwiefern spielt die Familie in dieser Zeit noch eine Rolle und neben diesen theoretischen Aspekten, wie können diese beiden Kontexte die Moralentwicklung fördern?

Die Arbeit soll neben den Forschungsergebnissen zu der Bedeutung der beiden Beziehungsgefüge Familie und Peers auch aufzeigen, in wie weit man die Moralentwicklung unterstützen kann und auch eine Hemmung der Moralentwicklung verhindert wird. So findet in den beiden Kapiteln über die Familie und die Peers, wie auch im Leben der Jugendlichen, eine Art Wechselspiel zwischen den Bezugsgruppen statt. Denn die Familie und die Peers gehen in ihrer Bedeutung ineinander über und ich möchte auch in meiner Arbeit deutlich machen, wie schwer es ist, genau zu trennen, wo der Einfluss der Eltern und der Geschwister beginnt und der der Peers aufhört. Die Methoden der Förderung die ich beschreiben möchte, gehen hauptsächlich auf Kohlberg zurück, da er versuchte, seine Theorien in die praktische Pädagogik umzusetzen und er auch die Wirkung seiner Praxisanleitungen testete.

Neben der Familie und den Gleichaltrigen kann auch die Schule als ein Ort der moralischen Sozialisation gesehen werden. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob die Schule die Aufgabe hat die Moral der Kinder und Jugendlichen zu fördern, obwohl diese durch Familie und Peers, wie in den ersten Kapiteln beschrieben, im Alltag unterstützt wird. Oder darüber hinausgehend, soll die Familie und vor allem sollen die Gleichaltrigen, die sich alle in derselben schwierigen Jugendphase befinden, die Verantwortung für die moralische Urteilsfähigkeit der Jugendlichen alleine tragen? Diese Fragen und wie anhand dessen eine mögliche Förderung in der Schule aussehen könnte, möchte ich in Kapitel 5 behandeln.

Neben diesen drei Kontexten nehmen natürlich auch noch andere Bereiche Einfluss auf die Moralentwicklung Jugendlicher. So gewinnen die Medien immer mehr Bedeutung, da der Konsum z.B. vom Internet, Computerspielen und Fernsehen kontinuierlich steigt. Weiterhin können auch Vereine einen großen Einfluss auf moralische Normen und Werte der Jugendlichen haben, da auch in Vereinen eine bestimmte Ordnung eingehalten werden muss. Neben Medien und Vereinen spielt auch die Religion, insbesondere in Bezug auf Wertevermittlung, eine große Rolle. In meiner Arbeit kann ich jedoch nicht auf alle Aspekte eingehen und beschränke mich daher auf drei Kontexte, die in der Regel im Leben jedes Jugendlichen eine tiefere Bedeutung haben. Erstens leben Jugendliche immer bevor sie ihr „eigenes Leben in die Hand“ nehmen in einer Familie oder familienähnlichen Gemeinschaft, zweitens besteht für Jugendliche immer Kontakt zu Gleichaltrigen bzw. auch das Fehlen von Peers beeinflusst die Moralentwicklung und drittens besteht die Schulpflicht in Deutschland, so dass man davon ausgehen kann, dass Jugendliche mindestens 10 Jahre lang bzw. bis zu einem Alter von 18 Jahren, die Schule besuchen.

2 Moralentwicklung im Jugendalter

2.1 Der Lebensabschnitt Jugend

Die Lebensphase Jugend folgt nach der Kindheit und bereitet den Heranwachsenden auf das Erwachsenenleben vor. Daher ist diese Zeit auch besonders durch die schulische und berufliche Ausbildung geprägt. Neben diesem Ausbau der kognitiven Fähigkeiten, werden dem Jugendlichen jedoch auch noch andere Veränderungen und Aufgaben abverlangt. So wird die biologische Veränderung zu einer weiteren wichtigen Entwicklungsaufgabe Jugendlicher. Der Eintritt in die Pubertät, und somit in die Jugendphase, wird durch die Geschlechtsreife gekennzeichnet und beginnt mit 11-14 Jahren, wobei sich dieser Zeitpunkt in den letzten Jahren immer weiter nach vorne geschoben hat. Mit den körperlichen Veränderungen ergeben sich im Allgemeinen auch psychische Folgen. So muss die Geschlechtsreife von den Heranwachsenden verarbeitet, sowie die körperlichen Veränderungen akzeptiert werden. In diesem Zusammenhang der psychologischen Aspekte, spricht man auch von der Adoleszenz. Jugendliche begeben sich in dieser Zeit auf die Suche nach Werten und Normen, die ihnen eine Orientierungshilfe für ihr Handeln bieten sollen und sie bei ihrer Identitätsentwicklung unterstützen (vgl. Oerter & Montada 2002, S. 259ff. / Tillmann 2001, S. 193ff. / Otto & Thiersch 2001, S. 818ff.). Daher bekommt auch die moralische Entwicklung in dieser Lebensphase eine wichtige Bedeutung, mit der ich mich in dieser Arbeit auseinandersetzen werde.[1]

Die Heranwachsenden müssen bei ihrer Entwicklung zu einer reifen Identität gefördert werden und brauchen eine Unterstützung bei den auftretenden Orientierungsproblemen, sowie bei der Einführung in gesellschaftliche Partizipation und bei dem Aufbau einer eigenverantwortlichen Lebensführung. So eine Stütze können die Peers sein, die Familie, die Schule, sowie auch sämtliche Medien, die Religion, Vereine etc., die auch einen großen Einfluss auf die Moralentwicklung Jugendlicher haben; letztere werde ich aber, wie in der Einleitung bereits erwähnt, in meiner Arbeit aufgrund der vorgegebenen Länge nicht behandeln können.

Da sich Jugendliche in einem Übergangs- und Vorbereitungsstatus befinden, gelten die Rechte und Pflichten der Erwachsenen noch nicht für sie. Sie müssen aber trotzdem bestimmte Anforderungen erfüllen. Eine der schwierigsten Aufgaben in der Adoleszenz ist die Ablösung von den Eltern, die später noch ausführlicher in dieser Arbeit behandelt wird.

Während die Eintrittsphase der Jugend mit der eintretenden Geschlechtsreife (11-14 Jahre) gekennzeichnet wird, kann das Ende weit weniger präzise bestimmt werden. Das ist in der Regel der Eintritt in das Berufsleben oder die Heirat und damit der Aufbau einer eigenen Familie (vgl. Tillmann, Otto & Thiersch).

2.2 Moralische Anforderungen an Heranwachsende

Bevor an dieser Stelle über „moralische“ Anforderungen an Jugendliche berichtet wird, ist es unerlässlich zu klären, was unter dem Begriff der „Moral“ überhaupt verstanden wird bzw. in diesem Kontext gemeint ist.

Umgangssprachlich benutzen wir häufig das Wort Moral und jeder weiß im Prinzip was damit gemeint ist. Trotzdem scheint es schwierig zu sein, diesen „so leicht verständlichen Begriff“ zu definieren, da Moral aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, manchmal auch unterschiedlich verstanden werden kann. Allgemein ist Moral eine „Bezeichnung für ein kompliziertes System von Regeln, sittlichen Normen und Werten, die das soziale Verhalten des Menschen betreffen und die der Gesellschaft zugrunde liegen“ (Gymnich 1999, S. 77). Moral wird also als Notwendigkeit für ein soziales Leben gesehen.

Für meine Arbeit möchte im Folgenden ein Zitat von Kohlberg und seinem Team vorstellen, um damit den Begriff der Moral für diese Arbeit einzugrenzen.

„Piaget geht in seinem Buch Das moralische Urteil beim Kinde davon aus, daß Moral durch Gerechtigkeit bestimmt wird, und definiert Moralität als Achtung vor Regeln und als gerechte Anwendung der Regeln auf die Personen, auf die sie sich beziehen. Mit dieser Definition von Moral als einer Haltung der Achtung vor Personen und vor Regeln folgt Piaget Kant (1785/1968). Bei Kants Moralbegriff steht die Achtung vor der Menschenwürde im Mittelpunkt, d.h. der kategorische Imperativ, jeden Menschen nur als Zweck in sich selbst und nie bloß als Mittel zu behandeln. Piaget war jedoch im Unterschied zu Kant der Auffassung, es gebe zwei Moralen der Gerechtigkeit, nicht nur eine. Kinder würden zuerst eine heteronome Moral des absoluten Gehorsams gegenüber Regeln und Erwachsenenautorität und dann eine zweite Moral der autonomen, gegenseitigen Achtung zwischen Gleichen und der Achtung vor Regeln als dem Ergebnis von sozialen Verträgen sowie der Übereinkunft und Zusammenarbeit zwischen Gleichen entwickeln. In meiner ursprünglichen Untersuchung (Kohlberg 1958) konnte ich Piagets Theorie der »zwei Moralen« nicht bestätigen. […] Ich habe die Äußerungen des Sokrates wieder aufgegriffen, es gebe nicht viele Tugenden, sondern lediglich eine, und ihr Name sei Gerechtigkeit, […]. Aristoteles setzt Moral nicht mit einer einzigen Tugend, sondern mit einer ganzen Reihe von Tugenden gleich: Tapferkeit, Besonnenheit (Maß), Freigebigkeit, Großartigkeit, Großgesinntheit, Milde (Sanftmut), Wahrhaftigkeit, Treffsicherheit (Schlagfertigkeit) und Gerechtigkeit. Aber in gewissem Sinne ist Gerechtigkeit auch für Aristoteles die wichtigste und allgemeinste moralische Tugend, insoweit als sie die Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Mitmenschen in einer Gesellschaft regelt. Bei Gerechtigkeit handelt es sich um die einzige Tugend, die immer »im Hinblick auf den anderen Menschen« gilt und verlangt, diesen zu berücksichtigen, während die übrigen Tugenden, die Aristoteles aufzählt, eher Normen für das Ideal des guten Lebens eines einzelnen rationalen Subjekts sind“ (Kohlberg, Levine & Hewer 1984, S. 240-241).

Kohlberg versteht die Moralentwicklung als eine Entwicklung des Gerechtigkeitsdenkens. Es geht Kohlberg nicht um bestimmte moralische Normen nach den gehandelt werden sollte, sondern um Denk- und Argumentationsmuster, die zu einem moralischen Urteil führen.[2]

Kohlberg gesteht sich jedoch ein, dass es noch andere Deutungen zur Moral gibt, die über das Thema der Gerechtigkeit hinausgehen.

„So gehört sicherlich eine weitere Tugend zu diesem Bereich, die von Seiten der christlichen Ethiklehre betont wird. Diese Tugend (Griech. agape) bezeichnet das, was wir mit Nächstenliebe, Liebe, Anteilnahme, Brüderlichkeit oder Gemeinschaft umschreiben“ (ebd., S. 243).

Dass Kohlberg neben der Gerechtigkeit auch andere Handlungen, die als moralisch gelten können, zumindest anerkennt, ist meiner Meinung sehr wichtig zu erwähnen. Er beschränkt sich in seinen Untersuchungen zwar auf die Gerechtigkeit, akzeptiert jedoch auch andere Arten der Moral und erkennt sie als moralisch an. Da nun der Begriff Moral im Sinne meiner Arbeit geklärt wurde, kann ich mich jetzt auch dem Begriff der Moralentwicklung widmen, um dann die Anforderungen an Jugendliche bezüglich dieser zu erarbeiten.

Die Moralentwicklung kann als Teil der Sozialisation betrachtet werden. Sozialisation als der

„Prozess, in dem Angehörige der Gattung zu handlungsfähigen Mitgliedern menschlicher Gemeinschaften werden und in Interaktion mit ihrer Umwelt jene Dispositionen und Kompetenzen erwerben, die es ihnen ermöglichen, den jeweiligen gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen mehr oder minder zu entsprechen“ (Otto & Thiersch 2001, S. 1238).

Das Hineinwachsen in eine Gesellschaft bedeutet damit auch gleichzeitig, dass ich das Wertesystem dieser Gemeinschaft kennen lerne und es auch (zumindest zum größten Teil) akzeptiere.

Ziel der Heranwachsenden sollte es sein, diese Normen anzuerkennen und zu internalisieren.

„Mit Internalisierung ist gemeint, dass eine Person vorgegebene Normen als ihre eigenen verpflichtenden Normen akzeptiert. Nach der Verinnerlichung ist die Norm Teil der Person, ihrer Selbst, ihrer Identität geworden. Die Einhaltung dieser Norm ist deshalb eine Bestätigung des Selbst, ungerechtfertigte Abweichungen führen zu Schuld- und Schamgefühlen und zu Versuchen, das beschädigte Selbstbild wieder respektabel zu machen“ (Oerter & Montada 2002, S. 623).

Um zu kontrollieren, ob Normen lernpsychologisch tatsächlich verinnerlicht wurden, wird untersucht, ob die Werte auch dann befolgt werden, wenn die Testpersonen davon ausgehen, dass keine Strafe oder Belohnung auf ihr Verhalten auftreten könnte. Nur wenn das der Fall ist, gelten Werte wirklich als internalisiert.

Um ein selbstständiges Mitglied der Gesellschaft werden zu können, müssen sich die Heranwachsenden erst einmal von ihren Eltern und ihrer Familie lösen. Dies ist eine der wichtigsten, aber auch schwierigsten Aufgaben in der Adoleszenz. Der Ablösungsprozess wird für die Jugendlichen häufig als schmerzhaft empfunden, da auch eine Trauer um das Verlassen der unbeschwerten Kindheit stattfindet. Oft wird dadurch die Jugendzeit als eine Zeit voller Krisen und Probleme betrachtet, indem der Jugendliche von unbekannten Gefühlen überschüttet wird. Deswegen wird dieser Lebensphase auch eine hohe Verletzlichkeit des Menschen zugeschrieben, da Gefühle wie Zerrissenheit, Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit vorherrschen. Francoise Dolto (1966) beschreibt die Jugendzeit bildhaft als die Verwandlung eines Hummers.

„Wenn der Hummer den Panzer wechselt, verliert er zunächst seinen alten Panzer und ist dann, so lange, bis ihm ein neuer gewachsen ist, ganz und gar schutzlos. Während dieser Zeit schwebt er in großer Gefahr“ (Dolto in Fend 2000, S. 27).

Deswegen ist für Heranwachsende sehr wichtig in dieser unsicheren Phase neben der Familie auch Kontakt zu Gleichaltrigen zu haben, die ihre Probleme verstehen und sie akzeptieren. Untereinander empfinden die Jugendlichen in dieser Zeit mehr Vertrautheit als in der Familie, weil sich die Gleichaltrigen in einer ähnlichen Lage befinden.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass sich das Lernen von moralischen Regeln bereits in der Kindheit als Prozess der Sozialisation vollzieht. Das Wissen über moralische Normen und Werte ist bereits im Kleinkindalter vorhanden. Wichtig in der Adoleszenz ist es daher zu lernen, diese Regeln auch zu akzeptieren und zu befolgen, sie zu reflektieren und dazu eine eigene Haltung zu entwickeln. Das oberste Ziel der Adoleszenz ist also, das Moralbewusstsein der Kindheit weiterzuentwickeln, indem die Normen die gelernt wurden nun auch internalisiert werden.

2.3 Die Entwicklung von Werten als Identitätsfindung

Die Identitätsfindung ist eine zu bewältigende Aufgabe innerhalb der Adoleszenz. Mit ihr geht einher, dass sich der Heranwachsende Normen und Werte aneignet, an denen er sich orientieren kann.

Nach Erik H. Erikson der entwicklungspsychologisch das Jugendalter als einen der wichtigsten Lebensabschnitte bezeichnete, muss hier die Krise der „Identität versus Identitätsdiffusion“ gemeistert werden. In seinem Modell[3] geht er davon aus, dass in jeder Lebensphase Krisen zu bewältigen sind. Man kann diese entweder erfolgreich bestehen oder an ihnen scheitern. Die Besonderheit der Adoleszenz ist, dass hier erneut alle Prozesse, die bislang durchlaufen wurden, überprüft und rekonstruiert werden. So werden alle Kindheitserfahrungen und damit auch alle Werte und Normen der Kindheit reflektiert (vgl. Tillmann 2001, S. 208ff. / Erikson 1974, S. 131 / Erikson 1991, S. 106ff.). Daher kann es in dieser Phase dazu kommen, dass Jugendliche plötzlich die Werte und Normen, die sie „blind“ von ihren Eltern übernommen haben, hinterfragen und häufig auch ablehnen. Die Jugendlichen entwickeln nun ihre eigenen Werte und richten sich dabei nicht nur nach den familiären Normen, sondern interessieren sich auch für Normen unter Gleichaltrigen, innerhalb der Schule, in der Ausbildung in Vereinen etc.

Erikson benutzt in dem Zusammenhang der Stadien seines entworfenen Lebenszyklus, immer wieder den Begriff der „Ich-Identität“. Er definiert den Begriff folgendermaßen:

„Es sollte damit ein spezifischer Zuwachs an Persönlichkeitsreife angedeutet werden, den das Individuum am Ende der Adoleszenz der Fülle seiner Kindheitserfahrungen entnommen haben muß, um für die Aufgaben des Erwachsenenlebens gerüstet zu sein“ (Erikson 1991, S. 123).

Der Begriff der Identität bedeutet für Erikson nicht nur – wie umgangssprachlich häufig genutzt – „man selbst sein“ oder „ein dauerndes inneres Sich-Selbst-Gleichsein“, es bedeutet auch „ein dauerndes Teilhaben an bestimmten gruppenspezifischen Charakterzügen“ (Erikson 1991, S. 124).

Dieser zweite wichtige Aspekt der Identität wird auch bei Rolf Oerter und Leo Montada (2002) deutlich, die dementsprechend zwischen zwei Arten von Identitäten, die aufeinander aufbauen unterscheidet. Wer eine autonome Identität besitzt, hat feste Lebensziele und Wertvorstellungen, denen er sich verpflichtet fühlt und die ihn kontrollieren. So lassen sich durch diese Geradlinigkeit moralische Dilemmata und Konflikte gut vermeiden, da sich das Handeln konsequent an diesen festen Wertmaßstäben orientiert. Durch Strukturveränderungen innerhalb des Lebens, die besonders in der Jugendphase zu beobachten sind (biologische, kognitive, psychische und soziale), fühlt sich der Heranwachsende häufig Widersprüchen ausgesetzt, die unvereinbar mit seinen bisherigen Identitäts- und Lebensentwürfen sind. Die Identität wird somit durch die Umwelt mitdefiniert. Es findet ein Wandel von der autonomen zur wechselseitigen Identität statt, zur sogenannten mutuellen Identität (vgl. Oerter & Montada 2002, S. 301ff.) . Dieses Modell zeigt Parallelen auf zu Jean Piagets Theorie der zwei Moralen, der autonomen und der heteronomen, die bei der Definition zur Moral bereits beschrieben worden sind.

Seine eigenen Normen und Werte zu reflektieren und gegebenenfalls zu verinnerlichen ist Aufgabe der Jugendlichen und Teil der Identitätsarbeit. So ist die Entwicklung von Werten und moralischer Urteilsfähigkeit ein notwendiger Prozess für die Identitätsfindung und das Erwachsenwerden.

2.4 Die Bildung des moralischen Urteils nach der kognitiven Entwicklungstheorie Lawrence Kohlbergs

Kohlberg verstand

„unter Moralentwicklung vornehmlich jene Aspekte der Sozialisation, die am Prozeß der Internalisierung beteiligt sind, d.h. dazu führen, daß ein Individuum lernt, den Regeln auch in Situationen zu entsprechen, in denen es keine Überwachung und keine Sanktionen gibt – selbst wenn der Impuls geweckt wird, diese Regeln zu verletzen“ (Kohlberg 1968, S. 7).

Nach Kohlberg vollzieht sich die Moralentwicklung in 6 Stufen. Die Stufen beschreiben kognitive Strukturen die zunehmend differenzierter und umfassender werden. Vor allem in der sozialen Perspektive soll sich der Blickwinkel vom Individuum (präkonventionelles Niveau) über die Gruppe (konventionelles Niveau) zur idealen Allgemeinheit (postkonventionelles Niveau) ausweiten. Auf jedem dieser 3 unterschiedlichen Niveaus befinden sich 2 Stufen, wobei die zweite Stufe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

jeweils die fortgeschrittenere ist.[4]

Im Verlaufe der Identitätsbildung während der Adoleszenz wie gerade erwähnt, werden Werte und Normen verinnerlicht. Durch jede Konfrontation mit moralischen Konflikten werden die Urteilsfähigkeit und die Verarbeitungsprozesse des Heranwachsenden optimiert. Die Erfahrungen, die bei dem Lösen von Konflikten gemacht werden, bringen die Moralentwicklung voran. Es findet jedes Mal ein Lernprozess statt, der das Kind auf die nächsthöhere Stufe nach Kohlbergs Moraltheorie bringt (vgl. Oser & Althof 1992 / Dülmer 2000).

„Moralentwicklung ist ein kontinuierlicher Prozeß der Koordinierung einer moralischen Anschauung mit den Lebenserfahrungen, die man in einer sozialen Welt macht. Dabei auftauchende Konflikte setzen die Entwicklung von einer Strukturstufe zur nächsten in Gang. Aber selbst nach Erreichen der für eine Person höchstmöglichen Stufe wird es immer wieder neue Konflikte geben. Und das entwicklungspsychologische Resultat solcher Konflikterfahrung ist Stabilisierung, also das immer stärkere Verfestigen der Stufenstruktur (das wir auch zunehmend »Reinheit« der Stufen nennen können) sowie eine wachsende Übereinstimmung von Denkstruktur und Handeln“ (Kohlberg & Kramer 1969, S. 78).

Das heißt, dass die Internalisierung als Ziel der Moralentwicklung durch Konflikterfahrungen erreicht wird und dazu führt, dass nicht nur das moralische Urteil intentional bestimmt wird, sondern dass auch ein moralisches Handeln von dem Urteil abhängen kann.

Kohlberg bezieht sich auf Jean Piagets sozialpsychologische Entwicklungstheorie (vgl. Piaget 1983, 2004) und entwickelte diese weiter.[5] Er verankerte somit die moralische mit der kognitiven Entwicklung. Piaget ging davon aus, dass Kinder im Vorschulalter alle Normen übernehmen, ohne sie zu hinterfragen. Die Kinder leben in einem Stadium der Heteronomie. Später beginnen sie jedoch nach Sinn und Begründung von Normen zu fragen. Legitimität und Gerechtigkeit von Vorschriften und Strafen werden thematisiert und die Autorität der Eltern gilt nicht mehr uneingeschränkt. Dieses zweite Stadium der Autonomie beginnt mit der Schulzeit und ist ein Teil der Adoleszenz. „Nach Piaget öffnet sich der Weg zu einer reifen Moral dadurch, daß Kinder an der Welt der Gleichaltrigen, der Peers, teilhaben“ (Youniss 1981, S. 73). Es findet also eine Entwicklung des Denkens statt, die dazu führt, dass auch die Entwicklung der Moral des Kindes bzw. des Jugendlichen stattfindet. Dieses zweite Stadium der moralischen Autonomie „beruht auf Einsicht in den Sinn von Normen für das Zusammenleben in der Gemeinschaft“ (Oerter & Montada 2002, S. 629 / vgl. Heidbrink 1991).

[...]


[1] Ich beziehe mich in Definitionen und Erklärungen innerhalb dieser Arbeit hauptsächlich auf entwicklungspsychologische Autoren, da auch die Moraltheorie Kohlbergs, auf die sich meine Arbeit stützt, entwicklungspsychologische Erkenntnisse beschreibt.

[2] In der Kohlberg Diskussion wurde häufig auf die Diskrepanzen zwischen dem moralischen Urteil und dem tatsächlich moralischen Handeln hingewiesen. Es wird davon ausgegangen, dass eine moralische Entscheidung die getroffen wird, nicht unmittelbar auch dass Handeln nach dieser Entscheidung beinhaltet (vgl. Uhl 1996, Kohlberg & Candee 1984).

[3] Zur genaueren Betrachtung des Modells befindet sich im Anhang eine Abbildung (Abbildung 4, S. 39) zu Eriksons Lebenszyklus.

[4] Eine Abbildung zum Stufenmodell Kohlbergs befindet sich im Anhang (Abbildung 5, S.40).

[5] Zur Veranschaulichungen zu den Modellen von Piaget und Kohlberg, befindet sich im Anhang eine Tabelle (Abbildung 6, S. 41), die das kognitive Entwicklungsmodell Piagets, die Stufen der Moral Kohlbergs, Formen der Identität und die Altersstufen mit ihren Entwicklungskrisen frei nach Erikson gegenüberstellt.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Die Moralentwicklung Jugendlicher im Kontext von Familie, Schule und Peers
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
48
Katalognummer
V68593
ISBN (eBook)
9783638600316
Dateigröße
842 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralentwicklung, Jugendlicher, Kontext, Familie, Schule, Peers, Kohlberg
Arbeit zitieren
Cornelia Tietzsch (Autor), 2006, Die Moralentwicklung Jugendlicher im Kontext von Familie, Schule und Peers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68593

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